Mittwoch, 2. Oktober 2019

Letzte Dinge, neue Welt


Oper, das war für mich noch mehr etwas für Scheintote als die sonstige so genannte 'klassische' oder E-Musik. Auch als ich letztere schon dank des großen Lenny Bernstein längst für mich entdeckt hatte. So faszinierend ich es fand, was Orchester trieben, das affektierte, schrille Gesinge konnte mir gestohlen bleiben. In die Oper gingen Menschen, die wichtig tun und repräsentieren wollten. Adabeis. Reiche, juwelenbehangene Witwen in teuren Pelzmänteln, die sich für den Opernabend mitunter, so war zu hören, einen halb so alten schwulen Herrn als Begleitung mieteten. Sah gut aus, konnte geistvoll parlieren übers Gehörte und baggerte nach der Vorstellung garantiert nicht rum.

(Bitte keine pikierten Zurechtweisungen von wegen, das seien doch alles bloß doofe Stereotype und so. Weiß ich. Aber so dachte ich damals als unreifer Mensch eben. Tue ich längst nicht mehr.) Die Steigerung von Oper waren nur noch Liederabende. Hatte ich mich einmal mitschleppen lassen. In der Oper spielte wenigstens noch ein Orchester, aber bei Kunstliedern klimperte bloß ein Klavier. Laaangweilig! Dann aber wurde alles anders. Ich lernte, dass es auch Orchesterlieder gibt. Und eine Sopranistin namens Jessye Norman. Und ich hörte das hier:

(Video im erweiterten Datenschutzmodus eingebettet. Anklicken generiert keine Cookies.)

(Eine schöne Interpretation des zugrundeliegenden Eichendorff-Gedichts ist übrigens hier zu finden.)

Konnte es so was geben? Da ging es um alles, um letzte Dinge. Ermattung, Trauer und Todesschatten waren da zu hören. Aber gleichzeitig auch Frieden und Hoffnung. Denn da war diese unglaubliche, leuchtende, nie gehörte Stimme. Mühelos in den Höhen, doch immer samtig-weich, dunkel timbriert, daher nie durchdringend. Endlose Bögen mit Leichtigkeit nehmend. Musste diese Frau nicht irgendwann mal atmen? Ich war komplett auf links gedreht. Durchgeschüttelt. Angerührt. Sofort am nächsten Tag kaufte ich die CD und danach noch etliche andere. Richard Strauss' 'Vier letzte Lieder' mit ihr und dem Gewandhausorchester unter Kurt Masur aber hüte ich wie einen Schatz.

Obwohl sie in letzter Zeit kaum noch in Erscheinung trat, war es traurig zu erfahren, dass Jessye Norman, die mir damals eine neue, faszinierende Welt eröffnet hat, am 30. September 2019, im Alter von nur 74 Jahren in New York verstorben ist. Mit Sicherheit gehört sie in eine Reihe mit den allergrößten. Einer Callas, einer Nilsson, einer Gruberová, einer Bartoli. Wobei keine der Genannten an Normans unendliche Vielseitigkeit bis hin zum Jazz heranreicht. An ihr politisches und soziales Engangement wohl auch nicht.

Und noch etwas ist mit ihr gestorben. Der Typus der ausladenden, raumgreifenden Primadonna alten Schlages, der sprichwörtlichen Brünnhilde, wie sie früher die Regel war. (Uncharmanter auch 'Wuchtbrumme' genannt.) Wer allein mit seiner Stimme, ohne technische Hilfsmittel die größten Häuser ausfüllen wollte, hieß es, bräuchte eben einen gewissen Resonanzraum. Inzwischen hat man längst raus, dass es zum Singen, neben dem von der Natur mitgegebenen Stimmapparat, vor allem Technik braucht. Flankenatmung, Zwerchfellstütze, den Schädel zum Schwingen bringen. Size doesn't matter. Ist auch keine wirklich neue Erkenntnis. Schon Maria Callas hatte sich einst von Walküren- auf Audrey Hepburn-Format herunterdiätet und ihre Karriere ohne stimmliche Einbußen weiterbetrieben.

Und so sind die Opernbühnen inzwischen oft bevölkert von drahtigen, ernährungsoptimierten, fitnessgestählten Gesangssportlerinnen, neben denen auch eine Cecilia Bartoli oder Anna Netrebko einen, sagen wir, eher mütterlichen Charme verströmen. Wer mag, kann das für einen Fortschritt halten.




10 Kommentare:

  1. Ich kanne sie nicht, aber bei der Aufzählung ist mir sofort Montserrat Caballé eingefallen - die mir aber nur deshalb ein Begriff war, weil sie zusammen mit Freddie Mercury diese wunderschöne Aufnahme gesungen hat - fast eine kleine Oper. Bei "Barcelona" bekomme ich heute noch Gänsehaut.
    In der Regel fallen mir Opernsänger dann auf, wenn sie sich nicht zu fein dafür sind, mit Musikern aus gänzlich anderen Stilrichtungen Titel aufzunehmen, ein schönes Beispiel ist "Miss Sarajevc" mit Bono und Luciano Pavarotti.
    Bei Jessye Norman kriegte ich allerdings auch Gänsehaut beim Anhören des obigen Titels - was für eine Stimme...

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  2. Ich war 8 Jahre alt, als meine Mutter mich zum ersten Mal in die Staatsoper mitnahm (zu Mozarts Zauberflöte), unter dem Aspekt des Operngigolos hatte ich das noch gar nicht betrachtet … Schön, dass Sie hier an Jessye Norman erinnern, da hatten wir gerade den selben (bzw. ähnlichen) Gedanken.

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  3. Danke für die schöne Musik. Schönheit sollte kein Wettbewerb sein. Daher nur meine Muse zur Ergänzung:

    https://www.youtube.com/watch?v=69pxWVjlbNo

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  4. Wenn 3 Interpreten 3 Minuten lang an einem Wort singen, nennt man das Oper. Naturtalente wie Paul Potts und Susan Boyle haben mich beeindruckt und fasziniert. Ebenso diese Obdachlose auf einer U-Bahnstation, gefilmt von einem Cop:

    https://www.youtube.com/watch?v=3dOTgfF0rGw

    (geht momentan viral)

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    1. Nun ja, das mit den drei Interpreten und drei Minuten habe ich ganz früher auch mal gedacht. Drei Minuten auf einer Silbe herumsingen, schafft aber auch Mariah Carey recht gut. Zum Thema Paul Potts meinte Thomas Quasthoff mal, er habe Studenten, die's besser könnten, aber keine Chance hätten, so berühmt zu werden, da sie nicht diese kitschige Vom-armen-dicklichen-Handyverkäufer-mit-den-schlechten-Zähnen-zum-Star-Geschichte im Rücken hätten.

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    2. Thomas Quasthoff ist genau wegen dieser arroganten Bemerkung bei mir unten durch - egal, wie gut er sein mag.

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    3. Da hat Quasthoff vollkommen Recht. Wer die Masche hinter diesem Casting-Kitsch noch immer nicht durchschaut, dem ist wohl nicht mehr zu helfen. Auch sonst offenbaren die Kommentare hier ein Banausentum von epischen Ausmaßen. Wenn demnächst Neil Young ins Gras beißt, poste ich dann auch mal ein Video von meiner Tante Olga, so nach dem Motto "Guck mal, die kann auch Gitarre spielen!" Over and out.

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  5. Nicht zu vergessen Kiri Te Kanawa (mit irischen und Maoriwurzeln): auch sie ein Ausnahmesopran!

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    1. Definitiv kein Banausentum ;-). Dame Kiri kann schon was. Auch in punto Vielseitigkeit.

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  6. Öj!!! Früher war alles besser!!!

    https://www.youtube.com/watch?v=OGaBEWDD_L0

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