Donnerstag, 19. Mai 2022

Posonby auf Russisch

 
Es ist dieselbe Geisterbahn wie zu höchsten Pandemiezeiten: Noch nie wurde da von so vielen öffentlich und weitgehend folgenlos über die Einschränkung der Meinungsfreiheit gejammert und darüber, in welch brutaler Diktatur man lebe und welchen inkompetenten Tyrannen man schutzlos ausgeliefert sei. Fing schon 2010 mit Thilo Sarrazin an: Da wurde beklagt, wie ganzschlimm verfolgt und mundtot der arme Mann gemacht würde. Dass der Verfemte so viel Medienpräsenz genoss und Millionenhonorare einstrich wie noch kein Sachbuchautor vor ihm -- der kleine Fehler auf dem Bild wurde großzügig ignoriert.

Nein, möchte man da kopfschüttelnd immer wieder sagen, die Wahrheit liegt oft nicht irgendwo in der Mitte. Und nein, wenn man eine maximal konträre Gegenposition zu einem (imaginierten) 'Mainstream' einnimmt, hat man damit nicht automatisch recht. Und nein, es hat wenig mit politischem Diskurs zu tun, sich mit einer moralisch besonders leuchtenden Position zu adeln, die jede Form von Gewalt pauschal als inakzeptabel brandmarkt. Und dann selbst mit Anlauf in die Propagandafalle zu latschen, russische Gewalt per se zu Gräuelpropaganda zu erklären und alle, die auch nur marginal anderer Ansicht sind, zu Kriegstreibern oder Verrätern an der guten Sache zu stempeln.
 
Dann das Büllerbü- und Kleinmäxchendenken mit dem 'Verhandeln'. Noch einmal: Wenn eine Seite entschlossen ist, Krieg zu führen bzw. dazu, ihre politschen Ziele mit Gewalt durchzusetzen, die andere aber unter keinen Umständen bereit ist, sich schlimmstenfalls auch mit Gewalt zu wehren, dann sind das keine Verhandlungen (die es übrigens, entgegen verbreiteter Denunze, zu Hauf gegeben hat und gibt), sondern 'Verhandlungen'. Ein Witz, den man gleich bleiben lassen kann.

Ferner scheint gerade Mode zu sein, Arthur Posonbys im ersten Weltkrieg entstandene 'Prinzipien der Kriegspropaganda' herauszukramen (meist in der Fassung von Anne Morelli). Wiewohl für Posonbys damalige Beobachtungen durchaus Belege zu finden sind, fallen dabei meist zwei Aspekte unter den Tisch: Erstens, dass derlei Propaganda mitnichten repräsentativ für alle deutschsprachigen, geschweige denn 'westlichen' Medien ist. Das fällt den Betreffenden aber nicht auf, da sie grob vereinfachend alle hiesigen Medien für gleichgeschaltete Staatspropaganda halten, sich daher meist auf Hörensagen oder kursorische Lektüre beschränken und sich fast ausschließlich aus 'alternativen Medien' informieren; will heißen: sich selektiv das zusammenpicken, was irgendwie ihr Bauchgefühl bestätigt. Zweitens, dass diese Prinzipien natürlich nicht bloß im Westen zur Anwendung kommen, sondern genauso auch in Russland.

Die russische Variante von Posonbys zehn Geboten sieht etwa so aus:

1. Wir wollen den Krieg nicht.
"Wir führen gar keinen Krieg, es handelt sich lediglich um eine militärische Spezialoperation."

2. Das feindliche Lager trägt die Verantwortung.
"Die russischsprachigen Ukrainer haben uns zu Hilfe gerufen."

3. Der Führer des Gegners ist ein Teufel.
"Die ukrainische Regierung besteht aus Drogensüchtigen und Neonazis. Außerdem ist ihr Präsident Jude. Wird man ja wohl noch sagen dürfen."

4. Wir kämpfen für eine gute Sache.
"Unsere militärische Spezialoperation dient der Entnazifizierung der Ukraine. Wir sind Antifaschisten und stehen in der stolzen Tradition der Roten Armee, die den Hitlerfaschismus besiegte."

5. Der Feind kämpft mit unerlaubten Waffen.
"Die Ukraine lässt sich vom Westen unfairerweise mit Waffen beliefern, anstatt unsere Helden mit Blumen zu begrüßen."

6. Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten, wir nur versehentlich.
"Ukrainer kastrieren russische Gefangene! So was würden wir nie tun."

7. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners enorm.
"Es hat da ein paar wenige unerwartete Probleme gegeben. Die verantwortlichen Kommandeure sind allesamt Verräter und wurden bereits bestraft."

8. Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache.
"Hunderte!"

9. Unsere Mission ist heilig.
"Wir schützen das heilige russische Volk vor weichlicher westlicher Dekadenz und vor allem vor Schwulenparaden, Halleluja!"

10. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter.
"Wer unsere militärische Spezialoperation einen Krieg nennt, wandert direkt in den Knast."

***

Wo wir gerade so schön dabei sind: Ein NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens wäre für Russland eine geostrategische Vollkatastrophe. Und zwar aus drei Gründen, die Tomi T Ahonen so zusammenfasst (letztens schon beim fefe verlinkt, danke):

1. Momentan teilen Russland und die NATO sich zirka 500 km Grenze. Mit Estland und Litauen sowie einen schmalen, gut zu verteidigenden Streifen mit Norwegen. Die Grenze rund um die Exklave Kaliningrad ist irrelevant, da die Oblast im Falle eines Konflikts sofort umzingelt und von jeglicher Versorgung abgeschnitten werden würde. Träte nun das bisher neutrale Finnland der NATO bei, dann kämen über Nacht 1.400 km dazu. Fast alles in kaum einzusehendem Waldgebiet. Baut man da keine neue deutsch-deutsche Grenze (woher die Ressourcen nehmen?), ist das quasi nicht zu verteidigen.

2. Die Russische Marine hat vier überseeische Großverbände: Die Schwarzmeerflotte, stationiert in Sewastopol, deren Flaggschiff gerade versenkt wurde, und die nur durch den Bosporus rauskommt. Die Pazifikflotte, die wochenlange Seewege entfernt ist von jeglichem Geschehen. Die Nordflotte mit Heimatbasis Seweromorsk, die im Winter festgefroren ist, und die baltische Flotte in St. Petersburg. Finnland und Schweden können die Ostsee problemlos komplett abriegeln und werden das als NATO-Mitglieder auch tun. (Fun fact: Schweden verfügt über hochmoderne, ziemlich tödliche U-Boote).

3. Auf der Halbinsel Kola haben die russischen Streitkräfte einen Großteil ihrer Atombomben stationiert, auf U-Booten und als Abwurfwaffen für strategische Bomber. Die Versorgung der gesamten Halbinsel erfolgt über eine einzige Straße, die bisher relativ sicher war, aber mit dem Beitritt Finnlands zur NATO auf dem Präsentierteller liegt.

Komplettes Desaster also. Zeugt nicht eben von strategischem Weitblick. (Aber auch das ist natürlich allein die Schuld des Westens und der NATO, die das friedliebende Russland mitten im Frieden immer weiter einkreist. Hätte die NATO bestimmt auch gemacht, wenn das mit der Ukraine nicht passiert wäre. Weil Westen eben. Nasdrowje womm!








8 Kommentare:

  1. Matthias Eberling20. Mai 2022 um 06:58

    Die Putinversteher erinnern mich an die Querdenker. Obskure Quellen (chinesische und russische Staatsmedien) und die "alternativen Medien". Haben die Nachdenkseiten Korrespondenten in der Ukraine oder in Moskau? Woher bekommen sie ihren Rohstoff an Informationen? Heraus kommen Geschwafel und Vermutungen auf Stammtischniveau.

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    1. Die brauchen keinen Rohstoff, die Realität wird zurechtgezimmert, bis sie dem eigenen gedanklichen Gebäude entspricht. Das erinnert mich mittlerweile alles an Diskussionen mit K-Grupplern in den 70er Jahren, die halbwegs zufrieden im Garten des abgestotterten Reihenhaus vor sich hin grillende Facharbeiter zu entrechteten Proletariern herauf- oder (wie man's mag) herunterjazzten, denen man nur eine Waffe in die Hand drücken müsste, damit die Revolution losgeht. Das gleiche Prinzip.

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    2. … Krieg ist Schxxx!
      mir tun die Beteiligten leid.
      Es ist wie im WK 1 und WK 2:
      da schießen Menschen aufeinander, die eigentlich friedliche Nachbarn sein könnten, wenn der Herrscher nicht wäre (finde den Fehler im vernünftigen Denken).

      Gruß
      Jens

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    3. Dass die andere (russ.) Seite Propaganda betreibt - getreu sogar nach diesem Posonby - gut zu wissen. Aber "unsere" Qualitätsmedien einschließlich der ö-r doch nicht !
      Oder doch ?
      Das dürfte die bedeutendere - und verstörendere - Erkennntis sein in einem demokratischen Land. In dem das Presswesen immer frei und unabhängig ist ? Was ist denn ein "Putinversteher" ? Jemand, der Ahnung hat von der US-Politik - "Full Spectrum Dominance" - der letzten Jahrzehnte ?

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    4. Und wieder diese Schwarzweißmalerei und Simplifizierung! Hier wird an keiner einzigen Stelle behauptet, die hiesigen Medien seien frei davon. Das darf man übrigens auch ganz offen so diskutieren. (Kleiner Tipp: Machen Sie das mal in Russland. Aber lassen Sie sich besser nicht erwischen.)
      Sie verwechseln offenbar 'frei und unabhängig' mit 'im luftleeren Raum'. Sie können alles mögliche berichten. Das machen z.B. die 'junge Welt' und 'neues deutschland' so. In einer kapitalistischen Gesellschaft haben Sie dann aber das Problem, mit deutlich weniger Geld auskommen zu müssen als die Konkurrenz
      Übrigens: Sie wissen schon, dass Full-spectrum dominance eine reine Militärdoktrin ist und keine politische, oder?

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  2. Die Neulandebellen heute: "Zu Butscha liegen nach wie vor keine Beweise vor"
    Man ist fassungslos.

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  3. Siewurdengelesen23. Mai 2022 um 17:10

    Auch wenn es vielleicht etwas am Thema vorbei geht, meine 2ct dazu:

    Verhandeln wird weiter ein Teil dieses Kriegs bleiben müssen, ob Russland sich dabei derzeit auf die Hammelbeine stemmt oder nicht. Ob der Fokus auf die rein militärische Lösung und das massenweise Liefern aller Arten an Waffen dabei am Ende wirklich kriegsentscheidend im Sinne eines Siegs der Ukraine um jeden Preis ist, weiß ich genauso wenig wie alle, habe dabei aber durchaus meine Zweifel.

    Dazu hat – mal wieder – Tammo Oxhoft zwei gute Beiträge geschrieben, denen ich zustimme.

    Freilich ist es müßig, von aussen Ratschläge zu erteilen als nicht Betroffener. Es kann auch niemand sagen, ob ein Verhandeln als potentiell Unterlegener mit dem von Anfang Ziehen des kürzeren Endes den Expansionsgelüsten Russlands ein dauerhaftes Ende setzte oder das Leid und Sterben verringert hätte, obwohl das zumindest für Letzteres durchaus wahrscheinlich gewesen wäre.

    Was mir dabei stinkt, ist vor allem nach dem eher unglücklichen Offenen Brief dieses in eine Ebene stellen von Pazifismus mit einem willenlosen alles über sich Ergehen lassen, nur weil militärische Gewalt und Waffen abgelehnt werden, wenn auch Putins Regierung anscheinend nur diese Sprache versteht.

    Diese billigen und polemischen Vergleiche mit denen, die empathielos und womöglich noch beifallklatschend daneben stehen, wenn Gewalttaten geschehen, sind einfach nur arm, weil sie eine Position des „unbeteiligten“ Dritten von der persönlichen Ebene auf die dieses Krieges hebt und so tun, als sei andere Hilfe als mit Waffen weder vorhanden noch wichtig noch wertvoll. Dabei pauschal „Pazifisten“ in diese Schublade zu legen, ist nicht zutreffend, sondern m.E. genauso dumm wie das Bejubeln Russlands oder das Ausblenden der dortigen Demokratiedefizite. Dazu hatte ich bei C. Klinger schon etwas geschrieben.

    Es gibt z.B. im ZFD Engagierte, die in der Ukraine vor Ort helfen und dabei selbst ohne Waffen mehr riskieren als jeder von uns, der hier aus der sicheren Ferne dazu herumsenft. Diese Menschen leisten auf diese Weise jedenfalls mehr „Widerstand“ als so mancher derer, die Waffen bis zum Untergang als alleinseligmachende Lösung beklatschen.

    Wie dieser Krieg endet, weiss keiner, aber schaut man sich die Zwischentöne auch auf westlicher Seite an, dann ist die schnelle Lösung so oder so verbrannt und selbst für ein Danach werden schon Bedingungen gestellt wie die von der Leyens nach Reformen für Hilfe beim Wiederaufbau. Da ist subjektiv bereits der Knebel enthalten wie in Griechenland. Nicht umsonst hört man inzwischen etwas von jahrelangen Waffenlieferungen, bis eine der Parteien eben kippt und auch Selenskyi hat abseits seiner Aussage über den ESC nächstes Jahr in Kiew eher einen langandauernden Krieg inzwischen akzeptiert.

    Sein aktueller Aufruf zu mehr Sanktionen wurde doch schon im Vorfeld aufgeweicht, weil es einige EU-Staaten gibt, die sich jetzt schon dagegen verwahren, diese mittragen zu müssen. Sollte dann die zivilisatorische Decke hierzulande zu dünn werden, dann hoffe ich nur, dass die Ukrainer nicht auch nach jahrelangem Krieg ein afghanisches Moment erleben müssen und erkennen, dass sie zwar gut waren für eine gigantische Aufrüstungswelle in Europa und den USA und kriegsbedingte Maximalprofite, am Ende aber fallengelassen werden wie eine heisse Kartoffel, wenn aus diesem Krieg nichts mehr herauszuholen ist.

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  4. @ siewurdengelesen

    Zivilgesellschaftliches Engagement ist aber nur möglich, weil die Ukraine sich nicht ergeben hat. Hätte Russland das gesamte Territorium besetzt, könnten die Leute vom ZFD usw. sich nicht frei im Land bewegen und den Einheimischen helfen. Was Putin von NGOs hält, hat er bereits vor dem Krieg hinlänglich bewiesen. Es ist gnadenlos naiv, zu glauben, da gäbe es keinen Unterschied. Der Mann ist gerade All-in gegangen.

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