Mittwoch, 2. August 2017

Kost alles extra


Ins Kino zu gehen ist inzwischen eine anspruchsvolle, mit zahllosen Entscheidungen gepflasterte Angelegenheit. Früher konnte man wählen zwischen Parkett bzw. Sperrsitz und Loge. Wobei 'Loge' in den meisten Provinzkinos nichts anderes hieß, als dass Plätze in den letzten Reihen 1 bis 2 Mark extra kosteten. Einem alten, nicht auszurottenden Ammenmärchen zufolge, weil man dort die beste Sicht auf die Leinwand hat. War natürlich Quatsch, in Wahrheit ging es um was anderes. Wer es als Jungspund schaffte, eine Angebetete ins Dunkel des Kinos auszuführen, investierte hier. Erstens, weil hier die Chance auf ungestörtes Rumknutschen und Fummeln bestand, da ja niemand mehr hinter einem saß, und und zweitens in der stillen Hoffnung, die Dame würde vielleicht denken: Wow, ein Logenplatz, welch ein Gentleman! Heute ist die Sache trotz moderner Technik nicht einfacher, sondern eher noch komplizierter.

Geht damit los, dass man heute im Falle eines Kinobesuchs in trauter Zweisamkeit längst nicht mehr mit zwei 0,3-Flaschen Cola und zwei mal Langnese-Eiskonfekt aus der Nummer rauskommt, sondern sich einem üppigen Catering-Angebot zu happigen Preisen gegenüber sieht. Zwei Softdrinks, die heute gern in an Putzeimer gemahnenden Gebinden gereicht werden, plus Nachos und/oder Popcorn können den Kaufpreis der eigentlichen Kinokarten mitunter locker übersteigen. Und damit das ja keinem auffällt, sind die meisten Multiplexe, so auch das hiesige, inzwischen volldigitalisiert und zeigen die meisten Filme auch in 3D. Was dann wieder extra kostet. Und zwar nicht nur für 3D, sondern es wird zusätzlich noch eine Leihgebühr für diese unförmigen Brillen erhoben. Nein, natürlich nicht. War nur Spaß. Ja gut, der Versuch desselben. Kassiert wird selbstredend wegen Investitionen reinholen und so. Weil die großen Studios die geknebelten Kinobetreiber an den Eiern haben, die gar nicht anders können. Aber fast könnte man halt auf die Idee kommen.

Das Dumme ist, dass dieser 3D-Tinnef nach meinen bisherigen Erfahrungen bislang nicht annähernd das gehalten hat, was großspurig versprochen wurde. Das beste fand ich immer noch die Haribo-Werbung vor dem Film, bei der das Gummibärchen auf mich zugeflogen kam. Die Filme selbst waren halt gewöhnliche Filme, denen man in einigen Szenen etwas künstlich aussehende Tiefe und ein paar Schockeffekte extra verpasst hatte. Nach der Hälfte war ich zumeist so genervt von der Brille, dass sich sie zwischendurch immer wieder abnahm, weil ich auch finde, dass viel an Farbintensität und Schärfe verloren geht. 3D muss nicht prinzipiell schlecht sein, im Gegenteil, da kann durchaus Spannendes entstehen. Wird nur nicht passieren, solange Filme noch sowohl in 3D als auch in 2D vorgeführt werden. Weil es so halt keine Chance gibt, eine neue, eigenständige, den Möglichkeiten der Technik entsprechende Ästhetik zu entwickeln, 3D-Filme also immer bloß optisch aufgepimpte 2D-Filme bleiben werden.

Der neueste heiße Scheiß ist jetzt Dolby AtmosTM. Haben sie im größten Kinosaal des hiesigen Multiplexes installiert. Freund P., der bis vor ein paar Jahren in einer Firma für Kinotechnik arbeitete, bekam den Pawlowschen Sabber um die Mundwinkel, als er das hörte. AtmosTM bedeutet nicht mehr 5:1- oder 7:1-Surround, sondern dass der gesamte Saal quasi mit Lautsprechern tapeziert ist. Weil Dolby Surround ja inzwischen jeder Bausparer im Wohnzimmer hat. Aber, man ahnt es, auch Filmgenuss mit AtmosTM kostet extra. Wegen Investitionen reinholen und so. Oder weil wuchernde mexikanische Kleinbauern die Maismehlpreise erhöht haben, was die Nachos teurer macht. Was dann quersubventioniert... Nein, nur Spaß.

Man hat also nicht mehr nur die Wahl zwischen Preiskategorie A, B und C, zwischen 2D oder 3D, sondern auch noch zwischen mit Atmos oder ohne. Und weil die reinen Kartenpreise selbstverständlich an verschiedenen Tagen und zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich hoch sind, wirkt das Tarifsystem der Deutschen Bahn gegen dasjenige des örtlichen Multiplexes so transparent und einleuchtend wie 2 + 2 = 4.


Doch genug des billigen kulturpessimistischen Gebarmes, eigentlich sollte es um etwas anderes gehen. Ich habe tatsächlich mein Vorhaben, den Film 'Valerian - die Stadt der tausend Planeten' von Luc Besson anzusehen, in die Tat umzusetzen. Ohne 3D und AtmosTM. Movie 101 eben, die altmodische Tour. Und, wie war's? Spoilern will ich hier nicht. Die Geschichte selbst ist aber auch gar nicht so anspruchsvoll. Ich sag's mal so: Wem 'Das Fünfte Element' gefallen hat, wird auch hier aufs Beste bedient. Ein manchmal vielleicht bemühter, insgesamt aber durchaus ambitionierter Versuch, den üblichen amerikanischen Science-Fiction-Spektakeln auf gewohntem optischen Niveau etwas mit ein wenig Charme, Ästhetik und Hintersinn entgegenzusetzen. Dass das ganze manchmal am Rande einer Freakshow entlanghangelt - hey, wo Besson draufsteht, ist eben Besson drin. Ladies and Gentlemen, the verdict:

The good:
  • Cara Delevigne als Laureline. Ehrlich, die Frau kann was. Hätte ich so nicht erwartet.
  • Die überwiegend gelungenen Gastauftritte von Rhianna und Herbie Hancock.
  • Das ganze Produktionsdesign. 'Liebe zum Detail' ist kein Ausdruck dafür! Es gibt eine Menge zu sehen.
The bad:
  • Die Holzhammer-Metapher mit dem Apollo-Raumschiff.
  • Das andauernde 'Wir sind ein total professionelles, dabei voll emanzipiertes Paar auf Augenhöhe'-Herumgezicke der beiden Hauptfiguren. Nach dem fünften Mal hatte ich's dann mal kapiert.
The ugly:
  • Dane DeHaan - also bitte! In 'Das Fünfte Element' musste ein talentiertes Ex-Model wie Milla Jovovich noch gegen einen dauerverkaterten Bruce Willis anspielen. DeHaan ist sicher ein ambitionierter Schauspieler und ein netter junger Mann, ich will ihm bestimmt nichts Böses. Aber was Besson geritten hat, ihn als Valerian zu besetzen, erschließt sich nicht. Vielleicht wollte der alte Charmeur Mme. Delevigne ja ermöglichen, besonders zu glänzen, indem er ihr einen Partner mit der Ausdruckskraft eines trockenen Brotes an die Seite stellte. Man sollte das aber nicht übertreiben, denn das wirkt auf Dauer wie Welpen treten.

Man kann also herumkritteln, wenn man mag. Insgesamt aber stören die Schwächen nicht gar so sehr, sodass ich mich gut amüsiert und mich vor allem nicht gelangweilt habe, obwohl der Film länger als zwei Stunden geht. Was etwas heißen will, denn ich reagiere mit zunehmendem Alter leicht gereizt, wenn ich das Gefühl habe, jemand will meine kostbarer werdende Zeit klauen. Von "Eurotrash", wie in diversen amerikanischen Kritiken angeblich zu lesen war, habe ich nichts bemerkt. Es waren etliche Kinder anwesend (Nachmittagsvorstellung), die hinterher allesamt nicht den Eindruck machten, nachhaltig traumatisiert zu sein.




2 Kommentare:

  1. „(...) sondern sich einem üppigen Catering-Angebot zu happigen Preisen gegenüber sieht“ – Problemlösung: bring dir eine Wurststulle mit. (Gern geschehen. Da nicht für. Immer.)

    Also ich war auch im Valerian, aber mir haben sie die Brille für vertretbare anderthalb Euronen verkauft. Liegt jetzt im Auto.

    Das Problem mit 3D ist die Tiefenunschärfe: die Parallaxen suggerieren Raumtiefe, aber das menschliche Auge hat eine bessere Tiefenschärfe als das Kamera-Objektiv. Wenn also der Schärfenassistent zwischen nah und fern umschaltet (beliebtes Vorgehen bei Dialogen etc.), dann wird es auf der zweidimensionalen Ebene regelrecht goutiert, im dreidimensionalen Raum ist es jedoch naturfremd und stört.

    Der ganze 3D-Hype wird verfliegen, wenn das letzte Kino digitalisiert ist (weil: Ziel erreicht).

    „Valerian“ war also in 3D. Abgesehen von einigen Unscharf-Spielen (siehe oben) weitgehend schmerzfrei.

    Die Story ist mir aus den Comics (französisch!) seinerzeit geläufig, aber die Bilderpracht! Oh Mann! Zirruswolken in den Farben der Trikolore! Das entschädigt für alles! Und natürlich David Bowie bei der Intro-Musik.

    So muss Science Fiction. Voll gut.

    Ah. Vergessen: guter Blogpost, weiter so.

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    1. Danke. Trikolorewolken - wie gesagt, es gibt eine Menge zu sehen...

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