Sonntag, 6. August 2017

Bourgeoise Besseresser/in


Denise Snieguole Wachter verdingt sich beruflich als 'Genussredakteurin' bei der Zeitschrift 'Stern'. In dieser Funktion ist sie - öhöm, öhöm - "für Kulinarik zuständig" und nach eigenem Bekunden "hungrig auf alles, was mit gutem Essen und köstlichem Wein (und auch anderen Getränken) zu tun hat". Nicht die schlechtesten Voraussetzungen also. Überdies verfügt sie offenbar über die magische Gabe der Bilokation. Mit anderen Worten: Sie kann sich zweiteilen. Anders ist es nämlich nicht zu erklären, wieso sie selbstgemachte Gemüsechips als leckere und gesunde Alternative zu Kartoffelchips anpreist, um im nächsten Moment zu warnen, Gemüsechips seien keinen Deut besser als Kartoffelchips und daher mit genau so viel Vorsicht zu genießen.
3. Juli 2017, 17:59 Uhr (via bildblog)
3. Juli 2017, 15:17 Uhr (via bildblog)

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Anmerkung (eine Art Gegendarstellung): Kollege Markus vom 5-Minuten-Blog hat in seinem Kommentar (s.u.) darauf hingewiesen, dass Frau Wachter sich in den beiden oben zitierten Artikeln auf zwei unterschiedliche Dinge bezieht. Das habe ich nachgeprüft und es stimmt. In dem einen Artikel warnt sie davor, fertige, frittierte Gemüsechips aus der Tüte für harmloser zu halten als Kartoffelchips, was sicher zutrifft. In dem anderen empfiehlt sie selbst gemachte, im Ofen gebackene als gesunde Alternative. Was gewiss auch nicht falsch ist. Ich habe also voreilig etwas von Bildblog übernommen, ohne es richtig nachzuprüfen, was mir als Versäumnis anzukreiden ist - zumal ich etablierten Medien selbst gern mal mangelhafte Recherche unter die Nase reibe. Das tut mir leid und es ist mir unangenehm. Ich bin wohl urlaubsreif. Trotzdem habe ich mich entschieden, den Absatz so stehen zu lassen, weil ich es besser finde, zu seinen Fehlern zu stehen und es armselig wäre, irgendwie vertuschen zu wollen. Auch dem aufmerksamen Leser Markus sei hiermit herzlich gedankt. (07.08.2017)

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Nun knöpft Frau Wachter sich in einem flammenden Kommentar den Skandal um die mit der Substanz Fipronil belasteten Hühnereier vor. Darin kloppt sie sich vor allem mal gewaltig ein Ei auf ihre eigene Großartigkeit, indem sie die öde Gebetsmühle der bourgeoisen Besseresserin kurbelt, so nach dem Motto: Hach, wenn sich doch alle mal so superproperachtsam und bewusst ernährten wie ich, dann wäre diese Welt ein besserer Ort. Weil aber der nicht superproperachtsam und bewusst sich ernährende Pöbel einfach nicht aufhören will, Dreck zu fressen, anstatt meinen leuchtenden Beispiel und meinen voll investigativ recherchierten Tipps zu folgen, wird die Kette der Lebensmittelskandale wohl niemals abreißen. Seufz. Selber Schuld, ich jedenfalls kaufe alles regional, saisonal und bio ein und "lebe nach dem Motto 'from nose to tail' und 'from leaf to root'" (Wachter, ebenda), und das ist auch üüüberhaupt nicht teurer, wenn man so smart ist wie ich...

Wenn die "für Kulinarik zuständige" Frau Vomkopfzumschwanz im Brustton moralischer Empörung rhetorisch fragt, wieso "wir" eigentlich nicht endlich damit aufhörten, Dreck zu fressen, dann meint sie damit selbstredend nicht "wir alle", also auch sich, sondern alle außer sich und ihrer ebenfalls nicht Dreck fressenden Peergroup. Und alle, die sich einreden, ebenso zu handeln (oder es sich wenigstens fest vorgenommen haben), klopfen sich im Stillen auf die Schulter dafür, zur moralisch höherstehenden Sorte Mensch zu gehören und nicht zu den Dreck fressenden Prolls, die immer an den Lebensmittelskandalen schuld sind. Propaganda? Oder vielleicht doch eher Zielgruppenorientierung?

Nun ja, könnte man da wieder einmal sagen, einst grenzte der Adel sich durch das Privileg, Wild zu essen, von den niederen Ständen ab, die Besitzenden durch regelmäßigen Fleischkonsum von Bauern und Proletariern, heute tun's die, die sich für besser dünken halt, indem sie bio/regional/saisonal/achtsam schnabulieren und vor allem andauernd drüber reden. Dass derlei Aspekte ihr so wenig bewusst zu sein scheinen wie die Tatsache, dass Schweinenackensteak für 1,99 € das Kilo nicht aus Dummheit, Bosheit oder moralischer Verkommenheit angeboten und konsumiert wird, sondern aus exakt demselben Grund, aus dem für einen Fußballer wie Neymar 220 Millionen über den Tisch wandern, das kann man einer hauptberuflich als Genussredakteurin sich verdingenden Schreiberline, die offenbar für sich in Anspruch nimmt, mehr als eine Rezeptetante zu sein, durchaus als Defizit ankreiden. Ferner ist zu hoffen, dass Frau Wachter weder Hund noch Katze hält und, wenn doch, diese wenigstens nicht gegen Parasiten behandelt.

Denn was ist das eigentlich, dieses Fipronil? Lesen wir nach bei welchen, die was verstehen davon (die Recherche ist in weniger als einer Minute erledigt):

Wie andere Tiere, werden auch Legehennen gegen Läuse- und Milbenbefall behandelt. Der führt zu Juckreiz, der wiederum Federpicken und Kannibalismus auslösen kann. Dabei geht es nicht immer legal zu. So musste vor über 20 Jahren der 'Hühnerbaron' Anton Pohlmann in den Bau und wurde mit Berufsverbit belegt, weil man ihm nachweisen konnte, dass er seine Hühner illegalerweise mit Nikotinsulfat besprüht hatte. Das Problem ist nun, dass bei so einer Behandlung Wartezeiten einzuhalten sind, weil diese Substanzen sich eine Zeitlang in den Eiern anreichern können. Alle während dieser Zeiten gelegten Eier sind zu vernichten, was die Erzeuger natürlich ärgerlich finden. Fipronil ist so ein Präparat, allerdings in der Hühnerhaltung verboten, weil sich eine Gesundheitsgefährdung für den Menschen bei Verzehr von Eiern und Fleisch damit behandelter Hühner nicht völlig ausschließen lässt. Vermutlich sind Chargen von Eiern in den Handel gelangt, die von Hühnern stammen, die illegalerweise mit Fipronil behandelt wurden, in der Hoffnung, das würde schon niemand merken.

Von welchen Dosen reden wir? Die höchsten gemessenen Werte beliefen sich auf ein Milligramm pro Kilo. Das wären also maximal 70 Mikrogramm pro Ei. Schlimm? Wie man's nimmt.

"Zwar ist [Fipronil] bei Hühnern verboten, nicht aber bei Hund und Katz. Die bekommen Fipronil ins Fell geträufelt. Eine Katze erhält eine Dosis von 50 Milligramm - also 700mal mehr als in einem 'verseuchten' Ei steckt. Da das Haustier das applizierte Fipronil über Wochen hinweg über die Talgdrüsen ausscheidet, was zur Verteilung im Fell führt, hat man nach dem Streicheln seines Lieblings mehr Fipronil an den Händen als in einem Omelett steckt. Wer also im Glauben lebt, seine Kinder würden durch die fraglichen Eier gefährdet, der sollte zuvörderst peinlichst darauf achten, dass sie nicht mit Haustieren spielen, die in den letzten Wochen gegen Parasiten behandelt wurden. Und bitte gründlich staubsaugen, denn im Hausstaub finden sich nach einer Behandlung erkleckliche Mengen des Läusemittels." (Pollmer, ebenda)

Seien wir indes nicht zu streng mit Frau Wachter, denn sie hat's auch nicht leicht. Weil sie beim Reisen weniger achtsam konsumiert als beim Essen, fliegt sie gern mit Ryanair. Sicher, sie erwarte keinen Luxus, klärt sie uns auf, doch fand sie es voll gemein und sicher sei es mit Absicht geschehen, dass die Airline sie und ihren Freund nicht nebeneinander platziert habe. Und das nur, weil sie es nicht nötig fand, vier Euro für eine Platzreservierung auszugeben. Denn es sei doch wohl nur natürlich, dass Menschen die zusammen buchen, auch nebeneinander sitzen wollten. Man stelle sich vor: Ein paar Stunden nicht neben dem Lebensabschnittspartner sitzen können - es muss die Hölle gewesen sein! Das habe ihr den ganzen Urlaub verhagelt, Menno! Aber nicht nur das. Auch ihre Freundin, die mit ihrem Freund im selben Flieger saß, wurde von selbigem getrennt. Und es geht noch weiter. Ganze Familien würden durch das unmoralische Treiben der Fliegerbande roh auseinandergerissen.

Auf die Idee, dass Ryanair das tatsächlich absichtlich macht, um möglichst viele Kunden dazu zu bewegen, vier Euro Reservierungsgebühr zu lacken (oder weil man bei Ryanair keinen Bock auf negative Schlagzeilen hat, wenn mal wieder ein Paar mit Hormonstau gleich am Platz rumpimpert), ist sie vor lauter Traumatisiert- und Empörtsein offenbar nicht gekommen.


2 Kommentare:

  1. Hey Stephan.

    Ich hab mir mal die beiden betreffenden Artikel angeschaut. Das Ganze läuft bei ihr unter der Nummer

    1 NAME, 2 SACHEN

    Die GUTEN Gemüsechips sind die selbstgebackenen
    Die SCHLECHTEN Gemüsechips sind die aus der Tüte.

    Wenn man aber erstmal erkannt hat, das Döner am besten schmeckt, spielt das alles keine Rolle mehr.
    Gruß Markus

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  2. Ich bin kein Roboter12. August 2017 um 17:39

    Auch wenn Herr Rose sich anfangs bei den beiden Artikeln verrannte, so bekommt der Text doch eine schöne Kurve und zeigt die beschränkten Gedankengänge von Journalisten aus der Qualitätspresse, sowie den Irrsinn im Kapitalismus (Fipronil).

    Danke - und "weiter so"!
    Schöne Grüße

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