Mittwoch, 16. Juli 2014

Doch ein Nachklapp: Kirchen und Dörfer


Auch ich war Täter

Das kommt davon, wenn man immer alles groß und gigantomanisch haben will. Bis jetzt wurden Siegesfeiern des DFB grundsätzlich am Sitz des Verbandes in Frankfurt am Main zelebriert. Die siegreichen Helden präsentierten die errungene Trophäe auf dem Römerbalkon, ließen sich von den auf dem Römerberg versammelten Fans huldigen und feierten ein wenig mit ihnen. Dann ging es rein ins Rathaus, Eintrag ins goldene Buch, kurzes geselliges Beisammensein, Gläschen Sekt und aus die Maus. Draußen gab es Bratwurst, Bier und Ebbelwoi fürs Volk, eventuell noch ein wenig Partybeschallung. Gemessen an der Monstersause vom Montag, war das so rührend provinziell wie die alte westdeutsche Bundesrepublik eben war. Es gibt Momente, da sehnt man sich danach zurück.

Anno 2014 wollte man es nicht mehr so dörflich verpupt, sondern alles sollte einer frisch gebackenen Fußballweltmacht würdig sein. Noch größer, noch bombastischer, noch pathetischer, noch helenefischiger. Und Brandenburger Tor natürlich, immer gib ihnen Brandenburger Tor, drunter geht’s nicht. Das Teil muss ja mittlerweile schon als Kulisse herhalten, wenn irgendein Viertelprominenter großartig ankündigt, er werde öffentlich einen abseilen und ein nationales Ereignis mit Lasershow daraus machen. Der Nachtteil dieses äußerst großzügigen Rahmens ist, dass mehr Menschen mehr Platz und reichlich Gelegenheit haben, sich zum Deppen zu machen.

Wenn eine Handvoll verständlicherweise euphorisierter Fußballer, denen vermutlich noch ordentlich Restalkohol durch die Venen schwappte, sich dazu hinreißen ließ, den unterlegenen Gegner mit mehr oder minder hämischem Spott zu überziehen, dann war das sicher nicht nett und nicht alle finden das witzig. Letztendlich war das aber nichts anderes als die Fortsetzung eines Rituals, das Woche für Woche in allen Fußballstadien der Welt von Millionen Fans zelebriert wird. Eine Schnapsidee? Kann sein. Geschmacklos? Aber sicher! Rassistisch? Definitiv nicht.

An dieser Stelle ein Geständnis: Auch ich war ein Täter. Ich habe im Stadion lauthals menschenverachtende Dinge in Richtung Gegner gebrüllt. Ich habe Bayern pauschal als Lederhosenträger bezeichnet und gefordert, ihnen jede Würde zu nehmen, indem man ihnen jene Beinkleider auszieht. Ich habe Anhänger des anderen Ruhrgebietsvereins als Fäkalien in Vereinsfarben geschmäht, Einwohner des von Krieg und Besatzung schwer geprüften Nachbarlandes gar geziehen, sich wie Mitarbeiter von Entsorgungsbetrieben zu kleiden. Ich habe honorigen Schiedsrichtern nicht nur roh und unsensibel Sehbehinderungen unterstellt, sondern ihnen auch unterschwellig Gewalt angedroht, in dem ich ihnen zurief, ich wisse, wo ihr Auto stünde. So, puh, jetzt ist es raus. Es hat mich viel Kraft und Überwindung gekostet, offen darüber zu reden und ich danke allen, die mich in den letzten Jahrzehnten dabei unterstützt haben, diese Kraft aufzubringen.

Ich kann mir nicht helfen, aber die sich über eine leichte Geschmacksentgleisung wie den 'Gaucho-Tanz' empören, traurig werden, gar allen Ernstes ein 'Gaucho-Gate' herbeischwadronieren, erinnern nicht zufällig an jene verkniffenen Schmunzelmuffen, die jedes Mal wenn sie einen schmutzigen Witz hören, sofort den Zeigefinger heben und schmallippig mahnen: "Humor, gern - aber bitte mit Niveau!" Und damit allenfalls zeigen, wie schändlich wenig Ahnung sie von Humor haben bzw. dass sie noch nie bei einem Spiel im Stadion waren. In einem englischen würden sie vermutlich sofort kollabieren, sofern sie der Sprache mächtig sind.

Wer eine Vorstellung bekommen will, wie Rassismus im Fußball wirklich aussieht, kann das unter anderem bei Gerald Asamoah nachlesen. Der hat es noch erlebt, dass die gegnerische Kurve jedesmal Affenlaute ausstieß und Bananen aufs Feld warf, sobald er am Ball war. Und das ist nur ein Beispiel. Ich will wirklich nichts verharmlosen, aber können die, die die ungelenke Tanzeinlage zur handfesten Krise der internationalen Beziehungen aufblasen und meinen, das habe alle mühsam aufgebaute Reputation der Deutschen im Ausland in nullkommanichts wieder zerstört, nichts Wichtiges tun? Zum Beispiel, ihre Energie darauf zu verwenden, auf jene faschistischen Widerwärtigkeiten hinzuweisen, zu denen es nicht nur in Berlin gekommen ist?

Auch sind verschnupfte Reaktionen aus Argentinien, wie etwa die, das sei mal wieder einmal ein schöner Beweis dafür, wie wenig sich die Deutschen geändert hätten seit '45, von solch erlesener Dämlichkeit, dass die Heide weint. Eigentlich sind Retourkutschen ja nicht mein Stil. Aber wären sie es, dann würde ich daran erinnern, dass solche Anwürfe eine besondere pikante Note haben, wenn sie aus einem Land kommen, das nicht nur etlichen Naziverbrechern nach 1945 eine sichere Zuflucht bot, sondern in dem auch mal eine WM unter Rahmenbedingungen stattfand, gegen die die Gauchonummer ein Kindergeburtstag war.

In Frankfurt jedenfalls wäre das nicht passiert. Einfach kein Platz. Sollte man mal drüber nachdenken.



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