Sonntag, 30. September 2012

Sozialdemokraten, traditionsbewusst


Schön, SPD-Spitzenkandidaten haben ein Problem, das bei CDU und FDP kaum eine Rolle spielt, weil man dort viel weniger ideologisch festgelegt ist. Es gibt nach wie vor viele CDU-Stammwähler, die bereit sind, ihre eigenen Ideale hinten an zu stellen und sich hinter fast jeden Kandidaten zu stellen, so lange nur kein Sozi Kanzler wird. Die oberste Priorität der FDP ist, unbedingt am Regierungstisch Platz, um mit kleinstmöglichem Personalaufwand größtmöglichen Einfluss zu nehmen. Daher ist man im Zweifelsfall recht flexibel, wenn man nur irgendwie mitmischen kann. Die SPD dagegen hat von jeher das Problem, eine im Kern kleinbürgerliche Partei mit linkem Flügel zu sein. Am erfolgreichsten war sie immer dann, wenn sie einen Kandidaten nominierte, der in der Mitte wildern konnte und den linken Flügel gelackmeiert hat dastehen lassen. Das hat bislang immer seinen Preis gehabt.

Mittwoch, 26. September 2012

Romnesie


Mitt Romney und der Mythos vom selbst erarbeiteten Reichtum

George Monbiot

Man könnte es Romnesie nennen: Jene Fähigkeit von Superreichen, den Kontext zu vergessen, in dem sie ihr Geld gemacht haben. Ihre Ausbildung zu vergessen, ihre Herkunft, ihre Familiennetzwerke, ihre Kontakte und wer sie wem alles so vorgestellt hat. Die Arbeiter zu vergessen, deren Arbeit sie reich gemacht hat. Die Infrastruktur zu vergessen, die Sicherheit, die Ausbildung ihrer Arbeiter und nicht zuletzt die Aufträge, Subventionen und Rettungsprogramme die sie von Regierungen erhalten haben.

Jedes politische System braucht einen Mythos zu seiner Legitimation. Die Sowjetunion hatte Alexej Stachanow, jenen Bergmann, der während einer einzigen, sechs Stunden langen Schicht 100 Tonnen Kohle allein gefördert haben soll. In den USA ist es Richard Hunter, der Held aus Horatio Algers Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichten.

Dienstag, 25. September 2012

Tatort Ruhrgebiet


Einen neuen Ruhrgebiets-'Tatort' zu drehen, ist keine leichte Aufgabe, denn das Erbe ist ein schweres. Die Ruhrpott-Cops gehörten zu den ersten Hard Boiled Detectives im deutschen Fernsehen. Das Revier bot dafür die ideale Kulisse. Die Siebzigerjahre waren eine Zeit des Übergangs und der Ungewissheit: Zwar brannten viele der tausend Feuer noch und in der Montanindustrie wurde auch noch gut verdient, aber das Zechensterben ließ erstmals ernste Zweifel aufkommen, wie lange das noch so weitergehen würde. Während der Achtziger dann begannen viele Bergleute und Stahlkocher, ihren Söhnen davon abzuraten, auch einzufahren unter Tage, bei Krupp, Thyssen oder Haniel malochen zu gehen. Die Schließung des Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen mobilisierte 1987 noch einmal eine ganze Region, aber bald war Ruhe. Im Jahresrhythmus fielen Fördertürme, wurden Schornsteine gesprengt, kamen Deckel auf verfüllte Schächte, wurden Industriegelände dem Verfall preisgegeben. Benötigte ein Regisseur apokalyptische Bilder für ein Endzeitdrama, wurde er zwischen Duisburg und Dortmund schnell fündig in dieser Dekade des Verfalls. Doch begann sich in dieser Zeit auch so etwas wie Lokalpatriotismus herauszubilden. Wir sind am Arsch und wissen das. Aber es ist uns egal. Wir sind rau aber herzlich und in Puncto Currywurst und Fußball macht uns eh keiner was vor, sollen die Berliner Großschnauzen oder die arroganten Münchner mal ruhig reden.

Sonntag, 23. September 2012

Die eine Meinung haben


Sind sie nicht allerliebst? Wie sie eine Meinung haben? Man kann sie förmlich da stehen sehen, das Gewicht aufs Standbein verlagert und die Fäuste in die Seiten gestemmt. Wie sie, eine Schulter keck vorgereckt, jeden ihrer gewichtigen Beiträge zum höheren Segen der Menschheit einleiten mit einem selbstgefälligen „Tja“ oder einem herablassenden "Naja" - was beides so viel heißt, wie: Ihr könnt mir alle ganz viel erzählen, ich weiß es sowieso besser. Ich habe meine Meinung nämlich aus dem Fernsehen. Oder aus dem Internet herunter geladen. Passt ihnen ein Zeitungsartikel nicht, dann ist er sofort rundheraus Schrott und kompletter Schwachsinn. Aber für gebildet halten sie sich, auch wenn sie keinen Schimmer haben, was Bildung heißt. Sie glauben: Bildung bedeute, irgendeinen Abschluss in irgendwas haben. Quatsch, das ist Ausbildung. Bildung dagegen bedeutet: Offen, neugierig zu sein und zu bleiben, je älter man wird, desto mehr. Bildung bedeutet Fähigkeit zur Selbstreflexion und vor allem bedeutet Bildung auch: Herzensbildung, Empathie, mitfühlend zu sein und zu bleiben. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Donnerstag, 20. September 2012

Große Qualitätsmedienschelte

 
Wenn man bei Google 'heribert prantl' eingibt, dann schlägt die Autocomplete-Funktion als nächste Einträge vor: 'kirche', 'voßkuhle' und 'kontakt' - lauter fast unverfängliche Sachen also. Kein Vergleich jedenfalls, was bekanntlich passiert, wenn man zum Beispiel 'bettina' eintippt. Belässt man es bei 'heribert prantl' und klickt auf 'Suche', dann erscheint als erstes Ergebnis der Wikipedia-Eintrag zu seiner Person. Dort heißt es, man liest es mit Verwundern, dass der gute Mann gelernter Jurist ist. Das überrascht einen umso mehr, als dass Prantl in einem seiner letzten Kommentare für die Süddeutsche Zeitung erneut die Mär vom quasi rechtsfreien Raum Internet ventiliert hat. Wörtlich meint er: "Im Internet gibt es noch kaum Regeln". Und das finde ich erstaunlich.

Dienstag, 18. September 2012

Fürchtet euch! - Nicht


Na, wer hat sich damals, Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger auch diebisch gefreut, als die Komiker von Monty Python den ganzen Frömmlern gekonnt einen eingeschenkt haben? Wer außer mir hat sich noch auf die Schenkel geklopft, als die Gebetbuchschnüffler die Backen aufgeplustert, nach Verbot geschrien haben und ihnen zugerufen: Willkommen im 20. Jahrhundert, Spießer? Wegen des großen Erfolges ist nun ein, so hört man, unterirdisch schlechter Film aufgetaucht namens Unschuld der Muslime, mit dem ein Scherzbold den Muslimen der Welt einen ähnlichen humoristischen Knuff verpassen wollte. Dummerweise gibt es unter denen nicht nur viele, die das nicht witzig finden, sondern auch ein paar Durchgeknallte, die es nicht beim Backenaufblasen belassen. Dumm gelaufen.

Samstag, 15. September 2012

Flaschenpfand als Skandal


Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass vor ein paar Tagen in Deutschlands meistgelesener Zeitung ein Artikel über die obdachlose Kerstin S. erschienen ist. Sie wurde von einem Passanten dabei fotografiert, wie sie den Inhalt von 113 Einweg-Wasserflaschen der Gosse überantwortet. Der Steuerzahler und investigative Journalist Nils Mertens recherchierte dazu folgendes: Die Dame hatte beim Jobcenter angegeben, ihr Portemonnaie verloren zu haben und daraufhin Lebensmittelgutscheine bekommen. Auf die Frage, warum sie die Flaschen entleert habe, sagte sie, einen Einkaufstrolley kaufen zu wollen, was mit den Gutscheinen aber nicht möglich sei, weil diese nur gegen Lebensmittel eingelöst werden können. Daher kaufte sie 113 Flaschen Wasser zu 0,19 Euro das Stück und leerte sie, um im Laden das Pfand in Höhe von 28,25 Euro zu erhalten. Im Artikel heißt es, sie wollte davon Alkohol und Zigaretten kaufen (interessanterweise wird dafür keine Quelle genannt).

Freitag, 14. September 2012

Dinge, die ich mal wieder nicht verstehe


Eins

Warum arbeite ich eigentlich nicht beim Verfassungsschutz oder beim MAD? Schön, mir fehlt die Ausbildung dafür und ich würde auch nicht wirklich arbeiten. Im Gegenteil: Ich würde höchstens 30 Stunden die Woche für ein schönes Gehalt ein schönes Büro bewohnen, so mit Gummibaum, Kaffeevollautomat und geregelter Freizeit. Ich würde gern alle Berichte lesen, die man mir vorlegt, aber auch darauf bestehen, mich anderen wichtigen staatsbürgerlichen Pflichten widmen zu können. Zum Beispiel, diesen Blog so zu pflegen, wie ich mir das wünsche. Oder Krimis zu schreiben. Bekäme ich den Auftrag, irgendwelche Akten zu schreddern oder obskure V-Leute anzuheuern, würde ich mich sofort krank melden. Das alles wäre natürlich nicht umsonst zu haben und Leistung im betriebswirtschaftlichen Sinne sieht anders aus, klar. Aber das ist nur oberflächlich, denn ich würde ja bestimmt keinen Schaden anrichten und auch bestimmt nichts kaputt machen. Das käme doch deutlich billiger, als das, was mindestens zwei der drei geheimen Dienste in diesem Lande seit einiger Zeit für einen Stress verursachen. Also, lieber Verfassungsschutz, lieber MAD, wie wäre es mit uns beiden? Ich stehe bereit, aktiv daran mitzuwirken, dass ihr in Zukunft garantiert nur noch wegen Geldverschwendung in den Schlagzeilen landen werdet. Das ist zwar nicht schön, aber immer noch besser als der Brassel, den ihr im Moment am Hacken habt, oder? In der Politik muss man sich eben manchmal für das kleinere Übel entscheiden.

Montag, 10. September 2012

Komm ma lecker bei mich bei!

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Was ist eigentlich gegen das Wort 'lecker' einzuwenden? Man kann es mögen oder nicht, das ist Geschmackssache. Aber warum scheinen sich in jüngster Zeit so viele daran zu stoßen? Zuletzt meinte der schreibende Koch und kochende Schreiber Jörn Kabisch im Freitag, das ginge nicht. Gut, unsere Nachbarn im Süden bringt das Einsickern des l-Wortes in ihren Sprachgebrauch freilich auf die Palme, weil das bei ihnen unangenehme Assoziationen in Richtung Annexion aufkommen lässt.

Donnerstag, 6. September 2012

Kinners, wie die Zeit vergeht...

Heute vor einem Jahr lief hier der erste Beitrag vom Stapel. Das nennt man wohl landläufig Geburtstag. Oder Jubiläum.

via youngtimer-blog.de

Ich danke herzlich für knapp 50.000 Seitenaufrufe, für Lob, Zuspruch, Kritik, Korrekturen, Ergänzungen, Frotzeleien, Verlinkungen und vieles mehr. Ohne all das wären die Fliegenden Bretter wohl kein Jahr alt geworden. Thanks!

P.S.: Aufmerksame Beobachter können übrigens am URL des verlinkten ersten Beitrags erkennen, wie dieses Blog ursprünglich heißen sollte - im letzten Moment ist mir aber eine bessere Idee gekommen.

P.P.S.: Eine Umgestaltung des Designs gibt es erst, wenn ich Zeit und Lust dazu habe.



Mittwoch, 5. September 2012

Keine Tüte Mitleid


Im Augenblick lässt sich wieder sehr schön das allseits beliebte Särgetrinken spielen. Das geht so: Immer, wenn in den Fernsehnachrichten zu sehen ist, wie Demonstranten einen selbst gebastelten Pappsarg durch die Gegend tragen, muss die Runde ein Bier auf ex nehmen. Werden dazu noch Trillerpfeifen geblasen, einen Kurzen hinterher. Schaut man sich die Frequenz an, mit der solche Bilder bei den spezialisierten Nachrichtenkanälen in der Regel ausgestrahlt werden und dass Pappsärge eigentlich immer mit Trillerpfeifenbegleitung herumgeschleppt werden, kann man sich auf einen mehr als feuchtfröhlichen Abend freuen.

Momentan tragen Ärzte verstärkt Särge umher und pfeifen dazu. Ihre Forderung: Geld her oder Gesundheitssystem bald in der Kiste. Und damit es auch weh tut, werden Praxen bestreikt, damit die Patienten auch spüren, was ihnen in Zukunft blüht, wenn die Honorare nicht mal eben um 11 Prozent steigen. Dass übrigens Kammerpräsident Montgomery in diesem Zusammenhang von "Folterinstrumenten" redet, ist ein wirklich entzückender Rekurs auf die Frühzeit seiner Profession

Montag, 3. September 2012

Neoliberalismus, nächste Stufe


Mit dem Antiamerikanismus ist das so eine Sache: Sicher kann man sich wundern, befremdet sein oder sich auch lustig machen über zahllose Phänomene jenseits des großen Teichs. Jüngstes Beispiel ist das rührselige, quasireligiöse Pathos, das die Republikanische Partei anlässlich des Nominierungsparteitages ihres Kandidaten Mitt Romney veranstaltet hat. Nur sollte man bedenken, dass vieles bei uns verzerrt, überspitzt und verfremdet ankommt und keineswegs repräsentativ ist. Zweitens besteht zur Arroganz in der Regel kein Anlass, weil viele der dort zu beobachtenden Schrullen früher oder später in irgendeiner Form auch bei uns auftauchen.