Montag, 7. September 2026

Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026 - 10 Thesen


"Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD." (Christian Lüth, 'A'fD)

1. Das bürgerliche Zeitalter neigt sich dem Ende.
Fast die Hälfte der Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt hat für eine Partei gestimmt, die gegen jede Vernunft 'Remigration' genannte Massendeportationen will, nötigenfalls mittels "wohltemperierter Grausamkeit", und auch sonst dem Drangsalieren von Minderheiten alles andere als abgeneigt ist, Fakten weitgehend ignoriert, hemmungslos Vetternwirtschaft betreibt, Lehrkräften an Schulen einen Maulkorb verpassen, für Kultureinrichtungen Gesinnungs-TÜV und Patriotismuspflicht einführen, die Schulpflicht abschaffen, das staatliche Gewaltmonopol zugunsten von 'Bürgerwehren' aufweichen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen und die Westintegration der Bundesrepublik Deutschland beenden will.

The bigger picture: Dass Menschen in Krisenzeiten und in Zeiten der Unsicherheit, in denen das Gefühl wächst, die bürgerlich-liberale Demokratie, die in Deutschland lange von CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen vertreten wurde, könnte ihr Wohlstands- bzw. Glücksversprechen nicht mehr einlösen (It's the economy, stupid!), Autoritäre und Faschisten leichtes Spiel haben, ist ein Phänomen, das in vielen Ländern zu beobachten ist. Wenngleich Teile der in Teilen gesichert rechtsextreme 'A'fD im internationalen Vergleich wegen bräunlichen Gemüffels und WK2-Heldenkultes noch einmal unappetitlicher daherkommen. Liberale Demokratie ist eben ein Deal: Macht und Legitimität gegen Beteiligung am Wohlstand. Funktioniert das nicht mehr, gerät sie schnell an Grenzen. Jürgen Habermas, für einen wie Tillschneider übrigens einer der größten Feinde des deutschen Volkes, hat das schon 1974 erkannt.

2. Die Westbindung der Bundesrepublik steht zunehmend zur Disposition.
Rechnet man die Ergebnise von 'A'fD und BSW zusammen, haben Putins Speichellecker eine Mehrheit. Gut möglich, nebenbei dass die hybriden Angriffe der letzten Wochen und Lawrows zeitlich geschickt platzierte Kriegsrhetorik -- das ist aber natürlich kein 'Kriegsgeheul', denn das kann per definitionem grundsätzlich immer nur aus dem bösen Westen kommen -- noch einmal ein paar Hosen vollgemacht und den Blaunen ein paar Prozente gebracht haben. Nasdrojwe wom! Habe ich noch was vergessen? Egal. Mit anderen Worten: Die Wähler:innen in der Oblast Sachsen-Anhalt hätten mehrheitlich gern eine umlackierte DDR 2.0, zum ersten Mal reicht es nicht mehr für eine Anti-'A'fD-Koalition, selbst wenn man die Linke mitrechnet. Das ist nichts weniger als eine Zäsur.

Putin gewinnt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt www.der-postillon.com/2026/09/puti...

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— Der Postillon 📯 (@der-postillon.com) 7. September 2026 um 09:59

"History does not repeat itself but it rhymes." (Mark Twain)

3. Das Problem hat einen Namen und sitzt im Kanzleramt.

Die CDU hat mit ihrem stetigen Bestreben, den Misthaufen überstinken zu wollen, die 'A'fD immer nur noch stärker gemacht und sie damit eher verdoppelt als halbiert. In vollem Bewusstsein, wie problematisch direkte historische Analogien meistens sind, sagen wir mal so: 1928 war die NSDAP weitgehend entzaubert. Sie fuhr bei der Reichstagswahl mit 2,6 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis ein, die Parteien der Weimarer Koalition erzielten hingegen ihr bestes Ergebnis seit 1919. Die Zufriedenheit mit der Politik stieg, die Reparationszahlungen für den ersten Weltkrieg hatte man im Griff, die Menschen hatten das Gefühl, es geht aufwärts. Dann kamen als Geschenk des Himmels die Weltwirtschaftskrise und Reichskanzler Heinrich Brüning (Zentrum) daher. Der regierte, vom Reichspräsidenten ermächtigt und damit ohne echte demokratische Legitimation, am Reichstag vorbei per Notverordnungen und verordnete dem Land in der Krise einen strengen Sparkurs. Also das, was man heute 'Austeritätspolitik' nennt. Folgen: Die Arbeitslosigkeit schoss in die Höhe, große Teile der Bevölkerung verarmten, wovon die Nazis profitierten. Schon 1930 gewann die NSDAP 18 Prozent hinzu, im November 1932 verdoppelte sie das noch einmal fast. Das rechtsbürgerliche Lager schob dann aus Angst vor den Kommunisten Adolf Hitler in die Reichskanzlei, der Rest ist bekannt.

Friedrich Merzens (CDU) Legitimation steht ebenfalls auf wackligen Beinen. Er hat seine eigene Partei nicht hinter sich, weswegen er, ein Novum in der bundesdeutschen Geschichte, nicht im ersten Wahlgang zum Kanzler gewählt wurde. Er führt eine Koalition, die inhaltlich wenig Gemeinsamkeiten hat und nur mit Kompromissen, Diplomatie und viel Verhandlungsgeschick zu managen ist. Alles Dinge, die den linkischen Lulatsch sichtlich überfordern. Und sonst so? In einer Zeit, in der viele Menschen wegen der Weltlage und der Bedrohung deutscher Schlüsselindustrien durch China um ihre Existenzen bangen, predigt er, anstatt Perspektiven aufzuzeigen und Zuversicht zu verbreiten, Sparen und Verzicht, dreht Zukunftstechnik zugunsten der Fossillobby den Hahn zu, führt immer noch Kulturkämpfe gegen Linke und Grüne, ohne die er nie Kanzler geworden wäre, und kanzelt ganze Bevölkerungsgruppen als Faulenzer und Nichtsnutze ab.

4. Die eigentliche Wahlsiegerin ist Sahra Wagenknecht.
Die getreue Putinvasallin und Politunternehmerin in eigener Sache befindet sich in der bestmöglichen Position von allen. Mehr Zünglein an der Waage geht kaum. Wagenknecht wäre in der bequemen Position, in einer von ihrem BSW tolerierten Minderheitsregierung indirekt an der Macht beteiligt zu sein, gleichzeitig aber immer sagen zu können, nicht wirklich dabei zu sein, ja, die schlimmsten Flausen verhindern oder zumindest abmildern zu können.

"Und aus dem Chaos sprach eine Stimme zu mir: »Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!«. Und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer." (Verfasser unbekannt)

5. Ulrich Siegmund wird Ministerpräsident und ist in dafür der optimalen Position.
Rechnerisch kommen bei der herrschenden Sitzverteilung nur drei Optionen infrage: Eine Koalition aus 'A'fD und CDU, die ich für extrem unwahrscheinlich halte, eine Koalition aus 'A'fD und BSW, was ich ebenfalls für wenig wahrscheinlich halte, oder eine vom BSW tolerierte Minderheitsregierung, was ich momentan für die wahrscheinlichste Variante halte. Es mag sich paradox ausnehmen, aber eine Alleinregierung mit absoluter Mehrheit würde der 'A'fD auf längere Sicht vermutlich mehr schaden als nützen. Weil die Blaunen inhaltlich und programmatisch sehr bald blank dastünden, da sich fast alle ihrer Forderungen und geplanten Maßnahmen auf Landesebene gar nicht umsetzen ließen, könnten ihre vollmundigen Versprechungen ihr schmerzlich auf die Füße fallen. Träte Siegmund aber in eine tolerierte Minderheitsregierung ein, hätte er im Zweifelsfall immer die Ausrede, er müsse schließlich Kompromisse schließen und Bedingungen akzeptieren und könne daher nicht nach reiner Lehre durchregieren.

6. Nein, die 'A'fD wird sich nicht mäßigen!
Warum sollte sie? Der Zug ist schon lange abgefahren.


7. Die Linke schießt sich wie immer selbst ins Knie.
Sie haben es ja erkannt und machen es richtig, indem sie bei der KPÖ und Zohran Mamdami lernen: Affordability ist das, was die Menschen am meisten bewegt, noch lange vor Migration. Wie kann ich mir ein menschenwürdiges Leben leisten in diesen Zeiten? Fast wäre ich geneigt, sie zu wählen. Dumm nur, dass in derselben Partei Hamas-Freunde, Judenvernichter und Putin-Fans nicht etwa skurrile Randerscheinungen sind, was für mich noch tolerabel wäre, sondern Teil des Mainstreams. Autsch!

8. Der Erfolg der 'A'fD ist auch ein Versagen des klassischen Journalismus.
Weil Journalismus unter kapitalistischen Rahmenbedingungen zwangsläufig ein Buhlen um Verkaufszahlen und Quoten ist, werden aus Sensationsgeilheit immer wieder balkenbiegend lügende und jeder Frage ausweichende 'A'fD-Granden in Talkshows eingeladen, wo sie dann eine Bühne bekommen, auf der sie von sich selbst maßlos überschätzenden Moderator:innen "inhaltlich gestellt" werden, wie das heißt. Das funktioniert aber nie. Weil diese Moderator:innen und ihre Redaktionen entweder nicht begreifen oder es zumindest unterschätzen, dass die 'A'fD längst ihre ganz eigene Medienöffentlichkeit geschaffen hat, in der sie immer gewinnt und gar nicht daran denkt, auf demselben Spielfeld zu spielen wie sie. Oder, schlimmer, sie haben es begriffen, machen es aber trotzdem, weil es halt Quote bringt.

9. Ja, 'taktisch wählen' ist doof, aber...
... hat in diesem Fall wahrscheinlich jene paar Stimmen für SPD/Grüne/Linke gebracht, die eine blaubraune Alleinregierung noch verhindert haben. Wie nachhaltig das Konzept ist, steht allerdings in den Sternen.

"Die Sachsen sind immun gegen Rechtsextremismus." (Kurt Biedenkopf)

10. Alle Beschwichtigungsrhetorik der letzten Jahrzehnte hat nichts gebracht.

So leid es mir tut für die zahlreichen anständigen, aufrechten und integren Menschen im Beitrittsgebiet, die sich eher ohne Narkose diverse Körperteile entfernen ließen als den Faschokram mitzumachen: Auf politischer Ebene hat alles Beschwichtigen, alles Relativieren, alles wohlwollende Verständnishaben für die besonderen Nöte der Menschen im Osten nichts gebracht, sondern immer nur Antidemokraten und Faschisten stärker gemacht. Als erstes muss dieses Gerede aufhören, dass man jetzt die Spaltung im Land nicht vertiefen dürfe. Hören wir doch auf, uns Illusionen zu machen! Dieses Land ist gespalten, die Spaltung ist tief und wird sich bis auf weiteres nicht kitten lassen. Damit werden wir leben müssen. Und der Verweis darauf, dass auch im Westen die 'A'fD stärker werde, trifft zwar zu, aber auch wieder nicht, denn es werden in allen westlichen Bundesländern noch längere Zeit Regierungen ohne die 'A'fD möglich sein. Das Verhalten nicht weniger Menschen in Neufünfland erinnert an Symptome einer Depression: Einerseits Verständnis und Mitgefühl wollen, wenn aber jemand Mitgefühl zeigt: "Ich will dein verdammtes Mitleid nicht! Du KANNST mich gar nicht verstehen!" (aber deine regelmäßigen Schecks nehme ich weiterhin gern). Dagegen hilft irgendwann alles Verständnis der Welt nicht mehr, sondern nur klare Kante und Therapie.



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4 Kommentare:

  1. „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“
    (Karl Marx)

    Und Musk hat den Blauzis auch schon mal gratuliert. Dann geht's nun erst recht mit Verbrenner-Vollgas in den Abgrund. Ich bin mal gespannt, wer den Sachsen-Anhaltinern zukünftig in den Altenheimen die Popos putzen soll. Die bösen Migranten schon mal nicht. Den Knochenjob kann man in anderen Bundesländern für höhere Entlohnung und weniger Misstrauen nämlich auch machen.

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    1. Ich hoffe, die Tragödie haben wir hinter uns...
      Die Popos putzen doch laut den Vorstellungen der Wahlsieger jene Deutschen, die jetzt massenweise wieder aus dem Ausland ins bald durchgekärcherte Sachsen-Anhalt remigrieren werden und werden sich um die Jobs kloppen.

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  2. Hallo Stefan,
    vielen Dank und volle Zustimmung.
    Mit einer Ausnahme: "Weil die Blaunen inhaltlich und programmatisch sehr bald blank dastünden"
    Die stehen seit geraumer Zeit blank da, es ist nur leider völlig egal.
    Es geht nämlich gar nicht darum, ihre "Forderungen und geplanten Maßnahmen" umzusetzen, sondern um Disruption.
    Je mehr Sie scheitern, und das werden sie natürlich in jedem einzelnen Punkt, desto stärker werden sie.
    Und wer wird dann Schuld sein? Die an ihren Pfründen hängenden Altparteien? Die Ausländer? Die EU? Der Umwelt- und Klimaschutz? Das Grundgesetz? Die linksgrünversiffte woke Systempresse? Du oder ich?
    Nur ein beliebiges Beispiel: Was, wenn S-A wie angekündigt den Königsteiner Schlüssel ignoriert und keine Geflüchteten mehr aufnimmt und Einrichtungen dafür dicht macht? Die Blaunen werden das genüßlich eskalieren. Und dann? Bundeszwang, kein Bundesgeld mehr, oder marschiert die Bundeswehr ein? Ich höre die Reden der armen diskriminierten Demokraten mit der schwarzweißroten Armbinde
    schon... und die Wirkung auf den Rest des Landes und die nächsten Wahlergebnisse. Und dabei ist es völlig egal, ob sie Menschen aufnehmen müssen oder nicht. Übertrage das gerne auf jedes andere Politikfeld.
    Ich befürchte, wir haben gestern den Anfang vom Ende der Zivilisation in Deutschland erlebt.
    (Oh, im Übrigen bin ich der Meinung, dass die AfD verboten gehört.)

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  3. Oh, sorry, doch noch eine zweite Sache:

    Erinnert sich noch jemand an den "Heidemord" (Simonis) vor 20 Jahren in Schleswig-Holstein?
    Einige wenige Parteimitglieder, die aus welchen Gründen auch immer in der geheimen Wahl anders abstimmen, als erwartet würden mich bei der CDU nicht überraschen.

    Ich fürchte, die Frage ist nicht, ob Siegmund gewählt werden wird, sondern eher, ob er das überhaupt will.
    Wieviel gechillter wäre es, dabei zuzusehen wie die vier völlig gegensätzlichen Parteien (ach ja und die BSW-Clowns) versuchen, irgendetwas gebacken zu kriegen?

    Da muss er nur dann und wann reinpöbeln und irgendwas kaputtmachen, und es wird sich schön zeigen, dass Demokratie und Gedöns nicht funktioniert.
    Und nach sehr kurzer Zeit könnte er dann bei Neuwahlen die absolute Mehrheit holen.

    Hatten wir schon mal. Hab ich im Geschichtsbuch gelesen.

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