Sonntag, 23. Juni 2013

Die ihr Essen fotografieren


Irgendwas mache ich falsch. Ich mache mir oft einen Kopf, über was sich so bloggen lässt. Weil das hier nie ein reines Polit-Blog sein sollte, sehe ich zu, eine gewisse Balance hinzubekommen aus Politischem, Gesellschaftlichem und jenen netten Banalitäten am Wegesrand, die das Leben so farbig machen. Ich drechsele Sätze, lese sie mir laut vor, um zu hören, ob sie auch einen schönen Rhythmus haben. Regt mich etwas richtig auf, dann gelingt es mir manchmal, einen Beitrag in einer halben Stunde fertig zu haben und nur noch ein paar kleine Korrekturen vornehmen zu müssen. Meistens breche ich mir aber länger einen ab. Vor allem aber schmeiße ich eine Menge weg. Nur gut die Hälfte dessen, was ich im Monat so verzapfe, erscheint hier auch. Der Rest gammelt als angefangenes Fragment auf der Festplatte rum. Ich beklage mich nicht, denn ich finde das ziemlich normal. Wie alle kreativen Tätigkeiten, ist Schreiben nun einmal, entgegen einem verbreiteten Vorurteil, kein reiner Spaß, sondern vor allem Arbeit. Eine schöne Arbeit zwar, die meist Freude bringt und sehr befriedigen, gelegentlich aber auch frustrieren kann.

Dabei müsste das überhaupt nicht sein. Man kann sein Bloggerdasein nämlich viel, viel einfacher fristen. Man muss nur das Web 2.0, 3.0 oder bei welcher Version wir auch immer gerade sind, richtig begriffen haben und sich auf den Gedanken einlassen, dass Kategorien wie "öffentlich" und "privat" voll 20. Jahrhundert sind. Auf die Idee brachte mich jetzt der hier schon einmal erwähnte Jörn Kabisch, schreibender Koch bzw. kochender Schreiberling in Diensten des 'Freitag'. Kabisch beobachtete letztens in einem Restaurant einen Foodblogger. Der zückte, kaum dass er sein Essen serviert bekommen hatte, sein smartes Phone, um das Aufgetragene sogleich im Bild festzuhalten, um es per Netz mit einer breiteren Öffentlichkeit zu teilen:
"Wenigstens in den Restaurants der Berliner Szene-Viertel fällt es kaum noch auf, wenn Gäste ihr Smartphone zücken. Egal, ob mittags bei vegetarischen Maki-Rollen oder abends in einem teuren Restaurant, wenn confierte Stubenküken auf Spargelschaum serviert werden. Es macht immer wieder „Klick“. Manchmal blitzt es auch. Das ist dann doch etwas unangenehm."
Kabisch nennt das übrigens Food Porn. Pornös daran ist wohl nur, dass es einer gewissen exhibitionistischen Ader bedarf, um das ernsthaft und mit Genuss zu betreiben.

Wie immer muss man differenzieren: Weil ich gutes Essen sehr schätze, gern koche und ebenso gern Neues ausprobiere, finde ich Blogs, auf denen Menschen sich auf kulinarische Entdeckungsreise begeben, neue Rezepte ausprobieren, vergessene Produkte aufspüren und fachkundig darüber schreiben, wirklich reizvoll. Auch können Blogs, auf denen zum Beispiel Schüler täglich das ganze Elend ihrer Schulverpflegung dokumentieren, entsprechende Verbreitung vorausgesetzt, durchaus aufklärerisch wirken und sogar etwas bewegen. Nebenbei bemerkt, muss ich zugeben, letzten Montag auch kurz davor gewesen zu sein, mein Mittagessen zu fotografieren. Ich musste mich für einen Tag ins Krankenhaus begeben, um in Narkose einen kleinen Eingriff vornehmen zu lassen. (Keine Sorge, nichts Ernstes.) Die labbrige Kartoffelsuppe, die man mir da kredenzte, erfüllte in Puncto Optik und Geschmack locker sämtliche Klischees, die über Krankenhausessen kursieren. Dass ich das fade Zeug dennoch wegputzte, war der Tatsache geschuldet, dass ich nach mehr als 18 Stunden ohne feste Nahrung einen Mordskohldampf hatte und vermutlich auch für einen Teller fußwarme Spachtelmasse dankbar gewesen wäre.

Etwas anderes jedoch sind Typen wie die von Kabisch Portraitierten. Ich kann mir nicht helfen, aber mir scheint, als überschätzten sie die Relevanz ihres unmaßgeblichen Durchschnittsdaseins dergestalt, dass sie alles, was ihnen vor die Futterluke kommt, für so wahnsinnig interessant halten, dass sie es unbedingt knipsen müssen, um das im Bild festgehaltene dann sogleich online zu stellen. Das scheint die neueste Erscheinung jenes Trends zu sein, öffentlichen und privaten Raum zu vermischen. Wie es Menschen gibt, die sich in der Öffentlichkeit geben, als sei die Fußgängerzone ihre Privatwohnung, gibt es schließlich auch welche, die sich jeden Tag über Farbe, Geruch, Konsistenz und nähere Umstände ihres Stuhlgangs ausbreiten können. Oder jene Schmerzfreien, die im Kino mit grell leuchtenden Smartphones rumnerven, weil sie bei ihren ganzen Fratzbuchfreunden unbedingt die weltbewegende Nachricht ablaichen müssen, dass sie gerade im Kino sitzen. 

Offenkundig habe ich ein Problem. Ich kann es mir einfach ums Verrecken nicht vorstellen, dass sich irgendjemand, den ich gern als Leser hätte, interessieren könnte, was ich mir tagtäglich so einpfeife. Wie gesagt, ich koche gern und probiere auch herum, aber eben nicht andauernd. Daher ist mein Speiseplan normalerweise alles andere als ungewöhnlich und enthält eine Menge Brot, Brötchen, Nudeln und manchmal - horribile dictu! - auch Fertiges. Was soll daran so mitteilenswert sein? Ein schönes Beispiel dafür, dass etliche solche Skrupel nicht mehr haben, ist die Rubrik 'Kosmoskoch' auf der Internetseite der 'Süddeutschen Zeitung'. Dort stellen Redakteure und Leser vor, was über die Woche bei ihnen auf den Tisch kommt. Obwohl da selten irgendetwas Besonderes dabei ist, wird das ganze durchaus eifrig kommentiert. Was soll das?

(kochbuchsammler.de)
Handelt es sich dabei am Ende um Reste einer alten höfischen Tradition? In feudalen Zeiten war es üblich, jeden Tag bekannt zu geben, was die monarchische Tafel alles zieren würde. Das war ein Akt der Herrschaftsausübung, weil es dem Volke deutlich machte, dass es den Hochwohlgeborenen an nichts fehlt. Zudem machte das die Hierarchie im Staate deutlich, handelte es sich doch in der Regel um Genüsse, von denen die meisten Nichtblaublüter nur träumen konnten. Auch heute noch wird bei royalen Festivitäten und ähnlichen Anlässen gern das exquisite Menü veröffentlicht, das da aufgetischt wird. Merke: Wer der Welt mitteilt, was es bei ihm auf die Gabel gibt, der ist oben. Aha, so läuft der Hase also! Daher sei hier mein Speisezettel für Montag, den 24. Juni 2013 gütigst publik gemacht:

Morgens: Brot, Butter, Wurst, Käse, Schinken, 1 gekochtes Ei (mittel), Kaffee
Vormittags: Obst, Kaffee
Mittags: Weiß ich noch nicht. Könnte passieren, dass ich Lust auf Lahmacun kriege.
Nachmittags: Fruchtjoghurt, Milchkaffee
Abends: Spaghetti Bolognese mit geriebenem Parmesan, Orangina, Fruchteis

Ahhh, morgen ein Kaiser. Und jetzt auf die Knie, Untertanen!


Kommentare :

  1. "Morgens: Brot, Butter, Wurst, Käse, Schinken, 1 gekochtes Ei (mittel), Kaffee
    Vormittags: Obst, Kaffee
    Mittags: Weiß ich noch nicht. Könnte passieren, dass ich Lust auf Lahmacun kriege.
    Nachmittags: Fruchtjoghurt, Milchkaffee
    Abends: Spaghetti Bolognese mit geriebenem Parmesan, Orangina, Fruchteis"


    Pics or it didn't happen! :)

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  2. Morgens: Brot, Butter, Wurst, Käse (...)

    Was ist denn das, die Vorlage vergessen auszufüllen? Was für Brot, was für Butter, welcher Käse? Wir sind doch hier nicht im Sozialismus, wo man froh sein konnte, überhaupt irgendeine Sorte Brot, Butter, Wurst usw. zu kriegen. Als Gourmet hast Du doch bestimmt Deinen Hinterhofspezialbäcker, der bei Vollmond dieses ganz besondere Dinkelsauerteigbrot mit schwarzem Sesam und getretenem Quark backt. Und die Butter wird ja wohl nicht von BASF kommen, sondern von diesem einen Butterguru aus der schwedischen Einöde oder vielleicht noch von einem bretonischen Ökobauern oder von einem Yakzüchter in der äußeren Mongolei, der über uraltes Wissen verfügt. Woher kommt das Lahmacun, welche Zutaten verwendet der Meister?
    Und so weiter. Die Foodiegemeinde liest doch hier nicht mit, um generische Speisepläne zu lesen, da müssen schon ein paar Details her.

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    1. Careful what you wish for... XD

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    2. Ich muss das ja dann im Zweifelsfall nicht mehr lesen ;)

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  3. Hehe. Das ist auch die Kunst des Schreibens: wenn man gerade keine Idee für ein Thema hat, schreibt man übers Schreiben. Funktioniert immer. Sollte ich auch mal wieder machen... ;-)

    Aber zum Thema: fressen, fressen, fressen. Wir haben ja sonst keine Probleme und Interessen. Die Medien sind voll mit dem Thema (gefühlte 3 mill. Kochsendungen, Frauenzeitschriften etc.) und ich erlebe auch oft Menschen, die sich stundenlang über Rezepte, Restaurants oder andere kulinarische Besonderheiten unterhalten können. Für mich ist das ein Symptom der spießbürgerlichen Weltvergessenheit. Und völlig laaaangweilig....

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  4. Und schon, - hab ich wieder Kohldampf :-)))

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  5. @epikur: Oder übers Essen, nicht? ;-)
    @eb: Dann werde ich besser keine Bilder einstellen, auch wenn Thomas mir dann nicht glauben wird...

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