Freitag, 30. Juni 2017

Schmähkritik des Tages (9)


Heute: Ulli Hannemann über Superfoods und Clean Eating

"Hinter dem Begriff Superfood können sich Exoten wie Açai-Beere, Curcuma und Quinoa verbergen oder einheimische Gewächse wie Sellerie, Weizengras und Heidelbeeren. Der neueste Hype sind Hanfsamen. Praktisch kein Artikel über Hanf als Superfood kommt ohne 'aber jetzt nicht das zum Rauchen …'-nein-wie-frech-omg-lol-Gekicher aus. Noch deprimierender als alte Spießer sind wohl nur junge Spießer.

Superfood enthält meist mehrere und hochdosierte Nähr-, Wirk- und/oder Vitalstoffe: Vitamine, Proteine, Mineralien, Antioxidantien. Von Superfood – so geht die Mär der Verkäufer und die müssen es schließlich wissen –, nimmt man ab, wird gesund oder gar nicht erst krank, altert langsamer oder gar nicht. […] Das körperliche und geistige Allgemeinbefinden steigt ins Unermessliche. Schönheit, Glück, Erfolg und fetter Hammersex runden dieses Paradies auf Erden ab. […]


Webseiten, die Superfood nicht nur propagieren, sondern rein zufällig (!) auch vertreiben, reiben sich öffentlich an ihren natürlichen Feinden, den Verbraucherschutzzentralen, die Hersteller und Quacksalber abmahnen. Die Teufel der Sachkunde, so wird impliziert, hielten den Menschen gemeinsam mit Lügenpresse und Lebensmittelindustrie in Unmündigkeit gefangen. Neidische Systemschergen versperrten uns den Weg zum Licht und zur gesunden Ernährung. Außerdem kriegen wir alle Krebs, solange die simple Wahrheit 'Brokkoli statt Chemotherapie' von kriminellen Faktenfetischisten unterdrückt wird. Da wird zum Gruße schon mal sichtbar das Aluhütchen gelüftet." (Ulli Hannemann in: taz, 30.04.2017)


Anmerkung: Hannemann bringt wunderbar auf den Punkt, wobei es bei den meisten dieser Essenstrends in Wahrheit geht: Um soziale Distinktion. Im Falle des Clean Eating-Booms unter dem armseligen Clownsmützchen der Selbstoptimierung. Sie können ja gern alle in sich reinschaufeln, was sie wollen, nur sollen sie sich und anderen halt nicht einreden, damit etwas irre Gesundes oder gar Nachhaltiges zu tun. Um die Nachhaltigkeit bzw. Ökobilanz der meisten, oft in Intensivstwirtschaft erzeugten und aus Übersee herangekarrten Superfoods steht es schlecht. Angeblich wundertätige Speisen sind entweder nicht verdaulich (Chia-Samen) oder giftig (unbehandeltes Quinoa, Avocadokerne). Insgesamt dürfte die Belastung mit Schwermetallen, Pestizid- und Düngerrückständen jeglichen angenommenen gesundheitlichen Nutzen mehr als aufwiegen. Die gute Nachricht:

"Doch das Ende des Superspuks ist in Sicht. Açai wird nun auch bei Aldi angeboten und bei McDonald's wartet seit vorigem Herbst der 'Veggie Clubhouse' mit Quinoa und Paprika im Bratling auf Schizos mit Stil. Sobald deren Distinktionsdünkel gegenüber dem Imbisspöbel nicht mehr befriedigt wird, ist der Trend so gut wie beerdigt. [….]"  (Hannemann, a.a.O.)

Darauf ne große Portion Pommes speciaal. Und ne Frikandel. Dazu ne Cola.



2 Kommentare:

  1. Soziale Abgrenzung. Ja. Gibt es in vielerlei Form. Auch wird mit vegan, öko, bio etc. viel Marketing und Etikettenschwindel betrieben. Manche übertreiben auch mit ihrem Eifer und ihrem Selbstoptimierungsdrang. Soweit volle Zustimmung.

    Dennoch steht wohl außer Frage, dass es eher gesunde und eher ungesunde Lebensmittel gibt. Oder etwa nicht? Es hat schon einen Grund, warum die Deutschen in Europa zu den dicksten Menschen zählen. Und wenn ich mir anschaue, wie viele Kinder unter 10 Jahren schon extrem adipös sind, dann stimmt nun wirklich was nicht. Pommes, Chips und Cola sind hier eher Ursachen, als "Widerstands- und Trotznahrung" gegen veganer Eiferer ;-)

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    1. Nur dass diese als urgesund propagrierten Lebensmittel es eben nicht sind bzw. die Werbeaussagen kaum einhalten.
      Was die angeblich massenhafte Adipositas unter Kindern angeht, wäre ich vorsichtig. Da ist viel gelenkte Wahrnehmung im Spiel. Wenn man öfter mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, stellt man fest, dass die sichtlich Übergewichtigen nicht mehr geworden sind. Vielmehr mache ich mir vor allem bei Mädchen eher Sorgen, dass die zu dünn sind. Das scheint sich belegen zu lassen.
      Der KiGGS-Studie, einer Langzeitstudie des Robert Koch-Instituts zufolge, sind 4 % der Kinder adipös, also "fettsüchtig", doppelt so viele, gut 9 % weisen extremes, also lebensbedrohliches Untergewicht auf.
      Statisktiken zu Körpergewicht ist grundsätzlich nicht zu trauen, solange der Faktor Körpergöße nicht erwähnt wird (Deutschlands Kinder werden zwar seit Jahrzehnten immer schwerer, gleichzeitig aber auch größer).
      Vergiss bitte auch nicht, dass im Bereich Adipositas die Interessen einer milliardenschweren Industrie, von Kliniken, Lebensmittelherstellern, Pharmaherstellern, Krankenkassen, bis hin zu Sportartikelherstellern und Fitnessanbietern im Spiel sind.

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