'Konservativ' kommt bekanntlich von conservare. Das ist Latein und bedeutet bewahren oder erhalten. Angesichts der momentanen Performance des deutschen Konservatismus frage ich mich aber, was die eigentlich so bewahren. Christliche Werte? Die Umwelt? Den Wohlstand der bürgerlichen Mitte? Die Rente? So was wie Anstand im politischen Diskurs? Das Bildungssystem? Die Gesundheit der breiten Bevölkerung? Einhaltung von geltendem Recht (z.B. Steuerrecht, Arbeitsrecht, Mietrecht etc. etc.)? Der letzte für mich erkennbare Rest von Konservativsein besteht für mich darin, sein Fähnchen im allerletztmöglichen Moment in den Wind zu hängen und sich dafür auch noch als irre mutig zu feiern.
Dafür gibt der Berliner CDU-Kandidat Stefan Evers, der in eingetragener Partnerschaft mit seinem Partner lebt, gerade ein schönes Beispiel ab, indem er sein rhetorisch an Klaus Wowereit angelehntes Bekenntnis zum Konservatismus allen Ernstes als subversiven Akt hinstellt. Das ist dann ungefähr so "redundant wie ein Veganerwitz an der Grillbude.", wie Martin Knepper meint. Denn:
"Alles, was Schwulen und Lesben (und alle unter der Regenbogenfahne sind hier mitgemeint) in den letzten knapp 60 Jahren schrittweise an Befreiung, an Gleichberechtigung zugestanden worden ist [...], wurde nur möglich gegen die Widerstände einer Partei, deren Kandidat nun sein risikofreies Outing als Konservativer ausstößt." (Knepper, a.a.O.)
Die übrigen Links und Fundstücke (viel Politik diesmal):
Politik. Was der Streit um das Schwimmbad an der Berliner Volksbühne mit dem Nahostkonflikt zu tun hat, legt Michaela Dudley dar. Und fragt sich, was die ganze Aktion überhaupt sollte.
"Die Behauptung einer grundsätzlich rassistischen Badegesellschaft lässt sich empirisch [...] kaum aufrechterhalten. [...] Schwarze Kinder sind in Berlin nicht vom Schwimmbadbesuch ausgeschlossen. Von einer strukturellen Zugangssperre kann also keine Rede sein. Die Berliner Bäder stehen grundsätzlich allen offen; für Jugendliche gibt es reguläre Zugangsmöglichkeiten. Hinzu kommt der Super-Ferien-Pass, der ihnen in den Sommerferien freien Eintritt in die Berliner Bäder ermöglicht und der selbst für lediglich neun Euro erhältlich ist. Wo also liegt das konkrete Problem, das ein exklusives Schwimmangebot für Schwarze lösen soll?" (Dudley, a.a.O.)
Interview mit Benjamin Zachariah über die Schwächen des postkolonialen Diskurses.
"Die retrospektiven Helden der postkolonialen Theorie wie Benoy Kumar Sarkar lasen Johann Gottlieb Fichte und Johann Gottfried von Herder, zitierten sie und sprachen von der Bedeutung des authentischen Volkes als dem Träger der Nation." (Zachariah, a.a.O.)
In welch verrückten Zeiten wir leben, lässt sich auch daran erkennen, dass es der Papst ist, der gerade die Werte der Aufklärung verteidigt gegen die Aneignung und die Instrumentalisierung des Wissens der Menschheit durch KI-Konzerne. Darüber staunt auch Isolde Charim.
Ob das Recht auf freie Rede auch für Chatbots gelten sollte, fragt Daniel Bracker.
Maurice Höfgen zum Teufelskreis der Schuldenbremse.
Für Uli Krug lebt im Erfolg der 'A'fD der Nazi-Traum vom Herrenvolk weiter.
"[Das] sogenannte Wirtschaftswunder, der Nachkriegsboom [war] für viele ein Substitut des »Endsiegs« [...], eine Belohnung für den Nationalsozialismus. Wird diese Belohnung karger, bleibt sie gar aus, wirkt auch das gesellschaftliche Zugeständnis schwächer, das man für jene Belohnung machte, also: nicht allzu offen dem nationalsozialistischen Wunschbild zu huldigen. [...] In Ostdeutschland sieht das aus Gründen noch finsterer aus. Erst ward man ums Wirtschaftswunder gebracht, das vorbei war, als man seiner per Mauerfall habhaft werden wollte; dann musste man die Überbleibsel der Boom-Jahre mit Ausländern teilen. Nunmehr, als Gipfel des Belogen- und Betrogenseins, lebt man nicht nur häufig in besonders abgehängten Regionen des Vaterlands, sondern soll womöglich noch auf das letzte Insigne des Volksgenossen, das Auto, verzichten. Und das, obwohl man nun doch sicher deutscher ist als die im Westen, die »Deutsch sprechenden Amerikaner« (Björn Höcke)." (Krug a.a.O.)
Andreas Moser über das politische System des Vereinigten Königreichs. Kenntnisreich.
Das mit dem unterbundenen Auftritt von Danger Dan in der 'Anstalt' ist für Markus Liske "vergleichsweise einfach: Kein Sender ist dazu verpflichtet, Faschisten einzuladen, und ebenso wenig kann ein antifaschistischer Künstler ein Grundrecht auf einen Fernsehauftritt einklagen." (Liske, a.a.O.)
Wortvogel findet die endlose Aufweichung des Gewaltbegriffs problematisch. Ich auch.
Kultur/Gesellschaft/Gedöns. Wolfgang M. Schmitt über die Lieblingsfilme der Neuen Rechten und das Versagen der Filmkritik. Von 2018. Trotzdem aktuell.
Nina Schmedding erinnert an das Erscheinen des ersten deutschen 'Micky Maus'-Hefts vor 75 Jahren. Und natürlich an die große Erika Fuchs, die einst den später nach ihr benannten Erikativ erfand. Peng, kawumm und klickeradoms!
Hausarzt Docteur Knock findet ein bisschen Übergewicht nicht weiter dramatisch. Und gönnt sich nach jedem Patienten ein Praliné.
Musik. Angine de Poitrine (frz. für Angina Pectoris) aus Kanada sind momentan ja überall. Und ich muss gestehen, beim Anblick der beiden skurril Gewandeten zuerst gedacht zu haben: Schau an, da buhlen also wieder welche mit allen Mitteln um Aufmerksamkeit. Dann stellte sich heraus, dass die mikrotonale Musik von Khn und Klek de Poitrine mich nach erstem Befremden ziemlich gefangen nahm und ich beinahe schon Fan bin. Und ja, ich denke, die Welt braucht so was. Superinformierte werden jetzt moppern, dergleichen habe Frank Zappa oder so schon 1969 oder so gemacht -- gäääähn! -- , aber das ist mir egal.
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Essen/Trinken/gut leben. Ein Interview mit Martina Meuth und Bernd ‘Moritz’ Neuner-Duttenhofer. Die beiden haben viele Jahre beim WDR eine der besten Kochsendungen produziert. Weil das, was sie da kochten, solide recherchiert und vor allem nachkochbar war. Bis heute bin ich dankbar, von den beiden die entscheidenden Tipps bekommen zu haben, wie man daheim ziemlich amtliche Pizza macht.
Ulli Hannemann reguliert seinen Cholesterinspiegel mit mediterraner Küche. Ließe ich mir auch gefallen.
Jörn Kabisch über den Silvaner, der zu unrecht im Schatten des Rieslings steht.
Das Rezept. Zurück aus Wien, muss es natürlich was Wienerisches sein. Siedefleisch vom Rind spielt in der traditionellen Wiener Küche eine herausragende Rolle. Das berühmteste dieser gesottenen Gerichte ist sicher der Tafelspitz, angeblich das Lieblingsessen von Kaiser Franz Josef und in Österreich bei vielen eherner Bestandteil der sonntäglichen Mittagstafel. Was aber, wenn einiges übrig ist davon? Resteverwertung ist so wichtig wie kochen. Kalt aufgeschnitten zum Brot ginge natürlich, oder einen Salat daraus fabrizieren. Oder aber man macht Wiener Backfleisch. Das ist so einfach wie genial (man muss halt drauf kommen): Scheiben vom gekochten Rindfleisch werden mit Senf und Meerrettich, pardon: Kren, mariniert, dann paniert und ausgebacken. Dazu vielleicht einen Erdäpfelsalat.
Mich beschäftigt vor allem Stefan Evers’ offenbar subversives Bekenntnis zum Konservatismus.
AntwortenLöschenDas ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Früher musste man für einen politischen Tabubruch noch gegen die eigene Partei, die Gesellschaft oder wenigstens die Kirchengemeinde antreten. Heute genügt es offenbar, Mitglied einer großen Volkspartei zu sein und öffentlich zu sagen, dass man deren Grundströmung grundsätzlich nicht völlig verwerflich findet.
Damit wäre der Konservatismus tatsächlich bei seiner reinsten Form angekommen: Er bewahrt nicht mehr Institutionen, Werte oder Gewissheiten.
Er bewahrt vor allem den Eindruck, dass es ungeheuer mutig sei, konservativ zu sein.
Das ist vermutlich praktisch.
Man kann sich gleichzeitig zur gesellschaftlichen Mitte zählen und als deren verwegener Außenseiter auftreten.
Rebellion mit Geschäftsordnung.
"Er bewahrt vor allem den Eindruck, dass es ungeheuer mutig sei, konservativ zu sein.
LöschenDas ist vermutlich praktisch.
Man kann sich gleichzeitig zur gesellschaftlichen Mitte zählen und als deren verwegener Außenseiter auftreten.
Rebellion mit Geschäftsordnung.
... sehr sehr gut formuliert. Klasse!
Gruß, Jens