Freitag, 7. März 2014

Frau L. und ihr Leiden an der Gegenwart


In der Kunst und damit auch in der Literatur ist so ziemlich alles erlaubt. Wenn zum Beispiel ein Romanautor das Innenleben eines psychopathischen Massenmörders aus der Ich-Perspektive rekonstruieren will, dann ist das selbstverständlich legitim, weil unterschieden werden muss zwischen Erzähler- und Autoren-Ich. Dass diese Grenze längst nicht immer eindeutig zu ziehen ist, versteht sich von selbst, weshalb im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden ist. So war seinerzeit der Freispruch Jonathan Meeses, bei allen Bauchschmerzen, die man aus guten Gründen deswegen haben kann, im Sinne der Kunstfreiheit letztlich berechtigt, weil bei seinen Performances, die man mögen kann oder nicht, niemals wirklich klar ist, wer da gerade spricht.

Im Fall von Frau Lewitscharoffs Dresdner Rede hingegen liegt sicher nicht falsch, wer davon ausgeht, dass sie nicht als Kunstfigur, sondern ziemlich eindeutig als Sibylle Lewitscharoff gesprochen und einige ihrer ureigenen Überzeugungen zum Besten gegeben hat. Dafür bekommt sie mit Recht auf die Ohren. Wer möchte, kann ihrer Rede entnehmen, dass Sibylle Lewitscharoff ein Problem hat mit lesbischen Frauen, die Kinder bekommen. Darf sie selbstverständlich haben.

Ob es sich dabei um Homophobie geradezu matussekschen Ausmaßes handelt, sei dahin gestellt, doch spricht das eine oder andere für diese Vermutung. Übrigens darf man selbstverständlich auch homophob sein. Man darf offen bekennen, ein Problem zu haben mit allem amorösen Treiben, das irgendwie von der heterosexuellen Norm abweicht. Nur ist das etwas anderes als damit anzugeben wie Graf Koks, die Betreffenden als degenerierte Menschen zweiter Klasse zu bezeichnen, die sich nicht zu wundern brauchen, wenn sie diskriminiert und unterdrückt werden und sie entsprechend zu behandeln. Das ist nicht nur in hohem Maße unreif, sondern kann im Zweifel auch mehr über eigene Dispositionen verraten als einem eventuell lieb ist.

Vielleicht meint Lewitscharoff ja wirklich, vom Onanieren bekäme man Rückenmarkschwund und es wüchsen einem Haare auf der Handfläche - mag sein. Und wenn das so sein sollte, dann darf sie das selbstverständlich auch öffentlich äußern. Nur: Um welchen Planeten genau kreist die Dame, dass ihr offensichtlich nicht klar war, dass das heftigsten Widerspruch oder gar Spott hervorrufen musste?

Denn natürlich (man muss es leider so sagen) fiel auch ihr als erste Verteidigung nichts Abgeschmackteres ein als sich auf die Meinungsfreiheit zu berufen. Wie andere unerfreuliche Zeitgenossen führt sie sich auf wie ein Pyromane, der im Wohnzimmer Feuer legt, dann Zeter und Mordio schreit, wenn die ganze Hütte in Flammen steht und am Ende noch die Versicherung verklagt, wenn die sich weigert, den Schaden zu übernehmen.

Vielleicht hätte sich eine Menge Ärger vermeiden lassen, wenn die Dame sich bereits in der Rede so klar gemacht hätte, wie Tags darauf, als ihr mächtig die Späne um die Ohren flogen und sie zurückruderte. In der Tat ist eine Frage wie die, was es auf Dauer mit dem Wertesystem einer Gesellschaft und mit den Menschen anrichtet, wenn Fortpflanzung zunehmend als bloßer technischer Vorgang begriffen und praktiziert wird, durchaus spannend und sehr wohl auch berechtigt. Auch das ist aber etwas völlig anderes als Kinder, die aus künstlicher Befruchtung hervorgegangen sind, pauschal 'Halbwesen' zu nennen und ihnen damit quasirassistisch ein Etikett anzuhängen für etwas, für das sie als allerletzte etwas können.

Man fragt sich ernsthaft, wie eine hochdekorierte Schriftstellerin, die für ihren kunstvollen Umgang mit der Sprache gerühmt wird, sich derart vergaloppieren konnte. Indes: Ein Versehen war das nicht. Ihr Auftritt war kein spontaner, sondern ein vorbereiteter und wohl abgewogener. So erscheint Lewitscharoffs atavistische Tirade symptomatisch für eine saturierte, grenzenlos gelangweilte Kulturszene, die den Zumutungen einer modernen, pluraler und damit anstrengender werdenden Welt zutiefst überdrüssig ist, sich deswegen in ein imaginiertes Gestern flüchtet, dabei gern einmal mit neurechtem, wenn nicht gar faschistischem Gedankengut flirtet und das auch noch als unzeitgemäßes Künstlertum ausgibt.


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