Es gibt diesen sprichwörtlichen Elefanten im Raum. Der nimmt fast sämtlichen Platz ein, sodass man sich kaum mehr bewegen kann, aber trotzdem redet niemand drüber. Sinnbildlich steht der Elefant im Raum für ein Problem, das eigentlich allen bewusst ist, aber niemand den Mut oder die Ehrlichkeit aufbringt, es offen anzusprechen. Die 'A'fD etwa verdankt einen Gutteil ihres politischen Aufstiegs ihrer Kernerzählung, sie sei die einzige Partei, die den Mut besäße, den Elefanten beim Namen zu nennen, und der hieße: Illegale bzw. irreguläre Massenmigration.
Es gibt Menschen, und derer sind meiner persönlichen Erfahrung nach nicht wenige, die beziehen einen mehr oder minder großen Teil ihres Selbstwertgefühls aus ihrer Erwerbsarbeit. Es erfüllt sie mit einem gewissen Stolz, dass sie seit zwei, drei oder mehr Jahrzehnten Morgen für Morgen früh aus den Federn sich erheben und abends todmüde wieder ins Bett fallen. Und die müssen seit langer Zeit mit einem stetig sinkenden Lebensstandard umgehen, weil die Reallöhne in Deutschland seit Jahrzehnten der Inflation und den steigenden Lebenshaltungskosten hinterher hinken. Man spart an Kneipen- und Restaurantbesuchen, die Urlaube werden weniger und kürzer und man muss generell die Euros umdrehen. Wohneigentum zu erwerben ist für viele inzwischen eh ein unerfüllbarer Wunsch.
Sehen diese Menschen dann, wie welche, die hergeflüchtet oder sonstwie hermigriert kommen, vom Jobcenter dies und jenes bezahlt kriegen, dann kann das einen wunden Punkt treffen. Und dazu muss man auch kein Rassist oder sonst wie charakterlich deformiert sein. Kommt noch Angst um den eigenen Job und den bescheidenen Lebensstandard hinzu, dann greifen mitunter Erzählungen wie die, dass 'die da' alles anstrengungslos wohin geschoben bekommen, derweil man selbst seit Jahrzehnten schuftet für immer weniger, bzw. sie fallen auf fruchtbaren Boden. Ebenso wie die vom gierigen Staat, der einem die Hälfte der sauer verdienten Penunzen gleich wieder nimmt und das entweder in die Taschen fauler, nichtsnutziger Politiker bzw. Lobbyisten lenkt oder für irgendwelchen sinnlosen Quatsch verpulvert.
Anderes Thema, aber wir bleiben beim Sozialen: Momentan ist großer Alarm, weil das Gesundheitssystem vor dem Kollaps steht. Auf bis zu vierzig Milliarden soll das Minus der Krankenkassen bis 2030 steigen. Also wurde eine Kommission ins Leben gerufen, die meines Wissens nach ausschließlich aus privat Krankenversicherten besteht. Und die haben sich da einen netten Katalog der Grausamkeiten zusammenklabustert. Für die gesetzlich Versicherten natürlich.
Natürlich steigen die Ausgaben im Gesundheitswesen permanent. Menschen werden älter und damit pflegebedürftiger, Medikamente und medizinische Apparaturen werden teurer, Löhne und Gehälter steigen, u.a. beim Pflegepersonal (was ja nur recht und billig ist), auch die Apotheken fühlen sich krass unterbezahlt usw. usw. Die Einnahmen scheinen aber nicht Schritt zu halten. Nur, woher kommen die Einnahmen noch gleich? Richtig, größtenteils aus Löhnen und Gehältern von Arbeitnehmer:innen. (Übrigens sind es auch hier nicht Flüchtlinge, die die Töpfe der GKKs plündern, denn die Aufwändungen für deren Gesundheitsversorgung werden auf Antrag vom Bund übernommen.)
Die Höhe der Einnahmen der Sozialkassen ist überwiegend an Löhne und Gehälter gebunden, da sie prozentual davon erhoben werden. Verringern sich die Arbeitseinkommen, sinken auch die Einnahmen der Sozialversicherung. Etwa bei steigender Arbeitslosigkeit, wie wir sie im Moment erleben. Das Problem dürfte sich in nächster Zeit noch verstärken in einem Land, in dem schnarchige Schlüsselindustrien den Anschluss verpassen, Zukunftstechnologien als linksgrünes Teufelswerk gelten und man dadurch gerade das Geschäftsmodell Exportnation in die Grütze reitet.
Nun könnte man natürlich auf eine völlig absurde, ja abwegige Idee verfallen, will heißen, den Elefanten im Raum beim Namen nennen: Nämlich, dass vielleicht nicht die Kosten für Sozialleistungen unangemessen hoch sind, sondern vielmehr Löhne und Gehälter deutlich zu niedrig sind, weil sie seit Jahrzehnten hinter der Inflation hinterherhinken, die Reallöhne in den letzten Jahren trotz höherer Nominallöhne noch einmal gesunken sind und noch nicht einmal der Mindestlohn nennenswert angehoben wurde. Aber das darf man auf keinen Fall tun, das ist etwas völlig anderes, das kann man so jetzt nicht sagen, das wäre ja Sozialismus. Natürlich darf es keine Denkverbote geben, aber das gilt nur, wenn es darum geht, der Masse der Werktätigen tiefer in die Tasche greifen kann.
Elefant im Raum eben. Kein Aprilscherz.
Ein mitunter nicht geringer Anteil.am Elefanten liegt bei denen, die jede Möglichkeit nutzen, Sätze wie "dann geh ich doch ins Bürgergeld und arbeite schwarz" in den Porzellanläden zu werfen, meist im.Einkommensbereich von 8000+, Privilegien, Familienerbe uswusf, selbst nicht die geringste Ahnung von Bürgergeldmechanismen (Bonität haha) haben, ebensowenig wie Interesse am Aufstieg des Proletariats und bloss nicht die Benennung von Aristokratie.
AntwortenLöschenDas sind auch die, die 30mrd beim.Sozialen einsparen wollen, anderwertig erhobene 30mrd aber für Peanuts halten. Personen, die einen Unterschied von 100 bis 200€ im Geldbeutel nicht einmal wahrnehmen.
Achtung, hier kommt der schlimmste Rachenputzer aus des Teufels Großmutters Küche: Eine Versicherung für alle. Wirklich alle. Vom Manager bis hin zum Hausmeister. Wer unbedingt will, dass der Chefarzt jeden Tag zum Händeschütteln vorbeikommt, kann ja eine Zusatzversicherung abschließen.
AntwortenLöschenWas als Kostentreiber oft auch gerne vergessen wird: Der große Druck auf EInrichtungen "Gewinn" abzuwerfen. Ich sehe das in unserem Hotel der tausend Betten aka Maximalversorger täglich. Gelenkersatz und Eingriffe an der Wirbelsäule gehen weg wie geschnitten Brot, obgleich die Indikation oftmals noch gar nicht gegeben ist... Aber Geld stinkt halt nicht.
Ich nenne Stefan ja nur noch "rote Rose", weil er immer wieder gegen finanziell unabhängige Menschen wie mich agitiert. Der Begriff "Reiche" fällt in unseren Salons nicht. Wer finanziert denn die Weingüter in der Champagne und die Austernbänke? Mit welchem Vermögen decken die Banken ihre Kredite an den Pöbel? Anstatt mit kommunistischer Propaganda unser Dienstpersonal aufzuhetzen, sollte man über die Ruhe und Ordnung im Haus am Eaton Place nachdenken, wo die Menschen noch wussten, welcher Platz ihnen in der Hierarchie zugewiesen wurde.
AntwortenLöschenHaus am Eaton Place? Sie sind ja sowas von vorgestern, Sie armseliger Couponschneider, Sie! Wahrscheinlich sind Sie noch nicht mal von Adel, nehme ich an. Googeln Sie mal "Bridgerton"!
Löschen@Bonetti: Jetzt nur noch ein paar alte Rennräder knipsen und damit angeben, und einer Kolumne bei Springer steht nichts mehr im Wege...
Löschen... GKV-Pflicht erstmal für alle und dann schauen wir nochmal nach, was an Geld fehlt.
AntwortenLöschen... Zack — sind wir wieder beim urdeutschen Lobbyismusproblem.
Evtl. denken ja einige immer noch, dass die PKVs aus Nächstenliebe gegründet wurden — und ach ja — und die Erzählung von Ärzten, dass die ganzen tollen teuren Geräte ja aufgrund der exorbitant hohen Privatpatientenrechnungen überhaupt erst in Praxen und Krankenhäusern stehen, dafür habe ich noch keine seriöse Gegenrechnung mit "alle in der GKV" gesehen.
Gruß Jens
"Es gibt Menschen (...), die beziehen einen mehr oder minder großen Teil ihres Selbstwertgefühls aus ihrer Erwerbsarbeit."
AntwortenLöschenStimmt, und es sind tatsächlich nicht wenige. Man könnte sie Sklavenseelen nennen, was aber weder nett noch richtig wäre, denn lt. Marx sind sie frei, und das gleich doppelt: "Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen."
Tja, der allerdickste Elefant, der in so ziemlich allen Räumen rumsteht, wenn er nicht grad auf Millionen und Abermillionen rumtrampelt, heißt immer noch Kapitalismus. Dessen Weg in die Barbarei sich inzwischen offenbar beschleunigt, was immerhin ein bisschen Hoffnung darauf macht, dass sich vielleicht bald mehr Leute als bisher über eine Alternative Gedanken machen.