"Die Tatsache, dass wir moralisch sind und uns besser fühlen als die »tumben Fettsäcke«, gibt uns das Gefühl, gute Menschen zu sein. So brauche ich den Lustgewinn nicht mehr, den mir eine Bratwurst bereitet. Weil wir den moralistischen Verzicht aber letztlich doch nicht als Glück erfahren können, wird daraus etwas anderes, nämlich Wut auf diejenigen, die sich nicht so kasteien wie wir, die sich hochverarbeitet ernähren, auf primitive Weise glücklich sind und die dann als »Assis« mit Fremdscham bedacht werden." (Florian Schroeder)
Letztens hatte der Discounter des Vertrauens Bio-Tomatensauce im Glas im Angebot. So was habe ich immer gern in Reserve, also nahm ich ein Gebinde mit. Sicher ist es kein großer Akt, immer ein paar Dosen ordentliche Tomaten vorrätig zu haben und daraus fix ein Sößchen runterzukochen, doch gibt es so Tage, an denen man auch darauf wenig Lust hat. Beim Verzehr dann hatte ich das Gefühl, es weniger mit einer Tomatensauce, sondern mit einer Marmelade zu tun zu haben. Ein Blick aufs Etikett verriet, dass das Gebräu nicht weniger als 20 Gramm Zucker auf 100 Milliliter enthielt.
Wo wir gerade beim Thema sind, vielleicht noch eine Quizfrage: Getränk A enthält 16 g Zucker auf 100 ml, Getränk B enthält 9 g. Frage: Welches von beiden ist die Cola? Antwort: Getränk B. Getränk A ist naturreiner Traubensaft. Aber der ist ja schließlich viel gesünder? Glauben Sie?
Zu den Dingen, die man mit als erstes lernt, wenn man sich mit Diabetes befassen muss, gehört, dass Zucker Zucker ist. Der sich nicht für Moral interessiert. Dem nur mehr lückenhaft funktionierenden Stoffwechsel ist es ziemlich egal, ob es sich um Glukose, Maltose, Saccharose, Stärke oder was auch immer handelt, ob man sich 'minderwertigen' weißen Raffinadezucker zuführt oder 'guten' braunen, unbehandelten Rohrohrzucker aus dem Biomarkt. Ob der Zucker im Honig, in Ahornsirup oder Agavendicksaft steckt, in 'gesunden' naturreinen Säften, 'ungesunden' Süßigkeiten oder Softdrinks, ist der angeschlagenen Bauchspeicheldrüse wumpe. Fruktose wird zwar nicht über den Insulinstoffwechsel geregelt, kann aber bei dauerhaft zu hoher Zufuhr zu Fettleber führen.
Als nächstes lernt man, dass leicht verdauliche Kohlenhydrate, allen voran das allgegenwärtige Weizenmehl, tunlichst zu reduzieren sind. Weil die, vor allem wenn sie aus Heißhunger auf nüchternen Magen gegessen werden, Zuckerspitzen auslösen und langfristig ebenfalls zu Fettleber führen können. Auch hier gilt, dass es ziemlich egal ist, wie 'hochwertig' oder 'bio' irgendwas ist, Weißmehl ist Weißmehl (ein wenig abmildern lässt sich das allenfalls dadurch, indem man zu Backwaren aus Weizensauerteig greift). Es gilt also, den Konsum von Weizenmehl wenn möglich zu vermeiden oder wenigstens gleichzeitig ausreichend Ballaststoffe und Proteine zu sich zu nehmen.
Und ferner lernt man, dass auch synthetische Süßstoffe mit Vorsicht zu genießen sind. Wer einen hohen Zuckerkonsum in Form von 'light'- oder 'Zero'-Softdrinks mit Süßstoffen substituiert, kann ebenfalls Probleme mit dem Zuckerstoffwechsel bekommen.
Das alles lässt einen nur müde lächeln, wenn nunmehr eine Zuckersteuer ausschließlich auf stark zuckerhaltige Getränke eingeführt wird. Man verstehe mich nicht falsch, das ist natürlich nicht nichts. Aber allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. Seinen Zuckerkonsum zu reduzieren kann nämlich auch jenseits süßer Limos und Eistees durchaus tricky sein. Studiert man auf Lebensmitteln die Zutatenlisten -- noch etwas übrigens, das man sich angewöhnt, wenn man sich mit Diabetes zu befassen hat -- kommt man mitunter aus dem Staunen nicht heraus, wo überall Zucker in welchen Mengen zugesetzt ist. Weil Zucker halt spottbillig ist und alles gefälliger und leckerer macht. Und sich auch unter dem Rubrum 'bio' ziemliche Sauereien verkaufen lassen. So wie sich auch Alkoholismus hervorragend verstecken lässt hinter ostentativ zelebriertem Weinkennertum.
Im Hinblick auf Prävention von Diabetes ist es daher nur schwer einzusehen, wieso ausschließlich süße Limonaden und Colagetränke mit einer Steuer belegt werden, nicht minder ungesunde Fruchtsäfte hingegen nicht. Es sei denn, man lässt den Gedanken zu, dass dieses Gesetz eine gewisse Schlagseite hat, das dünkelhafte Selbstverständnis einer bourgeoisen Mittelschicht atmet, die sich selbst als 'bewusst' und 'gesund lebend' begreift, während die haltlose Unterschicht zu ihrem Glück gezwungen werden muss:
"Softdrinks sind das Alltagsgetränk der sogenannten Unterschicht, und durch die Abgabe sollen sie endlich kapieren, was für einen Mist sie da trinken. Wenn die Mittelschichtseltern für Carlotta und Noah aber den hochpreisigen Direktsaft im Biomarkt kaufen, ist das okay, weil die sogenannten gebildeten Schichten sich ja im Griff haben. Wenn die Eltern von Selina und Mohammed jedoch bei Lidl den Sechserpack Eigenmarkenlimo kaufen, muss der Staat eingreifen, denn die Unterschichten haben ihr Leben -- so die Lesart -- nicht im Griff. [...] Die Abgabe nur für Billiggetränke birgt gesellschaftspolitischen Sprengstoff. Wieder einmal bekommen »die da unten« das Signal mitgegeben, dass ihre Lebensart falsch ist, während die Gebildeten angeblich alles richtig machen." (Gunnar Hinck)
Nichts gegen Gesundheitsvorsorge und Prävention, aber eine derartige "gesellschaftspolitisch bedenkliche Unwucht" (Hinck, a.a.O.) müffelt schon verdächtig.
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