Freitag, 13. Februar 2015

Sissi mit Handschellen


Unter der (vernichtenden) Kritik über den Film 'Fifty Shades Of Grey' im Guardian schrieb eine Kommentatorin, sie sei seit über 15 Jahren in der Fetisch-/BDSM-Szene unterwegs und niemals, nicht ein einziges Mal, sei ihr dort jemand begegnet, der versucht habe, einen Menschen, der nicht von sich aus Zustimmung, Interesse oder zumindest Neugier signalisiert habe, zu solchen Praktiken zu bekehren bzw. dazu zu manipulieren. Wer so etwas täte, betriebe nichts anderes als Missbrauch.

Weil ich mich in der Lackundlederszene mangels Neigung ungefähr so gut auskenne wie in der Antarktis, kann ich natürlich nicht beurteilen, ob das dort Konsens ist oder eher eine Einzelmeinung. Sollte dieses Statement aber weitgehend repräsentativ sein, dann ist das nicht nur ziemlich sympathisch, sondern würde ganz nebenbei auch offenbaren, dass 'Fifty Shades Of Grey' mit der BDSM-Szene ungefähr so viel zu tun hat wie etwa die japanische Anime-Serie 'Kickers' mit einem echten Fußballspiel.

In Sachen Glaubwürdigkeit wäre der Fall damit eigentlich so weit klar: Der BDSM-Kram ist mehr oder weniger Kulisse und wer wirklich etwas erfahren möchte, ist sicher gut beraten, zu anderem zu greifen. Christian 'Ich! F***e…! Hart!' Grey, passionierter Romantiker und männliche Hauptfigur, ist demnach, wenngleich sagenhaft reich, bloß ein manipulatives Arsch und hat nichts begriffen vom Spiel mit Unterwerfung und Unterworfenwerden. Außerdem, so ist zu hören, hat er im Film keinen Penis. Gut, das liegt natürlich daran, dass es sich um eine amerikanische Produktion handelt, die auf ein Massenpublikum abzielt, verleiht der Sache andererseits auch einen gewissen ironischen Charme, wie ich finde.

Was also bleibt noch übrig, wenn man Fesselfirlefanz und Züchtigungszinnober subtrahiert von der Liebesgeschichte? Ein stinknormaler, uröder Cinderella-Sozialporno wie tausend andere. Ana, Literaturstudentin mit unreichem Hintergrund, soll einen sagenhaft reichen Tycoon interviewen, ist ihm bald verfallen (man kann an so einer Stelle übrigens fragen, ob sie ihm in ähnlicher Weise verfallen würde, wenn er kein sagenhaft reicher Tycoon, sondern, sagen wir, Busfahrer bei den städtischen Verkehrsbetrieben wäre - umgekehrt kann man spekulieren, wie viel geringer die Faszination der Dame für den solventen Pinkel ausfiele, wenn er keinen aufregenden, exotischen Sexualpraktiken anhinge, sondern nur Briefmarken sammelte oder so) und findet durch ihn zu ihrer wahren Bestimmung. In etwa wie 'Sissi' eben, nur mit Handschellen.

Klar, Kitsch und Triviales hat es schon immer gegeben und eigentlich ist das auch kein Problem. Nur ist es eben kein wirklich schöner Gedanke, in einer Welt leben zu müssen, deren kommerziell erfolgreichste Literatin ihre wichtigsten Protagonistin zwecks Simulation von Gebildetsein aufgeblasenen Kokolores in Ich-Form ventilieren lässt wie: "Mein Unterbewusstsein fächert sich hektisch Luft zu, während meine innere Göttin in einem lustvollen Rhythmus vor Erregung zu zucken beginnt". Die fortschreitende Digitalisierung des Mediums Buch hat ja durchaus auch ihre positiven Seiten. So kann man sich zum Beispiel mit dem Gedanken trösten, dass für so was in Zukunft wohl weniger Bäume gefällt werden.

Vielleicht aber tut man einem der größten popkulturellen Phänomene der letzten Jahre auch bitter unrecht, wenn man es derart rüde abkanzelt. Möglicherweise steckt wirklich mehr dahinter, ja, eventuell rührt die Faszination daher, dass die Figur des Christan Grey in Wahrheit eine clevere Allegorie auf unsere Zeit ist, wie die kluge Hadley Freeman meint:

"Fifty Shades' unwitting cleverness came from literalising this: the awareness that capitalism screws us all, and that a lot of people get off on that."

Wäre das so, dann sagte der Erfolg von Buch und Film eine Menge Unangenehmes aus über die Welt im 21. Jahrhundert. Wie dem auch sei: Wer unter uns Älteren hätte sich so zirka 1990 vorstellen können, dass eine flache Schmonzette wie 'Pretty Woman', gemessen an anderem, einmal als ziemlich straighter, ehrlicher Film durchgehen würde?


5 Kommentare:

  1. Irgendwann wird alles kommerzialisiert , jetzt eben die SM-Szene.

    Was die Kommentatorin sagt , stimmt .Ohne die Szene näher zu kennen , das ist einfach logisch , wie sonst soll eine solche Szene funktionieren?

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  2. Hallo Herr Rose,

    ich bin schon etwas länger regelmäßige Leserin bei Ihnen (habe Sie auch abonniert) und ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet zu dem Thema Hype um den größten Schund den ersten Kommentar schreibe.

    Ich muss der Meinung der bei Ihnen verlinkten Kommentatorin Recht geben. Ich „kenne“ die Szene auch nicht aktiv, jedoch jemanden, der dort verkehrt und das seit über zwanzig Jahren. Das sind oft auch im „normalen“ Leben und alltäglichem Umgang sehr respektvolle Menschen, die die Grenzen ihrer Mitmenschen zu schätzen wissen. Ein Mr Grey gälte da als Arschloch und bekäme die Meinung gegeigt. Müsse eventuell sogar mit Anzeige rechnen (wurde mir gesagt).

    Das Machwerk von James wird in der Szene extrem kritisch gesehen (ich las es nicht, die Person beklagte sich jedoch bei mir, dass die Szene in den Dreck gezogen würde und er sich dauernd rechtfertigen müsse). Die Grundsätze für verantwortungsvollen Verkehr in dieser Szene lauten neben gegenseitigem Einvernehmen, Codewörtern (für den Abbruch, falls es einer beteiligten Person zu hart wird) und gegenseitigem Respekt, safe, sane, sober. Was das Machwerk wohl in keinem Punkt erfüllt. (Man muss sich bei "sane" fragen in wie weit eine 21-jährige, sexuell völlig unerfahrene Frau, die also in dem Bereich, geht man nach der Psychologie, noch Mankos in Persönlichkeitsentwicklung hat als dem Mann gleichwertig gesehen kann, da kann es gar kein Einvernehmen, das beide gleichermaßen verstehen, geben.)

    Wenn es wirklich so viele Frauen gibt die entgegen ihrer Würde behandelt werden wollen, wenn der Mann nur reich ist, dann muss man sich auch über das Selbstbild von (den von Ihnen schon mal angesprochenen) Pick Up Artists nicht wundern. Die müssen sich dann ja wirklich unwiderstehlich finden.

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  3. Eine wissenschaftliche Studie* führte mittels Analyse mehrerer dutzend in Hollywood produzierter Liebesfilme zu dem Befund:
    »Die Darstellung in Hollywood-Filmen unterscheidet sich mitunter erheblich von der Realität im wirklichen Leben.«
    Besonders überraschen muss dieses Forschungsergebnis eigentlich nicht ; )

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    1. Puh, das bringt mein Weltbild schon ein wenig ins Bröseln. Andererseits könnte das ein Grund sein, warum die Hochzeit in solchen Filmen immer am Ende steht und so selten gezeigt wird, was danach kommt.
      @Anonym: Wenn die Pickup-Fuzzis sich auf entsprechend oberflächliche Frauen beschränkten, wäre auch alles halb so wild, nicht wahr? ;-) @Art: Okay, das hat natürlich eine gewisse Logik.

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    2. Ja, wie schon Herr Tucholsky richtig erkannte:
      »Es wird nach einem Happy End
      im Film gewöhnlich abgeblend’t.«

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