Dienstag, 18. Juni 2013

Fremde Freunde


Kein Zweifel, Amerika war einmal cool. Vor allem die Populärkultur. Für viele in der Nachkriegszeit Sozialisierte hatten Jeans, Rock 'n Roll und auch das unkomplizierte Fastfood im Mief der Adenauerära etwas Befreiendes. Amerika, das stand für Freiheit, ein gewisses Rebellentum, dafür, es dem Establishment zeigen. Auch der amerikanische Traum hatte eine gewisse Faszination: Egal, wer du bist oder wo du herkommst, egal wie du heißt und welchen Namen du trägst, du bekommst deine Chance. Dass das streng genommen kaum jemals so war und es auch in den USA, die keinen Adel kannten, sehr wohl eine Rolle spielen konnte, wer man so war und aus welchem Stall man stammte, störte zunächst nicht weiter. Die Amerikaner waren schlau genug um zu sehen, dass es im Nach-Nazideutschland eine jüngere Generation geben würde, die nach so etwas dürstete und gaben den wohlwollenden Hegemon. Viele Deutsche dankten ihnen das.

Amerikanische Präsidenten waren nach dem Kalten Krieg so etwas wie die Herren der Welt. Aber auch, wer sich vorher an die Amerikaner hing, der stand auf der guten Seite, auf der Seite der Sieger, so hieß es. Das hat sich inzwischen geändert. Militärisch ist der amerikanische Präsident sicher noch der mächtigste Amtsträger der Welt, wirtschaftlich wohl nicht mehr. Vielleicht war das amerikanische Imperium mit dem von George W. Bush angezettelten Irakkriegs überdehnt und an den Grenzen seiner Ressourcen angelangt. Man weiß es nicht, aber vielleicht ist es Barack Obamas historisches Verdienst, das erkannt zu haben und den Amerikanern diese unbequeme Wahrheit als erster verklickert zu haben. Konservative hören so etwas natürlich nicht gern. Auch dass der amerikanische Traum durch die Bankenkrise 2008, die zahllose Amerikaner ins Elend stürzte, endgültig in eine Karikatur verwandelt hatte, ist nicht seine Schuld. So viel Fairness muss sein.

Wenn amerikanische Präsidenten sich deutschlandfreundlich gaben, dann vor allem aus Kalkül. John F. Kennedy hat seinen berühmten Börliner-Spruch bestimmt nicht gebracht, weil er so ein Fan Westdeutschlands war, sondern weil er die BRD als strategischen Partner an der Frontlinie des Kalten Krieges brauchte. Weil er das aber mit so viel Charme tat, dachten viele Deutsche: Hey, der mag uns, weil wir so vorbildliche Demokraten sind. Fehler! Erste echte Risse bekam die Zuneigung der Westdeutschen mit dem Vietnamkrieg. Ein beträchtlicher Teil der Energien, die sich 1968ff. auf den Straßen entlud, war Solidarität mit dem Vietcong und Hass auf das brutale amerikanische Vorgehen. In den Achtzigern polarisierte dann Ronald Reagan mit seinem ideologischen Antikommunismus, der zusammen mit der paranoiden Greisengarde im Kreml die Welt tatsächlich an den Rand einer nuklearen Katastrophe brachte. Die Reagan-Ära brachte noch eine Wende in der amerikanischen Politik: Reagans Wahlkampfteam war es gelungen, den evangelikalen Bible Belt als Wählerreservoir für die Republikaner zu erschließen. Seitdem kommt niemand, der in der US-amerikanischen Politik etwas werden will, an den alttestamentarischen Frömmlern mehr vorbei.

Reagans Nachfolger George Bush sen. kann man zugute halten, eingesehen zu haben, dass man den Lauf der Zeit nicht aufhalten kann und die Liebe der Deutschen zu Gorbi, ihrem neuen Hoffnungsträger, der aus der Kälte kam, mit Fassung getragen zu haben. Der hölzerne Texaner wurde zum Zünglein an der Waage in Puncto Wiedervereinigung. Das amerikanische Wahlvolk dankte es ihm nicht, denn nach nur einer Amtsperiode wurde er von Bill Clinton abgelöst. Clinton war ein cooler Babyboomer, er stand für Kumpelhaftigkeit, Internet, New Economy und kommte Saxophon spielen. Bei seiner Amtseinführung traten Fleetwood Mac auf und seine Tochter Chelsea ließ er Deutsch lernen. Noch heute ist er in Deutschland einer der populärsten amerikanischen Präsidenten.

Mit seiner Wahl verknüpften sich Hoffnungen darauf, dass die breite Bevölkerung nach dem kostspieligen Kalten Krieg nun so etwas wie eine Friedensdividende bekam. Fehlanzeige. Unter Clinton wurden in den Staaten die Sozialgesetze erheblich verschärft. Er unterzeichnete er 1996 den Personal Responsibility Act und den Work Opportunity Act, die Sozialleistungen zeitlich befristeten und das den Sozialstaatsbeschneidern hierzulande den Sabber um die Mundwinkel trieben. Und auch der kumpelige Bill Clinton schickte die Flugzeugträger los, wenn hieß, es müsse sein. Das muss übrigens nicht nur schlecht sein. Die NATO-Einsätze im Kosovo 1999 waren ohne Frage brutal und auch die modernen chirurgischen Bomben und Raketen trafen Unschuldige. Nur halfen sie eben auch, dem fast ein Jahrzehnt andauernden blutigen Treiben auf dem Balkan ein Ende zu setzen. Man kann am Kosovo-Krieg vieles kritisieren und muss ihn nicht als Heldentat feiern. Doch konnte leider keiner der Kritiker eine gangbare gewaltlose Alternative vorweisen, mit der sich die verfahrene Situation anders hätte lösen können. Gelegentlich ist es so im Leben. Pazifist zu sein, ist sicher ehrenwert, manchmal aber auch zu einfach. Dass der Kosovo-Krieg ein Dammbruch war, der maßgeblich zur Militarisierung der deutschen Außenpolitik beigetragen hat, ist sicher ein fieser Nebeneffekt.

Mit George W. Bush dann zeigte das amerikanische Imperium seine hässliche Seite. Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns, war die schlichte Devise des schlichten Bush-Nachkommen. Konnten die USA nach dem Schock des 11. September 2001 noch auf weltweite Solidarität zählen, folgte ihre Logik im Umgang mit den Verbündeten im Fall des Irakkriegs der eines Mafia-Syndikats: Wir haben euch damals den Arsch gerettet, jetzt macht gefälligst auch jeden Mist mit, den wir für richtig halten. Zum ersten Mal nach dem Krieg war Antiamerikanismus in Deutschland nicht mehr auf die linke Seite des politischen Sprektrums beschränkt, sondern wurde geradezu zum Volkssport.

Nach acht dunklen Jahren des außenpolitischen Amoklaufs eines George W. Bush, kam der vergleichsweise junge Barack Obama, Senator aus Illinois, der aus dem Nichts gekommen schien, gerade für Europäer einer Befreiung gleich. Sein charismatisches Auftreten, sein Sinn für Humor, seine mitreißende, an Martin Luther King geschulte Rhetorik, sein einschmeichelnder Sprechbariton, und schließlich der Umstand, dass er nicht aus einer schwerreichen Politdynastie stammte, sondern als schwarzes Adoptivkind mit kenianischen Wurzeln aus einer ziemlich normalen Familie, das alles wirkte, als habe jemand endlich die Fenster ganz weit aufgerissen. Sein Wahlkampf war mehrheitlich finanziert durch Kleinspenden, die sein Team mittels innovativer Methoden übers Internet gesammelt hatte. Da war er plötzlich wieder, der alte amerikanische Traum: Alles ist möglich, alles geht, jeder kann es schaffen.

Als Obama antrat, da schien es, als wäre endlich wieder so etwas wie Anstand in die Politik zurückgekehrt. Kein brutal-zynisches Machtausüben, sondern Freundlichkeit, Menschlichkeit und Dialog schienen wieder Einzug gehalten haben im Weißen Haus. Eines ist dabei wie immer untergegangen: Es hat noch niemals einen amerikanischen Präsidenten gegeben, der kein eiskalter Machtpolitiker gewesen wäre. Ist man keiner, dann wird man nicht amerikanischer Präsident. Amerikanische Außenpolitik ist in erster Linie Wirtschaftspolitik, nach dem Kalten Krieg mehr als vorher. Wenn Obama und seine Berater zu dem Schluss kommen, dass sich im pazifischen Raum bessere Geschäfte machen lassen als im euroatlantischen, dann ist das eben so. Dann bleiben für die Europäer und die Deutschen ein paar freundliche Worte, aber der wahre Stoff wird woanders gebacken. Und wenn Obamas Beraterstäbe zu dem Schluss kommen, es sei besser, Guantanamo in Betrieb zu halten und Drohneneinsätze auszuweiten, dann wird eben getan, was getan werden muss. Der neoliberale Grinsekasper Tony Blair in Großbritannien tat einen Teufel, irgendeine von Margaret Thatchers Zumutungen wieder rückgängig zu machen. Er verkaufte sie nur besser. Genau so macht es Obama. Außer freundlichen Absichtserklärungen nichts gewesen. Auch so funktioniert Politik. Andererseits: Ist es nicht naiv zu erwarten, man könne eine Weltmacht regieren, ohne sich je die Finger schmutzig zu machen?

Nun muss man Obama wiederum zugute halten, dass wohl kein Präsident vor ihm sich jemals mit einer solchen Opposition herumschlagen musste. Den meisten Republikanern im Kongress geht es längst nicht mehr um politische Inhalte, sondern es geht gegen die Person. Und so fahren sie die Linie: Scheiß auf Vernunft und auf das, was eventuell sinnvoll sein könnte. Wenn's Obama irgendwie schadet, dann ist es in Ordnung und wird gemacht. Gegen so eine Fundamentalopposition kann auch der gewiefteste Taktiker allenfalls Teilerfolge und faule Kompromisse herausschlagen und muss diese dann wohl oder übel als große Erfolge verkaufen.

Die deutsche Amerikaliebe und ihr Gegenpol, der Antiamerikanismus, aber tragen immer noch stark irrationale Züge und sind zuweilen von erschreckender Naivität, teilweise auch von der Sehnsucht nach einem Erlöser geprägt. Die Unzufriedenheit mit Obama und seiner Amtsführung ist auch die eines enttäuschten Liebhabers. Allen, die jetzt rumjammern, wie voll gemein der Obama doch ist, weil er einfach nicht das tut, was man möchte, sondern machtpolitischem Kalkül folgt, denen möchte  man mit Brecht antworten: Dann glotzt halt nicht so romantisch.



Kommentare :

  1. Schöner Artikel, auch wenn ich kleinere Einwände habe ;-)

    Der NATO Einsatz im Kosovo hat den Krieg nicht beendet. Im Balkan, Afghanistan und dem Irak wird bis heute gekämpft, auch wenn unsere Massenmedien nur darüber berichten, wenn es mal wieder mehrere Tote bei einem Anschlag gab. Diese Regionen haben sich zu beinahe "failed States" mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen entwickelt. Die USA haben diese Länder mit ihrem harten militärischen Einsatz mitnichten "befriedet". Auch wenn uns das immer wieder verkauft werden soll.

    Hinzu kommt, wir konzentrieren uns viel zu sehr auf Personen, weil uns die Medien ihre Personalisierungsmethoden tagtäglich einimpfen. Auch die Macht von US-Präsidenten sollte nicht überschätzt werden. Banken, Konzerne und vor allem der militärisch-industrielle Komplex haben nicht nur in der USA das sagen. Präsidenten, Minister, Kanzler - das sind nur die ausführenden Marionettensprecher.

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  2. Guter , differenzierter Artikel.
    Vor allem die Kritik am bei uns viel zu beliebten Clinton trifft ins Schwarze.

    Scheint so eine Art Hin-und her zu geben zwischen rosarot und Haß gegenüber den USA ( kann mich da nicht ganz ausnehmen ) , es wimmelt von Ultrabösen und Welterlösern in der deutschen und europäischen Sicht auf die Amerikaner, natürlich sind die Amis daran nicht ganz unschuldig , sie inszenieren sich selber immer sehr pathetisch.

    "die Macht von US-Präsidenten sollte nicht überschätzt werden. "

    So ist es , aktuell erkennbar am NSA-Skandal , Obama war selber sichtlich geschockt , ist er aber nicht der erste , schon Kennedy wurde kräftig hintertrieben , damals wohl eher vom Militär.

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