Freitag, 2. März 2018

Armutskitsch


Die Vergangenheit der 'Harry Potter'-Erfinderin Joanne K. Rowling ist oft kolportiert worden. Wie sie im bitterkalten Edinburgh als allein erziehende Mutter auf Sozialhilfe angewiesen war und ganze Tage in Cafés verbrachte, da diese im Gegensatz zu ihrer Wohnung geheizt waren. Und wie sie, während das Kind schlief, Entwürfe für die 'Harry Potter'-Reihe auf Servietten notierte, weil die im Gegensatz zu Schreibpapier kostenlos waren. Dieses Bild der darbenden jungen Autorin in spe ist tief ins öffentliche Bewusstsein gesickert. Ihr quasi offizielles Portrait in der Londoner National Portrait Gallery zeigt sie barfuß  an einem Kaffeehaustisch sitzend in einem engen, kargen, mit einem Elektroofen beheizten Zimmer.

Fast alles davon ist frei erfundener Armutskitsch. Kürzlich hat die British Library in einer Ausstellung versucht, mit diesen Ammenmärchen aufzuräumen. Auch Rowling selbst hat den Schmus längst richtig gestellt. Zwar habe sie damals wenig Geld gehabt, selbstverständlich aber eine geheizte Wohnung. Zudem habe sie immer Jobs gehabt und sei nur wenige Wochen ihres Lebens auf Sozialhilfe angewiesen gewesen. Die Vorarbeiten für die 'Harry-Potter'-Romane seien immens aufwändig gewesen und hätten sich über Jahre hingezogen. Selbstverständlich habe sie mit Schreibpapier gearbeitet und nicht mit Servietten. Und zwar zu Hause, da sie im Café viel zu abgelenkt gewesen wäre. Ins Café gegangen sei sie gelegentlich, um mal rauszukommen, und da konnte es vorkommen, dass sie eine Idee auf eine Serviette gekritzelt habe, um sie nicht zu vergessen, das sei alles.

Das ist im Prinzip auch jedem klar, der weiß, dass ernsthaftes Schreiben normalerweise echte, anstrengende Arbeit ist und kein Hobby gelangweilter Tagediebe. Ein komplexer Erzählkosmos wie die 'Harry-Potter'-Reihe fließt nicht mal eben en passant aus der Feder, sondern beruht auf peniblen Recherchen und akribischer, ausdauernder Arbeit, auf vielen tausend Blatt Notizen. Kann gar nicht anders. Fast alle auf Dauer erfolgreichen Literaten sind höchst disziplinierte Arbeiter. Dass dennoch immer wieder anderes behauptet bzw. unterstellt wird, hat zu tun mit einem verbreiteten romantischen Bild des Bohème-Schriftstellers einerseits und mit der allgemeinen Geringschätzung geistiger und kreativer Arbeit andererseits ("Wer Laberfächer studiert hat, kriegt bei uns gleich mal 30 Prozent weniger, harr harr!" - "Leider können wir Ihnen kein Honorar zahlen, aber es ist schließlich auch Werbung für Sie, wenn Ihr Name bei uns auftaucht.").

Wenn die Story von der einst bettelarmen Kaffeehausliteratin Rowling größtenteils falsch ist, wieso ist sie dann immer noch so verbreitet? Weil derlei Aufstiegsmärchen nun einmal ungeheuer populär sind. Und je tiefer die Tiefen, aus denen jemand aufgestiegen ist, desto glorioser der Aufstieg. Und weil sie einen idealen Soundtrack bildet für eine neoliberal getrimmte Gesellschaft, in der die Armen selbst schuld sind. Seht ihr, so lautet da der Subtext, Armut kann ungeheure Produktivität freisetzen. Erst wenn man mal ganz unten ist, das Leben in der Gosse, von dem man dank üppigem Sozialstaat nur einen winzigen Schritt weg ist, immer vor Augen, Wenn man nichts mehr zu verlieren hat, dann verspürt man auch die rechte Motivation, sein Leben in die Hand zu nehmen. Alles andere wären Falsche AnreizeTM. Denn jeder kann es schaffen. Kapitalismus – weil's bitter schmeckt und Kräfte weckt!

(Warum diese Logik übrigens nur für arme Sozialleistungsbezieher gilt, niemals aber für mit milliardenschweren Steuergeschenken gepamperte Milliardäre und stinkreich zur Welt kommende Erben, das wird ein ewiges Geheimnis des Kapitalismus bleiben.)



3 Kommentare:

  1. Diese Legendenbildung kenne ich aus persönlicher Erfahrung: "Der desillusionierte Johnny Malta bekommt von PEN International den Auftrag, Andy Bonetti, einen hochdekorierten Literaturhelden, der offenbar den Verstand verloren hat, zu liquidieren. Tief im hessischen Dschungel hat Bonetti eine private Terrordiktatur errichtet." So steht es in vielen Illustrierten. In Wirklichkeit arbeitet Bonetti achtzig Stunden die Woche brutal hart am Manuskript, spielt im Bereich der Protagonisten längst mit der Viererkette und zahlt brav seine Sekt- und Tabaksteuer.

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  2. Naja, ich stimm da schon weitflächig zu, aber die Verbindung zwischen Tellerwäscher-Narrativ alleine zum hoch (hart arbeitend) konstruktivem Schreiben, finde ich ein wenig gewagt. In D-Land z.B. regiert spätestens seit Wolfgang Hohlbein, (43 Mill. verkaufte Schinken) quantitativ eher das atemlose Schnellschreiben von Romanen der fließenden Phantasie. (Hat fast die Ewartungshaltung an Schreibstile ganzer Lektorate geprägt.) Das architektonische (strategische) zum emotionalen (Schreiben aus dem Bauch, vielfach auch als authentisch ausgelegt) Erzeugen von Bildern im Kopfe des Lesers, ist ein selbst Thema durch eine ganze Kunstszene hinweg. Ich würde mal sagen, Rowlings beherrscht beides und weiß es gut zusammen arbeiten zu lassen. Jährlich zwischen 80- und 100000 Neuerscheinungen in einem Umfeld für 10Mrd.Umsatz am gläubigen Rennen für den eigenen Erfolg zu halten, sind aber auf jeden Fall der Grund für solche Narrative. Andere spielen Lotto.

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    1. Ich las einmal, von 1.000 Menschen, die talentierrt wären, schreibt eine/r regelmäßig. Von 1.000 Menschen, die regelmäßig schreiben, wird einer gelesen, von 1.000 Menschen, die gelesen werden, publiziert eine/r bei einem Verlag. Von 1.000, die publizieren, kann eine/r (halbwegs) davon leben. Eine Karriere als erfolgreicher Autor zu planen (Wahrscheinlichkeit gleich tausend hoch drei), ist daher etwa so sinnvoll wie eine als Lottomillionär anzustreben. Es sei denn, man heißt Prantl oder Strauß und hat einen Papa namens Heribert oder Botho, der die eine oder andere Tür öffnen kann.
      @Bonetti: Man hats echt nicht leicht als Genie...

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