Mittwoch, 4. November 2015

Jaja, die Unterschicht


Mehr Koinzidenz geht kaum: Erst Burkhard Schröders schönen Artikel, dann den nicht minder schönen, von ihm zitierten Artikel Britta Steinwachsens gelesen, nachmittags dann beim Friseur warten müssen und insgesamt eine knappe Stunde vom RTL-Nachmittagstrash vollgemüllt worden. 'Mitten im Leben'. 'Familien im Brennpunkt'. 'Betrugsfälle'. Mit Laiendarstellern besetzte, holprig inszenierte, ordinäre Brüll- und Anpöbelhöllen. Such dir nen Job, du faule Sau! Ey, isch hab nen neuen klargemacht. Na warte, du Schlampe! Darum bitten, dass das abgeschaltet oder wenigstens leiser gemacht wird? Keine Chance. Ich wette, das Gerät kann nur RTL und die Fernbedienung liegt in einem mit Zeitschloss gesicherten Tresor. Nach einigen Minuten ist es mir zum Glück gelungen, Smartphone und Ohrhörern sei Dank, das, was da den berühmten Tick zu laut aus dem Lautsprecher quoll, einigermaßen auszublenden.

Auf Initiative Harald Schmidts wird so was gern als Unterschichtenfernsehen bezeichnet, als habe das alles mit einem nichts zu tun, aber da ist Vorsicht geboten. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Es gibt kein Unterschichtenfernsehen. Zumindest nicht in Bezug auf die Zielgruppe. Formate wie die genannten richten sich nämlich nicht an die Unter- sondern vielmehr an die Mittelschicht bzw. die es sein wollen.

Die, vielleicht in prekären, schlecht bezahlten Jobs sich abrackernd, sollen sich mithilfe solcher Sendungen nach unten abgrenzen. Die sollen, wenn sie so was sehen, im Geiste mit dem Finger zeigen und sich denken: Ihhh, guck mal da, die faulen, fetten, triebhaften, bindungsunfähigen, undiszplinierten Prolls. Kein Wunder, dass die alle arbeitslos sind. Was für ein Glück, dass ich da ganz anders bin! Die sollen sich halt mal am Riemen reißen. Morgens aufstehen, nicht so viel saufen, Sport machen, gesund ernähren, abnehmen, nicht immer nur Kinder machen - dann könnten die auch einen Job haben, so wie ich. Und wenn sie das Rauchen ließen, dann hätten sie auch genug Geld, um im Bioladen einzukaufen.

Nebenbei bemerkt, eine kleine Beobachtung meinerseits: Mir ist bislang kaum jemand begegnet, der so einen Kram guckt oder regelmäßig das großbuchstabige Springerblatt kauft und offen sagt, dass er das einfach gern täte. Die allermeisten machen da einen auf guilty pleasure und schwiemeln rum von wegen: "Ja, ich weiß, das ist totaler Schrott, aber...", oder: "Och, weißt du, das läuft bei mir nur so im Hintergrund.", anstatt einfach zu sagen: "Denk' doch von mir, was du willst, ich lese halt diese Zeitung gern und schaue diese Sendungen gern. Jeder hat nun einmal andere Vorlieben." Meine bayerische Großtante zum Beispiel tut das und steht auch dazu. Ist immerhin eine Haltung. Habe ich deutlich mehr Respekt vor als vor all denen, die mir erzählen wollen, dass sie das eigentlich nie gucken/lesen/kaufen und wenn, dann bloß zufällig.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit blüht natürlich längst nicht nur im Fernsehen. Zum Beispiel in Kai Twilfers Bestseller 'Schantall, tu ma die Omma winken!', der hier andernorts schon einmal gründlich verrissen wurde. Der Ich-Erzähler, ein städtischer Verwaltungsangestellter im Ruhrgebiet, beschließt ein Jahr als Sozialarbeiter zu arbeiten. Wir lernen: Sozialarbeiter ist nicht etwa ein anspruchsvoller Beruf, der ein Studium, viel Fachwissen über Sozial- und Verwaltungsrecht, hohe Stressresistenz, aber auch Empathie voraussetzt, sondern ein niederes Gewurstel. Eiapopeiamachen, für das ein wenig guter Wille ausreicht, das irgendwie jeder hobbymäßig hinbekommt und demnach jederzeit auch von Freiwilligen ausgeübt werden kann.

Berühmt geworden ist das Verdikt des Möchtegernsozialarbeiters über das Liebesleben von Schantall und Co. sowie deren Kinderreichtum, der übrigens ohne jede Diskussion als Tatsache gesetzt wird, resultiere daher, "dass zu einem Zeitpunkt, während sich Normalbürger in der gymnasialen Oberstufe noch mit dem mathematischen Kern von Matrizen beschäftigen, Teenies wie Schantall eher mit dem wippenden Kern von Matratzen zu tun haben."

Abgesehen von der schiefen Semantik ist der Satz die pure Demagogie. Nicht nur, dass er ganzen Bevölkerungsgruppen mal eben Triebhaftigkeit unterstellt, die dann als Ursache für Bildungsferne, Arbeits- und Perspektivlosigkeit hingestellt wird. Nein, es wird ebenso nonchalant und ohne weiteres Aber die These in den Raum gestellt, dass nur, wer die gymnasiale Oberstufe besucht hat, für sich in Anspruch nehmen darf, Normalbürger zu sein. Das ist nicht mehr nur eine Frechheit gegenüber allen, die es nicht zum Abitur, sondern vielleicht 'nur' zu einem Haupt- oder Realschulabschluss gebracht haben, sondern auch sonst ein ziemlicher Abgrund an bourgeoiser Menschenverachtung, der sich da auftut. Und ich bin mir absolut sicher, dass dieser Satz dem Autor nicht einfach so passiert ist.

Ferner heißt es, die heilige gymnasiale Oberstufe werde von Leuten wie Schantall "gern mit Orten wie Tschernobyl und Fukushima verwechselt; ein Grund und Boden also, wo anscheinend nur Verstrahlte zu finden sind und den man tunlichst meiden sollte." Moral: Wenn Schantall et al. es nicht aufs Gymnasium schaffen und somit nicht die Weihen des Normalbürgertums erreichen, dann nicht, weil das deutsche Schulwesen nicht durchlässig genug wäre, sondern allein deswegen, weil sie halt nicht wollen, weil sie es da voll doof finden und daher selbst schuld sind.

Natürlich geben zwei kurze Passagen nicht zwingend ein ganzes Buch wieder, aber in diesem Fall ist das durchaus repräsentativ. Wenn so was wochen- und monatelang ganz oben auf den Bestsellerlisten steht und die Mittelschicht, allen voran das Bildungsbürgertum, sich gar nicht mehr einkriegt darüber, dann sind wir im Prinzip wieder in der Kaiserzeit angekommen. Auch da grassierte in gewissen Kreisen die Überzeugung, die Gattung Vollwertiger Mensch beginne beim Abiturienten und beim Leutnant. Ich hatte das Buch von Freunden wärmstens empfohlen bekommen und musste es beim Lesen mehrfach aus der Hand legen. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass Menschen, die ich ein Leben lang als durchaus klug, gebildet und anständig eingeschätzt hatte, ernsthaft auf so was abfuhren.

Das und einiges mehr sind Teile eines Narrativs, das seit etwa 15 Jahren den öffentlichen Diskurs beherrscht. Wer Unterschicht ist, der ist im Zweifel selber schuld daran. Das geschah und geschieht natürlich nicht einfach so, denn: "Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet im Vorfeld der 2004 verabschiedeten Hartz-Reformen die Klischeewelle über die sogenannte »Neue Unterschicht« hereinbrach. Die verdummte Unterschicht, so das massenmediale Echo, bewege sich nur noch zwischen Fernseher, Aldi und Kühlschrank und gebäre im Jahrestakt Kinder, denen sie berüchtigte Namen wie Justin, Kimberly oder Kevin verpasse." (Britta Steinwachs, a.a.O.)

Und natürlich passiert das nicht allein aus politischen Gründen oder nur im Dienste von INSM und Arbeitgeberverbänden. Es lässt sich auch so ganz gut Kasse machen damit. Weil Menschen permanent bestrebt sind, dem Chaos aus Eindrücken und Informationen um sie herum irgendeinen Sinn zu geben, ist kaum etwas befriedigender, als eigene Vorurteile und Ressentiments, die ausnahmslos jeder hat, bestätigt zu bekommen. Selbstverständlich ist niemand frei von so was und Bildung schützt im Zweifel vor gar nichts. Wer sich ein wenig mit Marketing auskennt, weiß, dass die, die sich für schlauer halten als den buckligen Rest, vor allem aber schlauer als die Werbung - na hörn Se mal, ich hab' Abitur! - die dankbarsten Kunden sind, die man so richtig über den Leisten ziehen kann. Die packt man nämlich bei ihrer Eitelkeit und schwatzt ihnen überteuerten 'Premium'-Kram auf. Meistens merken solche Leute erst viel später als andere, wie sie beschissen wurden.

Wie dem auch sei, eines sollte man sich abschminken: Dass das alles einfach so geschieht. Steht kleine politische Agenda dahinter, dann ist es immer noch ein alles andere als schönes Spiegelbild. Oder glaubt wirklich jemand, es wäre Zufall oder bloß Kreativität von Werbern, dass etwa Männer, vor allem im Aggregatzustand des Familienvaters, in der Werbung meist als tapsige, allenfalls halbintelligente Witzfiguren auftauchen, die ohne permanente weiblich-mütterliche Fürsorge nicht in der Lage sind, sich allein die Schuhe zu binden oder aus lauter Ungeschicktheit das halbe Eigenheim einreißen würden (für das sie natürlich brav die Kohle ranschaffen dürfen)? Solche Werbung basiert auf intensiver Marktforschung und sagt daher vermutlich mehr Unangenehmes über das Verhältnis zwischen den Geschlechtern aus als dickleibige wissenschaftliche Traktate.


9 Kommentare:

  1. Toller Beitrag. Danke für den Verweis auf die Artikel von Schröder und Steinwachs.

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  2. Ich danke wie die Vorrednerin für die Links. Und den Artikel selbst.

    Wenn so was wochen- und monatelang ganz oben auf den Bestsellerlisten steht und die Mittelschicht, allen voran das Bildungsbürgertum, sich gar nicht mehr einkriegt darüber, dann sind wir im Prinzip wieder in der Kaiserzeit angekommen. Auch da grassierte in gewissen Kreisen die Überzeugung, die Gattung Vollwertiger Mensch beginne beim Abiturienten und beim Leutnant. Ich hatte das Buch von Freunden wärmstens empfohlen bekommen und musste es beim Lesen mehrfach aus der Hand legen. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass Menschen, die ich ein Leben lang als durchaus klug, gebildet und anständig eingeschätzt hatte, ernsthaft auf so was abfuhren.

    Ich könnte in Ihrem Artikel vor allem diese Passage unterschreiben, mit dem Unterschied, dass ich mich gerade heraus geweigert habe (und dann als Spielverderber, der keinen Spaß verstünde galt) das Buch zu lesen.

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    1. kevin_sondermueller5. November 2015 um 14:49

      Und mir fiel gestern ein Hinterm Deich Krimi aus der Hand und gleich
      in den Altpapiercontainer: Immerhin war der Autor Hannes Nygaard, eine
      große Nummer in der Krimiszene (auch als Drehbuchautor für einige
      »Tatort«-Folgen). »Das Dorf in der Marsch« las sich richtig lecker (vor
      Allem Oberkommissar Große Jäger war ein großer Wurf!) – aber irgendwann
      schlich sich massives Hartz IV-Bashing ein! Klar, der Hartzie um den es ging
      war ein gewaltbereiter Unsympath, logisch, oder? Ab da konnte ich nicht weiterlesen – Altpapier! Einziger Trost: das Buch hab ich aus dem offenen Bücherschrank auf einem Platz meiner Stadt für lau entnommen. Aber solcher Mist gehört entsorgt … Randkommentar: der Autor war vor seiner
      Krimi-Bestsellerkarriere studierter Betriebswirt und Unternehmensberater.
      Wo die im Allgemeinen sich verorten dürfte bekannt sein.

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    2. Danke. Als vertiefende Literatur empfehle ich 'Prolls' von Owen Jones. Bezieht sich zwar auf die Verhältnisse auf den Britischen Inseln, ist aber unbedingt lesenswert.
      @kevin: Was Wunder, was Wunder. Auch Herr Twilfer hat, wie man so lesen kann, einen durchaus neoliberalen Hintergrund, will heißen, er nutzt das proletarische Image des heimischen Ruhrpotts, um damit Kasse zu machen. Mit anderen Worten: Wären die Verhältnisse nicht so wie sie sind, dann wäre er auch nicht so erfolgreich. Da klopft doch Brecht anne Tür...

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    3. kevin_sondermueller6. November 2015 um 12:52

      »Chavs« steht schon lange und sorgfältig gelesen in meinem Bücherregal.
      Owen Jones ist klasse! Sein Stil erinnert an den des frühen Orwell, der
      ja auch ganz tolle Sozialreportagen geschrieben hat – und lange vor
      Wallraff wie dieser recherchierte (aber weitaus weniger abgesichert).

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  3. "dass etwa Männer, vor allem im Aggregatzustand des Familienvaters, in der Werbung meist als tapsige, allenfalls halbintelligente Witzfiguren auftauchen, die ohne permanente weiblich-mütterliche Fürsorge nicht in der Lage sind, sich allein die Schuhe zu binden oder aus lauter Ungeschicktheit das halbe Eigenheim einreißen würden (für das sie natürlich brav die Kohle ranschaffen dürfen)?"

    Es Würde mich nicht wundern, wenn diese Werbung genau zu den Stoßzeiten plaziert wird, wo die sog. "Hausfrauen-Sendungen" im TV laufen. Ich vermute, sie haben in der Marktforschung herausgefunden, dass Frauen gerne Männer in der Werbung sehen, die Idioten sind (Übrigens nicht nur in der Werbung, auch in Hollywood-Filmen, Serien, bei den Simpsons, Büchern "der Vollidiot" etc.). Dann bekommen sie ihre Vorurteile bestätigt und können wieder auf die bösen, unfähigen Kerle schimpfen. Die ja nie das machen, was Frau denkt und will. Und sowieso immer und überhaupt an allem schuld sind (aber gerne Unterhalt zahlen dürfen). Ich habe beispielsweise noch nie (!) ein Frauentreffen erlebt (oder davon gehört), bei dem mal ausgeglichen über den Ex gesprochen wurde. Oder wenigstens ein Satz fiel wie: "Ja, ich habe auch meine Fehler!" oder: "Ich habe auch etwas falsch gemacht" Gibts nicht. Nie. Niemals. Männer sind immer an allem schuld. So einfach ist die Welt.

    Nebenbei: toller Artikel ;-)

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    1. Danke schön. Wie - du gehst auf Frauentreffen??? ;-) Wie auch immer: Der depperte Familienvater scheint mir inzwischen so was wie eine moderne Ikone geworden zu sein. Ist aber nicht neu, sondern kam auf, als in den Siebzigern die Emanzipationsbewegung aufkam.
      Übrigens ist mir gerade in den Sinn gekommen, dass hinter dem Vorurteil von der wie die Karnickel sich vermehrenden Unterschicht auch eine Menge Sexualneid von vertrockneten braven Bürgern stecken könnte...

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    2. Ja, der Verdacht, dass da schnöder Sexualneid eine Rolle spielen könnte, ist mir auch spontan gekommen. Wir alle projizieren das, was wir uns mühsam selbst verkneifen, ja nur allzu bereitwillig auf andere. Man denke nur an den triebhaften "Neger", gegen den der Ku Klux Klan die lilienweissen Schoenheiten verteidigen muss, an jenes bekannte Zitat aus "Mein Kampf", wo vom "schwarzhaarigen Judenluemmel" die Rede ist, der stundenlang darauf lauert, das sittsame blonde Maedel "mit seinem Blut zu schaenden", und ganz aktuell jetzt gerade "die Fluechtlinge", die es in ihrer kollektiven Notgeilheit natürlich ebenfalls in erster Linie auf "unsere Frauen" abgesehen haben. Die Klischees bleiben dieselben, nur die fantasierten Protagonisten wechseln... Schon traurig, dass diese primitive Propaganda immer wieder so gut ankommt!

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  4. Fluchtwagenfahrer6. November 2015 um 11:55

    Moin Stefan, wieder mal eine schöne Analyse. Mir Nichthartzer und nicht Oberabiturient mit angemessenen Einkommen fällt es trotzdem schwer diese in allen Schichten wie einzementierte Haltung aufzubrechen. Eine wahre Herkulesaufgabe, immer wieder zu argumentieren das Hartz IV Empfänger nicht zweifelslos alle Asis sind oder selbst schuld sind. Wobei das Wort Schuld, schon einen zum Kotzen bringen kann.
    LG

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