Montag, 31. Oktober 2011

Darf der Türke das?


Sprache ist eine Waffe - haltet sie scharf!" (Kurt Tucholsky)

via taz.de
Glückwunsch an Deniz Yücel zum diesjährigen Kurt-Tucholsky-Preis. In seinen taz-Kolumnenserien Vuvuzela zur Fußball-WM 2010 und Trikottausch zur diesjährigen Fußball-WM der Frauen hat er mittels Imitation des BILD-Zeitungs-Stils und im Wechselspiel mit den Kommentatoren ein wohl einzigartiges, entlarvendes Gesamtkunstwerk geschaffen. Anstatt einer langatmigen Begründung der Tipp, sich die verlinkten Kommentarspalten anzusehen. Das Ausmaß an Ignoranz, kleingeistigstem Bepisstsein, Hetze, an brauner Soße und schlichter Dummheit überstieg sogar noch den legendären Krieg um Helgoland: Es wurden unzählige Abos gekündigt und sich nicht entblödet, Perlen der Peinlichkeit zu produzieren, wie man werde ja wohl noch sagen dürfen, dass diese Satire einem nicht passe, ohne als humorlos abgestempelt zu werden. Köstlich auch der Vorschlag, den in Flörsheim am Main geborenen Yücel in seine Heimat abzuschieben.

Darf der Türke das? Jawohl, und wie er darf! Und das ist auch gut so. Noch mal: Herzlichen Glückwunsch. Ein Grund zur Vorfreude auf das nächste Fußball-Großereignis.


Sonntag, 30. Oktober 2011

Tu felix Austria, furze!


Hartnäckigen Gerüchten zufolge sprechen Deutsche und Österreicher die gleiche Sprache, nämlich deutsch. Das mag in grenznahen Gebieten noch stimmen, ansonsten ist es komplett falsch. Wie falsch diese Annahme ist, wird einem klar, wenn man sich, Augen und Ohren offen, in Österreich aufhält.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Brain Farts, 27.10.2011


Land ohne Opposition?

Die Analyse von Franz Walter, ja, bei SPIEGEL online, enthält in der Tat einige inter-essante Gedanken über den Zustand der Demokratie und das Selbstverständnis der politischen Klasse in diesem Land. Ehre, wem Ehre gebührt! Aber: Wenn Walter konstatiert, Deutschland sei ein Land ohne Opposition, warum erwähnt er mit keinem einzigen Wort die Linke, die als einzige Fraktion gegen die Ausweitung des Euro- Rettungsschirms gestimmt hat? Ich habe heute morgen extra noch mal nachgesehen: Tatsächlich, nicht ein Wort.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Glückliche Menschen und marktfrische Salate


„Glückliche Menschen“, sagte Jean-Marc Reiser, „gehen mir auf den Sack.“ Sorry, liebe attraktive Mittdreißigerin im Roadster an der Ampel, das geht jetzt nicht gegen Sie. Sie haben vermutlich eine piccobello Wohnung, den Schrank voll teurer Klamotten, einen solventen, Sie liebenden Lebenspartner, machen tolle Reisen und haben immer noch Geld übrig. Weil Sie alles richtig gemacht haben im Leben und ich eben nicht. Nein, das geht auch nicht gegen euch zwei persönlich, strahlendes junges Paar in der Fußgängerzone, das, Hand in Hand und teure Boutiquentäschchen schwingend, an mir vorbeischwebt. Erst recht nicht gegen Sie, sichtlich erfolgreicher Glatzkopf mit Anzug (ohne Schlips!) und fettem Macherchronometer an der Flosse, der im Café bei Latte Macchiato auf seinem iBook mit seinen fünftausend facebook- und XING-Kontakten schwer am networken ist. Es gibt Tage, da kann ich diese ganzen Hackfressen nicht mehr sehen und ein Gang in die Stadt wird zur Geisterbahn. Aber so was darf man ja nicht sagen heutzutage, sonst kommt die neoliberale Gesinnungspolizei und brandmarkt einen als faul und neidisch. Glück und Erfolg wird man ja wohl noch zeigen dürfen, schluchzbuhu!

Sonntag, 23. Oktober 2011

Verziehungs- und Fressfernsehen


Scripted Super Nanny

Es soll Menschen geben, die sich in bildungsbürgerlicher Nonchalance Illusionen machen über den aufklärerischen Gehalt von Formaten wie Die Super Nanny, so nach dem Motto: Ja sicher, es ist nicht unproblematisch, es ist reißerisch, es ist möglicherweise inszeniert, es geht vor allem um Voyeurismus, aber wenn damit dem einen oder anderen armen Kind geholfen werden kann, dann lässt es sich doch irgendwie rechtfertigen. Außerdem gucke ich das ja schließlich nicht. Wer immer noch so denkt, sollte sich unbedingt Folge 78 von Holger Kreymeiers hervorragendem Online-Magazin fernsehkritik.tv ansehen (leider lässt sich das Video hier nicht direkt einbetten, sonst hätte ich es getan).

Freitag, 21. Oktober 2011

Gehsse inne Stadt...


… wat macht dich da satt? Ne Currywurst. Ah, Currywurst! DAS deutsche Nationalgericht. Höhepunkt hiesigen kulinarischen Schaffens, Kult-Fastfood von der Maas bis an die Memel, um das die Welt uns beneidet. Alle lieben Currywurst, nicht wahr?
  

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Was Minister Ramsauer unter Freiwilligkeit versteht



„Wenn es nach Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer geht, haben die Radfahrer die Wahl: Entweder sie tragen jetzt freiwillig einen Fahrradhelm. Oder der Gesetzgeber zwingt sie bald dazu.“

Hm, völlig abgesehen von der Frage, ob und inwieweit eine generelle Helmpflicht für Radfahrer nun vernünftig ist oder nicht: Wenn ich nur angesichts der Drohung, ohne Fahrradhelm demnächst berappen zu müssen, notgedrungen anfange, so einen Deckel aufzusetzen, kann man dann noch guten Gewissens von „freiwillig“ reden? Oder sollte es nicht ehrlicherweise heißen: "Zum Glück gezwungen"?

Ich bin mal wieder ernsthaft verwirrt.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Kampfname: Pattex


Adolf Sauerland hat es doch nur gut gemeint: Er wollte die Love Parade im Kulturhauptstadtjahr 2010 nach Duisburg holen und ein Sommerwochenende lang Partymetropole spielen in der leicht unglamorösen Hafenstadt, für die sich seit Horst Schimanskis endgültigem Verschwinden kaum mehr jemand so recht zu interessieren schien. Auch sein eigenes Image als etwas dröger Bürokrat wollte er wohl ein wenig aufpolieren. So etwas ist nicht verboten und kommt meist recht gut an beim Volke. Sauerland wollte die Love Parade unbedingt und er bekam sie. Ein PR-Debakel wie seiner Bochumer Amtskollegin Ottilie Scholz sollte ihm nicht passieren: Sie hatte 2009 die Ausrichtung der Love Parade aufgrund massiver Sicherheitsbedenken abgelehnt und galt daraufhin als graumausige Bedenkenträgerin, die, typisch deutsch, vor dem großen Wurf zurückschreckt. Ein Jahr später waren 21 Menschen tot und solche Stimmen verstummt. Ein Oberbürgermeister als Leiter der Stadtverwaltung ist in so einem Fall reif für den Rücktritt.

Montag, 17. Oktober 2011

Brain Farts, 17.10.2011


Henkelmänner

Wenn die Occupy Wall Street-Bewegung schon jetzt eines erreicht hat, dann, dass sie den Hans-Olaf Henkels dieser Welt eines ihrer beliebtesten Argumente aus der Hand geschlagen hat: Dass die Amerikaner generell ein entspannteres, positiveres Verhältnis zu obszönem Reichtum hätten, ganz im Gegensatz zu den neidzerfressenen, kryptosozialistischen Deutschen, die dem braven Leistungsträger nicht die Butter auf dem Brot gönnten. Danke dafür!


Samstag, 15. Oktober 2011

Berufliche Neuorientierung


Als ich gestern nachmittag im Auto auf dem normalerweise durchaus hörbaren Sender Deutschlandradio Kultur Berichterstattung und Analysen über die Brandsätze im Berliner Nahverkehr hörte, dachte ich erst: „Ah, Terrorismusexperte – der letzte echte Männerberuf!“. Dann kam mir in den Sinn, dass große Karrieren meist mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein beginnen. Damit, dass man sich sagt: „Was der kann, das kann ich schon lange!“ Also beschloss ich, mich zu bewerben:

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Konservative Zeitenwende? (3)

Man kommt ja gar nicht mehr nach mit den ganzen Dominosteinen! Der bislang nur zitierte Beitrag von Lorenz Jäger, des zum Gutmenschen mutierten "einschlägig bekannten Rechtsaußen des Feuilletons" (Jürgen Habermas) in der FAZ ist jetzt vollständig online zu lesen - please count him out!

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Ausgekultet


Wann der Kult in mein Leben trat, weiß ich nicht mehr genau. Es muss irgendwann in den Achtzigern gewesen sein. Der ältere Bruder eines Schulfreundes erzählte etwas von Rocky Horror Picture Show und Blues Brothers. Der Mann studierte in Münster, und das provinzielle Münster war damals für das heranwachsende Kind einer randständigen, mittelgroßen Ruhrgebietsstadt die große weite Welt. Dort organisierte der AStA immer zum Semesterabschluss so genannte Kultfilm-Happenings: In einem extra gemieteten Programmkino wurde einer dieser Filme als Sondervorstellung gezeigt und alle erschienen in entsprechender Kostü-mierung. Bei Blues Brothers waren das natürlich Sonnenbrillen und schwarze Anzüge. Bei Rocky Horror Picture Show ging es bunter zu: Ein, zwei ganz mutige Herren sollen gar in Korsage und Strapsen aufgelaufen sein. Viel mehr können es aber auf keinen Fall gewesen sein. Wer Münster kennt, weiß warum. Jedenfalls war der Kern des Spaßes, bei diesen Vorstellungen wichtige Dialogzeilen im Chor mitzusprechen beziehungsweise gemeinsam bestimmte Dinge zu tun, zum Beispiel bei der Hochzeitsszene in Rocky Horror Picture Show mit Reis zu werfen. Der Studiosus erzählte all das mit beinahe verschwörerischer Stimme und meinte, das sei absolut Kult.

Montag, 10. Oktober 2011

Berlin, Prenzlauer Berg 2011...


… Raider heißt seit Ewigkeiten Twix und Deniz Yücel schreibt jetzt offenbar unter dem Namen Anja Maier. Oder war's umgekehrt? Indiz: Die Kommentarspalte, die noch köstlicher ist als der Artikel selbst.

(via Feisar.de)

Freitag, 7. Oktober 2011

Konservative Zeitenwende? (2)

Der nächste bitte!

Besteuerte Fette


Es war zu erwarten: Nach den Rauchern kommen nun die Dicken verstärkt ins Visier des Gesetzgebers: Dänemark hat eine Steuer auf gesättigte Fette in Nahrungsmitteln eingeführt. Pro Kilogramm gesättigter Fette werden 16 Dänische Kronen (ca. 2 €) fällig. Dadurch werden Molkereiprodukte wie Butter oder Sahne etwa 20 Prozent teurer, Fleisch und Käse je nach Fettgehalt zwischen drei und fünf Prozent. Importierte Ware, deren Gehalt an gesättigten Fetten nicht deklariert ist, wird gleich mit einer erhöhten Pauschale belegt. Man räumt offen ein, die Bürgerinnen und Bürger zum Kauf von Nahrungsmitteln mit einem geringeren Anteil an gesättigten Fetten erziehen zu wollen und erhofft sich dadurch eine Entlastung der Sozialkassen, weil auf lange Sicht weniger Behandlungskosten für Menschen mit ernährungsbedingten Krankheiten anfallen würden

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Steve Jobs (1955-2011)


Steve Jobs gehörte zu den Menschen, die unser Alltagsleben entscheidend geprägt haben, gleich ob man Apple-Nutzer ist oder nicht. Der asketische Hippie Jobs und der barocke Bastler Wozniak waren nicht die ersten, die auf die Idee gekommen sind, heim- bzw. bürotaugliche Computer zu bauen. Historiker würden sagen, diese Erfindung habe damals einfach in der Luft gelegen: Etwa zur gleichen Zeit wie der Apple II kamen der TRS-80 von Tandy und der Commodore PET 2001 auf den Markt. Jobs und Wozniak waren aber die ersten, die verrückt genug waren zu glauben, dass man kein irrer Sonderling sein müsste, um einen Rechner zu bedienen, sondern dass das auch ganz normale Menschen ohne Spezialausbildung können müssen, und dass da ein Massengeschäft für jedermann draus zu machen sei. Bill Gates dagegen war kein Pionier, er war ein smarter Epigone, der solche Impulse früher als andere aufgegriffen hat.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Dream Theater: A Dramatic Turn Of Events (2011)


Schon wieder zwei Jahre rum? Zeit für ein neues Album der Progressive-Metal-Götter Dream Theater. Nachdem Drummer und Band-Mitbegründer Mike Portnoy letztes Jahr überraschend ausgestiegen ist und die restlichen vier in Mike Mangini einen Nachfolger gefunden hatten, fragten sich natürlich viele Fans: Was kann der Neue? Mangini macht seinem Ruf, alles andere als ein musikalisches Leichtgewicht zu sein, alle Ehre. Der Mann ist ein Vollprofi, der sich nahtlos einfügt in die Firma. Man hat sich im Hause Dream Theater für die sicheren Variante entschieden, wie schon in der Dokumentation The Spirit Carries On zu sehen war. In kommerzieller und vielleicht auch persönlicher Hinsicht ist das verständlich, künstlerisch führt es meist nicht weiter. Andererseits können gerade eingeschworene Fans manchmal ziemlich konservativ sein, haben Bewährtes gern und goutieren allzu heftiges Experimentieren nicht unbedingt. Egal, für wen man sich letztlich entschieden hätte, ein Weitermachen unter dem alten Namen wäre vermutlich in keiner Konstellation ganz ohne Enttäuschungen möglich gewesen.

Montag, 3. Oktober 2011

Jammert gefälligst nicht rum, das Ausland beneidet uns!


Man reibt sich die Augen und braucht ein Glas Wasser: Die ZEIT fühlte sich, vermutlich anlässlich des heutigen Feiertages, bemüßigt, eine nicht weniger als sieben Seiten lange Jubelarie über unser gelobtes Land zu drucken. Sechseinhalb Seiten Stimmungsmache voller Friede, Freude, Eierkuchen über das schönste, angesehenste und überhaupt großartigste Land der Welt. Bislang kannte man so was nur von Amerikanern, wenn ihnen im Hinblick auf ihr Vaterland die Pferde durchgingen.

Zum Tag der deutschen Einheit


Montag frei, juhuu!

Samstag, 1. Oktober 2011

In Praise Of Charlie Brooker


Die britische Medienlandschaft funktioniert ein wenig anders als die deutsche: Die zu recht berüchtigten Tabloids wie The Sun, Daily Star, Daily Express u.a. lassen sogar die BILD-Zeitung zuweilen geradezu seriös erscheinen. Ähnliches gilt für Klatschmagazine wie Hello! oder Look: Man hat den Eindruck, dass in Großbritannien kein Z-Promi einen Schluckauf haben oder einen fahren lassen kann, ohne gleich eine Horde Reporter am Hals zu haben, die Tags darauf jedes noch so kleine Detail seitenlang auseinander dröselt. Auch das Fernsehen ist da nicht anders: Um eine Ahnung von dem zu bekommen, was Privatsender wie Sky, ITV und Channel 4 tagtäglich so ausstrahlen, muss man nur das Schlimmste aus mehreren deutschen Privatsendern zusammen rühren und mit fünf multiplizieren.