Mittwoch, 18. Dezember 2013

Der große Coup der Angela M.


Kulturpessimisten klagen ja gern über die Verlotterung der Sprache und haben dabei meist die üblichen Verdächtigen im Blick: Jugendliche, Unterschichtler und andere Minderbemittelte verhunzen das schöne Kulturgut deutsche Sprache durch den falschen Gebrauch des Plusquamperfekts, mit ihren Angliszismen, ihrem "LOL!!!", "fett krass ey!" und anderen Modeerscheinungen. Leicht geht dabei unter, dass, wenn man schon über den ständigen Sprachverfall klagen muss, auch die, deren professionelles Handwerkszeug die Sprache ist bzw. sein sollte, eifrig daran mitstricken. "Ist es nicht immer wieder erstaunlich, mit welchem Weihrauch im Ton Journalisten das Ausfüllenkönnen von Bewirtungsquittungen schon für Schreiben ausgeben?", fragte Wiglaf Droste letztes Jahr rhetorisch. Um zu ermessen, wie recht er damit hat, braucht man sich nur die mediale Begleitung einer Personalie im Rahmen der jüngsten Regierungsbildung näher anzusehen.

Sonntag, 27. Oktober 2013

Ein Männerding, immer noch


Ron Howards Film 'Rush - Alles für den Sieg', Formel 1 und der ganze Rest

Es ist schwer zu bestreiten, dass es auf der Welt eine ganze Reihe vernünftigere und sinnvollere Dinge gibt als Motorsport. Kann sein, dass Motorsport wirklich eines der dümmsten und unvernünftigsten Dinge der Welt ist. Trotzdem kann und will ich nicht leugnen, dass Autorennen mich von jeher fasziniert haben. Vielleicht, weil ich mir ein Leben so ganz ohne jede Verrücktheit nicht vorstellen kann. Ferner mag ich nicht darüber diskutieren, ob das ein Sport ist oder nicht. Auch wenn es allen Kritikern, die sicher mit vielem recht haben, nicht passt: Ein derart groteskes Geschoss auf Rädern wie einen Formel 1-Wagen knapp zwei Stunden lang permanent im Grenzbereich zu bewegen oder in einem noch groteskeres Geschoss auf Rädern ein Langstreckenrennen wie das in Le Mans durchzustehen, ist körperlich und mental sehr wohl großer Sport. Ein Bleifuß und ein Pkw-Führerschein reichen lange nicht aus dafür.

Montag, 16. September 2013

Splitter und Balken


Alternativ: Ein Finger gegen drei

Es heißt, wer für alles offen sei, der sei meistens nicht ganz dicht. Es gibt keinen Zweifel, dass Teile der Grünen bis in die 1980er hinein aus einem falsch verstandenen Toleranzbegriff heraus organisierten Pädophilengruppen eine politische Heimat geboten haben. Ferner kann es keinen Zweifel geben, dass die Grünen sich längst davon distanziert haben und heute so ziemlich alle ihre Mitglieder diese peinliche Episode gern ungeschehen machen würden. Auf die Gefahr hin, Offensichtliches auszusprechen, sei es, um Missverständnissen vorzubeugen, dennoch gleich zu Beginn klar gestellt: Es ist nicht verhandelbar, dass gelebte Pädophilie, sprich Kindesmissbrauch, gleich von wem und an wem, eines der schlimmsten Verbrechen ist, das zu recht verfolgt und bestraft wird. Komme mir keiner mit den alten Griechen! Etwas anderes ist es aber, das Thema aus vordergründigen wahlkampftaktischen Motiven auszuschlachten.

Sonntag, 8. September 2013

Blätter, die die Welt nicht braucht


"Formen sind kein leerer Wahn." (Heinrich Mann, der Untertan)

Vor ein paar Jahren war ich zu einer Hochzeit eingeladen, bei der im Vorfeld um Abendgarderobe gebeten worden war. Dummerweise besitze ich so etwas nicht. Nur zwei, drei Jacketts, die ich mit irgendwas kombiniere, wenn es denn gar nicht anders geht sowie drei Krawatten. Ich hasse solchen Zinnober. Offizielle Kleidung ist etwas, das ich zu vermeiden suche, wo immer es geht. So hatte ich in meiner nur als grenzenlos zu bezeichnenden Naivität gedacht, ich sei auf der sicheren Seite, wenn ich mir einen einfarbigen, mittelgrauen Dreiteiler ausleihe, mein einziges weißes Hemd anziehe und mir eine meiner Krawatten dazu umbinde. Narr, der ich war! Während der Feierlichkeiten raunte mir jemand dezent zu, was ich da trüge, sei aber keine Abendgarderobe. Die bestünde entweder aus einem schwarzen, sehr dunkelgrauen oder allenfalls einem dunkelblauen Anzug. Paff, da hatte ich es!

Freitag, 16. August 2013

Ohrenpein beim Reitverein


Die Betreiber des nahe gelegenen Reiterhofs mit angeschlossener Gastronomie verstehen ihr Handwerk. Im schön gelegenen Biergarten lässt sich gutes Gebräu zu unschlagbaren Preisen genießen, auf Bestellung wird einem etwas Gutes auf den Grill gelegt, das nicht aus dem Großmarkt kommt, sondern von einem Metzger und ebenfalls zum schwer schlagbaren Preis verkauft. Im Hintergrund hält vornehmlich weibliches Jungvolk die Zossen auf Trab. Wenn der Wind günstig steht, bemerkt man auch den Geruch der hundert Meter entfernten Kläranlage kaum. Was soll's, die Emscher will schließlich gereinigt werden. H. ist nach einem mehr als ein Jahr währenden Dating-Marathon wieder in einer Beziehung angekommen und kennt kaum ein anderes Thema als seine neue Flamme. Man ordert noch ein Weißbier und lässt den lieben Gott einen jolly old fellow sein. Idyllen wie diese machen langmütig. Doch auch das hat Grenzen.

Sonntag, 23. Juni 2013

Die ihr Essen fotografieren


Irgendwas mache ich falsch. Ich mache mir oft einen Kopf, über was sich so bloggen lässt. Weil das hier nie ein reines Polit-Blog sein sollte, sehe ich zu, eine gewisse Balance hinzubekommen aus Politischem, Gesellschaftlichem und jenen netten Banalitäten am Wegesrand, die das Leben so farbig machen. Ich drechsele Sätze, lese sie mir laut vor, um zu hören, ob sie auch einen schönen Rhythmus haben. Regt mich etwas richtig auf, dann gelingt es mir manchmal, einen Beitrag in einer halben Stunde fertig zu haben und nur noch ein paar kleine Korrekturen vornehmen zu müssen. Meistens breche ich mir aber länger einen ab. Vor allem aber schmeiße ich eine Menge weg. Nur gut die Hälfte dessen, was ich im Monat so verzapfe, erscheint hier auch. Der Rest gammelt als angefangenes Fragment auf der Festplatte rum. Ich beklage mich nicht, denn ich finde das ziemlich normal. Wie alle kreativen Tätigkeiten, ist Schreiben nun einmal, entgegen einem verbreiteten Vorurteil, kein reiner Spaß, sondern vor allem Arbeit. Eine schöne Arbeit zwar, die meist Freude bringt und sehr befriedigen, gelegentlich aber auch frustrieren kann.

Dienstag, 11. Juni 2013

Genderama


"Girls will be boys and boys will be girls / It’s a mixed up, muddled up, shook up world / Except for Lola." (Ray Davies)
Die um ihre Männlichkeit fürchtenden Männer an der Universität Leipzig können aufatmen: Die Klöten bleiben dran und im Uni-Chor wird auch weiterhin Tenor und Bass gesungen werden. Kein honoriger Professor muss fürchten, in Zukunft mit "Frau Professorin", "Frau Professor", "Klaus-Bärbel" oder "Loretta" angeredet zu werden. Auslöser der Panik war ein Bericht auf Spiegel online, in dem es sinngemäß hieß, die Leipziger Alma Mater habe ihre Sprachregelungen dahingehend geändert, dass sich von nun an alle Männer mit weiblichen Titeln anreden lassen müssten. Im Teaser heißt es:

Freitag, 7. Juni 2013

Ursuppe


"Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Das ist die Chance der Propheten – und sie kommen in Scharen." (Gilbert Keith Chesterton)
Man sagt, des Menschen Wille sei sein Himmelreich. Wenn also jemand glauben möchte, der liebe Gott sei ein rauschebärtiger alter Mann und habe die uns bekannte Erde binnen sechs Tagen plus einem Ruhetag mit etwas Simsalabim aus Knetmasse und Spucke zusammengeleimt, dann soll er das eben tun. Wer par tout glauben möchte, man würde 120 Jahre alt und garantiert niemals krank, wenn man sich ausschließlich von Rohkost und ungewaschenen Wildkräutern ernährt, dazu täglich skurrile Gymnastik betreibt und Volkslieder zu ungelenk umgedichteten Texten zum Besten gibt, soll das meinethalben auch tun. Problematisch wird es genau dann, wenn Leute, die so was tun, alle, die das nicht tun mögen oder schlicht für Mumpitz halten, für minderwertige, unerleuchtete, ignorante und böse Menschen halten.

Ich bin in meinem bisherigen Leben weiß Gott einer ganzen Menge Schwachsinn in allen Farben, Formen und Größen begegnet. Seitdem ich mich seinerzeit daran gemacht habe, in die unendlichen Welten des Netzes vorzudringen, scheint mir das Ausmaß noch einmal deutlich angestiegen zu sein. Auch ist man aus der Esoterik-Szene wirklich einiges Schräge gewohnt. Doch spielt das, auf das am letzten Wochenende auf mein entzündetes Auge fiel, noch einmal in einer eigenen Liga.

Donnerstag, 6. Juni 2013

Verklemmte überall


Wie landet man als Comedian fast immer einen sicheren Lacher? Ganz einfach. Man braucht nur einen Satz anzufangen wie: „Greift ein Priester einem Messdiener unter den Rock...“, und dabei verschwiemelt zu grinsen. Ta-täää! Grölendes Gelächter ist fast garantiert. Die normalerweise durchaus witzige und angenehm versaute Kölner (ja, ich weiß, sie ist in der Klumstadt Bergisch Gladbach geboren) Komödiantin Carolin Kebekus hat für ihre vom WDR produzierte und auf EinsFestival ausgestrahlte Fernsehshow einen Clip gedreht, in der sie als tanzende Nonne inmitten einer Schar von Messdienern, denen wiederum Priester nachstellen, in einer Kirche Hiphoppiges zum Besten gibt. Irgendwann lupft sie das Gewand vor einem Kruzifix und leckt auch eines ab. Haha. Wer im Gegensatz zu mir auf HipHop steht, wird dem vielleicht sogar etwas abgewinnen können.

Dienstag, 16. April 2013

Wiederkehr der Spargeltarzane


Man sagt, das Auto sei der Deutschen liebstes Kind. Das mag sein, stimmt aber, wenn überhaupt, nur zum Teil. Zumindest ein paar Monate im Jahr ist der Deutschen liebstes Kind ein saisonal angebautes Liliengewächs. Bis zum Johannistag ist das Land verrückt nach Spargel. Nur nach dem milden Weißen, versteht sich. Mit dem ungleich interessanter schmeckenden und vielseitigeren Grünen kann man hierzulande eher wenig anfangen. Und so pilgern jetzt wieder Freunde des müffelnden Urins und andere Spargeltarzane in Kohortenstärke auf Wochenmärkte und in Hofläden, wobei sie glasig umwölkten Auges ekstatisch stammeln: „Frischer Spargel! Endlich!“ Ich weiß, wovon ich rede, denn hier ganz in der Nähe ist ein Anbaugebiet. Apropos liebstes Kind: Existiert eigentlich irgendwo eine Statistik, die belegt, dass die Zahl der Autozulassungen während der Spargelsaison merklich zurückgeht? Wundern würde es mich nicht. Die Tatsache, dass die Anbaufläche sich binnen zehn Jahren fast verdoppelt hat, spricht jedenfalls dafür.

Montag, 11. Februar 2013

Hölle alaaf!


Nein, ich kann wirklich nicht behaupten, es schlecht getroffen zu haben. Ich kann mich nicht beklagen. Es könnte schlimmer sein. Weil ich in einer Gegend Nordrhein-Westfalens siedele, die nicht zu den so genannten Karnevalshochburgen zählt, besteht eine reelle Chance, den heutigen Tag in Ruhe verbringen zu können. Ein paar Vorkehrungen sind freilich vonnöten. Erstens: Auf keinen Fall Fernseher oder Radiogerät einschalten, denn der WDR kennt keine Gnade. Zweitens: Wenn man an einer Ausfallstraße Richtung Innenstadt wohnt und keine Garage zur Verfügung steht, sollte das Auto außer Reichweite der närrischen Ströme geparkt werden. Leider scheinen nämlich immer wieder ganz besonders ulkige Zeitgenossen Sachbeschädigung für gelebtes Witzigsein zu halten, wenn sie parkende Autos sehen. Drittens: Türen und Fenster fest geschlossen halten. Hat man sich dann noch mit einem guten Buch ausgerüstet und mit ein paar Berlinern, der mit Abstand erträglichsten Begleiterscheinung der Saison, dann steht einem geruhsamen und vor allem friedlichen Rosenmontag eigentlich nichts mehr im Wege.

Montag, 28. Januar 2013

Run for cover!


Irgendwann in den Siebzigern riss Otto Waalkes folgenden Witz: Ein Mann, trifft zufällig einen alten Bekannten wieder und man kommt ins Erzählen. Auf einmal sagt der Mann: "Übrigens, ich habe jetzt ein Stinktier als Haustier." "Igitt!", meint der Freund, "Wo hältst du das denn?" "Na, im Schlafzimmer natürlich.", entgegnet der Mann. "Und der Gestank?" - "Ach, daran wird das Tier sich schon gewöhnen." Was haben wir gelacht! Als ich letztes Jahr in irgendeiner Sendung sah, wie ein Mann tatsächlich Stinktiere in seiner Wohnung hielt, wurde mir schlagartig klar, dass ich langsam alt werde. Anderes Beispiel: Die Nonsens-Metal-Band JBO brachte vor knapp fünfzehn Jahren das Album 'Meister der Musik' heraus. Darauf befindet sich neben Eigenkompositionen und Coverversionen auch eine mehrteilige Werbeparodie auf einen Sampler, auf dem Schlager- und Dancefloor-Fuzzis Hardrock- und Metal-Klassiker zum Besten geben ("Blümchen singt Black Sabbath!", "Richard Clayderman spielt Metallica!", "Ernst Mosch und seine Egerländer spielen Venom!" usw.).