Dienstag, 18. September 2012

Fürchtet euch! - Nicht


Na, wer hat sich damals, Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger auch diebisch gefreut, als die Komiker von Monty Python den ganzen Frömmlern gekonnt einen eingeschenkt haben? Wer außer mir hat sich noch auf die Schenkel geklopft, als die Gebetbuchschnüffler die Backen aufgeplustert, nach Verbot geschrien haben und ihnen zugerufen: Willkommen im 20. Jahrhundert, Spießer? Wegen des großen Erfolges ist nun ein, so hört man, unterirdisch schlechter Film aufgetaucht namens Unschuld der Muslime, mit dem ein Scherzbold den Muslimen der Welt einen ähnlichen humoristischen Knuff verpassen wollte. Dummerweise gibt es unter denen nicht nur viele, die das nicht witzig finden, sondern auch ein paar Durchgeknallte, die es nicht beim Backenaufblasen belassen. Dumm gelaufen.


Als 1997 Adrian Lynes Neuverfilmung von Vladimir Nabokovs Roman Lolita in die Kinos kam, protestierten vornehmlich in den USA feministische Gruppen und Gruppen von Missbrauchsopfern dagegen. Film und Roman seien eine Verherrlichung von Kindesmissbrauch und damit eine nicht hinnehmbare Zumutung für alle Betroffenen. Zudem könne der Film entsprechend Veranlagte zu entsprechenden Handlungen verleiten. Auf den Einwand, der Film enthalte, auch nach sorgfältigster Prüfung nichts, was in irgendeiner Weise irgendein Kriterium für Pornografie erfülle, hieß es, der Film sei eh furchtbar schlecht und deswegen müsse ihn auch niemand sehen.

Es ist aus mehreren Gründen klar, warum die ProtestlerInnen damals mit ihren Forderungen nicht durchgekommen sind: Zwar wird sowohl im Roman als auch im Film thematisiert wie ein Mann fortgeschrittenen Alters ein Verhältnis mit der pubertierenden Tochter seiner frisch angetrauten Frau hat, aber eine Verherrlichung von Kindesmissbrauch ist nirgends zu finden, eher im Gegenteil. Wer so schlichte Urteile verbreitet, offenbart lediglich, sich weder mit Nabokovs Roman noch mit Lynes Film irgendwie befasst zu haben. Zweitens haben sich Menschen nicht zur Geschmackspolizei aufzuspielen und darüber zu befinden, was andere gefälligst zu sehen bekommen sollen und was nicht, bloß weil ihnen ein Film, der gegen keine geltenden Gesetze verstößt, ihnen irgendwie nicht in den Kram passt. Mag schon sein, dass Lolita ein misslungener Film war, aber ich möchte mir schon noch ansehen dürfen, wie ein Regisseur an einem Stoff scheitert, der eine Nummer zu groß für ihn gewesen ist. Und drittens ist es sicher nachvollziehbar, dass Menschen, die als Kinder sexuellen Missbrauch erleiden mussten, es schöner fänden, sich vielleicht auch besser fühlten, wenn so ein Film nicht veröffentlicht würde. Es zwingt sie andererseits aber niemand, sich dem auszusetzen. Was sollen Soldaten sagen, die traumatisiert aus dem Krieg zurückkehren und möglicherweise den Rest ihres Lebens daran zu tragen haben, angesichts der Flut an zweit- und drittklassigen Kriegsfilmen, die dauernd im Fernsehen laufen?

Der Trailer, der hier und da zu sehen ist, lässt in der Tat vermuten, dass es sich bei dem umstrittenen Mohammed-Streifen handwerklich, schauspielerisch und inhaltlich in jeder Hinsicht um ein inferiores Machwerk handelt und dass der Vergleich mit dem hoch intelligenten und vielschichtigen Leben des Brian eine Beleidigung ist für letzteren. Aber die Qualität bzw. Nicht-Qualität des Films ist, wie gesagt, nicht der Punkt. Im Übrigen muss der Regisseur zumindest geahnt haben, was er auslösen dürfte. Daher zieht er es auch vor, anonym zu bleiben und darum hatte er es wohl auch nötig, die Schauspieler im Unklaren zu lassen über das, an dem sie da mitgewirkt haben.

Dass jede bildliche Darstellung des Propheten für gläubige Muslime eine schlimme Beleidigung bedeutet, muss man als Nichtmuslim/Agnostiker/Atheist genau so wenig nachvollziehen können wie eine generell höhere Sensibilität in Bezug auf die Verletzung religiöser Gefühle. Aber man sollte das zumindest respektieren, auch wenn man selbst keine hat. Das bedeutet nicht, dass man das gut finden oder sich das sonst wie zu eigen machen muss. Es bedeutet lediglich, diese Tatsache zunächst einmal als solche anzuerkennen und die verletzten Gefühle der Betroffenen nicht per se als lächerlich oder illegitim und auch nicht als Ausdruck einer rückständigen Gesinnung abzutun. Das verleiht dem dröhnenden Jetzt-erst-recht-Getue der wackeren, sich irre mutig dünkenden Abendlandsretter von Pro Deutschland etwas Kindisches.

Natürlich ist es erschreckend und nicht entschuldbar, wenn Botschaften von einem entfesselten Mob niedergebrannt werden und unter anderem ein Botschafter das bereits mit seinem Leben bezahlen musste. Genau so ist es Quatsch, wenn islamistische Agitatoren pauschal den gesamten Westen in Geiselhaft nehmen für die filmgewordenen Phantasien eines durchgebratenen Islamhassers. Bei alldem ist aber zu bedenken, dass es sich weltweit schätzungsweise um ein paar zehntausend Leute handelt, die an den Ausschreitungen aktiv beteiligt sind. Bei geschätzt ca. 1,5 Milliarden Muslimen auf der Welt wäre das der Bruchteil von einem Prozent. Die restlichen, weit über 99 Prozent, mögen den Film zwar mehr oder weniger missbilligen, kommen aber augenscheinlich nicht auf die Idee, handgreiflich zu werden. Das übersehen Islamkritiker gern, die sich zur Abwechslung gerade mal wieder bedroht fühlen.

Was Deutschland angeht, scheint das ganze Trara sowieso heillos überzogen. Wenn muslimische Verbände hierzulande nach außen hin ein uneinheitliches Bild abgeben im Umgang mit diesem Streifen, der den ganzen Wirbel wahrscheinlich nicht mal wert ist, dann zeigen sie damit, dass sie sich in der Frage, welchen Schutz religiöse Gefühle in einem säkularen Staat genießen, nicht einig sind und das auch kontrovers diskutieren. Damit machen sie deutlich, dass sie nicht gewillt sind, sich von den einen Radikalinskis vor den Karren spannen bzw. sich von den anderen zum Popanz machen zu lassen. Damit wiederum erweisen sie sich insgesamt als weit abgeklärter als alle islamistischen und rechtspopulistischen Scharfmacher. Ein Verbot wird also vermutlich gar nicht nötig sein. Und das ist die gute Nachricht.  

2 Kommentare:

  1. Sehr ausgewogen geschrieben. Ich gestehe allerdings zu meiner Schande, dass ich das Leben des Brian nicht so sehr satirebegeistert betrachtet hatte, - wie der Rest. Trotzdem, fand auch ich es, der Zeit und dem erwartbaren Risiko entsprechend, ausreichend sensibel abgelotet. Eine Auslotung, welche beim Videoaufreger überhaupt nicht stattgefunden hat. Ganz im Gegenteil. Es ist bewusst und bösartig, mit eindeutigen kultur- (gar nicht mal religions-) feindlichen, und aggressionstreibenden Absichten produziert und positioniert worden. Auch ich mache gerne mal einen kräftigen Klamauk, gegens eigene religiöse Gehampel. Dies aber niemals mit der Absicht, den Menschen dahinter zu schaden, - oder gar Brandeisen zu schüren. Zudem vertrete ich die Ansicht, dass es zuerst mal die Aufgabe der Betroffenen selber ist, ihre eigenen Dogmen zu bearbeiten, (wenn sie es denn wollen), und nicht von anderen Kulturen vorschreiben zu lassen. Weshalb ich folgendem Satz, noch etwas hinzufügen möchte.

    Dass jede bildliche Darstellung des Propheten für gläubige Muslime eine schlimme Beleidigung bedeutet, muss man als Nichtmuslim/Agnostiker/Atheist genau so wenig nachvollziehen können wie eine generell höhere Sensibilität in Bezug auf die Verletzung religiöser Gefühle.

    Es gibt immer zwei Versionen. Die eine nenne ich mal Fortschritt, - die andere Stagnation der kulturellen (oder auch religiösen) Eigenarten. Man lernt es nach zu vollziehen, - dann kann man auch erwarten, dass andere Seiten versuchen, die eigenen Besonderheiten ebenfalls nach zu vollziehen. Oder man lässt alles wie es ist, und überlässt das Feld den pawlowschen Hunden. Und die, entwickeln sich erfahrungsgemäß am wenigsten weiter. Zum Schluss, bleibt dies immer dort hängen, wo es jetzt wieder mal ist. Drüben randalieren die Reaktionäre, - und bei uns, nutzen genau das, die gleichen Reaktionäre für die eigenen Interessen und Hassgelage aus. Man höre den Hassprediger Terry Jones; "Sie beleidigen uns, - wir beleidigen sie." (Auge um Auge, - Zahn um Zahn). Und der Rest, - bellt dem immer gleichen Lied zwischen pragmatischem Verbot und demokratischem Nichtverbot nach. So bewegt sich nichts, - außer heißes Blut. Und das ist einfach nur gefährlich. (Man siehe China und Japan, - irgendwelche Verrückten, müssen unbedingt noch mal extra die Paddel schwingen) Es geht gar nicht ums verbieten, - sondern darum, - dass sich keiner ernsthaft bemüht, - zu verstehen und dieses Verstehen auch zu transportieren. Wenigstens dorthin, wo Leute Filme machen oder Paddel schwingen. Wenigstens ein Gefühl dafür, wie schnell, man über so was, ganze Kriege vom Eis brechen kann. Sterben für ein Video? Macht dies Sinn? Keine Form der Brandstiftung, - ist jemals schuldlos gewesen. Schuld, - kann man, und darf man nicht verbieten, - aber man kann sie aussprechen. So was fördert Vorsicht.

    AntwortenLöschen
  2. Es ist schon erstaunlich, immer wieder muss man Sätze mit relativierenden Einleitungen wie "natürlich ist es verwerflich, mit Gewalt zu reagieren ..." lesen, in denen dann aber irgendwann die eigentliche Aussage nach einem "aber" folgt, man solle doch aber bitteschön Rücksicht auf irgendwelche religiöse Gefühle nehmen.

    Warum eigentlich? Was genau unterscheidet religiöse Ideologien von anderen?

    Wenn sich ein "Verein" geschlossen zu ihrer "Satzung" bekennt, und in dieser nun übelste Dinge stehen, dieselben dann auch noch historisch belegt sind, ist es doch nicht nur rechtens, sondern gar Pflicht, dagegen zu protestieren.

    Dass nun solche Kritik in einer dilettantisch und billigst gemachten Form daher kommt ändert doch nichts daran. Wäre denn die Reaktion bei gut gemachter eine Andere gewesen? Der Fall Salman Rushdy sollte darauf ja wohl eine eindeutige Antwort geben.
    Ich kann auch dieses dumme Nachgeplappere von "Hass-", "Schmäh-" und "eitrigen PI-" Video nicht mehr sehen: das Video ruft nirgends zu Gewalt gegen Muslime auf. Zumindest in dem Trailer, den wir zu sehen bekamen, nicht. Der Koran dagegen schon - und zwar wiederholt, eindeutig und eindringlich.
    Warum kann (darf?) ich dieses (un)heilige Buch nicht als Hass- oder Hetzschrift bezeichnen und in die gleiche Kategorie wie "Mein Kampf" stecken, ohne gleich als rechter Spinner bezeichnet zu werden? Es ist doch eine - oder etwa nicht? (Und man komme mir jetzt nicht mit angeblichen friedvollen Zeilen des Korans.)

    Selbstverständlich sind über 99% der Muslime nur "hineingeborene", nicht wirklich aktiv praktizierende Gläubige. Und das ist gut so, denn wären sie es, hätten wir 100% Fundamentalisten. Aber dennoch sind sie Teil einer Vereinigung, deren erklärtes offiziell nachlesbares Ziel eben doch nicht ganz so friedlich ist. Und in diesem Sinn eben doch vergleichbar mit einem Parteimitglied einer ideologisch fundamentalistischen radikalen Partei.
    Die Tatsache, daß nicht alle Parteimitglieder der NSDAP auch aktiv Juden getötet haben, relativiert doch die Partei und deren Ziele auchnicht - oder?

    Das alles wäre noch halbwegs ertragbar, käme da nicht immer wieder der Ruf nach verschärften Gesetzen gegen Blasphemie (natürlich zunächst unter dem Deckmäntelchen der "Sicherheit" und "Öffentlichen Ordnung"). Kein Wunder dass auch fundamentale Christen und besonders unsere "christlichen" Parteien auf diesen Zug aufspringen.
    Dass aber auch große Teile der Linken da mitmachen, und Verständnis für das beleidigte Gemüt dieser (mit Verlaub) irre geleiteten Idioten zeigt, ist ein Skandal.

    Die einzig richtige Reaktion darauf ist, allen zu sagen: "cool down, regt euch nicht auf, ihr müsst den Film ja nicht angucken, wenn ihr es nicht wollt. Aber bei uns ist dies erlaubt, ja sogar gewollt. Wir stehen zum Recht der freien Meinung". Dann ist der ganze Spuk nach kürzester Zeit vergessen.

    Denn dadurch, dass wir sie in ihrer selbstgemachten Aufgeregtheit bestätigen, sind wir es, die Öl in Feuer giessen, nicht die Macher eines lächerlichen Videos.

    AntwortenLöschen

Mit dem Absenden eines Kommentars stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zu. Zu statistischen Zwecken und um Missbrauch zu verhindern, speichert diese Webseite Name, E-Mail, Kommentar sowie IP-Adresse und Timestamp des Kommentars. Der Kommentar lässt sich später jederzeit wieder löschen. Näheres dazu ist unter 'Datenschutzerklärung' nachzulesen. Darüber hinaus gelten die Datenschutzbestimmungen von Google LLC.