Wir leben bekanntlich in Zeiten exzessiver Selbstoptimierung. Wenn da einer keinen Sport macht, nicht mehrmals die Woche im Gym ist oder laufen geht, sich dem sozialen Druck verweigert, beim alljährlichen Firmenlauf mitzuhecheln, kein Yoga macht, offen und ehrlich dazu steht, sich gern gepflegt einen zu zwitschern und einen Schiss gibt auf das, was gemeinhin als gesunde Ernährung durchgeht (von absurden Social Media-Trends wie Looks- Protein- oder was auch immer -maxxing gar nicht erst zu reden), müsste einem das in diesen Zeiten doch eigentlich sympathisch sein.
Und dann ist da Wolfgang Kubicki, der neue alte Vorsitzende der FDP. Und ich bekomme das bei ihm einfach nicht hin.
Möglicherweise ist es noch zu früh für Nachrufe, aber es spricht vieles dafür, dass die FDP die erste ehemalige Regierungspartei des alten bundesrepublikanischen Parteienspektrums sein wird, die vielleicht nicht vollständig verschwinden, doch so weit schrumpfen wird, dass sie eventuell noch als Splitterpartei fortbestehen, in der Landes- und erst recht der Bundespolitik aber keine Rolle mehr spielen dürfte. Weil sie überflüssig geworden ist.
Ältere werden sich eventuell erinnern, dass die Liberalen in den 1970ern tatsächlich mal ein Korrektiv waren, in der welche wie Gerhart Baum, Ingrid Matthäus-Maier, Burkhard Hirsch, Hildegard Hamm-Brücher und andere versammelt waren, die ihre Rolle vor allem darin sahen, die Bürgerrechte gegen einen zum Beispiel im Zuge der RAF-Fahndung allzu übergriffigen Staat zu verteidigen. Nach dem Genscher-Lambsdorff-Putsch 1982 war damit weitgehend Schluss und die FDP reduzierte ihren Liberalismusbegriff immer weiter auf puren Wirtschaftsliberalismus.
Was sich erledigte, als die SPD unter Schröder auf den neoliberalen Zug aufsprang und Reformen durchdrückte, die ein paar Jahre zuvor genau so von der FDP gekommen wären. In der Folge karrte Guido Westerwelle, phänotyopisch ein Nachfolger der 'Popper' der 1980er, mit dem 'Guidomobil' durch die Republik und inszenierte die FDP als eine Art Partypartei für junge besserverdiendende Sylturlauber, die neben dem 'Sansibar'-Aufkleber auch welche wie "Eure Armut kotzt mich an" oder "Arschloch und Spaß dabei" Gassi führten. In den Neunzigern und frühen Nullern kam das gut an. Knapp 15 Prozent bei der Bundestagswahl 2009 waren ein nie zuvor und danach nie wieder erreichtes Ergebnis, die Partei stellte nicht weniger als fünf Minister:innen im Kabinett. Und schaffte es binnen kurzem, bei den Beliebtheitswerten um zwei Drittel abzurutschen.
Das Dumme war: Außer "Steuern runter!" hatte der Verein programmatisch nicht viel zu bieten. Die Finanzkrise hatte gerade die Weltwirtschaft erschüttert und eindrücklich demonstriert, dass freie Märkte im Zweifel einen großen Scheiß regeln und dass genau diejenigen, die noch kurz zuvor Steuern als staatlich organisierten Raub verdammt hatten, keine Probleme hatten, die Kralle beim Staat aufzuhalten und sich mit Steuermilliarden das auf Grundeis scharrende Gesäß retten zu lassen. Und noch etwas brachte die FDP in den politischen Diskurs ein: Eine verkrampft lustige, vermeintlich lockere 'Anything Goes!'-Mentalität, die wie Coolness wirken sollte, aber in Wahrheit nur infantiler Unernst war. In friedlichen, stabilen Zeiten mag das sogar einen gewissen Charme haben. Indes, wir leben nicht in friedlichen, stabilen Zeiten.
Die schlechte Nachricht: Sowohl sozialstaatsverachtenden Libertarismus als auch unreifes, gern nach unten tretendes Rumalbern beherrscht die 'A'fD deutlich besser und perfider. Die Pioniere werden nicht mehr gebraucht.
Das musste auch Christian Lindner erfahren, als er die 'Ampel'-Koalition torpedierte, die den russischen Angriff auf die Ukraine zu managen hatte, wieder einmal aus dem eisernen Griff der Verantwortung flutschte und den Weg freimachte für den in jeder Hinsicht überforderten kurrenten Kanzler. "Die Lindner-Erzählung war: In einem großen, alten, morschen und verkalkten mittelständischen Unternehmen gründet der Enkel ein schickes Start-up und erfindet den ererbten Laden (Erbschaftsteuern runter!) neu. Das hat funktioniert, war gelogen, ist gescheitert." (Küppersbusch)
Und mit ihm die FDP. Trauer darüber bekomme ich einfach nicht hin. Allein schon, weil das Scheitern zu hart erarbeitet ist.
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