Wer im Bildungswesen arbeitet, legt sich beizeiten lieber einen gesunden Zynismus zu, um nicht irgendwann durchzudrehen. Denn auf alle Sonntagsreden, in denen die Rede ist davon, die Köpfe unserer Kinder seien unser wertvollstes und wichtigstes Kapital und alle Anstrengungen und yaddayadda, folgt garantiert der Montag, an dem verkündet wird, dass irgendwo wieder Mittel gekürzt werden, kein Geld da ist, Projekte auslaufen etc. Man braucht im übrigen auch keine aufwändigen Studien, um herauszufinden, dass mit einem Schulsystem, das pro Jahr bis zu 64.000 junge Menschen ohne Abschluss entlässt, irgendwas faul sein muss.
Und nun ist wieder Alarm. Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben bei der aktuellen PISA-Studie im internationalen Vergleich so schlecht abgeschnitten wie nie zuvor. Vor allem um die Lesekompetenz sei es ganz schlecht bestellt, wie es heißt. Von "historischem Tiefstand" ist die Rede Nun ja. Auf schlechte PISA-Ergebnisse scheint das selbst ernannte Land der Dichter und Denker seit dem ersten PISA-Schock 2001 eine Art Abonnement zu haben. Und auch dieses Mal ist das Rätselraten und Gebramme groß. Ogottogottogott, wie kommt das nur? Was soll nur werden? Dabei geht es längst nicht nur ums Geld. Es müsste sich noch einiges andere ändern.
Denn so kommt's halt, könnte man nicht ohne eine gewisse Häme sagen, wenn man geistige, kreative, soziale und pädagogische Arbeit als minderwertig, da 'weich', entsprechende Ausbildungen und Studiengänge als 'Laberfächer' abqualifiziert, Erzieher:innen als bessere Babysitter:innen bzw. Kinderaufpasser:innen, Lehrer:innen als überbezahlte arbeitsscheue Säcke mit 12 Wochen Urlaub verächtlich macht, moderne Pädagogik und Didaktik als bloße politische Ideologie denunziert (Auswendiglernen und Frontalunterricht haben uns früher schließlich auch nicht geschadet), Schulgebäude aus Geldmangel verrotten lässt, sich aber einen byzantinischen Bildungsföderalismus und eine ausufernde Schulbürokratie leistet, wider alle Empirie an einem dreigliedrigen, im Kern exkludierenden Schulsystem festhält, das international eine der großen Ausnahmen ist, als Relikt gilt und das soziale Mobilität nachweislich verhindert und Ganztagsschulen immer noch nicht selbstverständlich sind.
Wie praktisch, wenn man da Schuldige benennen kann. Die ganzen kulturfremden Ausländerkinder etwa, die seit 2015 unsere Schulen bevölkern, den Schnitt kaputt machen und die deutsche Brut am Lernen hindern. (Interessant in diesem Zusammenhang, dass die Schulabbruchquoten am höchsten sind in Bundesländern wie Sachsen-Anhalt und Sachsen, wo der Anteil von Schüler:innen mit Migrationshintergrund am niedrigsten ist.) Ferner: Das böse Internet, die bösen Smartphones und 'sozialen' Netze, die die Hirne unserer Kinder verstrahlen. (Da ist zwar was dran, nur scheinen andere Länder, wo es so was auch gibt, das irgendwie besser in den Griff zu bekommen) oder die faschistischen Corona-Maßnahmen. (Da ist zwar was dran, nur scheinen andere Länder, wo diesbezüglich auch Fehler passiert sind, das irgendwie besser in den Griff bekommen zu haben.) Und wenn alle Stricke reißen, kann man immer noch die methodischen Mängel der PISA-Studie benölen. Ein Elefant im Raum wird aber seltsamerweise nur ganz selten mal angesprochen:
"Darin, dass die PISA-Studien den Diskursen über Ungleichheit im Bildungssystem eine internationale und belastbare empirische Grundlage geliefert haben, besteht ihr Verdienst, nicht aber in den Ranglisten -- auch wenn diese einem Publikum, das in den Kategorien der Bundesliga geübt ist, vertraut sein mag." (Klaus Klemm)
Fast könnte man auf den Gedanken kommen, zu viel Aufstieg durch Bildung sei in einflussreichen Kreisen, wo man gern unter sich ist und bleiben würde, gar nicht gewünscht. Weil wir in einer Welt leben, in der so ziemlich überall BWLer das Sagen haben und in der alles streng nach Kosten vs. Nutzen beurteilt wird, hat das aus Sicht der Staatskasse sogar eine gewisse betriebswirtschaftliche Logik: Kinder ohne Sprachdefizite aus finanziell entsprechend ausgestatteten Haushalten, die sich’s zeitlich und finanziell leisten können, einiges von dem privat auszubügeln, was die Schule nicht leistet bzw. nicht leisten kann, kommen das öffentliche Schulwesen unterm Strich billiger
Es ist ein Witz, dass man sich im 21. Jahrhundert immer noch an diesen anrührenden Bildungs- und Aufstiegsbiographien a'la Charles Dickens delektiert, in denen Menschen aus so genannten 'bildungsfernen' Schichten erzählen, zum Glück sei da diese:r eine Lehrer:in gewesen, habe deren Potenziale erkannt und sie in Extraschichten nach der Schule entsprechend gefördert. Das mag das Herz erfreuen und ist auch gewiss schön für die Betreffenden. Wenn Karrieren und sozialer Aufstieg aber immer noch von dem bloßen Zufall abhängen, irgendwo mal an die eine richtige Lehrkraft zu geraten, dann ist das ein bildungspolitischer Offenbarungseid.
Ach, und wenn der Lehrer:innenberuf so ein Schlaraffenland ist, in dem man nach einem harten Referendariat und einem vielleicht holprigen Beginn die Füße hochlegen kann, endlos frei hat und massig Kohle für nix bekommt, wieso haben wir dann einen Lehrkräftemangel? Zumal immer mehr junge Menschen Abitur machen, wodurch der Lehrer:innenberuf auch immer mehr jungen Menschen offensteht?
So nämlich. Danke.
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