Donnerstag, 29. März 2018

De' Russ' kütt


So sprach angeblich immer ein aus Köln stammender Kamerad, mit dem ein längst verstorbener Freund der Familie damals an der Ostfront war. Jetz' kütt he ja widder, de' Russ'. Also fast. Zumindest wenn man diversen Qualitätsmedien glauben kann. Wenn das so sein sollte, dann ist das nicht zwingend eine schlechte Nachricht. Das Problem ist doch: Wenn de' Russ' nit kütt, dann läuft scheinbar nicht viel zusammen in unseren Hoch Entwickelten Westlichen IndustriestaatenTM. Jens Berger hat jetzt auf die Meldung hingewiesen, die EU-Kommission wolle zusätzliche Mittel für die Infrastruktur locker machen, damit im Fall des Falles die Panzer auch zügig rollen könnten. Das stünde beim momentanen Zustand hiesiger Straßen und Brücken nämlich sehr infrage. Natürlich kann man darüber den Kopf schütteln und sich fragen, wieso erst der Russe kommen muss, und sei's im Geiste, dass der beklagenswerte Zustand unserer Straßen und Brücken mal jemandem auffällt.

Die Antwort ist einfach: Weil wir Kapitalismus haben. Und das bedeutet eben Kostenminimierung. Es hat schlicht keinen Sinn, die Infrastruktur über ein Mindestmaß hinaus groß instand zu halten. Weil das dafür nötige Geld nicht mehr zur Verfügung stünde, um Kapitalisten reich zu machen. Dahinter steckt übrigens keine finstere Verschwörung des internationalen Finanzkapitals, sondern es ist eine zentrale Funktion des herrschenden Systems. Aber Moment mal, höre ich's da, wieso ging denn damals, was heute nicht mehr geht? Weil wir, wenn wie für 'damals' mal die Jahre bis 1989 annehmen, zwar Marktwirtschaft, aber allenfalls einen halben Kapitalismus hatten.

Weil alles auf einen möglichen Kriegsfall hin ausgerichtet war - was nach damals gültiger Doktrin bedeutete: de' Russ' kütt, wir verteidigen uns bloß und müssen immer bestens gerüstet sein - herrschte während des Kalten Krieges im Vergleich zu heute so etwas wie ein halber Staatssozialismus. Die Infrastruktur musste immer top in Schuss und mehrfach redundant sein, und darüber wurde auch nicht groß diskutiert. Das Militär stand nicht unter Sparvorbehalt, sodass die Rüstungsindustrie prächtig verdiente. In der Provinz stellten Bundeswehrstandorte und die Einrichtungen der Alliierten zahlreiche Arbeitsplätze. Überhaupt war das platte Land wichtig, denn dort befürchtete man im Ernstfall die großen Truppenbewegungen. Auch die Kohle hier im Ruhrgebiet wurde ja nicht bloß aus reiner Menschenfreundlichkeit den armen Bergleuten gegenüber subventioniert, sondern weil Unabhängigkeit von Kohleimporten noch eine andere Rolle spielte.

Das gilt übrigens auch für Großbritannien und die USA, also die Mutterländer des neoliberalen Turnaround ab Ende der Siebziger. Auch deren Staatsquote war immer noch enorm. In Großbritannien wurden zentrale Versorgungsdienste wie Energie, Straßenbau, Eisenbahn und Telekommunikation erst in den Neunzigern privatisiert.

Einen neuen Kalten Krieg könnte man also fast erfreulich finden, wären da nicht zwei Wermutstropfen. Erstens kann verbale Eskalation im Zeitalter der Interkontinentalrakete schon mal final ungut für viele enden. Zweitens ist de  Russ' mittlerweile auch Kapitalist. Wenn auch teilweise Staatsmonopolkapitalist. Russland ist heute so wenig das gedachte oder tatsächliche Paradies der Arbeiterklasse wie der Rest der Welt, daher hat auch niemand mehr was davon, dass es den Ausgebeuteten irgendwo besser geht. Zu wem sollten sie schon überlaufen? Nun ja, Anhänger eines eher autoritär-völkisch tickenden Staatswesens finden einen wie Putin schon ziemlich geil, aber das ist ein anderes Kapitel.



3 Kommentare:

  1. Hilft denn eine neue Reichsautonahn Berlin-Warschau gegen sinistere Türenvergifter? Sollten wir nicht in automatische Türen investieren, die man nicht mehr berühren muss?

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  2. Infrastrukturbesserung erübrigt sich –
    unsere Truppen dienen jetzt in einer heimatfern eingesetzten GeoRessourcennachschubsicherungsarmee.
    Gegen brüchige Autostraßen helfen SUVs, und um die notdürftige Instandsetzung der Infrastrukturreste könnten sich Arbeitskräfte aus dem projektierten sozialen Arbeitsmarkt bemühen. Natürlich könnte auch über die Installierung eines RAD 2.0 ernsthaft nachgedacht werden …

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  3. Irgendwie dumm... Dann kann der Russe doch nicht so schnell hier einmarschieren. Dazu müsste er dann unsere Straßen teeren und Brücken neu bauen. ;) Aber mal ehrlich. Bei dem allgegenwärtigen Projektierungs- und Bautempo braucht der Russe keine Angst haben.

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