Sonntag, 24. Juli 2016

Die Einzeltäterin


"Auch lesbische, schwarze Behinderte können ätzend sein." (Funny van Dannen)

Zu den zählebigsten Missverständnissen gehört der Glaube, es ginge, wenn erst einmal diskriminierte, marginalisierte oder sonstwie -ierte Minderheiten das Sagen hätten, besser, friedlicher, herzlicher oder mitmenschlicher zu auf der Welt. Weil Minderheiten per se Opfer und Opfer ja wertvollere, edlere Menschen sind als die Mehrheitsverbrecher. Schön und gut, stimmt nur leider nicht. Stimmt nie, tut mir leid. Weil Nettsein nicht davon abhängt, männlich, weiblich, LGBT zu sein, keine Frage von Religion, Hautfarbe oder Migrationshintergrund ist, sondern einzig und allein davon, ein Arschloch zu sein oder nicht. Arschlöcher aber gibt es bekanntlich überall. Und die Opfernummer (Ich werde verfolgt und unterdrückt, schluchzbuhu!) beherrscht inzwischen noch der dämlichste Dorfnazi souverän.

Im Gegenteil, gerade Fürsprecher von Minderheiten sind ja meist die lauten und skrupellosen. Die am besten auf die Sahne hauen können. Empörung erzeugen, die Öffentlichkeit manipulieren. Warum sollten die, wenn sie endlich einen Chefsessel erobern oder anders an die Sonne geraten, plötzlich zu gütigen und freundlichen Menschen mutieren? Ein Klassiker auch die Behauptung, Frauen seien qua Geschlecht die besseren Chefs und überhaupt die besseren Regierenden. Wo Frauen den Laden schmissen, so wird's noch immer kolportiert, ginge es harmonischer und solidarischer, einfach netter zu als dort, wo hergelaufene Phallokraten ihr Szepter schwöngen. Frauen könnten gar nicht anders, denn sie könnten, anders als Männer, schließlich Kinder gebären und seien im Gegensatz zum Männern auch zu Gefühlen fähig.

Nun sind meine Erfahrungen vielleicht nicht maßgeblich, so aber doch anders. Ich hatte nette, fähige Chefs und musste dumme autoritäre Säcke ertragen. Ich hatte freundliche, kompetente, souveräne Chefinnen und habe unter überforderten, unsoveränen Megären gelitten, die mit ihren Befugnissen und Privilegien nicht umgehen konnten. Um die Wirrnis komplett zu machen, waren unter den Arschgeigen, männlich wie weiblich, welche, die ihren Laden am Laufen hatten und unter den Netten, männlich wie weiblich, gab es welche, die das reinste Chaos am Start hatten.

An der Uni gab es mehr als eine frauenbewegte Professorin, die berüchtigt dafür war, ihre (komplett weibliche) Mitarbeiterinnenschaft in einem fort zu terrorisieren. Einmal fragte ich in der Cafeteria die weinende Mitarbeiterin einer dieser Horrorbratzen, die von ihrer Chefin gerade aufs Fieseste heruntergeputzt worden war, warum sie sich den Scheiß noch antäte. Woraufhin sie meinte, das müsse eben aushalten, wer wolle, dass Frauen in Führungspositionen kämen, das sei bei Männern auch nicht anders, wenn nicht gar viel schlimmer. Aha. Spätestens da keimten Zweifel in mir, ob das mit dem Matriarchat wirklich so eine rundum gute Idee ist.

Wenn es stimmt, was man so sagt, dann muss auch Ex-MdB Petra Hinz (SPD) als Chefin schwer erträglich gewesen sein. Eine Cholerikerin, der Mobbing, Kontrollwahn, Rumgebrülle und hohe Fluktuation der Mitarbeiter nachgesagt wurden. Ein echter Drachen, wie es scheint. Leider scheint sie nicht bedacht zu haben, dass man sich mit solchem Gebaren Feinde macht und dass es dann erst recht keine gute Idee ist, einen nach Strich und Faden frisierten Lebenslauf vor sich herzutragen. Sollte das alles so gewesen sein, dann hat es wohl einmal die Richtige getroffen. Einer dieser raren Momente, in denen so was wie Gerechtigkeit zu herrschen scheint.

Sicher, da und dort gibt es welche die das voll ungerecht finden und Frau Hinz für das Opfer einer harten Welt halten. Weil man doch ohne Abitur und Studium keine Chance mehr hat heutzutage. Nun ja. Man kann einwenden, sie habe sich durch ihre Lügen keinen Vorteil erschlichen, da Abitur und Studium keine Voraussetzungen für ein Bundestagsmandat sind. Man kann ferner darauf verweisen, dass es auch der Exkanzler eines gebirgigen Nachbarlandes diesbezüglich nicht immer allzu genau genommen hat. Das wirklich ärgerliche an der Sache ist aber, dass die Causa Hinz wieder Wasser auf die Mühlen derer ist, die aus der um sich greifenden Demokratieverdrossenheit der Mittelschicht politisches Kapital schlagen wollen und einfache Lösungen in Aussicht stellen.

Nur darf es nicht dabei bleiben, die Lady zu exorzieren. Interessanter scheint mir doch die Frage zu sein, was das eigentlich für Strukturen sind, in denen so was über fast drei Jahrzehnte möglich war. Eine Doktorarbeit zu faken, lässt sich, entsprechende Verbindungen vorausgesetzt, informell und im vergleichsweise kleinen Kreise bewerkstelligen. Im Fall von Frau Hinz aber will keiner ihrer Weggefährten und Förderer aus dem Essener Ortsverband über all die Jahre etwas bemerkt haben, Frau Hinz sei quasi Einzeltäterin gewesen? Schwer zu glauben, das.




4 Kommentare:

  1. Chuzpe ist nicht beschränkt auf die Weiber.

    Ohne die Mühe der Vollständigkeit: aus Funk Fernsehen und Erzählungen weiß ich von verschiedenen Hochstaplern, die allesamt irgendwie durch Unprofessionalität auffielen. (Lustigstes Beispiel, ein selbsternannter Mediziner flog auf, weil seine Unterschrift leserlich war.)

    Was den Fall Hinz kennzeichnet: ihre Unfähigkeit wurde mit Rücksicht auf ihr Geschlecht mit überdurchschnittlicher Geduld ertragen.

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  2. Trotzdem bleibt die Kernfrage offen: bewirbt man sich als Otto/ Ottilie Normalverbraucher, müssen Qualifikationen haarklein nachgewiesen werden. O.K. – es gab mal einen ähnlichen Fall, den ich leider nur aus dem Gedächtnis zitieren kann: ein Bewerber ergatterte eine höhere Managementposition aufgrund seines Unizertifikates. Nachdem er Mist ohne Ende gebaut hatte, überprüfte man seine Qualifikation – und siehe da: es handelte sich lediglich um einige Wochenendkurse an einer NL-Uni, die als Weiterbildung für Betriebsfachwirte gedacht war. Bleibt die Frage offen: Quis custodiet ipsos custodes? Wenn Herrschaften in ober(st)en Leitungspositionen nicht einmal Abschlüsse einwerten können?

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  3. Naja,ist wie der schwäbische Spruch; "Nett ist der Bruder vom Arschloch" aber sobald man mal nicht nett ist, ist man ein Arschloch. Seitdem überleg ich mir, ob ich nun echte Arschlöcher oder nette Arschlöcher bevorzugen soll. Ich bin ein wenig am Schleudern :-)

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    1. Nun ja, echte Arschlöcher haben, im Gegensatz zu netten, den Vorteil, halbwegs ausrechenbar zu sein.

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