Sonntag, 19. April 2026

Timmy for Wappentier!


"Was man an sich selbst und dem Mitmenschen vermisst -- Treue, Stärke, Selbstbewusstsein, Erlebnishunger, emotionale Intensität --, wird dem Tier eingeschrieben und aufgedrängt. [...] Bei viel zu vielen Facebook-Nutzern und Twitterern gibt es eine sichere Korrelation zwischen der Anzahl verkitschter Tierbilder, die sie posten, und plötzlich herausbrechenden Gewaltfantasien gegen Ausländer, Frauen, Juden oder Schwule. Hämische Tränenlach-Smileys sind die Reste emotionaler Interaktion, die diesem Sozialcharakter verblieben ist." (Leo Fischer)

Wenn Tierliebe obsessiv wird, ist Vorsicht geboten. Die NS-Ideologie zum Beispiel legte großen Wert auf Tierschutz. So wurde SS-Männern als arischen Mustermannsbildern beigebracht, jegliche Tierquälerei, derer sie gewahr wurden, zu unterbinden. Mit als rassisch minderwertig angesehenen Menschen war man bekanntlich weit weniger sensibel. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass es ein prinzipielles Problem gibt mit Tierschutz oder dass alle Tierschützer:innen Nazis sind, aber wenn Tierliebe mit Menschenhass als Kehrseite einhergeht, kann es sehr schnell anrüchig werden und schützt im Zweifel vor gar nichts. Erst recht gaga wird es, wenn Tiere vermenschlicht und Tierliebe selektiv wird. 

Vielleicht erinnern sich noch welche an Chico. Der war ein Staffordshire-Mischlingshund, der 2018 seine Halter tötete, die ihn unter schlimmsten Bedingungen gehalten und auch furchtbar misshandelt hatten. Nach Abwägung aller Optionen wurde das komplett gestörte, nicht mehr vermittelbare Tier auf Beschluss des zuständigen Veterinäramtes eingeschläfert. Dagegen hatte es Mahnwachen gegeben und Bürgerinitiativen, der arme Kerl wurde allen Ernstes zum Helden und zum Freiheitskämpfer aufgeblasen, der es seinen Peinigern heimgezahlt habe, bekam gar den Spitznamen 'Chico Guevara' verpasst. Venceremos!

Guillermo Schwiete, Mitorganisator der Demo, gab damals, als man ihn fragte, ob die Menschheit vielleicht nicht doch drängendere Probleme habe, die vielsagende Antwort: "Kein Mensch hier würde sagen, die Kinder in Afrika interessieren uns nicht. Wir haben genug Empathie, aber wir können doch nicht für alle etwas tun." Das erinnert nicht zufällig an selbstmitleidiges Überforderungsgebramme von Rechts bis Ganzrechts. Wir können doch nicht die ganze Welt, heul, bramm, schluchz! Wir sind doch selbst schon so arm dran, flenn, grein! 

Wie schon zu Corona-Zeiten rühren auch jetzt im Fall des in der Ostsee auf Grund gelaufenen, wahlweise 'Timmy' oder 'Hope' genannten Wals esoterische Spinner, Schwurbler, Rechte, Youtuber, Influenzer, selbsternannte Experten und Absolvent:innen von Youtube-Universität und Ticktock-Akademie mit 'Selber Denken' im Hauptfach eine trübe Brühe aus Esoterik, Verschwörungsgeraune, selbstklabustertem Halbwissen, Wissenschaftsfeindlichkeit und politischem Extremismus an. Die Szene mag im einzelnen heterogen sein, aber in ein paar Punkten sind sich alle einig: In ihrem diffusen Hass auf 'die da oben', darin, dass so genannte Experten alle keine Ahnung haben, der Staat nichts auf die Kette bekommt, gar Schlimmes im Schilde führt. Es scheint, als ginge es ihnen weniger um das Tier, sondern vor allem darum, endlich wieder einen Anlass zu haben, irgendwie Krawall zu machen. 

"»Auf dem Steg Fischbrötchen kauend« (El Hotzo) beurteilten unsere Tierfreunde die bisherigen Maßnahmen besserwisserisch und aggressiv: »Die machen alles falsch«. Dazu garniert mit Beschimpfungen und Morddrohungen gegen die echten Experten -- das alles erinnert fatal an den Umgang mit den Coronamaßnahmen: Wissenschaftler sind scheiße, »die da oben« hassen uns und Wale, und kümmern sich lieber um die Ukraine oder die angebliche Klimakrise. [...] Nur für den Wal wird nichts getan. Dessen ist sich das Volk ganz sicher." (Hannemann)

Der Chefredakteur des rechten Senders Auf1 verstieg sich zu der Bemerkung, am Umgang mit dem Wal werde ein "Staatsversagen" sichtbar. Aha. Inwiefern? Ich weiß zwar nicht, seit wann die Rettung gestrandeter Wale in die unmittelbare Zuständigkeit des Staates fällt, aber wenn es denn beliebt, bittesehr. Fun fact: Gibt ja welche, die jede Meldung über ein im Mittelmeer gesunkenes Flüchtlingsboot mit wahren Kaskaden o.g. Tränenlach-Smileys kommentieren. Ob darunter Zuschauer:innen des genannten Senders sind? Kann ich natürlich nicht beurteilen, ich stelle nur Fragen. Bei einer Pro Timmy-Demonstration jedenfalls sollen Sätze gefallen sein wie: "Ich vertraue denen da oben nicht mehr. Da bleibt doch nur die AfD.“, "Rettet Wale und keine Migranten." oder: "Für den Wal ist kein Geld da, aber die Ausländer kriegen ihr Terrorgeld".

"Der Wal Timmy stirbt. Und mit ihm verreckt Deutschland." (Gerald Grosz)

Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz und die Unternehmerin Karin Walter-Mommert pumpen nunmehr öffentlichkeitswirksam ungenannte Sümmchen in das Projekt 'Rettet Timmy' und lassen unter anderem eine Expertin aus Hawaii einfliegen. Womit auch sie, gewollt oder nicht, an der rechtslibertären Großerzählung vom nichtsnutzigen Versagerstaat Deutschland mitstricken, von der die 'A'fD ihren Honig saugt. Fun fact (2): Wenn die Sache schief gehen sollte, wird niemand Gunz und Walter-Mommert für irgendwas zur Verantwortung ziehen. Ist halt der Vorteil, wenn man nicht für ein Amt gewählt wurde und nur von der Seitenlinie aus agiert.

Gestern war ich übrigens auf einem Verwandtschaftsbesuch, für den ich eine knappe Stunde lang über die A 2, a.k.a. Warschauer Allee, Richtung Hannover fahren musste. Auf dem Weg habe ich zwei oder drei Tiertransporter überholt, die wohl auf dem Weg nach Rheda-Wiedenbrück zu Tönnies waren. Wo sie wahrscheinlich nicht von Tierschützern empfangen wurden. An der Ausfahrt waren nirgendwo brennende Barrikaden zu erkennen. 2026 sind bereits mehr als 500 Menschen im Mittelmeer auf dem Weg nach Europa ertrunken. Ob empörte Millionär:innen schon privat finanzierte Rettungsaktionen angeschoben haben, ist nicht bekannt. Man muss eben Prioritäten setzen. 

Aber man kann ja über alles diskutieren. Vielleicht darüber, ob der Bundesadler nicht endlich in Rente geschickt werden und stattdessen der bewegungsunfähige Buckelwal das neue Wappentier werden sollte. Repräsentiert der doch Deutschland 2026 "mit seiner mut-, ja reglosen Außenpolitik, seinem auf den Verbrenner ausgerichteten Wirtschaftsmodell und einer rundum zaudernden Politik" (Minkmar) viel besser als der olle Flattermann.  







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