Dienstag, 8. Februar 2022

Strukturwandel, manifest (4)

 
"Da die Deutschen keine Veränderungen mögen, entwickeln sie zu allem eine emotionale Anhänglichkeit, das einfach nur lange genug da war -- auch wenn es noch nie gut war. [...] Raserei auf der Autobahn, Jogi Löw, Thomas Gottschalk, Ladenschlussgesetz, Roland Koch, Günther Jauch, Helmut Kohl, ZDF Traumschiff, Angela Merkel." (Tammox)

Meine Damen und Herren, willkommen zu einer weiteren Folge unserer losen Reihe (1, 2, 3) über den hier allfälligen Strukturwandel in und um die bescheidene Heimatstadt. Hier sehen Sie das Gelände von Schacht 7 der Zeche General Blumenthal. Bis auf eine andere Ausnahme sind inzwischen sämtliche Fördergerüste aus dem Stadtbild verschwunden. Der am nördlichen Rand der Stadt in den Feldern gelegene Schacht 7 war ein reiner Versorgungs- und Wetterschacht. Daher ist die Anlage eher überschaubar. Seit 2016 kümmert sich ein Verein um eine Nachnutzung.



Die Spuren des Bergbaus sind weitestgehend getilgt, fast immer zum Besseren der Landschaft übrigens, Sentimentalität und Nostalgie aber bleiben. Kähr, watt hammwa früha malocht, ich sach dich datt! Dabei geht oft unter, dass die Maloche auf dem Pütt und anderswo in der Montanindustrie keineswegs 'besser', sondern mindestens genauso brutal ausbeuterisch war wie sonst auch. Wenn nicht schlimmer. Die Umwelt wurde gnadenlos verdreckt, die Gesundheit der Kumpel spielte keine Rolle. Abertausende 'blieben unten', wie das hieß, andere verreckten mit spätestens 60 an der Staublunge und hatten die Knochen kaputt. Erst ab den 1960er/70erjahren verdienten Bergleute einigermaßen gut, erst 1970 erreichten Bergleute die durchschnittliche Lebenserwartung der übrigen Bevölkerung.
 

"Hömma, wir hamm dammals Deutschland aufgebaut!", bekam man oft zu hören. "Klar.", gaben die Cooleren zur Antwort, "Ihr habt's ja vorher auch kaputt gemacht." Außerdem galt das, wenn überhaupt, nur für Deutschland West. Und dass die Kohle nicht aus Dankbarkeit für die Aufbauleistung der Kumpel jahrzehntelang subventioniert wurde, sondern aus strategischen Überlegungen vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, hört man auch nicht so gern.
 
 
 
Aber da war noch was anderes: Die oft anzutreffende, gern verleugnete bzw. verdrängte Rohheit und geistige Enge im Bergmannsmilieu. Natürlich gab es große Solidarität und Zusammenhalt. Einerseits. Für die, die sich einfügten und nicht ausscherten. Wer nicht gewissen Männlichkeitsbildern entsprach, hatte es schwer. Es konnte vorkommen, dass ein Lehrling, der es versäumte, an seinem 18. Geburtstag mit (eigenem) Auto zur Arbeit zu erscheinen, einer Zukunft als Mobbingopfer entgegensah. Von wegen kein echter Kerl. 


"Es ist in Zeiten von Fridays for Future der jungen Generation ja nur schwer zu vermitteln, dass Ende 2018 in vielen Haushalten des Ruhrgebiets Grubenlampen auf den Fensterbänken standen, um das Ende des Bergbaus zu betrauern. [...] Anstatt sich zu freuen, dass, um im Ruhrgebietsjargon zu bleiben »die Scheiße jetz' endlich vorbei is'«, wurde das Ende einer Natur und Menschen ausbeutenden Industrie beklagt. Auch schienen für die Grubenlampen-Anzünder die Erinnerungen an Freund*innen aus Bergarbeiterhaushalten verblasst zu sein; an die Gewalt, die sie erfahren mussten, die Rohheit der Sprache und der Gefühle, unter der sie litten, das Unverständnis für andere Lebensentwürfe im Bergarbeitermilieu, das für manche von ihnen bis heute den Kontakt zu ihrer Familie (und zu ihrer Herkunft) schwierig macht. [...] Wer das [...] immer noch verklärt oder betrauert, der ist nicht mehr sentimental, sondern, um es mal auf Ruhrdeutsch zu sagen, »bekloppt«." (Markus Steinmayr)

Oder wollte ich eigentlich bloß die neue Handykamera testen? Egal.








1 Kommentar:

  1. Dieser Artikel gefällt mir sehr gut. Auch die Fotos. Schreiben wie es war. Weder glorifizierend noch dämonisierend. So geht guter Journalismus.

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