Samstag, 2. März 2024

Teilrasiert, nass

 
Seit ungefähr dreißig Jahren trage ich einen gestutzten Vollbart. Mein vordringlicher Grund, auf Gesichtspelz umzustellen war damals Bequemlichkeit. Ich vertrug Trockenrasieren nicht und hatte mich daher nass rasiert. Da ich aber einer der ärgsten Morgenmuffel war und immer auf den allerletzten Drücker unterwegs (was sich altersbedingt inzwischen deutlich gelegt hat), nicht selten auch verkatert, waren die Resultate meiner Nassrasuren mitunter wenig gründlich, nicht selten auch blutig. Dann war mir als Nutzer von Systemrasierern schon bald klar geworden, dass es sich bei den Herstellern von Mehrfachklingen nicht um Bart- sondern um Halsabschneider handelt, deren Geschäftsmodell ich nicht weiter unterstützen wollte.

Nun ist auch so eine Kinnmatratze, egal wie lang, nicht völlig wartungsfrei. Die wie Pilze aus dem Boden schießenden Barbershops und die stetig wachsende Produktpalette an Bartpflegeprodukten legen beredtes Zeugnis davon ab. Wobei ein sauber auf fünf Millimeter gekürzter Bewuchs wie meiner noch am wenigsten Arbeit macht. Es ging halt, wie gesagt, um Bequemlichkeit. Aber gestutzt werden muss halt alle paar Tage, will man nicht bald schon rumlaufen wie der historische Kompromiss aus Rasputin und Rübezahl. Und dazu bedarf es elektrischen Geräts. Wöchentliche Besuche bei einem Friseur, der sich auf die Barbierei versteht, hätten mein studentisches Budget heillos überfordert. Ich brauchte schließlich Geld für Bücher, Bier und Zigaretten. Da hätte ich auch gleich weiter Dreifachklingen kaufen können und Rasierbauschaum aus der Dose.

Ein Barttrimmer musste also her. Mein erster war ein Geburtstagsgeschenk. Von einer Eigenmarke der inzwischen verschwundenen Firma Quelle. Ein solides Gerät, kam im schicken Kästchen mit Zubehör und ließ sich wahlweise mit Akku oder an der Steckdose betreiben. Irgendwann nach etlichen Jahren treuer Dienste wurde die Klinge stumpf, was sich durch zunehmend unangenehmes bis schmerzhaftes Ziepen bemerkbar machte. Leider war die Klinge fest verbaut und es musste etwas Neues her. Doof.

Ich kaufte was von einem durchaus bekannten Hersteller und war zunächst zufrieden. Nur heißt billig einkaufen zweimal kaufen. An der Steckdose tat der Apparillo keinen Mucks, sodass nur Akkubetrieb möglich war. Der Akku war natürlich fest verbaut. Aus Sicherheitsgründen, wie der Hersteller verlautete, auf das beim Betrieb in Feuchträumen niemand einen tödlichen Stromschlag bekäme. Aha. Zur Info: Derselbe Hersteller hat auch mit 230 Volt Wechselstrom betriebene Haartrockner im Sortiment, die ebenfalls in Feuchträumen… Egal.

Bekanntlich macht aber jeder Akku irgendwann einmal schlapp. Hier war das kurz nach Ablauf der Garantie der Fall und das Teil war somit Elektroschrott. Ein paar Mal ging das so. Mit dem genervten Fatalismus der reiferen Mannesjahre hatte ich es irgendwann zähneknirschend akzeptiert, dass nicht nur die Hersteller von Mehrfachklingen ein abgefeimtes Geschäftsmodell aufgesetzt hatten, sondern offenbar auch die Anbieter vermeintlich preisgünstiger Bartschneider. Also schön, dachte ich, wenn ich unbedingt Wegwerfgesellschaft sein soll, dann bin ich das halt. Ausgelatschte Sneaker wandern bei mir schließlich auch nach ein paar Jahren in den Müll.

Als letztens ein weiteres Markengerät sich nach viel zu kurzer Zeit in ein Folterwerkzeug verwandelt hatte, dessen Akku es zum Schluss noch auf höchstens zwei Minuten Laufzeit brachte und das erst einmal ausgiebig an jedem Barthaar zog, bevor es selbiges dann nach mehreren Anläufen auch tatsächlich abschnitt, hatte ich endgültig den Kaffee auf. Zum Glück war gerade etwas Geld übrig und ich habe das getan, was ich schon längst hätte tun sollen: Etwas mehr investiert in ein Qualitätsprodukt. Und was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt.

Wie satt das Teil in der Hand liegt! Das sonore Geräusch des kraftvollen Motors! Und erst die Klinge! Die geht nicht wie ein heißes Messer durch Butter, sondern wie ein Laserstrahl durch Panzerplatten. Kein Zweifel, ich hatte ein elektrisch betriebenes japanisches Samuraischwert gekauft und "Ich war schockverliebt" (Tuchel). Das beste: Wenn der Akku altersschwach werden sollte, lässt sich das Gerät auch per Steckdose betreiben. Und wenn die Klinge doch irgendwann stumpf wird? Lässt sich eine zum Preis einer Packung Systemrasierer-xfach-Wegwerfklingen nachkaufen. Eine hübsche Samttasche gab es auch.

Leider gibt es , wie überall, auch hier einen Haken: Die fernöstliche Superfräse ist nur in der Lage, bis zu einer Haarlänge von 0,5 Millimeter ihre Arbeit zu tun. In den Regionen des Gesichts und am Hals, die eigentlich bartfrei sein sollen, bleiben also unschöne Stoppeln. So hatte ich zwei Möglichkeiten: Irrerweise einen zusätzlichen Rasierer zu kaufen oder back to the Nassrasur. Wenn auch mit reduziertem Programm.

Eigentlich hatte ich damals ja nichts gegen das morgendliche, durchaus erfrischende Ritual des Nassrasierens. Ich benutzte sogar Aftershave. Aus Gründen mangelnder Reife und mangelnden Wissens allerdings eher so Stinkezeugs. Warum dem nicht noch einmal eine Chance geben? Zum Glück ist der Nassrasur-Blog noch online, und so las ich mir einige Dinge an: 1. Rasierhobel sind nachhaltig und zu unrecht aus der Mode. Zwar etwas teurer in der Anschaffung, dafür sind Klingen günstig und man macht keinen Plastikmüll. 2. Teure Rasierpinsel aus Dachshaar sind heute nur mehr eine Frage des Stils, moderne Kunstfasern machen sogar besseren Schaum. 3. Gute Rasierseife und ein angenehm dezent riechendes Aftershave müssen nicht teuer sein.

Da ich ja am Anfang meiner neuerlichen Nassrasur-Karriere mich befand, suchte ich zunächst eine Filiale eines Drogeriemarktes auf, wo auch so weit alles vorrätig war. Und siehe da, das macht ja richtig Spaß! Und völlig unblutig, die Prozedur. Könnte direkt ein Hobby von mir werden. Daher meine Frage an den geschätzten Kollegen: Bleibt der Nassrasur-Shop weiter online oder geht er demnächst den Weg meiner ausgelatschten Sneaker? Das wäre schön, denn hier in der Gegend sind entsprechende Fachgeschäfte eher dünn gesät.








4 Kommentare:

  1. Akkus kommen, Akkus gehen,
    Der Nassrasur-Shop bleibt bestehen.

    AntwortenLöschen
  2. Hatte damals™ bei https://blog.todamax.net/2015/hobeln-statt-rasieren/ von dem Rasierhobel gelesen und ihn hernach gleich probiert.
    Jo.
    Genau so!

    Haut auch nen längeren 12-Wochen-Bart (Wikinger - wissen schon) ohne größere Probleme in die Tonne, das hat der "Systemrasierer" nur unter größten Schwierigkeiten geschafft.

    Inzwischen gelingt es mir sogar, an meiner Narbe am Kinn zu raisren, ohne sie zu vertiefen...

    AntwortenLöschen
  3. Die Industrie traut sich heute eher dem anscheinend in ihren Augen komplett verblödeten Verbraucher den letzten Mist anzudrehen.

    https://krautreporter.de/sinn-und-konsum/5234-das-hat-doch-alles-schon-mal-funktioniert

    Von Haushaltsgeräten bis zu Ikea-Pax-Kleiderschränken — vieles ist inzwischen disfunktionaler Billigkram. Und die Fachgeschäfte, die damals das "Gute im mittleren Preissegment" verkauften, die gibt es auch nicht mehr.
    Wir sind es wohl selber schuld.

    Gruß
    Jens

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das ist mir mal aufgefallen, als ich vor Jahren für liebe Menschen mal Coq au Riesling machen wollte: Ich hatte die Wahl zwischen gequälten Mickerviechern für einen lächerlichen Kilopreis oder handgestreichelten Bio-Superhühnern für Mondpreise.
      @anonym: Glückwunsch, ich arbeite noch ein wenig dran. Aber wird.
      @Kurbjuhn: Sehr beruhigend.

      Löschen

Mit dem Absenden eines Kommentars stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zu. Zu statistischen Zwecken und um Missbrauch zu verhindern, speichert diese Webseite Name, E-Mail, Kommentar sowie IP-Adresse und Timestamp des Kommentars. Der Kommentar lässt sich später jederzeit wieder löschen. Näheres dazu ist unter 'Datenschutzerklärung' nachzulesen. Darüber hinaus gelten die Datenschutzbestimmungen von Google LLC.