Freitag, 28. Februar 2014

Grenzerfahrungen in der Konsumgesellschaft (3)


Es ist schon eine Weile her, da sind hier zwei Beiträge (1, 2) erschienen, in denen ich meiner Fassungslosigkeit Ausdruck verlieh, in die einige Erscheinungen der modernen Konsumgesellschaft auch den diesbezüglich schon recht abgestumpften Zeitgenossen noch zu stürzen vermögen. Das funktioniert aber auch von der anderen Seite her. Man könnte sagen, wer die Menschen derart schamlos für dumm verkaufe und sie derart plump um ihr Bares ankobere, bekomme am Ende auch die Kunden, die er verdiene. Nicht vergessen werden sollte aber auch, dass es leider das in der Regel schlecht entlohnte Verkaufspersonal ist, das diesen Schlamassel am Ende nicht selten ausbaden muss, obwohl es am wenigsten dafür kann.

Gemeinhin heißt es ja, Männer, bei denen der liebe Gott bei weniger als einem Meter siebzig das Wachstum für beendet erklärt hat, hätten es oft ganz besonders nötig. Vor ein paar Wochen begegnete ich so einer Zierde unseres Geschlechts, als ich in der hiesigen Filiale eines großen Multimediaverramschers einen jungfräulichen USB-Stick besorgen wollte. Dann kam er, eine um einen Kopf größere weibliche Begleitung am Händchen wie an der Leine hinter sich herschleifend. Ob sie wohl schon ihr Häufchen gemacht hatte?

Dienstag, 25. Februar 2014

Opfer mit Meinungsfreiheit


Angenommen, ich zöge mir ein Trikot der Schwarzgelben aus Lüdenscheid-Nord über und mischte mich damit unter eine Horde Anhänger der Blauweißen aus Herne-West, die soeben einen Heimsieg feiern. Befände ich mich auf polizeiüberwachtem Terrain, hätte ich Gefahr für Leib und Leben vermutlich nicht zu befürchten, aber ich müsste mir mit Sicherheit eine Menge dummer Sprüche und Schmähungen anhören. Vielleicht bekäme ich auch den einen oder anderen Bierbecher ab.

Zwar fällt es durchaus unter das Grundrecht der Meinungsfreiheit, seine Sympathie zu einem bestimmten Fußballverein dadurch zu bekunden, dass man in der Öffentlichkeit ein entsprechendes Trikot zur Schau stellt. Würde ich aber deswegen beklagen, wie schlimm es um die Meinungsfreiheit in diesem Land bestellt sei, weil ich von blauweißen Meinungsterroristen verfemt, nein, schlimmer noch, 'gebasht' worden sei, bloß weil ich meine Anhängerschaft zum anderen Verein öffentlich gemacht hätte und nur gesagt hätte (was man ja wohl noch dürfe), die Fans der anderen Seite seien aus genetischen Gründen alle viel dümmer als ich - ich müsste mir völlig zu recht die Frage gefallen lassen, ob ich sie noch alle hätte.

Sonntag, 23. Februar 2014

Parfum und Pahfühm


Bei Männern gibt es zwei Arten von Duftwässerchen, beziehungsweise zwei Arten, welches zu tragen: Einmal Parfum, vornehm französisch ausgesprochen, und dann noch die breitdeutsch gesprochene Variante, das Pahfühm. Obwohl ich mir selbst nicht viel daraus mache, weiß ich ein gutes, im richtigen Maße appliziertes Parfum an einer Frau durchaus zu schätzen. Auch gegen ein dezent riechendes After Shave beim Manne ist nichts zu sagen. Die Betonung aber liegt auf: Dezent. Eine Pest ist es nämlich, wenn Männer sich Pahfühm draufklatschen wie nicht gescheit. Wo immer so eine lebende Stinkbombe aufkreuzt, werden im Umkreis von zehn Metern umgehend alle Nasenschleimhäute zu Hornhaut, trüben sich die Linsen im Auge und die Milch wird sauer. Schwer geschlagen all jene, denen ein ungnädiges Schicksal einen reservierten Platz im vollbesetzten Zug oder Flugzeug neben so einem Stinkmorchel beschert. Ein verstorbener Verwandter von mir, der sein Berufsleben im Bergbau zugebracht hatte, pflegte immer zu sagen: "Weißte Junge, der Gestank iss ja nich dat Schlimme. Dat Schlimme iss dat Brennen inne Augen."

Samstag, 22. Februar 2014

Endlich! Deutsche nicht mehr sauber


Aus. Vorbei. Endlich. Die deutschen Sportler sind nicht mehr per se sauber. Die positive Dopingprobe der Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle - selbstverständlich nur ein Einzelfall, wie hektisch betont wird - sollte das meist unterschwellig verbreitete, patriotische Journalistenmärchen beendet haben, nach dem 'unsere' Jungs und Mädels bei Olympia und anderen Großereignissen andauernd gegen eine Welt aus pharmakologisch optimierten Cyborgs antreten müssten. Alles Schlampen außer der deutschen Mutti. Auch so kann man sich Niederlagen schön reden.

Zu Zeiten des Kalten Krieges wurde im Westen eifrig an der Legende gestrickt, im Leistungssport träten saubere, rotwangige, bundesrepublikanische Vereinsamateure gegen staatlich aufgespritzte Profisportroboter aus der DDR an und konnten daher eigentlich nur verlieren. So wurde jede Goldmedaille, die man dem bösen östlichen Sportimperium abtrotzte, als kleiner Sieg Davids gegen Goliath befeiert. Das war schon damals so falsch wie verlogen. Dass auch in Westdeutschland systematisch gedopt wurde, ist mittlerweile gut dokumentiert. Die gesamtdeutsche Sportberichterstattung indes hat dieses alte Narrativ einfach übernommen und auf das Muster Deutschland gegen die gedopte Welt übertragen. Was nur wenige bemerkt zu haben scheinen: Ob gedopt wird, hängt nicht von der Nationalität ab, sondern allein davon, wie spektakulär und vor allem wie lukrativ eine Sportart ist.

Donnerstag, 20. Februar 2014

Mit dem Bade?


Vor zwei Jahren ist in meiner Heimatstadt ein Mädchen im Grundschulalter bei einem Verkehrsunfall zu Tode gekommen. Sie wollte eine mehrspurige Straße überqueren, die ein Wohngebiet in zwei Hälften teilt und wurde von einem Auto erfasst, dessen Fahrer deutlich zu schnell fuhr. So was ist ohne Frage furchtbar. Eines der schlimmsten Dinge, die einer jungen Familie widerfahren können. Man möchte nicht tauschen mit ihr. Und mit den Verwandten, den Freundinnen und Freunden und allen anderen, denen die Kleine etwas bedeutete, auch nicht.

Weil die Straße eine bequeme und schnelle Verbindung von der Südstadt in die Innenstadt ist,  herrschte Tempo 70. Sofort nach dem Tod des Mädchens wurde komplett auf Tempo 50 umgeschildert und die Änderung mit verschärften Radarkontrollen von Polizei und Ordnungsamt etabliert. Ich ertappte mich bei Gedanken, die mir überhaupt nicht behagten, weil ich mir wie das letzte Egoistenschwein vorkam. Ich dachte: Warum werden jetzt alle Verkehrsteilnehmer gezwungen, die ganze, verdammte Zeit hier lang zu schleichen, und zwar auch in Abschnitten, die kein Wohngebiet zerteilen, nur weil ein einzelner Vollidiot sich nicht im Griff hatte?

Dienstag, 18. Februar 2014

Fragen über Fragen


Aus dem Fall Edathy werde ich einfach nicht recht schlau. Abgesehen davon, dass ich es beunruhigend finde, von Leuten regiert zu werden, die es zuwege bringen, die privaten Probleme eines einzelnen Abgeordneten zu einer Regierungskrise aufzublasen, spukt mir noch die eine oder andere Frage im Kopf herum:


Erstens: Warum genau musste Hans-Peter Friedrich (CSU) seinen Stuhl räumen?

Nicht, dass ich allzuviel Mitleid mit dem Mann hätte oder ihm eine Träne nachweinte. Sein Wirken als Innenminister als glücklos zu bezeichnen, wäre noch sehr höflich ausgedrückt. Die meiste Zeit über wirkte er heillos überfordert (und das, obwohl er als Dr. iur. als einer der wenigen Minister für seinen Job halbwegs qualifiziert war). Es wurde auch deutlich, dass hinter der freundlichen Fassade - wir erinnern uns: Sicherheit als 'Supergrundrecht' - ein knallharter Überwachungsfanatiker steckte, der aber in der NSA-Affäre voll auf Pofalla-Linie lag und die Sache kleinredete. Wie auch immer, er wird vermutlich weich fallen und nicht in zwei Monaten beim Jobcenter auf der Matte stehen und Stütze beantragen müssen. Es geht eher um die Frage, worin genau seine Verfehlung bestand. Eine Verfehlung, die so schwerwiegend gewesen sein muss, dass die Kanzlerin keine andere Möglichkeit sah, als ihm den Rücktritt nahezulegen.

Samstag, 15. Februar 2014

Neues von den Taliban


Schon wieder zwei von diesen Anlässen in einer Woche, bei denen man sich fragt: Geht's noch? Da wäre zum einen die freundlicherweise schon von Hartmut Finkeldey und Burkhard Schröder erwähnte Initiative des Referent_innenrates [sic!] der Humboldt-Universität Berlin. Die Damen und Herren weigern sich standhaft, an Lehrveranstaltungen teilzunehmen, in denen Texte von Autoren behandelt werden, die rassistisches Gedankengut vertreten und fordern deren Absetzung.

Mittwoch, 12. Februar 2014

Sind gut fünfzig Prozent der Schweizer Rassisten?


Ja, die Schweiz, jenes leicht exotische Ländchen im Südwesten, wo die Menschen für Nichtalemannen so niedlich klingendes Idiom sprechen, immer höflich sind, so gemütliche Sachen wie Chäs, Schoggi, sauteure mechanische Uhren und absurde Taschenmesser herstellen und sehr diskret in Gelddingen sind. Wo Heidi vor majestätischer Bergkulisse mit den Ziegen oder dem Geißenpeter schmust und der Alm-Öhi dazu auf dem Alphorn tutet. Dieses Land, wo die Züge immer pünktlich sind und das so besenrein gefegt ist, dass die sauberste deutsche Stadt sich dagegen ausnimmt wie die Bronx, kurz bevor Travis Bickle mit dem Taxi um die Ecke biegt, zeigt nun urplötzlich seine hässliche Fratze, indem es sich mehrheitlich für eine Begrenzung der Zuwanderung ausspricht?

Sonntag, 9. Februar 2014

Sotschi, Putin und unsere Arroganz


Und, merken Sie schon was? Wir wurden gestern erlöst. Wir alle. Deutschland wurde erlöst. Vom Rodler Felix Loch. Im Olympischen Eiskanal. Ein paar Stunden zuvor hatte bereits ein weithin unbekannter junger Mann namens Matthias Mayer Österreich erlöst. Bleiben nur noch die drängenden Fragen, ob die beiden Sportler auch übers Wasser gehen können und was genau man geraucht haben muss, um so ein quasireligiöses Hallelujageschwummse allen Ernstes als Nachrichten zu verkaufen, ohne sich dabei in einer Tour schlapp zu lachen. Zurück in die Sendezentrale.

Freitag, 7. Februar 2014

Hat denn niemand mehr ein Herz?


Vom gewiss nicht linksradikalen ehemaligen FAZ-Mitherausgeber Paul Sethe stammt die Weisheit, dass Pressefreiheit eigentlich nichts anderes ist als die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung unters Volk zu bringen. Wie recht er damit hatte, zeigt sich diese Tage an diversen Leitartikeln, die sich mit dem Umgang mit diversen ertappten prominenten Steuerhinterziehern befassen. Da wird um Menschlichkeit, ja, um ein wenig Mitleid gebarmt, dass es nur so raucht. Es sind doch auch bloß Menschen! Es wird beklagt, dass wir uns in einen Haufen pingeliger Puritaner zu verwandeln drohten und unfähig seien, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen. Schließlich wird sich nicht entblödet, daran zu erinnern, dass die Reichen das doch schon immer gemacht hätten.

Dienstag, 4. Februar 2014

Schwarzergeld aufgetaucht


Wieso überkommt einen als weitgehend braver Bürger dieses Rechtsstaates, dessen Recht bekanntlich für alle gilt, immer öfter das Gefühl, dass Menschen oberhalb einer gewissen, wenngleich nicht näher bestimmbaren Fallhöhe zu glauben scheinen, gewisse Gesetze gälten für sie nicht oder wenn, dann aber garantiert nicht im gleichen Maße wie für den Rest? Neben dem Berliner Kulturstaatssekretär Schmitz hat es jetzt auch Alice Schwarzer erwischt, Trägerin des Hegel-Preises 2013. Sie gab zu, seit den 1980ern Geld unversteuert auf einem Schweizer Konto geparkt zu haben. Durch ihre Selbstanzeige und eine Nachzahlung der innerhalb der zehnjährigen Verjährungsfrist fälligen Steuern in Höhe von 200.000 Euro bleibt sie straffrei.

Sonntag, 2. Februar 2014

Geht doch!


Länger ist's her, da habe ich hier mal ziemlich über Harald Martenstein vom Leder gezogen. (Weil ich das hier nicht lang und breit wiederholen will, lege ich dem geneigten Leser ans Herz, das selbst nachzulesen.) Die Tage schaute ich mal wieder bei Tante 'Zeit' vorbei und, siehe da, ich las eine Martenstein-Kolumne, die ich wirklich gelungen fand. Ich erwarte ja gar nicht so viel. Eine Kolumne muss mir nicht nach dem Mund reden, sondern sollte ein wenig Esprit enthalten, wenigstens einen überraschenden, gegen den Strich gebürsteten Gedankengang. Wie etwas Buntes, Schräges, das man inmitten des grauen Alltagseinerleis am Wegesrand sieht und das einen kurz innehalten und vielleicht auch lächeln lässt. Ist das gut gemacht, verzeihe ich dem Autor vieles. Zwei Dinge verzeihe ich hingegen nicht: Larmoyanz und offensives Betteln um Zuneigung. Daher mein hartes Urteil seinerzeit.