Dienstag, 14. August 2012

Quält euch!


Die Kulturpessimisten blicken mal wieder voll durch: Die geringer als erwartet ausgefallene deutsche Medaillenausbeute bei den am Sonntag zu Ende gegangenen Olympischen Spielen sei darauf zurückzuführen, dass wir Deutschen nicht mehr bereit seien, uns zu quälen, es fehle uns am letzten Quentchen Siegeswillen. Silber dürfe nicht das neue Gold sein. Und weil Sport der Spiegel der Gesellschaft sei, stehe es schlimm um Deutschland. So entfuhr es Michael Backhaus in der BamS in schöner Verleugnung dessen, was den Olympischen Geist irgendwann einmal ausgemacht hat.

Samstag, 11. August 2012

Leistungsträger im Schwimmbad


Die frühe Morgenstunde, so ab sieben, ist im Freibad die Zeit der rüstigen Rentner. Die ziehen dort, unabhängig vom Wetter und immer in der gleichen Besetzung, Morgen für Morgen auf der gleichen Bahn ihr Pensum herunter. Käme Mitte August ein arktischer Kälteeinbruch, der Treibeis brächte, es störte sie nicht weiter. Und Gott möge dem Eindringling gnädig sein, der es wagt, einfach so eine der Bahnen zu okkupieren, die seit Jahren fest vergeben sind. Der seit Jahrtausenden bewährten Rammtaktik sei Dank, wird er bald seinen letzten Armzug getan haben. Normalerweise ist das alles aber kein Problem für einen ausgemachten Langschläfer, weil einfach zu früh. Außerdem verdient so viel Selbstdisziplin und Zähigkeit, aller Schrulligkeit zum Trotze, unbedingt Respekt.

Mittwoch, 8. August 2012

Romeo und Julia in braun


Wenn unsere Gegner sagen: 'Ja, wir haben euch doch früher die Freiheit der Meinung zugebilligt.' - Ja, ihr uns! Das ist doch kein Beweis, daß wir das euch auch tun sollen. Daß Ihr das uns gegeben habt, das ist ja ein Beweis, wie dumm ihr seid." (Joseph Goebbels am 4.12.1935)
Die äußeren Umstände des Falls der Ruderin Nadja Drygalla sind bekannt: Als herauskam, dass Drygalla mit Michael Fischer liiert ist, der 2011 in Mecklenburg-Vorpommern für die NPD zur Wahl angetreten ist, verließ sie letzte Woche nach einem Gespräch mit Michael Vesper, Chef de Mission der deutschen Mannschaft, das Olympische Dorf und reiste aus London ab.

Seitdem ist das Geschrei groß: Wie kann man es wagen, die arme Frau wegen einer reinen Privatsache derart zu drangsalieren? Es gehe schließlich niemanden etwas an, mit wem sie zusammen sei. Das sei üble Gesinnungsschnüffelei, Sippenhaft und Rufmord. Unerträglich! Alarm, Meinungsfreiheit und Demokratie in Gefahr! Einige entblöden sich noch nicht einmal, diese Episode hochzustilisieren zu einer Art Romeo und Julia in braun. In der Art von: Hach, das arme Mädchen, dem das Recht beschnitten wird, den Mann ihres Herzens zu lieben! Gehts noch oder tut es sehr weh?

Montag, 6. August 2012

Feudalismus 2.0


Technische Neuerungen, heißt es immer noch, machten uns grundsätzlich freier und  entlasteten uns von stupider Arbeit. Wer da zu widersprechen wagt, gilt schnell als piesepömpliger Bedenkenträger. Natürlich möchte kaum jemand die Möglichkeiten noch missen, die zum Beispiel das Internet in puncto Kommunikation und Information bietet. Doch wäre es schlicht töricht, nicht auch über den Preis zu reden, den das hat. So wird oft geschrieben und diskutiert, dass die Grenzen zwischen öffentlich bzw. beruflich und privat immer mehr verschwömmen. Mitarbeiter müssen via E-Mail und Handy rund um die Uhr erreichbar sein, auch im Urlaub, und Millionen exponieren sich bereitwillig via facebook und Co einer wachsenden Öffentlichkeit.

Donnerstag, 2. August 2012

Die Mär von der Schere im Kopf


"Seit 2008 wird zurück geritten!", so entfuhr es ARD-Sportkommentator Carsten Sostmeier angesichts des Goldmedaillengewinns der deutschen Vielseitigkeitsreiter in London. Hintergrund war, dass die deutsche Equipe 2008 in Peking durch einen umstrittenen Protest der Gegner auf dem zweiten Platz gelandet war und nun die verdiente Revanche bekommen hätte. Der rhetorische Herrenreiter musste ziemliche Kritik einstecken für seinen Adolf-Rekurs und sich öffentlich entschuldigen. In dem Trubel ist übrigens die nicht minder geschmacklose Äußerung Sostmeiers untergegangen, die heimtückischen Briten und Franzosen hätten "uns" 2008 die schöne Goldmedaille am grünen Tisch mit fiesen sportrechtlichen Winkelzügen schmählich entrissen. Zu "heimtückischen Welschen" und zum "perfiden Albion" ist es da nicht mehr weit. Man braucht Sostmeier noch nicht einmal rechtes Gedankengut zu unterstellen. Vermutlich kam er sich einfach nur irre witzig vor.