Sonntag, 21. Dezember 2014

Der Wikinger an der Ecke


Wie bei uns in der Provinz doch einmal etwas Weltbewegendes passierte und niemand es bemerkte.

Bekanntlich komme ich aus und lebe in der Provinz. In der Provinz ist das so: Die was reißen wollen im Leben, sind schon als Kinder quasi permanent auf dem Sprung und hauen bei erster Gelegenheit ab in die große Welt. Die fängt bei uns in Münster oder Bochum an, je nach Richtung. Die, die bleiben, verinnerlichen schnell, dass im heimatlichen Kaff, allen Träumen und Ambitionen zum Trotze, höchstwahrscheinlich niemals etwas passieren wird, das irgendjemanden interessiert außer örtlichen Honoratioren und dem Redakteur des Lokalblättchens, der jeden Tag ein paar Seiten vollkriegen muss, und erwarten daher nicht viel. Und groß fragen tut man da auch nicht. Normalerweise ist das eine einigermaßen gesunde Einstellung, manchmal aber ist es ein Fehler.

Irgendwann Mitte der Siebziger tauchte ein seltsamer Typ in der Stadt auf. Ein weißbärtiger Mann, der aussah wie eine Mischung aus Wikinger und Weihnachtsmann. Jeden Tag stand er, wenn ich von der Schule kam, mit seinem Lederwams, seinen Wickelgamaschen und seinem Hörnerhelm an der Ecke einer Apotheke in der Fußgängerzone. Er war blind und der erste Blinde, dem ich im Leben begegnete. Wohl wurde der Kauz allgemein bestaunt, doch verspottet oder gar beschimpft wurde er meines Wissens nicht. Vermutlich traute sich das niemand, denn er hatte etwas von einem indischen Guru. Er strahlte eine große Würde, ja fast eine gewisse Erhabenheit aus.

Neugierig, wer das war, fragte ich die, die es meiner Meinung nach wissen mussten. Meine Lehrerin wusste nur, dass der arme Mann blind war und dass man nett zu ihm sein sollte. Meine Mutter meinte, das sei ein Künstler, der auf der Straße lebte und Moondog heiße. Er sei aber kein Penner, sondern verkaufe Gedichte und musiziere gelegentlich. Das habe letztens so in der Zeitung gestanden. Als des Englischen komplett unmächtiger Achtjähriger wusste ich natürlich nicht, dass 'moon' Mond und 'dog' Hund bedeutet und verstand bloß 'Muhndock'. Ich fand das zwar einen reichlich komischen Namen, war es aber trotzdem zufrieden. In der Provinz fragt man halt nicht viel.

Etwa zwanzig Jahre später las ich einen Artikel über Moondog und spuckte fast meinen Kaffee übers Papier: Der Sonderling von der Straßenecke damals war mitnichten eine Art kostümierter Clochard, sondern ein berühmter Komponist, dessen Musik auf der ganzen Welt gespielt wurde. Fast dreißig Jahre lang hatte der als Jugendlicher erblindete Moondog in New York an der Ecke 6th Avenue und 54. Straße gestanden. Er gehörte zum Stadtbild (eine Zeit lang soll das New Yorker Hilton sogar in Werbeanzeigen mit "gegenüber von Moondog" geworben haben) und war mit allen musikalischen Größen der Zeit bekannt, von Igor Strawinsky über Arturo Toscanini, Steve Reich, Charlie Parker bis Paul Simon. Von einem Tag auf den anderen war er verschwunden und man hielt ihn für tot.

Tatsächlich war er nach ein paar Konzerten in Deutschland geblieben, weil es ihm so gut gefiel. In meine Heimatstadt war er gekommen, weil der hier ansässige Musiker Tom Klatten alias Tom Tornado ihn in seine WG in einem damals reichlich heruntergekommenen Fachwerkhaus in der Altstadt aufgenommen (das Haus ist heute eine sauteure 1a-Immobilie) und ihm Auftritte in einem autonomen Kulturzentrum nebenan (das es noch heute gibt) verschafft hatte. Irgendwann war er von seiner Ecke verschwunden und ward nicht mehr gesehen. Keine Ahnung, ob man ihn damals für tot hielt, aber es wurde auch da kein großes Gewese gemacht. Passiert war, wie sich später herausstellte, folgendes:

1978 lud die Studentin Ilona Goebel, die aus der noch provinzielleren Nachbarstadt kam, ihn zu Weihnachten ins elterliche Haus ein. Ursprünglich war das die Idee ihres jüngeren Bruders gewesen, aber der hatte sich nicht getraut, den seltsam gekleideten, schweigsamen Mann anzusprechen. Sie hatte sich eine Platte mit seiner Musik besorgt und war erschrocken, dass jemand, der so was komponiert, so leben musste. Aus den paar Tagen wurden Jahre. Ilona Goebel schmiss ihr Studium und widmete sich fortan der Aufgabe, Moondog bei seiner Arbeit zu unterstützen. Er zog dauerhaft bei den Goebels ein, sie überzeugte ihn, die Wikinger-Kluft wegzulassen, assistierte beim Notenschreiben, managte ihn und gründete einen Musikverlag.

Louis Thomas Hardin alias Moondog ist 1998 gestorben und liegt auf dem Zentralfriedhof in Münster begraben. Seinen Grabstein gestaltete der österreichische Künstler Ernst Fuchs. Tom Tornado wohnt immer noch ganz in der Nähe und veranstaltet unter anderem bei sich zu Hause Wohnzimmerkonzerte. Ilona Sommer, geborene Goebel, ist 2011 mit gerade einmal 60 Jahren verstorben. 2012 wurde an der Apotheke, vor der Moondog damals immer gestanden hatte, endlich eine kleine Gedenktafel angebracht, die an ihn erinnert. In der Provinz dauert manches eben etwas länger.




Kommentare :

  1. Was für eine schöne Geschichte!
    Es war mir alles neu und doch kommt mir alles so vertraut vor! Liegt wahrscheinlich daran, daß ich auch aus der Provinz komme. Da weiß ich sogar, daß der Nachbarort immer noch ein klein wenig provinzieller ist als der eigene! :)

    Das Kaff, aus dem ich komme, hatte auch genau einmal Kontakt mit der großen weiten Welt, als vor doch schon ziemlich langer Zeit ein Schriftsteller rein zufällig in diesem Ort geboren wurde, der es später weltweit zu einem gewissen Ruhm bringen sollte. Außer den Ultras unter seinen Fans wird aber niemand wissen, daß er zufälligerweise in diesem Nest am Ende der (deutschen) Welt ihr Licht erblickte. Ob es an seinem Geburtshaus inzwischen für eine Gedenktafel gereicht hat, weiß ich nicht. Eine Strasse für ihn ist aber völlig undenkbar: Er schrieb über Randfiguren der Gesellschaft und deren Problemen, und das in einer "expliziten" Sprache. Fragt man jemandem aus dem Ort nach diesem Schriftsteller, dann ist die typische Antwort (habe ich wirklich so gehört): "Ich hab mal was von ihm gelesen, nur aus Neugierde. Also nee, das hat mir ja gar nicht gefallen. Solche…Sachen, also, neee…!"
    In manchem wird die Provinz niemals über ihren Schatten springen können. Z.B. Literaten würdigen, die nicht Goethe heissen oder wenigstens dem Biedermeier zuzuordnen sind (Eine Stifterstrasse gibt es im Ort, obwohl der nie in der Nähe war ;).

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  2. @Thomas
    Vor kurzem bat mich eine mir völlig unbekannte Frau mit Nachnamen B., meine Facebook-Freundin zu werden. C. B., sagte ich, das ist doch der berühmte Dichter aus Andernach, sind Sie vllt. mit ihm verwandt, was mich freuen würde? - Von der Frau habe ich nichts mehr gehört: Entweder hat sie HKB/CB nicht gekannt, wenigstens von den Werken her oder sie hat ihn erkannt.

    Harald A. Irmer, Karlsruhe

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