Samstag, 22. Februar 2014

Endlich! Deutsche nicht mehr sauber


Aus. Vorbei. Endlich. Die deutschen Sportler sind nicht mehr per se sauber. Die positive Dopingprobe der Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle - selbstverständlich nur ein Einzelfall, wie hektisch betont wird - sollte das meist unterschwellig verbreitete, patriotische Journalistenmärchen beendet haben, nach dem 'unsere' Jungs und Mädels bei Olympia und anderen Großereignissen andauernd gegen eine Welt aus pharmakologisch optimierten Cyborgs antreten müssten. Alles Schlampen außer der deutschen Mutti. Auch so kann man sich Niederlagen schön reden.

Zu Zeiten des Kalten Krieges wurde im Westen eifrig an der Legende gestrickt, im Leistungssport träten saubere, rotwangige, bundesrepublikanische Vereinsamateure gegen staatlich aufgespritzte Profisportroboter aus der DDR an und konnten daher eigentlich nur verlieren. So wurde jede Goldmedaille, die man dem bösen östlichen Sportimperium abtrotzte, als kleiner Sieg Davids gegen Goliath befeiert. Das war schon damals so falsch wie verlogen. Dass auch in Westdeutschland systematisch gedopt wurde, ist mittlerweile gut dokumentiert. Die gesamtdeutsche Sportberichterstattung indes hat dieses alte Narrativ einfach übernommen und auf das Muster Deutschland gegen die gedopte Welt übertragen. Was nur wenige bemerkt zu haben scheinen: Ob gedopt wird, hängt nicht von der Nationalität ab, sondern allein davon, wie spektakulär und vor allem wie lukrativ eine Sportart ist.

Nicht, dass zum ersten Mal jemand unangenehm aufgefallen wäre. Als der bis zuletzt hartnäckig leugnende Jan Ullrich schließlich doch erwischt wurde, hatte das kaum Signalwirkung, weil zu dem Zeitpunkt das Image des Profiradsports schon so angekratzt war, dass man den rollenden Apotheken eh jede Sauerei zutraute. Bei Sachenbacher-Stehle aber dürfte der Fall ein wenig anders liegen, denn es geht um Biathlon, eine der heiligen Kühe hiesiger Sportfans. Weiß der Geier, warum. Vielleicht kommen bei den Fans ja irgendwelche atavistischen Urinstinke hoch und sie fühlen sich an Zeiten erinnert, in denen der nordische Naturmensch im Winter noch nicht einfach zum nächsten Aldi stapfen konnte, sondern auf rohen Brettern selbst in den verschneiten Wald aufbrechen musste, um für das Abendessen zu sorgen.

In sportlicher Hinsicht war Biathlon ursprünglich ein leicht skurril anmutender Vorführbettbewerb, bei dem uniformierte Gebirgsjäger von der Armee ihr Können mit Ski und Schießgewehr demonstrierten. In den letzten zwanzig Jahren hat die Kombination aus Skilanglauf und Rumgeballer eine rasante Entwicklung zum geräuschvollen Massenevent genommen. Die hochmodernen Arenen in Ruhpolding und Oberhof platzen beim Weltcup und bei internationalen Turnieren aus allen Nähten, es geht zu wie in der Schalker Nordkurve beim Heimspiel und nicht wenige der Sportler sind als Werbeträger bestens im Geschäft. Apropos Nordkurve: Es strömen so viele Menschen zum Schneerutschen und Scheibenschießen, dass einmal im Jahr auch so etablierte Wintersportzentren wie die Gelsenkirchener Schalke-Arena und die Düsseldorfer Rheinpromenade mit Kunstschnee geflutet werden. Oleee-oleoleoleee!

Mitverantwortlich für den deutschen Biathlonboom ist übrigens ein gewisser Peter Angerer. Der holte 1984 in Sarajevo völlig überraschend Gold über 20 Kilometer. 1986 wurde er positiv auf Testosteron getestet und für zwei Jahre gesperrt. Im kollektiven Gedächtnis geblieben aber ist seine Goldmedaille. Weil das so ist, wird es auch nicht helfen, den Athletenurin einzufrieren, um ihn zehn Jahre lang jederzeit auftauen und mit neuen Analysemethoden scannen zu können. Man verspricht sich eine gewisse abschreckende Wirkung davon. Wird nur kaum funktionieren, denn wenn ein paar Jahre später doch mal eine positive Probe publik wird, sind Staatskohle sowie Preis- und Sponsorengelder längst geflossen und die demütigende Rückgabe der Medaillen wird, im Gegensatz zu ihrer Verleihung, vornehm diskret abgewickelt.

Mit populären Sportarten ist Geld zu machen. Viel Geld. Dadurch ist das hehre olympische Motto vom Dabeisein, das alles sei, längst zur Lachnummer geworden. In Wahrheit geht es um den Medaillenspiegel, auch wenn pflichtschuldigst anderes behauptet wird. Medaillen sind die Währung, mit der sich Förderung und Investitionen kaufen lassen. Das erhöht den Druck auf die Athleten, jenseits des persönlichen Ehrgeizes Siege oder zumindest hohe Platzierungen abliefern zu müssen, auf dass der Rubel weiter rolle. Wurde im Profisport früher alles der Politik unterworfen, so unterliegt jetzt alles der kapitalistischen Verwertungslogik. Erfolgreiche Profisportler sind vor allem Geldmaschinen, die maximalen Profit abzuwerfen haben. Gegen Doping wird vor allem auf moralischer Ebene argumentiert. Damit, dass der Wettbewerb gewahrt bleiben müsse.

Wer so redet, sitzt dem populären Missverständnis auf, im Rattenrennen des ungebremsten Turbokapitalismus herrsche freier Wettbewerb. Kapitalismus bedeutet aber nicht nur Abwesenheit von Moral, sondern auch, dass wer einmal oben ist, alles tun wird, um allzuviel Wettbewerb möglichst zu verhindern. Von gewinnbringenden Sportlern bzw. deren Betreuern zu erwarten, um des ehrenvollen Wettkampfes willen die Spritze bitte im Schrank zu lassen, ist daher in etwa so sinnvoll wie einen Laden wie Amazon allein mit dem Hinweis auf die Fairness im freien Wettbewerb dazu bewegen zu wollen, doch bitte, bitte nicht jedes sich bietende Steuerschlupfloch auszunutzen. Oder von Modeketten zu erwarten, freiwillig auf einen Teil ihrer Gewinne zu verzichten, um davon die Näherinnen in Bangladesh halbwegs ordentlich zu bezahlen.

Der einzige Weg, Doping wirksam zu bekämpfen, wäre, jegliches Geld aus dem Sport zu entfernen. Möge sich ein jeder die Wahrscheinlichkeit ausrechnen, mit der das passieren wird. So lange das nicht der Fall ist, gilt mit Brecht: Glotzt nicht so romantisch. Und seid nicht immer so wahnsinnig überrascht, wenn es wieder einmal einen erwischt. Vor allem aber: Wundert euch nie wieder, wieso euch ausgerechnet eine junge bayerische Blondine namens Magdalena Neuner eure überhöhte Stromrechnung schmackhaft macht.



2 Kommentare:

  1. Auch für Sportler gilt die Unschuldsvermutung, das ist soweit okay. Was sich tatsächlich ändern muss ist die mediale Begleitung der überführten Sportler. Hier sollte man eben nicht von Einzelfällen sprechen, am besten noch von unschuldigen Opfern verseuchter chinesischer Energieriegel, oder was den Offiziellen und den Medien sonst noch so einfällt. Solange Doping verboten ist, sind die überführten Sportler Betrüger. Punkt. Was muss die gute Frau Sachenbacher auch fernostliche Energieriegel kauen? Oder z.B. der nette Langstreckenläufer Dieter Baumann, dem man irgendwas in die Zahnpasta gemischt hatte, oder die Reiterin Isabelle Werth, bzw. ihr Pferd, dem irgendeine verbotene Medizin verabreicht wurde, oder, oder, oder ... Da wäre auch noch der Fall Claudia Pechstein, die seinerzeit wegen Blutdoping gesperrt wurde, hinterher aber nachweisen konnte, dass sie an Kugelzellenanämie leidet und ihre Blutwerte deshalb so aussahen, wie sie nun mal aussahen.

    Vielleicht sollte man auf dieses ganze Wir-sind-die-Guten verzichten und das Doping freigeben. Sind alles erwachsene Menschen und wenn sie ihre Körper ruinieren wollen sollen sie das doch tun. Spätestens an diesem Punkt wird sich zeigen wie sehr Zuschauer, Sponsoren und Wirtschaft am "Sport" hängen.

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  2. Jede Menge Doppelmoral , kann ich nur zustimmen. Als ob es die Spatzen nicht längst von den Dächern pfeiffen würden , daß an der Spitze vermutlich flächendeckend gedopt wird , zumindest in Ausdauersportarten .
    Daher ist es auch ein wenig unfair , nur auf die Deutschen loszugehen , andere Nationen sind auch nicht besser.
    Überhaupt , die Wada , eine reine Witzveranstaltung , wenn Dopingmittel erfunden werden , ist es auch - mit Verzögerung - möglich , Nachweise zu finden , beides ist schließlich menschengemacht.
    Stattdessen werden die an den Pranger gestellt , die dumm genug sind , sich erwischen zu lassen und die gewiefteren kommen durch , eine höchst fragwürdige Vorgehensweise.

    "Auch für Sportler gilt die Unschuldsvermutung"

    Genau das ist eben nicht der Fall , sehr maue Indizien reichen für einen Schuldspruch , eben weil die Wada gar nicht erst versucht , brauchbare Tests zu entwickeln und weil die ganze Dopingbekämpfung zu nahe dran ist an einer Hexenjagd , Magdalena Neuner ist ein Paradebeispiel , was haben die Journalisten nicht für einen Affen um sie gemacht , hochnotpeinlich , das , aber wehe , sie erwischen eine Sachenbacher - Stehle , dann ist diese für den Untergang des Biathlon verantwortlich .

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