Dienstag, 5. Mai 2026

Vermischtes und Zeugs (CXLVIII)


Weil ich vor Jahrzehnten mal Lehrer werden wollte, ist damals pflichtgemäß auch ein zwanzigprozentiges Pädagogikstudium -- offiziell ESL (Erziehungswissenschaftliches Studium Lehramt) genannt -- an mir vorbeigerauscht. Nur weniges ist bis heute haften geblieben. Darunter die Aussage eines damals kurz vor der Emeritierung stehenden Profs, der seit den wilden 68ern vieles gelebt und gesehen, alles Mögliche kommen und gehen gesehen hat. Der meinte zu uns: "Es gibt keine pädagogischen Patentrezepte, denn Menschen kommen zwar gleich zur Welt, sind aber verschieden, das müssen Sie aushalten. Und noch etwas: Sie können tausend Konzepte, Methoden und Modelle im Kopf haben, das mächtigste von allen war, ist und bleibt vorleben."

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Apropos Pädagogik: Vielleicht lässt sich auch aus einem politischen Auffahrunfall wie Friedrich Merz etwas lernen: Groß ist die Sehnsucht nach Politikern, die Tacheles und Klartext reden, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Offen und ehrlich und ohne Hintergedanken reden, wie beim Bier an der Theke. Momentan stellt sich die Frage, ob es wirklich eine gute Idee ist, wenn Politiker ihre Worte nicht sorgfältig abwägen, sondern tatsächlich einfach so reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

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Warum scheint Benjamin Netanjahu eigentlich seit einiger Zeit, spätestens seit dem 7. Oktober, die kriegerischen Anstrengungen Israels noch einmal zu forcieren? Weil er ein skrupelloser Krimineller ist? Weil er aus Machthunger mit Rechten koaliert und sich deren Willen beugen muss? Weil er politisch vor dem 7. Oktober fast erledigt war und das Massaker als Casus belli genutzt hat, um im Amt zu bleiben und seine Immunität zu behalten?

Kann alles sein, vor allem aber passiert das, weil er nicht dumm ist und mitbekommt, wie die breite Unterstützung Israels als fester Bestandteil des westlichen Nachkriegskonsens in immer mehr Gegenden der Welt zusehends erodiert, das als 'Israelkritik' bemäntelte antisemitische Gift wirkt. Seit längerem schon hat die UNO eine antiisraelische Schlagseite, auch sonst frisst die Erzählung von Israel als räuberischer Kolonialmacht immer mehr in den politischen Mainstream (nicht zuletzt, weil viele Lehrstühle an westlichen Universitäten mittlerweile von israelfeindlichen Regimes finanziert werden, darunter Katar). Auch die Unterstützung der USA könnte sehr bald wegbrechen, da der politische Nachwuchs, der als nächstes in Spitzenämter gelangen könnte, zunehmend antisemitisch tickt. Antisemitismus ist nicht mehr nur unter Ultrarechten verbreitet, sondern wird auch im progressiven Flügel der Demokratischen Partei salonfähig.  

Es ist unwahrscheinlich, dass diese Entwicklungen in Israel nicht registriert werden. Weil seit der Gründung 1948 allen israelischen Staats- und Regierungschefs bewusst ist, wie fragil das Gebilde Israel ist und man im Zweifel immer nur Zeit gewinnen kann, wissen sie, dass man immer das jeweils beste aus der momentanen geostrategischen Lage herausholen muss. Im Moment bietet sich die Chance, die Hauptgegner Hamas, Hisbollah und Iran entscheidend und auf längere Zeit hinaus entscheidend zu schwächen. Vor allem, weil im Weißen Haus gerade ein Donald Trump sitzt, der empfänglich ist für Netanjahus Einflüsterungen. Und blöd genug, die Prügel für die komplett irrsinnige Iran-Kampagne ganz allein einzustecken.

Den kann man moralisch und aus anderen Gründen finden, wie man will. Ich bezweifle, dass so ziemlich jede:r andere israelische Premier:in in der momentanen Konstellation grundsätzlich anders handeln würde.

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"Das ist schön bei uns Deutschen; keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht." (Heinrich Heine)


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Hotel Handelshof. Gehörte einst Familie Rühmann. Fun fact: Bis 2022 lautete die zweite Zeile noch "-- DIE EINKAUFSSTADT". Tempi passati...


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Ich verstehe übrigens nicht, was das Problem daran sein soll, Schwarzfahren nicht mehr als Straftat zu behandeln. Die Deutsche Bahn und andere Verkehrsunternehmen sind keine staatlichen Behörden, sondern privatwirtschaftlich wirtschaftende Unternehmen, die wie andere Firmen gegebenenfalls sehen müssen, wie sie ihre Forderungen eintreiben. Warum sollte man daher Schwarzfahren anders behandeln als eine unbezahlte Rechnung oder eine nicht gezahlte Miete? Warum unterstellt man welchen, die ohne gültigen Fahrschein fahren, automatisch eine Betrugsabsicht und setzt die Justiz in Marsch, während gegen säumige Zahler:innen ein nicht strafbewehrtes Mahnverfahren angestrengt wird?









1 Kommentar:

  1. "das mächtigste von allen war, ist und bleibt vorleben."
    ... wenn das nur so einfach wäre.
    Gruß Jens

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