Montag, 26. Mai 2014

Drei Fragen am Rande


Sagt mal, Politiker,

geht’s noch? Was ist denn in euch gefahren? Der Blitz beim Scheißen? Eigentlich hatte ich ja geglaubt, die Forderung, den morgendlichen Schulbeginn zu verschieben, wenn Deutschland bei der WM um 22:00 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit spielt, sei auf dem Mist dieser hysterischen Supereltern gewachsen. Also denen, die grundsätzlich hochbegabten Nachwuchs in die Welt setzen, stillend die Latte-Macchiato-Läden des Landes flächendeckend verstopfen und glauben, mit dem Zeitpunkt der Geburt ihrer Thronfolger habe das Universum sich gefälligst ausschließlich um sie und ihre überzogenen Ansinnen zu drehen.

Doch weit gefehlt! Die Forderung kommt in Wahrheit von Politikern. Po-li-ti-kern! Sogar die CDU macht mit! Hallooo? Also, so haben wir aber nicht gewettet, Politiker. Ihr habt in schulischen Fragen gefälligst humorlose Spaßbremsen, gnadenlose Zuchtmeister zu sein, die so etwas sofort kategorisch ablehnen. Um des Standortes Deutschland Willen. Weil man schließlich keine Generation phlegmatischer Langschläfer heranzüchten möchte. Ihr habt bitteschön zu denken, die hiesigen Schüler leisteten im internationalen Vergleich eh schon viel zu wenig und entsprechende drakonische Gegenmaßnahmen vorzuschlagen. Gerade Konservative haben zu schnarren: Hattenwirfrüherauchnich, hatunsauchnichgeschadetdamals! So geht das.

Aber nein, anstatt unseren Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, ein solides Feindbild und eine gesunde Abneigung gegen Obrigkeit und Autoritäten zu entwickeln, macht ihr hier plötzlich einen auf Schülerversteher. So geht’s aber nicht! Außerdem: Was ist eigentlich mit all den Kindern anderer als deutscher Herkunft, die sich vielleicht auch freuen würden, später zur Schule zu müssen, wenn ihre Mannschaft zu nachtschlafender Zeit spielt?

Laut Spielplan muss die deutsche Mannschaft übrigens während der Gruppenphase kein einziges Mal vor einem Werktag um 22:00 Uhr antreten.

***

Liebe Wiener,

ich muss sagen, eure Stadt gefällt mir. Doch, wirklich. Nett habt ihr's. Dass ich Wien sofort mochte, liegt vermutlich zum einen daran, dass ich eh eine Vorliebe für historischen Kram habe und zum anderen, dass ich nie länger als ein paar Tage bleibe, wenn ich zwecks Erholung in eine Stadt reise. Dann nämlich dominiert noch die Faszination des Neuen, bleiben die positiven Eindrücke im Vordergrund und die negativen Seiten, die es in jeder Stadt und in jedem Land zwangsläufig gibt, hatten noch keine Chance, einem zu sehr auf den Sack zu gehen. Man blendet sie eher aus und reist mit gutem Gefühl wieder ab. Ich muss nicht immer Sozialstudien betreiben. Auch der kritischte Geist braucht mal eine Pause.

Auch in Wien war ich kurz genug, dass zum Beispiel niemand dazu gekommen ist, mich als 'Piefke', 'Marmeladinger' oder ähnliches zu beraunzen. Und selbst wenn das passiert wäre, dann hätte ich mir sagen können: Red' du mal schön, morgen früh sitze ich wieder im Flieger und du mitsamt deines verschissenen, von einer Horde duchgeknallter Zuckerbäcker auf Speed in die Gegend gerotzten Franzl-und-Sissi-Dreckskaffs kannst mich mal kreuzweise. Außerdem wäre das unfair gewesen, weil wir Deutschen leider nur über eher unbeholfene Spottnamen für Österreicher verfügen. Aber zum Thema.

Wer jemals das Vergnügen hatte, genüsslich ein echtes, nach allen Regeln der Kunst zubereitetes Wiener Schnitzel inhalieren zu dürfen, weiß, warum sich dem Österreicher, dem Wiener zumal, der Magen umdreht beim bloßen Gedanken daran, da irgendeine Sauce drüberzukippen. Fairerweise sollte man aber hinzufügen, dass für jene frittierten, in Fertigpanade, pardon, -panier gehüllten Gewebekonglomerate, die man hierzulande immer öfter aufgetischt bekommt, sogar zum dritten Mal aufgewärmte Tütensauce in der Regel eine echte Verbesserung ist. Trotzdem hätte ich da noch eine Frage, die mich wirklich umtreibt:

Wer oder was zum Teufel hat euch Wienern und Bewohnern des Umlandes eigentlich diesen Floh ins Ohr gesetzt, wir Deutschen sagten zu Sauce grundsätzlich 'Tunke'? Ich bin in meinem inzwischen nicht mehr allzu kurzen Leben nur einer einzigen Person begegnet, die diese Vokabel im aktiven Wortschatz führte, und das ist mittlerweile schon einige Jahrzehnte her. Es war die Mutter eines Schulfreundes, eine ostpreußische Spätaussiedlerin. Ansonsten? Nada. Wer hier oben das T-Wort benutzt, macht sich genau so lächerlich wie in einem Wiener Beisl.

Damit ihr nun nicht glaubt, ich wollte mich, liebe Hauptstädter des Nachbarlandes, schamlos bei euch einschleimen, doch noch zwei Wermutstropfen: Weil ich letztes Jahr in der Woche vor den Nationalratswahlen eure schöne Stadt besucht habe, stachen diese allgegenwärtigen FPÖ-Plakate doch sehr unangenehm ins Auge. Wobei ich nicht weiß, was ich schlimmer fand: die dumpfen Parolen selbst oder die ungelenken Reime, in die man sie gewürgt hatte. Und wenn im ersten Bezirk noch ein einziger dieser mit Puderperücke und Brokatwams auf Mozart-Doppelgänger gerüschten Studenten versucht hätte, mir Konzertkarten anzudrehen, dann wäre ich vermutlich zum Geiselnehmer geworden.

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Und schließlich, Modefuzzis!

Glaubt ihr wirklich, euch würde noch irgendjemand ernst nehmen, der sein Gehirn nicht in eine eurer nichtssagenden Hochglanzpostillen eingewickelt hat? Ich meine, über Jahrzehnte habt ihr doch, wenn ich mich recht entsinne, den Leuten gepredigt, Birkenstock-Sandalen seien das ultimative No-Go, wie ihr das ja auszudrücken pflegt. Die Größte Anzunehmende Modesünde. Der optische Weltuntergang für die Füße. Das schlappengewordene Pendant zu Ballonseidenhose und Norwegerpullover.

Und was muss ich da jetzt lesen? Jetzt sollen die bequemen Gesundheitstreter auf einmal voll cool sein? Das absolute Must-Have, wie ihr das ja auszudrücken pflegt? Ehrlich, ich bin verwirrt. Oder könnte es am Ende sein, dass ich doch recht habe mit jener Vermutung, die ich schon seit längerem hege? Dass euch eigentlich schon seit Ewigkeiten nix Neues mehr einfällt, ihr daher alle Nase lang irgendwas aus der Mottenkiste kramt und das dem lobotomierten Shopping-Gesocks dann mit kleinen Änderungen als allerletzten Oberhammer anpreist.




Kommentare :

  1. Zugegeben, die Mozart Ticket Verkäufer gehen jedem gehörig und unerbittlich auf den Sack. Doch mach dir bewusst: sie verdienen ausschließlich an verkauften Tickets, nicht wenige also gar nichts. Ein bisschen Mitleid wäre somit angebrachter als Gewaltfantasien. Aber eben auch nur ein bisschen.

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    1. Das ist mir schon bewusst, und die Gewaltphantasien sind nicht völlig ironiefrei...

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