Dienstag, 26. Mai 2015

Ich will doch nur gutes Brot!


Oder: Was mein Brot inzwischen mit der Esoterikszene zu tun hat.

Die Welt der Esoterik gilt ja gemeinhin als Nische. Gibt es, hat ihre Anhänger, sollte man nicht allzu ernst nehmen. Sollte man vielleicht doch. Der österreichische Psychologe und Autor Johannes Fischler hat hautnah miterlebt, wie ein Paar, mit dem er viele Jahre gut befreundet war, mehr und mehr in die Szene abdriftete, immer stärker in eine Parallelwelt geriet, sich dabei wirtschaftlich komplett ruinierte und schließlich jeden Kontakt zu ihm abbrach. Für ihn der Auslöser, sich näher mit der Szene zu befassen.

Deren Angebote sind mannigfaltig und docken an mehreren Rezeptoren an: Viele Menschen gern das Gefühl haben, zu einer exklusiven Schar von Eingeweihten zu gehören. Viele sind auf der Suche nach Sinn, suchen Antworten auf die großen Fragen. Und schließlich scheint Esoterik den momentan so verbreiteten Drang nach Selbstoptimierung zu bedienen: Arbeite an dir, und du wirst das nächste Level erreichen. Ist natürlich nicht ganz billig, aber was sind schon ein paar Hundert Euro für wirkungslose Tinkturen oder für Kristalle, die man im Souvenirladen für ein paar Flocken bekommt, im Angesicht der totalen Erleuchtung?

"Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Das ist die Chance der Propheten - und sie kommen in Scharen." (Gilbert Keith Chesterton)

Fischler schätzt, dass in Deutschland 20 bis 25 Milliarden Euro per annum mit Esoterik umgesetzt werden, fast genau so viel wie mit Pornographie, drei mal so viel wie mit Bier. Treffen kann es übrigens jeden, unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildungsstand, Einkommen etc. Eine handfeste Lebenskrise und einmal beim falschen Fernsehsender hängengeblieben zu sein, kann schon ausreichen. Die esoterischen Rattenfänger sind hervorragend darin, Menschen zu erkennen, die sich gerade in einer schwierigen Situation befinden. Viele scheinen zudem einfach nicht wahrhaben zu wollen, dass einen, der da so überzeugend als Heiler und Helfer auftritt, sie mit Liebe zu überschütten scheint, ihnen nur Gutes will, lediglich schnödes Gewinnstreben antreiben könnte.

Ein Teil der Milliardenumsätze der Branche dürfte auf das Konto des Berliner Senders Astro TV gehen. Astro TV ist ein Paradebeispiel für das, was in Fachkreisen auch 'Car Crash TV' genannt wird. Fernsehen wie ein Autounfall: Man weiß, man sollte nicht hingucken, doch man kann einfach nicht anders, die Faszination des Grauens ist zu stark. Oder, in diesem Fall, der Fremdschamfaktor.



Sicher, mit Verboten ist da im Zweifel wenig auszurichten. Würde mir auch widerstreben. Wenn wir es ernst meinen mit der freien Gesellschaft, dann schließt das selbstverständlich auch Freiheiten ein wie die, an irgendwelchen Unsinn zu glauben, sein letztes Geld irgendeinem Scharlatan in den Rachen zu werfen oder sich selbst schlimmstenfalls auch Schaden zuzufügen. Der Spaß hört aber auf, wenn Unbeteiligte geschädigt werden oder sogar zu Tode kommen. Wenn ernsthaft, vielleicht gar lebensbedrohlich erkrankte Familienmitglieder, Kinder meist, zu obskuren Alternativheilern geschleppt werden anstatt zum Arzt. Oder wenn Menschen systematisch in Abhängigkeit zu treiben Teil des Geschäftsmodells ist.

Nicht nur kann es jeden treffen, auch die, die es nicht trifft, sind längst nicht mehr sicher. Klar, niemand ist gezwungen, sich Blödsinn wie Astro TV anzuschauen. Beunruhigend aber, wie Esoteriker sich immer mehr in die gesellschaftliche Mitte wanzen und sich so positionieren, dass man ihnen eben nicht aus dem Weg gehen kann. Homöopathiekurse an Universitäten mögen noch freiwillig sein. Oder der Aufenthalt in Hotels und Pensionen, die auf dieses obskure Granderwasser umgestellt haben. Pures Marketing. Die Wirkung dieses Hokuspokus konnte nie bewiesen werden und beruht allein auf Anekdoten. Dann reden sie den Gästen ein, es läge nicht nur am Urlaub, sondern auch am Wasser, dass sie sich so gut fühlten.

Dass aber auch mein Lieblingsbäcker inzwischen zugange ist mit diesem Grander-Geschwurbel, finde ich langsam nicht mehr lustig. Ich will einfach nur ordentliches Brot und pfeife auf irgendwie belebtes Wasser, das mir angeblich die Chakren ins Vibrieren bringt. Das muss ich als komplett unerleuchteter Kunde, der das auch bleiben möchte, nämlich mitbezahlen. Muss sich ja rechnen, so eine Investition.


10 Kommentare:

  1. Solcher Sichtweise folgend, sollte man sich vielleicht einmal mit mit exoterischen Marketing- Fakten befassen, wie:
    Humanitäre Einsätze, wir müssen die Märkte beruhigen, wir müssen den Gürtel enger schnallen, die Griechen haben kein Geschäftsmodell, ohne Wachstum kein Fortschritt, usw. und so fort.
    Im Sinne dieses Artikels leben wir in einer extrem esoterischen Welt.

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  2. Mein Stammbäcker behauptet auch, durch Verwirbelung informiertes Wasser zu verwenden. Ist aber nicht teurer als andere Bäcker und die Info hängt nur auf einem dieser neuerdings modernen Schilder, wo die Geschäftsleitung ihre "Vision" der geneigten Kundschaft vorstellt.

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  3. Hihi, - möglicherweise haben die Heilkräfte des Brotpreises, ja auch was mit den geheimnisvollen Selbstheilungskräften der Märkte zu tun :-) Der neue Esoteriktrend ist ja jetzt auch "systemisch". Ich glaube allerdings nicht, dass der olle Grander auf den Zug aufspringt, - ein glückliches Händchen fürs werbewirksam tatsächlich Stilvolle im esoterischen Nebel, hat der Kerl ja, - das muss man ihm lassen.

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    1. Das wird schwierig für den ollen Grander, denn der befindet sich m.W.n. seit 2012 nicht mehr unter uns. @gnaddrig: Ich sag's ja: Marketing. Vielleicht sollte ich mal fragen, ob die mir die Grander-Anlage im Keller zeigen können...

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    2. Ui, - hab ich gar nicht mit bekommen. Aber sein Geist, - lebt weiter im Wasser. Als reine (und sogar unverdünnte) Information :-)

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  4. »"Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Das ist die Chance der Propheten - und sie kommen in Scharen." (Gilbert Keith Chesterton)«

    https://www.youtube.com/watch?v=xwsPyMNucDI
    "Es ist eine Religion, man muss es nicht begreifen, man muss es einfach nur glauben."
    (Volker Pispers)

    Alsoo, mir ist mittlerweile schon völlig einerlei, auf welches Glaubensdetail man mehr oder weniger Wert legt, sich in den Ruin treibt, verschleisst, was auch immer .... Ob nun Schlabberwasser als Kostentreiber, oder Grüne Gentechnik gegen den Welthunger, oder der Glaube an steigende Kurse ... Eines ist sicher, bezahlen werden wir es so oder so. Und übrig bleibt für uns der Glaube, ein gutes Brot auf dem Teller zu haben und die Hoffnung (Glaube), dass es morgen noch so gut ist, wie gestern.

    Was man will, interessiert doch längst niemanden mehr. "Der Verbraucher will designt zu werden (auch so ein Glaubensmerkmal ...)".

    Insoweit wundert mich nichts mehr. Habe eh das Gefühl in einer virtuellen Glaubensendlosschleife gefangen zu sein ...

    Geht es in Gesellschaften wirklich noch um etwas anderes? Baut nicht alles auf irgend einen (guten) Glauben auf?

    Gruss
    Rosi

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  5. Dieser ganze Esoterik Quark erinnert mich immer an Uriella^^
    Die hat Wasser in einer Badewanne geweiht,indem sie es berührte.Dann wurde es in Flaschen abgefüllt und verkauft.Man hat das Wasser mal untersucht,es war stark mit Fäkalbakterien verunreinigt.Die Gute hatte sich wahrscheinlich vorher am Hintern gekratzt oder schlichtweg nach dem Toilettengang nicht die Hände gewaschen.
    Meine Schwester und ich hatten bei jeden Badegang und im Schwimmbad die Szene nachgespielt.Finger ins Wasser gehalten rumgequirllt und :"Ich weihe Dich" gesprochen.
    Uriella konnten wir einfach nicht ernst nehmen.Die war einfach zu geil mit Ihrem blöden Grinsen und Ihren weißen Klamotten.Sie sah immer etwas zurückgeblieben aus.
    Kalkofe ist einfach genial..gerade besonders gut,wenn er Astroschrott persifliert.

    Tja,ich hoffe mal,dass das Brot auch nur bei Neumond gebacken wurde und das Korn natürlich nur Bio und bei abnehmenden Mond geerntet wurde^^Sonst garantiere ich Ihnen,das das Brot keinerlei Wirkung hat.Es sei denn,es wird dick mit Butter und Wurst belegt.Das neutralisiert den Esoterikquatsch und macht satt!!!

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    1. Ja, ich erinnere mich, diese Uriella war ein absoluter Klassiker. War auch die Zeit, in der so ziemlich alles Schräge ins Fernsehen kam. Der Witz an dem Bäcker ist ja, dass das eben kein Biobäcker ist (den Vollwertkram vertrage ich nicht), sondern einer der letzten Einzelläden hier, der einfach verdammt gutes Brot hat, das zudem nicht übermäßig teuer ist. Deswegen werde ich ja so hellhörig, ich frage mich da immer, was die wohl als Nächstes machen.

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    2. Als nächstes kommt bestimmt das gute Brot aus dem 1000jährigen Reich^^...das wird mit Sägemehl und Eicheln gestreckt :)Deutschland ist ja für gutes Brot bekannt,aber manches ist nur noch lächerlich.

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  6. Was Bernd das Brot wohl dazu sagen würde...!? Wär vielleicht ne Idee für ne neue Nacht-Dauerschleife, liebe Leute vom Kika...! ;)

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