Samstag, 22. Mai 2021

Jenseits der Blogroll - 05/2021

 
Vorab möchte ich aufmerksam machen auf die Rubrik 'Guck & Hör', zu der mehrere Podcasts hinzu gekommen sind. Einmal 'In extremen Köpfen'. Psychologe Leon Windscheidt unterhält sich darin jeweils eine gute Stunde mit einem Menschen, der irgendwie extrem unterwegs ist oder mit extremen Menschen zu tun hat. Da er das tut, ohne seine Geprächspartner je vorzuführen, ist das fast immer sehr erkenntnisfördernd. Dann den SWR 'True Crime' (brrr!)-Podcast 'Sprechen wir über Mord?!' Darin spricht Holger Schmidt mit Bundesrichter a.D. Thomas Fischer über Kriminalfälle, die Aufsehen erregt haben. Und pünktlich zum Bundesliga-Finale sei noch der Podcast 'Die Vorstopper' mit BVB-Urgestein Michael Schulz empfohlen. Gefällt Schalkern vielleicht nicht so. Aber die haben im Moment andere Probleme.

Die Links und Fundstücke:

Politik. Stefan Sasse hat eine weitere hoch informative Artikelserie verfasst. Dieses Mal geht es in fünf Teilen um die 'Nullerjahre' als verdrängte Dekade. Wie immer lesenswert.

"Wir haben uns heute daran gewöhnt, aber die natürliche Erwartungshaltung war, dass die Linke der große Gewinner einer weltweiten Finanzkrise sein musste. Hatte sie nicht jahrelang gegen die Globalisierung gewettert, Gipfel um Gipfel belagert, die geeinte Ablehnung der auf Linie gebürsteten Presselandschaft erfahren, war von der Macht praktisch komplett ausgeschlossen gewesen? Alles wahr, sicherlich. Aber die Realität beugt sich solchen Narrativen nicht. Es gibt keine Belohnung dafür, Recht gehabt zu haben. Und die Linke besaß keine Antwort auf die gewaltige Verunsicherung, die die Krise gerissen hatte." (Sasse)

Teil 0: Einführung - Teil 1: Das kürzeste Jahrhundert aller Zeiten - Teil 2: Auf tönernen Füßen - Teil 3: Die Rückkehr der Realpolitik - Teil 4: Die vielen Gesichter der europäischen Krise

Arye Sharuz Shalicar ist in Berlin aufgewachsen und war Rapper. Dann wanderte er nach Israel aus, studierte und ist jetzt Sprecher der Israelischen Armee. Felix Dachsel hat ihn interviewt.

Stefan Lauer über Israel als Lieblingsfeind der woken Linken.

Leo Fischer weist auf den Klassenaspekt der dümmlichen #allesdichtmachen-Aktion hin.

Wolfgang Kraushaar über 'Occupy' und die 'Arabellion' vor zehn Jahren. Die Ursachen sieht er mit dem Historiker Niall Ferguson in einem weltweiten Überschuss akademisch ausgebildeter junger, qualifizierter Leute. Deren Anteil an der Bevölkerung habe sich seit den 1980ern dramatisch erhöht.

Die österreichische Vereinigung 'Gras' (Grüne und alternative Student_innen) hat sich eine neue Satzung gegeben. Ich wünsche viel Vergnügen damit.

Herrn Schultes Ehrgeiz zur Selbstoptimierung ist eher unterentwickelt. So ein Zufall, meiner auch.

Etwas Nachhilfe für Soziologinnen, die sich in Biologie versuchen.

Hihi, Penis!

Interview mit Marlon Grohn, Autor des Buches 'Hass von oben, Hass von unten. Klassenkampf im Internet'.

"Also zum Beispiel ein Peter Sloterdijk, der Haus- und Hof-Denker der herrschenden Klasse Deutschlands, beschreibt in seinen Tagebüchern einen »Wein-Abend« auf »der Residenz von J.B bei Leipzig mit Neo Rauch, Rosa Loy und einigen Freunden des Hausherrn«: »Dazu scharfe Geschütze, wie die These, wenn man »wieder« (!) echte Eliten wolle, käme man um die Erschießung der Mittelmäßigen nicht herum. Eine gewisse Herrenabendstimmung ist nicht zu leugnen.« (Zeilen und Tage S. 40; Hervorhebung von mir). [...] Sowas kümmert wundersamerweise die sonst immer so besorgten Feuilletonisten relativ wenig, da verleiht man gerne noch mal einen hoch dotierten Preis [...]  Aber wenn, sagen wir, ein lohnabhängiger Linker oder ein von der politischen Vertretung dieser Elite-Klasse auf Hartz-4 gesetzter Besitzloser auf Twitter was vom Erschießen erzählt, wird der halt schon anders behandelt." (Grohn, a.a.O.)
 
Kultur, Gesellschaft, Gedöns. Ulli Hannemann scheißt auf die "Spaltung der Gesellschaft". Spaltung ist cool! Will man, soll man ernsthaft welchen die Hand zum Frieden reichen, die einem noch kurz zuvor Gewalt und Mord angedroht haben? Eben.

"Ich will mit denen so wenig zu tun haben wie sie mit mir - die Argumente sind zur Genüge ausgetauscht. Eine lange und unergiebige Zeit des Sprechens ist beendet, nun beginnt die goldene Zeit des Schweigens. Außerdem war die Gesellschaft doch schon immer tief gespalten. Die sozialen Medien machen das jetzt nur sichtbarer - in meinen Augen sogar ihre einzige konstruktive Leistung, außer der niedlichen Zwergotterfamilie, der man beim Fressen zusehen kann." (Hannemann, a.a.O.)
 
David X. Noack über die Frage, ob Star Trek eine sozialistische Vision ist.

Rainer Werner über die katastrophale deutsche Schulpolitik am Beispiel Berlins.

Die in linken Kreisen so beliebte 'Antilopen Gang' ist weder punk noch links. Findet Sascha Hill.

Ein Lied, zwo, drei, vier! Eine junge YouTuberin namens Millie Mossiae hört sich 'Child in Time' von Deep Purple an. Könnten alles ihre Großväter sein. Macht Freude. 


(Video im erweiterten Datenschutzmodus. Anklicken generiert keine Cookies.)

 
Sport. Andreas Bock über übergewichtige Fußballprofis (die früher ganz normal waren) und deren unterschätzte Stärken. Man muss beizeiten daran erinnern, dass der kultisch verehrte Gerd Müller, genannt 'Kleines dickes Müller', heute qua Statur und mangels Aktionsradius durch jedes Scouting rasseln würde.

Philipp Köster ist plötzlich E-Jugend-Trainer. Was hat der Mann bloß? Recht hat er!

Essen, Trinken, gut leben. Vincent Klink über die Zwangsneurose seiner Elterngeneration, eine Speise namens Krautsbraten und nach selbiger müffelnde Prada-Taschen.

"Die Bartender zelebrieren das Auswinden der ätherischen Öle aus der Zeste über dem Glas mit einem Gestus, den man sonst nur vom Papst beim Teilen der Hostien kennt. Mit diesem Kult wurde der Gin Tonic, kurz G+T, endgültig in den Drink-Olymp befördert." (Wessely, a.a.O.)

Interessant, wenn man bedenkt, dass der Gin and Tonic ursprüglich eine Notlösung britischer Kolonialisten in den Tropen war, ihre tägliche gallenbittere Chinin-Dosis durch den Hals zu kriegen. Viele andere Mixgetränke entstammen nicht zufällig der Prohibitionszeit. Den oft schwarzgebrannten, minderwertigen Fusel vom Schwarzmarkt mit irgendwas zu mixen, war eine Möglichkeit, das Zeugs halbwegs genießbar zu machen. Überhaupt: Kann man etwas ernst nehmen, bei dem ein Blatt wie Business Insider behauptet, man könne daran Intelligenz erkennen? Und wenn schon Gin Tonic, dann bitte, wie Jörg Meyer meint, ohne die affige Gurke.

Apropos Gurke: Jörn Kabisch über eine unterschätzte Zutat - Essiggurkenlake.

Das Rezept. Pfannkuchen sind ein sträflich unterschätztes Essen. Haben zu unrecht einen schlechten Ruf. Klar, die Apfelpfannkuchen meiner seligen Großmutter waren ein Härtetest für den Stoffwechsel. Drei Zentimeter dick, in massig Palmin ausgebacken und mit Zucker bestreut. Hinterher brauchte man einen Schnaps. Den bekam ich aber nicht, weil ich zu klein war. Viele jammern auch, sie bekämen keinen Pfannkuchenteig ohne Klümpchen hin. Ist aber Quatsch. Wenn man die Eier mit der Milch verquirlt und die Mischung nach und nach per Schneebesen in das Mehl einarbeitet, klumpt nichts.

Kaum ein Essen ist gleichzeitig so vielseitig (macht auch Kinder, Vegetarier und heikle Esser glücklich) und dabei so kostengünstig. Man braucht bloß Eier, Mehl, Milch, Mineralwasser mit Kohlensäure, etwas Öl und Salz. (Mein Grundrezept für ca. 6-7 dünne Pfannkuchen: 125 g Mehl, 2 Eier Gr. M, 180 ml Milch, 80 ml Selters, Salz, Prise Zucker, 1 EL Öl. Teig eine Stunde ruhen lassen.) Und geradezu klassenlos ist es auch. Orientiert man sich an österreichischen Rezepturen (für Palatschinken, werden die Eier getrennt und das schaumig geschlagene Eiweiß wird am Ende untergehoben) oder französischen Crêpe-Rezepten, lässt sich auch dieses vermeintliche Arme-Leute-Essen in Richtung Delikatesse tunen.

Da ich nicht so der Süßesser bin, mag ich Pfannkuchen lieber herzhaft. Zum Beispiel mit Rahmspinat, Creme frâiche und geriebenem Käse. Oder mit Champignons und Speck. Da bietet es sich an, sich an Galettes zu versuchen. Die Galette ist der bretonische Bruder des eigentlich stets süß gefüllten Crêpe, wird ursprünglich nur aus Buchweizenmehl und Wasser gemacht und mit Handfestem gefüllt. Und ist glutenfrei. Weil Buchweizenmehl einen ausgeprägten Eigengeschmack hat, der nicht jedermanns Sache ist, macht Madame Bastian ihre Galettes au sarrasin zum Teil aus Weizenmehl und gibt Milch und Eier hinzu. Ich habe es probiert und war begeistert.

Ein Tipp aus Erfahrung: Den Teig lieber länger ruhen lassen, sonst kann es beim Ausbacken hässliche Szenen geben. Noch was: Hier in Westfalen und Norddeutschland werden Buchweizenpfannkuchen traditionell mit Kaffee angesetzt und mit Speck gebraten.








6 Kommentare:

  1. Meine geliebte Deformation professionel mal wieder: In „Die Galette […] wird ursprünglich nur aus mit Buch­weizen­mehl […]“ ist ent­weder „aus“ oder „mit“ zuviel oder dazwischen was zu­we­nig.

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  2. In Deinem Grundrezept für Pfannkuchen fehlt irgendwie das Mehl.

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    1. einfach ein Paar Kartoffeln zusammenkloppen.

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    2. Uhhh, übelster antideutscher Rassismus! Ü-bel-ster!!!

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  3. Bei allen dünnflüssigen Teigen, Pfannkuchen, Blini, Crêpes nimmt man am besten einen Pürierstab.
    Das erspart auch gleich den Klimbim um irgendwelche Reihenfolgen. Alles in ein hohes Gefäß rein und ab die Marie. Anschließend nach Wahl aufpeppen.

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