Samstag, 19. Januar 2013

Man wird doch wohl noch sagen dürfen!


Wenn Rassismus sich als Gebildetsein tarnt

Georg Diez, dem man einen Hang zu verbaler Verblasenheit nicht immer absprechen kann, hat es dieses Mal - Ehre, wem Ehre gebührt - ziemlich gut getroffen. Als bekannt wurde, dass der Thienemann-Verlag aus Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker Die kleine Hexe Wörter wie 'Neger' oder 'Negerlein' entfernen wird, pumpten sich Sprachpuristen mächtig auf. (Bei Thienemann folgte man übrigens dem Beispiel des Oetinger Verlags, der aus Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf Worte wie 'Neger' oder 'Negerkönig' entfernte.) Sofort wurde Politisch Korrekte Gesinnungsdiktatur diagnostiziert und von Zensur geschwafelt. Ulrich Greiner, der irgendwann einmal beim selbsternannten Dickdenkerblatt ZEIT schaffen durfte, verstieg sich gar allen Ernstes zu der Mahnung, man stehle Menschen, zu deren Lesebiografie diese Bücher nun einmal gehörten, ihre Erinnerung. Diez stellt die berechtigte Frage, woher eigentlich die Aggression derer käme, die dieses schmutzige Wort um jeden Preis verteidigen wollen.

Wer hier „Zensur!“ schreit, hat immer noch nicht begriffen, was Zensur bedeutet und überschätzt in diesem Fall die Rolle des Staates gewaltig. Solche Änderungen werden nicht vorgenommen, weil der Staat dies bei Androhung von Strafe vorschreiben würde – nichts anderes ist Zensur – oder weil ein Gesetz existierte, das die Verwendung von Wörtern wie 'Neger' oder 'Zigeuner' mit Knast belegte. Es geschieht, weil Verlage, die die Rechte an diesen Büchern innehaben, sich so entscheiden. Sind die Schutzfristen abgelaufen, dann steht es jedem frei, eine vermeintlich ungesäuberte Variante zu veröffentlichen. Dass er deswegen eventuell mit Beleidigungsklagen rechnen muss, ist eine andere Sache. Denn was eine Beleidigung ist und was nicht, kann sich im Zweifel schnell ändern.

Nehmen wir das Wort 'Behinderte'. Es gibt davon Betroffene, die diese Bezeichung ablehnen, weil sie bedeutet, eingeschränkt bzw. nicht vollständig zu sein und daher eine Wertung enthält. Eine Minderheit wiederum geht mit ihrem Anderssein offensiv um und legt Wert auf die Bezeichnung 'Krüppel', die für die meisten anderen inakzeptabel wäre. Wieder anderen ist das Ganze ziemlich egal und sie möchten am liebsten überhaupt nicht gesondert bezeichnet werden. Wer möchte ihnen vorschreiben, wie sie das gefälligst handhaben sollen? Wie im Falle von 'Krüppel', ist es auch andernorts verbreitet, diskriminierende Wörter einfach zu adaptieren, um ihnen die Schärfe zu nehmen. So hat der Rapper B-Tight sich selbst 'Neger' genannt und 'schwul' bzw. 'Lesbe' waren ursprünglich Schimpfwörter, bis die betreffenden Communitys einfach dazu übergegangen sind, sie selbst zu gebrauchen, wodurch sie zu mehr oder weniger neutralen Bezeichnungen geworden sind.

Der Hinweis, es sei aber doch früher ganz normal gewesen, Wörter zu benutzen, die heute den Tatbestand der Beleidigung erfüllen, offenbart daher nicht etwa Sensibilität für und Liebe zur Sprache, sondern lediglich Denkfaulheit, Ignoranz und Mangel an Empathie. Was früher allgemein akzeptiert war, könne doch heute nicht schlecht sein, jallern sie und verkennen, dass Veränderung das einzig Konstante an Sprache ist. Es ist völlig normal, dass Wörter mit der Zeit ihre Bedeutung ändern: 'Weib' zum Beispiel war im 19. Jahrhundert eine reine Geschlechtsbezeichnung ohne jeden pejorativen Beigeschmack. Heute ist es ein Schimpfwort und kaum ein zivilisierter Mensch verwendet es noch in der Öffentlichkeit. 'Geil' hieß ursprünglich soviel wie 'fruchtbar', dann soviel wie 'sexuell erregt', inzwischen ist es zum Universalattribut geworden für alles, das man irgendwie klasse findet. Solche Bedeutungswandel bei Neuausgaben zu berücksichtigen und die Verständlichkeit im eigentlichen Sinne möglichst zu gewährleisten, war und ist Aufgabe von Lektoren und Verlegern.

Insofern ist der Einwand, solche Änderungen griffen sinnentstellend in literarische Werke ein, schlicht lächerlich. Wäre das so, dann gäbe es kaum moderne Bibelübersetzungen, wie überhaupt jede noch so gute Übersetzung streng genommen eine Neuschöpfung ist und zwangsläufig ein Eingriff in den Originaltext. In einigen Fällen sind Übersetzungen wie Luthers Bibelübersetzung so gut, dass sie zu eigenständigen Kunstwerken werden. Es ist sicher eine nette Abendunterhaltung, sich über ambitionierte Projekte wie die Bibel in gerechter Sprache kaputt zu lachen. Was aber passieren kann, wenn Menschen mit Zähnen und Klauen an einer historischen Lesart festhalten, lässt sich am Beispiel evangelikal gepolter Kreationisten studieren, die verzweifelt versuchen zu beweisen, dass Menschen und Dinos einst gemeinsam die Welt bevölkert haben.

Es war und ist gängige Praxis, Texte dem jeweiligen Zeitgeschmack anzupassen. In früheren Zeiten passierte das übrigens weit häufiger und wahlloser als heute. Der Philologe nennt so etwas Rezeption. Grimmelshausens Simplicissimus oder Schillers Dramen in der Urfassung zu lesen, kann auch für Profis eine echte Prüfung sein. Wenn ein Verlag Daniel Defoes Robinson Crusoe als Jugendbuch herausbringt, dann wird die Vorlage von 1719 selbstverständlich auf Lesbarkeit getrimmt, ohne dass sich jemand deswegen aufregt. Auch für Theaterregisseure, die nicht Peter Stein heißen, war und ist es normal, Texte unter aufführungspraktischen Aspekten zu kürzen und gegebenenfalls leicht zu verändern. Sind die Urversionen deswegen verbannt für alle Zeiten? Bücherverbrennung oder was? Nein, sie sind in Form historisch-kritischer Ausgaben für alle, die das möchten, zu lesen und niemand käme auf die Idee, das verbieten zu wollen. Wollen die Literaturschützer wirklich behaupten, es entstelle grundlegend den Sinn von Pippi Langstrumpf, wenn es jetzt 'Südseekönig' heißt anstatt 'Negerkönig'? Im Gegenteil, die neue Bezeichnung ist sogar weitaus genauer: 'Neger' bezeichnet eigentlich Menschen schwarzafrikanischer Abstammung, Pippis Vater hingegen ist König einer Südseeinsel. Man kann davon ausgehen, dass gerade Astrid Lindgren, die immer gegen jede Form von Gewalt und für Mitmenschlichkeit eingetreten ist, sich nicht etwa im Grabe herumdrehen, sondern sich freuen würde.

Zum Abschluss ein kleiner Test, mit dem all die wackeren Streiter wider die Politische Korrektheit zeigen können, wie viel an Rückgrat sie wirklich haben: Wenn Sie das nächste Mal den türkischen Gemüseladen oder die Dönerbude Ihres Vertrauens betreten oder wenn Sie das nächste Mal die freundlichen türkischen Nachbarn treffen, dann reden Sie diese Leute doch einfach als 'Kümmeltürken' an. Wenn die dann stutzig werden sollten, dann können Sie sie ja darüber belehren, das sei jetzt keineswegs böse oder gar persönlich gemeint, nein, dieses Wort hätte eine gewisse Tradition und sei völlig normal gewesen, als Sie jung gewesen seien. Wenn Sie dafür zu feige sind, dann reden sie halt beim nächsten Besuch die italienischen Inhaber Ihrer Lieblingspizzeria als 'Itaker', 'Makkaronis' oder 'Spaghettifresser' an und verweisen auf die entsprechende Tradition. Denn mit dem Hinweis auf Tradition begründen Sie ja auch sonst den größten Schwachsinn.

Nein, es geht ihnen nicht um Sprache oder die Integrität von Texten. Es geht ihnen um Diskurshoheit und darum, bloß nicht ihren Rassismus infrage stellen zu müssen. Also verharmlosen, relativieren und dozieren sie, wobei ihnen die Gefühle derer, die sich von so was eventuell verletzt fühlen, komplett am halbgebildeten Bildungsbürgerarsch vorbei gehen. Sie haben nämlich schlicht keinen Bock auf Empathie und Gedöns und daher sollen die Neger mal schön stille sein und dankbar, in der deutschen Kulturnation geduldet zu sein. Es sollte jedenfalls zu denken geben, dass die eigentlich stockkonservative Kristina Schröder sich als weit moderner, flexibler und sensibler im Umgang mit Sprache erweist als viele sich konservativ gebende Sprachbewahrer.



Kommentare :

  1. Diese ganze Diskussion um die Neugestaltung alter Kinderbuchklassiker ging mir schlicht am Popo vorbei. Wobei der negative Beiklang eines Wortes wie 'Neger' erst durch Rassismus gespeist wird. Der Rassismus, der sich in Sprache ausdrückt und damit vorher unbelastete Begriffe negativ auflädt wird durch Tabuisierung dieser Worte nicht auszumerzen sein. Wäre schön, wenn es so einfach wäre. In eine ähnliche Richtung führt ja auch die Diskussion, ob 'Mein Kampf' verlegt werden sollte.
    Andererseits regt sich kaum jemand auf, wenn in Sachsen ein Gegendemonstrant einer Nazi-Kundgebung, ohne zweifelsfrei überführt worden zu sein für zwei Jahre ohne Bewährung verknackt wird. Ohne Bewährung und ohne Vorstrafen des Angeklagten.
    http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2013/01/17/urteil-gegen-nazigegner-ein-fatales-gesellschaftspolitisches-signal_11085

    Übrigens dürfen in Kinderbüchern neuerdings Schuhe nicht mehr gewichst werden. Dies in einer Zeit, in der 12-jährige Pornos auf ihren Handys austauschen.

    Ich habe kein Problem mit der sprachlichen Umgestaltung von Kinderbüchern, glaube aber nicht, dass dies den Rassismus in unserer Gesellschaft eindämmt oder andere gesellschaftliche Probleme bekämpft.

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  2. Mir mal wieder aus der Seele geschrieben! Ähnliche Gedanken sind mir auch im Kopf herumgegangen, ich habe mich nur nicht aufgerafft, sie aufzuschreiben.

    @ Duderich: Manchmal schlagen die politisch Korrekten etwas über die Stränge. Das mit dem Schuhewichsen finde ich auch völlig albern. Über die anderen Änderungen kann man diskutieren, ich finde das Verhalten von Oetinger und Thienemann in der Sache aber in Ordnung.

    Dass man durch sprachliche Säuberung keinen vorhandenen Rassismus beim Publikum verhindert, dürfte jedem klar sein. Dass es in diesem Land ein Problem mit Rechtsextremisten gibt und Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte vielerorts erschreckend erfolgreich den Eindruck vermitteln, auf dem rechten Auge nicht so gut zu sehen, ist auch unbestreitbar. Da gibt es viel zu tun, und das Entschärfen von Kinderbüchern ist da sicher nicht das Mittel der Wahl.

    Allerdings finde ich, dass sich das mit den Kinderbüchern trotzdem lohnt. Es ist nämlich ein kleiner Schritt dahin, dass rassistische und anderweitig diskriminierende Ausdrücke nicht mehr unkommentiert und wie selbstverständlich in den Büchern auftauchen, die Kinder in der Zeit konsumieren, in denen sich ihre Weltsicht formt.

    Ich selbst muss beispielsweise immer aufpassen, nicht doch Negerkuss zu sagen, weil ich damit eben aufgewachsen bin. Meine Kinder wachsen mit Schoko- und Schaumkuss auf und werden dieses spezifische Problem dann nicht haben. Dafür vielleicht andere. Aber bloß weil man nicht alles perfekt hinkriegt braucht man nicht von vornherein aufzugeben. Kleinvieh macht auch Mist.

    Und schon wenn man einer überschaubaren Anzahl halbwegs gutwilliger Leute bewusst macht, dass ganz harmlose Kinderbücher, ganz gängige Ausdrücke und Redewendungen eben rassistisch sein und Menschen herabwürdigen können, ist schon einiges gewonnen. Jeder einzelne, der sich auch nur einen rassistischen , sexistischen, homophoben o.ä. Ausdruck abgewöhnt, trägt zu einer Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas bei. Natürlich sind das alles nur einzelne Tropfen Tinte im Ozean, aber wenn man lange genug tröpfelt, ist das Wasser irgendwann wirklich wenigstens ein bisschen blau.

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  3. Ich weiß nicht. Ich bin da zweigeteilt. Als ich meinem Knirps dunnemals vorgelesen hatte, hab ich besagte Stellen direkt benutzt, um darauf hinzuweisen, dass es Zeiten gab, in denen Leute ganz schön arrogant und menschenverachtend auf andere hinab schauten. Und das sich das eben in Geschichten wieder spiegelt. Heute ist der Kleine größer wie ich, und benutzt das einmal besprochene als moralischen Kompass um zwischen ewig Gestrigen und wenigstens sich selbst Reflektierende unterscheiden zu können. Von Zensur würde ich ebenfalls nicht sprechen, - aber von Makulatur. Und das kann Frau Schröder gut. In vielerlei Hinsicht. Wie gesagt, ich bin da zweigeteilt, - da ich ebenfalls nicht davon ausgehe, dass der/die durchschnittliche Gute-Nacht-Vorleser/in ebenfalls damit umgeht. Was Frau Schröder ja auch nicht macht, denn die wartet damit, bis das Kind älter ist. Alle Eltern wissen, was das bedeutet. Nämlich keine Auseinandersetzung damit. Ich bin keine Freund von political-correctness. Für mich klingt das nach Sauberwaschen.

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    1. Ganz so dogmatisch wie es vielleicht rüberkommt, sehe ich das ja auch gar nicht. Man kann sehr wohl streiten, inwieweit so etwas sinnvoll ist. Kaum jemand regt sich auf über Änderungen, die eh immer passieren - zum Beispiel wird Rotkäppchen in der Grimmschen Urfassung als 'Dirne' bezeichnet, was wegen des anrüchigen Beigeschmacks in Ausgaben, die nicht zu Studienzwecken dienen, meist durch 'Mädchen' ersetzt wurde. Man kann auch da streiten, aber es ist sicher auch keine grobe Verfälschung, wenn man 'wichsen' durch 'putzen' ersetzt.
      Vor diesem Hintergrund finde ich, dass die Empörung einiger, dass ihnen das geliebte Wort 'Neger' genommen wird, schon ein wenig verdächtig.

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    2. Nene, ich seh deine Einstellung überhaupt nicht als dogmatisch an. Wäre dieser zeitgemäße Drang nach Neusprech mit bewusster Verfälschung der Tatsachen nicht, dann würde ich die Sache genauso sehen wie du. Aber so bin ich einfach nur vorsichtig und weiß nicht so recht, was ich von dem Ganzen halten soll. Ich befürchte einfach nur, dass sich hier weitaus mehr Leute über Polarisierungen selbst betrügen, als die Geschichte letztendlich Nutzen bringen könnte.

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  4. Antje Schrupp hat einen interessanten Artikel zu einem Aspekt des Themas geschrieben. Darin begründet sie, weshalb eine Anpassung von Texten angeraten sein kann. Sehr lesenswert: Wie Wörter zu ihrer Bedeutung kommen

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