Montag, 30. Juli 2012

Halbkritisches zu Olympia


Also Olympia. Natürlich kann man eine Menge Kritisches über die Olympischen Spiele sagen und sich abwenden mit den Worten: "Guck' ich nicht!" Gern wird beklagt, dass der Geist des Gründers, Pierre de Coubertin, längst verflogen ist und einer ungehemmten Kommerzialisierung Platz gemacht hat. Das kann man, wie gesagt beklagen, aber man sollte es sich gut überlegen. Denn die Spiele sind ursprünglich aus dem Gedanken entstanden, die Jugend der Welt für den imperialistischen Überlebenskampf zu stählen. Dann doch lieber Kommerz. Man kann sich auch anders seinen Spaß machen: Zum Beispiel kann man mitzählen, welche zusätzlichen Disziplinen diesmal von Chinesen geentert werden und hochrechnen, wie viele Olympiaden es noch dauern wird, bis bei ausnahmslos allen Siegerehrungen drei rote Fahnen mit gelben Sternen gehisst werden und alle anderen teilnehmenden Nationen das ganze aus Frust boykottieren.

Ferner kann man genervt sein vom patzigen Medailleneinfordern der Medien, von der "Versager!"-Propaganda vornehmlich der Springerpresse, wenn die deutschen Jungs und Mädels nicht so recht liefern wollen. Oder man kann das als das nationalistische, kleingeistige Gehabe ignorieren, das es ist. Auch Dopingroulette kann ein schöner Zeitvertreib sein während der drei Wochen währenden medialen Dauerberieselung. Welche laufende, rollende oder schwimmende Apotheke auf zwei Beinen erwischt es diesmal? Welcher Reporter empört sich am dollsten darüber? Die jüngsten Enthüllungen der amerikanischen Fußballtorhüterin Hope Solo über das doch recht fröhliche Treiben im Olympischen Dorf verleihen jedenfalls dem feierlichen Bohei der Funktionäre eine pikante Note.

Eröffnungsfeiern von Olympischen Spielen können sterbenslangweilige Veranstaltungen sein. Es sei denn, man mag quasireligiöses Brimborium und ist gern stolz darauf, dass der Fackellauf und die von Richard Strauss komponierte Fanfare 1936 Weltpremiere hatten. Der Einmarsch der Athleten mag für die Beteiligten ein tolles Erlebnis sein, für Zuschauer gerät das leicht zur argen Geduldsprobe. Also habe ich das auch dieses Mal nicht angeschaut und hatte Besseres zu tun. Dieses eine Mal aber scheine ich etwas verpasst zu haben. Den Ausschnitten zufolge hat Regisseur Danny Boyle (Trainspotting, 28 Days Later, Slumdog Millionaire), der mit der Inszenierung beauftragt war, sich einige schlaue Gedanken gemacht. Dass der Mann Humor hat, ist bekannt. Wie er es aber geschafft hat, auch direkte politische Seitenhiebe unterzubringen, bleibt sein Geheimnis.

Der britische Humor ist berühmt-berüchtigt und gilt gemeinhin als ätzend und sarkastisch. Das mag stimmen, aber das ist er nicht allein. Britischer Humor dient vor allem der Pathosvermeidung und beinhaltet eine Menge Selbstironie. Immer, wenn es ganz heilig und erhaben wird, kann man davon ausgehen, dass irgendwo jemand einen Witz reißt und den furchtbar Ergriffenen in die Suppe spuckt. So war es möglich, dass bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele kurz die Sex Pistols auftauchen, die 1976 zum silbernen Thronjubiläum Queen auf facist regime reimten.

Apropos Queen: Diese sehr britische Fähigkeit zur Selbstironie ließ wohl auch die Königin zustimmen, bei einem kurzen Einspielfilm mitzumachen, in dem sie von einem gewissen Mr. Bond abgeholt wird. Der ist im Film nicht nur schwer genervt von der Warterei, sondern macht auch den Eindruck, als würde er den um seine Beine tollenden königlichen Corgis am liebsten einen kräftigen Tritt verpassen. Unterwürfigkeit sieht anders aus. Auch der Premierminister bekam indirekt sein Fett ab. Denn David Cameron ist gerade dabei, unter anderem die nationale Gesundheitsversorgung NHS (National Health Service) kaputtzukürzen. Ihm rieb Boyle bei der Feier eben jenen NHS als eine der wichtigsten zivilisatorischen Errungenschaften des 20 Jahrhunderts unter die Nase.

Erfrischend, dass Boyle offensichtlich klar gewesen ist, dass so eine Veranstaltung schnell die Zähigkeit einer nordkoreanischer Jubelveranstaltungen annimmt, wenn alles nur strahlend schön und eiapopeia ist. Und deswegen muss unbedingt eine Prise Salz in den Kuchen. Wie schafft man es, in einer olympischen Eröffnungsfeier unterzubringen, dass die Geschichte des Gastgeberlandes nicht immer eine glänzende war, sondern durchaus ihre Schattenseiten hatte? Boyles Schlüssel hieß Jerusalem, eine inoffzielle Nationalhymne des Landes.

God Save The Queen ist zwar die offizielle Hymne, ruft aber bei Gegnern der Monarchie regelmäßig Krämpfe hervor. Rule, Britannia! ist vor allem in Royal-Navy-affinen Kreisen beliebt und erinnert, wie Land Of Hope And Glory, einseitig an vergangene, koloniale Herrlichkeit. Jerusalem aber, die Vertonung des Gedichtes And did those feet in ancient time von William Blake, mögen alle, von Sozialisten und Frauenrechtlerinnen bis hin zu strammsten Tory-Parteigängern. Es mag ein Rätsel sein warum dieses Lied von fast allen so inbrünstig mitgesungen wird, obwohl es von stark religiösem Inhalt ist (Blake glaubte wohl an die Legende, dass Jesus Christus mal in Glastonbury war).

Weil es die Schattenseiten des Lebens und des Landes nicht ausklammert. Weil nicht nur vom "green and pleasant land" die Rede ist, sondern auch vom Elend der "dark satanic mills" der Industrialisierung. Und weil es darum geht, in schlimmen Zeiten einen geraden Rücken zu behalten. 1916 von Hubert Parry während des ersten Weltkrieges vertont, als die Wehrpflicht wieder eingeführt und eine ganze Generation junger Männer in das Schlachthaus der Front gejagt wurde, geriet es schnell zum Ausdruck britischen Durchhaltewillens und der Selbstvergewisserung. Übrigens ist im Text ist vom "Chariot of Fire" die Rede. Chariots Of Fire ist der Titel des Films, zu dem Vangelis die bekannte Musik lieferte, die in London vor jeder Siegerehrung gespielt wird. Schlau gedacht, muss ich sagen.

Noch etwas verleiht Olympischen Spielen einen gewissen Reiz: Die so genannten Randsportarten. Wann werden sonst zum Beispiel Schießwettbewerbe live zur besten Sendezeit übertragen? Ich bin alles andere als ein Waffenfanatiker und mir käme im Leben kein Schießeisen ins Haus. Doch gibt es kaum eine schönere Antithese zum Höherschnellerweitermehrleistung!, zum Imperativ der perfekt gestählten Körper als Wurftaubenschießen. Dort stehen teils recht wamperte Gestalten, größtenteils noch wirkliche Amateure, in der Gegend herum und piffpaffen höchst entschleunigt mit antik aussehenden Schrotflinten auf Keramikobjekte. Oder Bogenschießen. Wer schon einmal versucht hat, mit so einem Gerät eine Scheibe auf zehn Meter auch nur annähernd zu treffen, weiß, dass das kein Sport für hyperaktive Zappelphillips und übermotivierte Leistungsfanatiker ist, sondern eine Übung in Ausgeglichenheit und innerer Ruhe. Wann kriegt man das sonst zu sehen?


2 Kommentare:

  1. Hm, das mit dem ursprünglichen Geist (oder Zweck) der modernen olympischen Spiele ist so eine Sache. Klar ist Kommerz dem Stählen der Jugend für den imperialistischen Überlebenskampf vorzuziehen. Zumal der letztere nicht im Turmspringen, Kunstturnen oder Tanzen ausgetragen werden dürfte. Naja, Speer- und Hammerwerfen könnten da nützlich sein. Immerhin versinkt Deutschland nicht wieder in einem Meer aus schwarzrotgoldenen Fähnchen und Bierdosen wie bei der EM...

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  2. Hihi, - Klasse.
    Also ich, - mag besonders gerne Symboliken, - wenn sie
    schief gehen. Das hat sowas ..... :-))

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