Samstag, 7. November 2026

Ab zum Doc, Männer!


Kein Nachruf, trotzdem wichtig

Natürlich ist es erschreckend und tragisch, wenn jemand wie Hubert Aiwanger mit Mitte fünfzig plötzlich verstirbt. Auf immer fremd bleiben wird mir hingegen, wieso jede Menge wildfremde Personen bei so was die 'sozialen' Medien vollmachen müssen mit ihren klebrigkitschigen Beileidsbekundungen, so als ob da gerade ein enges Familienmitglied gegangen wäre. Als Angehöriger wäre ich da möglicherweise eher befremdet und fände das übergriffig. Muss mit diesem Verschwimmen der privaten und der öffentlichen Sphäre zu tun haben, das mir ebenfalls immer noch fremd ist. Und wohl bleiben wird.

Weder kann ich etwas zur Todesursache Aiwangers sagen, noch ist mir irgend etwas bekannt über seine private Lebensführung. Der Anlass bietet sich jedoch an, auf etwas hinzuweisen, was vor allem uns Männer angeht: Wir gehen deutlich seltener zum Arzt als gut für uns ist. Das ist statistisch solide belegt. Kann man nicht drumherum reden.

Gewiss gibt es dafür Gründe, die nicht beim Einzelnen liegen. Männer arbeiten seltener in Teilzeit und vielleicht öfter in Jobs, die regelmäßige Arztbesuche erschweren. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen sterben Menschen deutlich vor der Zeit. Auch fitte Menschen kann es treffen. Ein Freund von mir, der seit 30 Jahren Pfarrer ist, sagte mal, er habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie viele idealgewichtige, nichtrauchende und nichttrinkende, in der Blüte ihrer Jahre stehende Sportskanonen er schon beerdigt habe. Und gegen genetische Vorbelastung ist man im Zweifel machtlos. Aber wir sollten auch ehrlich genug sein, uns einzugestehen, dass eine Menge Männer erst beim Doc aufkreuzen, wenn es zu spät ist. Und auch dann erst nach reiflicher Überlegung.

Die schlechte Nachricht: Mit zunehmendem Alter wird es eine immer schlechtere Idee, nur zum Arzt zu gehen, wenn man sich krank fühlt. Viele machen nicht mal das.

Ich weiß, Onkel Erwin hat nie geraucht, nie getrunken, kein Fleisch gegessen, immer Sport gemacht, ist immer brav beim Doktor gewesen und trotzdem mit 48 in die kühle Grube gefahren. Solche Fälle gibt es. Aber auch die anderen. Es ist deprimierend zu lesen, wie die Lebensgefährtin des an Darmkrebs verstorbenen Cartoonisten Martin Perscheid ihn jahrelang bekniet und gebeten, ihn förmlich angebettelt hat, mit seinen chronischen Beschwerden zum Arzt zu gehen. Und als er dann endlich hinging, war nichts mehr zu machen. Ein Arbeitskollege von mir ist vor drei Jahren an Magenkrebs gestorben. Hat viel zu lange die Symptome ignoriert. Als er irgendwann Blut erbrach -- too late. Wir Männer halten uns ja gern für rational. Aber ist so ein Verhalten rational? Rational erklärbar vielleicht schon, aber eben auch ziemlich dumm.

Natürlich ist jeder Mensch vollauf berechtigt, mit seinem Körper nach Gutdünken umzuspringen. Wer meint: Was soll's, wenn ich sterbe, dann sterbe ich halt -- bitte sehr. Nur wäre es dann ebenfalls rational, entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Dass man, wenn man irgendwann vor dem Unausweichlichen steht, die Möglichkeit hat, selbstbestimmt und schmerzfrei aus dem Leben zu gehen, anstatt es darauf ankommen zu lassen, qualvoll zu verrecken.

Machen wir uns nichts vor, liebe Geschlechtsgenossen: Wirklich rational ist es, regelmäßig zum Boxenstopp beim Weißkittel vorbeizuschauen. Nehmt verdammt noch mal die Vorsorgetermine wahr. Natürlich ist 'Vorsorge' streng genommen das falsche Wort, es handelt sich um Früherkennung. Die zielt darauf ab, bei den häufigsten Krebsarten (Haut, Darm, Blase, bei Männern Prostata/Hoden, bei Frauen Brust/Eierstöcke/Gebärmutterhals) eine bereits vorhandene Erkrankung möglichst früh zu erkennen und so die Heilungschancen zu verbessern. Gewiss, die 24 Stunden vor einer Darmspiegelung sind nicht der reine Spaß (von der Sache selbst bekommt man nichts mit). Passiert aber, wenn alles okay ist, alle 5 bis 10 Jahre. Vom Urologen den Finger in den Po gesteckt zu bekommen ist ebenfalls nicht angenehm, dauert aber nur ein paar Sekunden. Vergesst auch bitte nicht, für einen Zwanni den PSA-Wert bestimmen zu lassen. 

Geht zum Check-up, lasst euch Blut abnehmen, gebt Urin ab. Messt euren Blutdruck, wenn's Doc oder Dottoressa nahelegen. Das ist nicht 'unmännlich' oder so ein Quatsch. Wenn ihr merkt, dass ihr kurzatmiger werdet, das Gefühl habt, die Pumpe macht irgendwie Probleme, dann fragt nach einem Belastungs-EKG. Zahlt die Kasse. Wenn ihr was Komisches an euch bemerkt, das nicht wieder weggeht, lasst das kurz abklären. Wenn euch die KI am Praxistelefon abwimmelt oder ihr nicht durchkommt, dann schlagt halt persönlich da auf. Schickt notfalls die Freundin/Frau vor, so vorhanden, die regelt das schon.

Und keine Angst, Ärzt:innen schimpfen einen heute nicht mehr aus, die Zeiten sind vorbei. Die haben jeden Tag Leute auf dem Stühlchen sitzen mit ähnlichen Problemen wie ihr. Denen ist nur wenig Menschliches fremd. Ihr macht euch Sorgen, gesagt zu bekommen, die Leberwerte seien schlecht? Selbst wenn, wird der Hausarzt euch wahrscheinlich nicht gleich gewaltsam in eine Entzugsklinik einweisen lassen und euch auch nicht einen haltlosen Säufer nennen, sondern normalerweise erst einmal nahe legen, es in nächster Zeit etwas vorsichtiger anzugehen mit Alkohol und Fast food und und euch bitten, in drei Monaten wiederzukommen.

Es ist ferner längst etabliert, dass Ernährung einen eher geringen Einfluss auf den Cholesterinspiegel hat. Wenn die Werte zu hoch sind, wird man längst nicht mehr gleich auf strenge Diät gesetzt. Es gibt inzwischen jede Menge gut verträgliche, wirksame Medikamente, die das problemlos in den grünen Bereich pegeln. Ich spreche da aus Erfahrung. Auch die junge Hautärztin hat schon zig unoptimierte nackte Körper gesehen, die fällt nicht in Ohnmacht und kriegt auch keinen Lachanfall, wenn ein Mittfünfziger ohne Modelfigur im Adamskostüm vor ihr steht.

Das alles macht einen nicht unsterblich und schützt einen nicht vor allem Erdenklichen. Natürlich gibt es Krebserkrankungen, die trotz Früherkennung übersehen werden. Aber man verbessert seine Chancen deutlich, dass einem Freund Hein nicht in allzunächster Zeit seine antike Eieruhr um die Ohren haut. Wie gesagt, ich weiß nicht, woran genau Hubert Aiwanger gestorben ist und ob er sich regelmäßig hat durchchecken lassen. Die Obduktion hat eine natürliche Todesursache ergeben. Das kann alles Mögliche sein. Aber selbst wenn er immer beim Doc war, dann wäre das kein Argument dafür ("Siehste? Hat ihm auch nix genutzt!"), das ganze Konzept deswegen für sinnlos zu erklären und nicht hinzugehen.

Übrigens vermodert man heute auch nicht mehr stundenlang im Wartezimmer, wenn man einen Termin hat. Im Gegensatz zu früher dauert das bei mir selten länger als eine Viertelstunde. Noch ein Argument weniger.

In diesem Sinne!








5 Kommentare :

  1. Dieser Post spricht mich persönlich insofern an, dass ich in der Vergangenheit sämtliche Vorsorgeuntersuchungen brav mitgenommen habe - bis auf eine.
    Ich war an einen schlechteren Vertreter der Urologenzunft geraten, der mich mit einem halbwegs negativen Befund entlassen hatte mit der Empfehlung, in spätestens einem halben Jahr wieder vorstellig zu werden.
    Meinem Ego nachgebend unterließ ich das.
    Sechs Jahre später in einer Notaufnahme bekam ich eine deprimierende Diagnose. Mein bisheriges Leben war perdü, mein neues Leben mit deutlich verkürzter Lebenserwartung und etlichen Einschränkungen versehen.
    Ich habe zwar die Statistik mittlerweile geschlagen, freue mich über (fast) jeden geschenkten Tag, aber in einem Punkt schließe ich mich dem Blogger uneingeschränkt an: nehmt jede Vorsorgeuntersuchung mit.
    Es soll Weltgegenden geben, wo es dieses Privileg nicht gibt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich wünsche weiterhin alles Gute!

      Löschen
    2. Gut geschrieben.
      Was Hubert Aiwanger angeht, fand ich auch befremdlich, daß manche in den (a)sozialen Medien ihre Freude über seinen Tod verkündeten. Ich mochte ihn nicht, er lag mir überhaupt nicht - aber es gibt mit Sicherheit andere Politiker, die man lieber los wäre. Wobei eine politische Niederlage ja auch schon ok wäre.

      Löschen
    3. Ich habe überlegt, mich dazu zu äußern. Habe es dann gelassen. Reicht, wenn es in den Kommentaren angesprochen wird, danke.

      Löschen
  2. Ich war letzten Monat zwei Wochen im Krankenhaus und im Januar/Februar mehrfach beim Zahnarzt. Ich wurde komplett durchgecheckt und musste feststellen: Dieser sechzigjährige Gebrauchtkörper kommt nicht über den TÜV. Gestern war ich bei einem Chirurgen, dessen Computersystem nichts vergisst. 1995 wurde mir ein Stück Haut wegen Hautkrebs entfernt. Vor über dreißig Jahren! Hatte ich völlig vergessen. Kontrolle oder Glücksspiel - die alte Frage, wenn es um Männergesundheit geht.

    AntwortenLöschen

Mit dem Absenden eines Kommentars stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zu. Zu statistischen Zwecken und um Missbrauch zu verhindern, speichert diese Webseite Name, E-Mail, Kommentar sowie IP-Adresse und Timestamp des Kommentars. Der Kommentar lässt sich später jederzeit wieder löschen. Näheres dazu ist unter 'Datenschutzerklärung' nachzulesen. Darüber hinaus gelten die Datenschutzbestimmungen von Google LLC.