Dienstag, 25. August 2026

Auf Reisen (18)


"Wien ist eine Dampframme ins Gesicht jedes freundlich fühlenden Menschen. [...] So viel Fieses wie Wien war nie. [...] Der Beitrag Österreichs zur Weltkultur heißt im Wesentlichen Hitler-Heller-Haider-Walzer, und dann gibt es noch das Urabbild des Österreichers: Leopold von Sacher-Masoch, nach dem die Herrentorte ebenso benannt ist wie das Versessensein auf Herrenhiebe.
Das wirklich Böse an Wien ist das Wienerische. [...] »Gey scheyssn! Am Heyssel!« attert es aus dem Wiener heraus und immer schwingt etwas Drohendes mit: geducktes Knurren der geprügelten Kreatur. Diese in Servilität eingewickelte Aggression hält der Wiener für Charmanz und nennt sie Schmäh." (Wiglaf Droste)

"Für mich sprechen die Wiener das schönste Hochdeutsch überhaupt. Ich liebe diese genießerischen Artgenossen über die Maßen." (Vincent Klink)


Was lernen wir daraus? Man kann trotz in einzelnen Fragen komplett entgegengesetzter Ansichten weiterhin eng befreundet sein, bis der Tod einen scheidet, wie im Fall der Herren Droste und Klink. Die Passage aus Drostes Polemik 'Ganz Wien träumt von Formalin' (1999) wurde vornan gestellt, weil es sehr leicht ist, bei einem Wienbesuch ins Schwärmen und ins Schwelgen zu geraten. Ein wenig Erdung dann und wann ist da hilfreich. So wie eine Prise Salz allem Süßen geschmacklich erst richtig auf die Sprünge hilft. Zumal, wenn man als Kind medial ein Bild von Wien vermittelt bekommen hat, das im Wesentlichen aus 'Sissi'-Filmen sowie überzuckerter Operetten-, Heurigen- und Walzerseligkeit bestand ('Kottan ermittelt' lief in der BRD erst später).

Denn glanzvoll, das ist Wien noch heute. Es gibt wohl keine andere Metropole Europas, die auf so engem Raum so viel imperiale Grandezza verströmt. Gehört man zu denen, die Kunst, Musik und vor allem historischer Architektur etwas abgewinnen können und auch Repräsentationsbauten der letzten gut 150 Jahre nicht per se für kitschige Zuckerbäckerbuden hält, dann verfällt man den zahllosen Schönheiten Wiens schnell. Allein die Hofburg ist, wenn man die Parkanlagen nicht mitzählt, knapp fünfmal größer als Versailles, liegt aber deutlich zentraler. Ich hatte beschlossen, mich gegen all das nicht zu sträuben, sondern mich dem lustvoll auszuliefern. Ich wurde nicht enttäuscht.

Und sauber ist es hier in den inneren Bezirken. Geradezu geleckt. Auch die U-Bahnhöfe. Nirgends überquellende Mülleimer, pardon: Mistkübel, keine Graffiti. Mir gefällt das. Ich bin weiß Gott niemand, der beim Anblick eines weggeworfenen Kaugummipapiers Krämpfe bekäme, aber mit zunehmendem Alter wird der Gedanke mir fremder, verwahrloste Städte irgendwie 'charmant' zu finden. Es nervt, wenn Wurstigkeit und Schlamperei mit Lockerheit verwechselt und jedes Bestreben, den öffentlichen Raum halbwegs in Ordnung zu halten, als quasi faschistoide Spießigkeit denunziert wird. Gewiss, gerade alte Häuser und Straßenzüge aus alten Häusern mit Patina haben oft tatsächlich ihren Charme. (Wurde das Café Hawelka inzwischen mal renoviert? Nicht? Gut.) Wenn aber der öffentliche Raum verfällt, dann ist das kein Zeichen sympathisch-entspannter Nonchalance, sondern eines dafür, es mit einem dysfunktionalen Gemeinwesen zu tun zu haben. 




Besichtigungen

Im Louvre spielen sie angeblich mit dem Gedanken, eine günstigere Tour anzubieten, die die Mona Lisa umschifft. Als freundliches Angebot an all jene, die auf den Anblick der Gioconda keinen Wert legen und keine Lust haben, wegen der Hekatomben an Leonardo-Pilgern stundenlang am Eingang Schlange zu stehen. Ähnliches hatte ich in der Albertina erwartet, deren Hauptattraktion neben vielen anderen Highlights Albrecht Dürers 'Feldhase' ist. Und, knubbelten sich die Kunstsinnigen aus aller Welt dort in ähnlicher Weise? Nope. Zwei, drei stehen immer davor, aber das war es auch. Da ich lange nicht mehr in einem derart gut besuchten Kunstmuseum war, ist es mir noch gar nicht aufgefallen, dass berühmte Bilder für viele junge Menschen nur mehr Selfie-Kulisse zu sein scheinen. Seht her, ICH vor Klimts 'Bildnis einer Dame', ICH vor Monets 'Seerosenteich' etc. etc. Nun ja, ich habe es mir längst abgewöhnt, da sinnlos, mich über Modetrends, so deppert sie auch sein mögen, noch zu echauffieren. Aber strange finde ich das schon. 

Wer einen Ottifanten findet, darf ihn behalten.

Zwei Mal war ich bislang im Imperial War Museum in London, aber die Sammlung des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien scheint mir nicht deutlich kleiner (wenn man die Außenstellen in Duxford et. al. nicht mitzählt). Der Prunk dieses im alten Arsenal untergebrachten Museums und die Zahl der Exponate erklärt sich dadurch, dass das Habsburgerreich über Jahrhunderte eine europäische Großmacht war, die, wie damals üblich, andauernd Krieg geführt hat. Allein die Übersicht über die zahllosen Schlachten, die während der acht Kriege gegen das Osmanische Reich, von denen der von 1683ff. nur der bekannteste ist, über Jahrhunderte geschlagen wurden, macht deutlich, dass man es hier nicht eben mit einem Operettenstaat, sondern auch mit einer ehemaligen Militärmacht von Graden zu tun hat, die mit dem heutigen Neunmillionenrestländchen nur mehr wenig zu tun hat (das Bundesheer verfügt übrigens über eine knappe Million Reservisten). Der Eintritt war mit 3,50 Euro übrigens der günstigste von allen. 



Zentralfriedhof. Liszt/Schubert/Brahms. Beethoven. Deix.





Aus dem Besuch der Kaiserappartements in der Hofburg lässt sich das eine oder andere mitnehmen. Durch die Sisi-Ausstellung über die unglückliche, neurotische Kaiserin Elisabeth, durch die man vorher zwangsgeschleust wird, bin ich mehr so im Eiltempo durch, weil sie keine Erkenntnisse lieferte, die nicht schon woanders verhackstückt worden wären, etwa in diversen Dokumentationen, Filmen oder dem hervorragenden Roman 'Sisi' der klugen Karen Duve.

Die Hütte ist zwar riesig und prunkvoll, aber auch zugig und unkomfortabel. Franz Joseph II., der ranghöchste Machthaber Europas, nächtigte stets in einem einfachen Feldbett, stand jeden Morgen um vier auf, wusch sich mit kaltem Wasser, verrichtete seine Gebete und arbeitete dann normalerweise bis mittags am Schreibtisch. Das ist geradezu lächerlich im Vergleich zu dem täglichen Zinnober, der etwa um das Aufstehen und die Morgentoilette eines Ludwig XIV. gemacht wurde. Jeder Untertan konnte ungeachtet seines Standes um Audienz nachsuchen und bekam sie in der Regel auch. Die Mahlzeiten waren einfach, jeder höhere Beamte speiste aufwändiger und raffinierter, so er wollte. Auch die erotischen Eskapaden des seiner Elisabeth stets zugetanen Monarchen waren im Vergleich zum Mätressenwesen anderer Höfe zu vernachlässigen. Nur vermochten aller Fleiß, alle Bescheidenheit und Selbstzucht das Ende der Monarchie auch nicht aufzuhalten, weil der Chef gewiss ein braver Verwalter war, aber kein Politiker, überdies schlecht beraten und auch eine militärische Niete.

Nicht im 1. Bezirk.


"Wenn die Welt einmal untergehen sollte, ziehe ich nach Wien, denn dort passiert alles fünfzig Jahre später." (Gustav Mahler)


Dies und jenes


Die Josefstadt, wo die Unterkunft lag, scheint so was wie der Prenzlauer Berg Wiens zu sein. Nette Läden, Lastenfahrräder, gemischtes Publikum, schöne Restaurants, alles bezahlbar. Schwäbisches Idiom war nirgends zu hören. Überhaupt fiel, wie in jeder wirklichen Großstadt, positiv auf, dass der Einzelhandel noch nicht komplett von Ketten dominiert ist.

Wieder einmal. Immer wieder in Österreich. Am Nebentisch im Schanigarten des Café Hummel ein Paar, dessen männlicher Part beim Ober knapp "Zwei Cappuccino!" orderte, in einem Tonfall, der noch den Zusatz "Aber ein bisschen zackich, Kollege!" implizierte. Es passierte das, was in solchen Fällen immer passiert: Wer sich nicht benehmen kann, wartet in zivilisierten Ländern 10 bis 15 Minuten länger. Als ich meinen Verlängerten fast schon ausgetrunken und mit dem 'Standard' beinah durch war, stellte der Kellner, der mir gegenüber die Freundlichkeit und Aufmerksamkeit in Person war, den beiden die italienischen Heißgetränke wortlos im Vorbeigehen und ziemlich unsanft hin. Auch das obligatorische Gläschen Wasser fehlte natürlich. Keine Ahnung, ob die schmerzfreien Schaumsüffler was bemerkt haben, aber ich liebe solche kleinen Gesten der Verachtung. Vor allem, wenn es die Richtigen trifft.

Ich glaube ja inzwischen, die Chaosbude namens Deutsche Bahn AG dient anderen Bahngesellschaften längst als willkommenes Mittel, sich in besserem Lichte darzustellen. So nach dem Motto: Ja gut, bei uns mag nicht alles perfekt sein, aber schauen Sie mal, was die Piefken mit ihrer Bahn für ahn Palawatsch beisammen haben. Wer nämlich glaubt, im Hause ÖBB liefe alles zum Besten und wie ein Uhrwerk, sieht sich getäuscht. Insgesamt wirkt alles moderner und besser in Schuss, aber auch hier kommt es zu Verspätungen. Der Zug nach Bratislava hing wohl zehn Minuten im Tunnel fest wegen eines Stellwerkschadens. Kannte ich irgendwo her.

Was ich mich frage: Warum bekommt man in Österreich eigentlich in jedem Supermarkt und in jeder Gaststätte den bei der diesen Sommer herrschenden Bruthitze allerbesten, dabei zucker- und quasi kalorienfreien Durstlöscher überhaupt, nämlich Zitronenwasser mit oder ohne Kohlensäure, wohingegen dergleichen in Deutschland noch nie gesehen ward? Was mir noch gefällt: Wie in allen Weinbauregionen, sind Bier und Wein hier völlig gleichberechtigt. Im Beisel gegenüber der Unterkunft wurde gleichermaßen dem hellen Puntigamer wie dem grünen Veltliner zugesprochen.



Epilog

So ärgerlich wie schmerzlich stach bei der Rückreise einmal mehr die komplette Unfähigkeit der Deutschen in Sachen Dienstleistung ins Auge. Nachdem der Flieger zwar holperig aber pünktlich wie die Maurer den Dortmunder Asphalt touchiert hatte, musste noch das Gepäck wieder her. Und das dauerte. Wohl deutlich mehr als eine Stunde. Die Bänder standen andauernd still. Man könnte noch erwähnen, dass die Gepäckrückgabe hier in einer dusteren, stickigen, fensterlosen Ecke untergebracht ist. Personal? Nicht zu finden. Informationen per Durchsage? Hä? Wosimmerdennhier? Am Bannoff oder watt?

Als endlich eine junge Dame mit Warnweste auftauchte, meinte die auf meine Frage, dass samstagmorgens immer sehr viele Maschinen auf einmal landeten und die Gepäcksortierung damit regelmäßig überfordert sei, wodurch es zu diesen Stillständen käme. Aha. Wenn man doch weiß, dass es samstags Probleme geben kann, wieso dann nicht wenigstens Schilder aufstellen, auf denen in einigen Sprachen um Verständnis gebeten wird? Für mehr Sitzgelegenheiten sorgen? Vielleicht gar einen Wasserspender aufstellen? So was in der Art und die Erkenntnis, dass die allermeisten Menschen doch schon zufrieden sind, wenn man einfach nur vernünftig mit ihnen redet, anstatt sie dumm sterben zu lassen, ist doch keine Raketenwissenschaft.








1 Kommentar:

  1. "Wenn man doch weiß, dass es samstags Probleme geben kann, wieso dann nicht wenigstens Schilder aufstellen, auf denen in einigen Sprachen um Verständnis gebeten wird? Für mehr Sitzgelegenheiten sorgen? Vielleicht gar einen Wasserspender aufstellen?"
    ... das wäre im höchsten Maße "undeutsch". Das hätte etwas mit "mitdenken" und Empathie zu tun. Nein nein nein.
    Gruß, Jens

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