Sonntag, 29. November 2015

Grenzerfahrungen in der Konsumgesellschaft (9)


So, erster Advent, der Geburtstag des Religionsstifters naht wieder einmal. Paar Geschenke kaufen gehen. Muss ja. So schön es ist, Menschen eine Freude zu machen, so unschön oft die Begleitumstände auf dem Weg dorthin. Denn obwohl ich natürlich alles online bestellen könnte, gehe ich in die Stadt. Rock the Kasbah, Baby, keine Schmerzen! Ich glaubte, einigermaßen abgebrüht zu sein. Schwer zu schocken. Ich dachte: Der Gedanke, dass für Bücher von Dieter Bohlen, Thilo Sarrazin, Akif Pirinçci und anderen Bäume gefällt werden, zieht dich längst nicht mehr runter. Schlimme Erlebnisse haben dich abgehärtet. So hast du verkaufsoffene Sonntage im Oberhausener Centro und in der Essener Innenstadt ohne bleibende Schäden überstanden.

Samstag, 28. November 2015

Umgekehrt, ein Schuh


Der Wendepunkt sei erreicht, so ist zu lesen. Angela Merkel sei von Mutti zur bösen Stiefmutti mutiert, ihre Flüchtlingspolitik mache die Deutschen ängstlich, heißt es. Das erstere mag stimmen oder nicht, so was weiß man in der Regel erst hinterher. Das letztere hingegen ist Mumpitz, denn umgekehrt wird ein Schuh daraus: Merkels Erfolg beruhte immer darauf, der ängstlichen Mehrheit des Wahlvolkes eine Komfortzone gebastelt zu haben. Seit August aber mutet sie exakt diesen Leuten die eine oder andere harte Wahrheit zu, die diese nicht goutieren. Unter anderem, dass man solche Migrationsbewegungen, selbst wenn man will, nicht wirklich aufhalten, sondern bestenfalls steuern kann. Dass Asyl ein Grundrecht ist, ob's einem passt oder nicht. Und dass es nicht funktionieren wird, die Grenzen dicht zu machen weil nicht wirklich machbar und alle Versuche nur noch mehr Tote brächten.

Dienstag, 24. November 2015

Im Premiumbereich


Das Etikett premium kriegt normalerweise aufgeklebt, was, aus welchen Gründen auch immer, teurer verkauft werden soll als nötig. Verbreitet ist das im Brauereiwesen. Im Zweifel bedeutet das bloß, mehr zahlen zu müssen für edlere, von Werbefuzzis gern als 'wertig' bezeichnete Aufmachung und weniger Geschmack. Wegen Massentauglichkeit und weil die ganzen teuren Werbekampagnen schließlich bezahlt werden wollen. Außerdem hat man meist Stanniolfetzen im Mund, wenn man aus der Flasche trinkt. Wegen premium.

Samstag, 21. November 2015

Wölfi for Xavier


Systemkritik, da bin ich mir vermutlich mit dem Großteil der hiesigen Leserschaft einig, ist grundsätzlich eine feine und sinnvolle Sache, wenn man die Veranstaltung namens Demokratie halbwegs ernst nimmt. Nur kann man das – wie alles andere – gut oder schlecht machen. Als beispielsweise 2011 in London massenweise Geschäfte geplündert wurden, meinte Slavoj Žižek, wenn er ein Geheimagent des 'Systems' wäre, dann würde er genau solche Aktionen inszenieren, um Systemkritik zu diskreditieren. Womit er den Knackpunkt moderner Systemkritik schön zusammengefasst hat: Sie darf alles sein, bloß nicht plump oder vergröbernd einfach, sonst hat sie keine Chance.

Mittwoch, 18. November 2015

Herr M. hatte Spaß


Noch mal zum Mitschreiben für alle, die es nicht kapieren wollen oder möchten: Meinungsfreiheit im Sinne von Artikel 5 des Grundgesetzes ist zwar ein Grundrecht gegenüber dem Staat, es gilt aber nicht absolut und steht nicht über allem. Denn es wird in Absatz 2 sehr wohl eingeschränkt. Wenn ich also etwa jemanden beleidige (was immerhin eine Straftat ist), dann muss ich mit eventuellen Konsequenzen klar kommen. Zum Beispiel kann ich deswegen meinen Job verlieren. Ist Herrn M. so gegangen, der seinen Chef, angeblich vor Zeugen, ein "durchgeknalltes Arschloch" genannt haben soll, woraufhin der Chef das Dienstverhältnis mit sofortiger Wirkung beendet hat. Kommt vor.

Sonntag, 15. November 2015

Krieg und westliche Werte


Es heißt, die IS-Killer von Paris hätten deswegen in einem Konzert um sich geballert, weil sie Musik für ein Zeichen westlicher Dekadenz halten, das sie bei sich zu Hause streng unterbinden. Wie Schweinefleisch, Alkohol, Erotik, Humor. Ja, ich weiß, wir, der Westen, sollten uns nicht einfach hinstellen und mit dem Finger auf die unserer Meinung nach Schuldigen zeigen. Den IS und vergleichbare Veranstaltungen vor ihm haben wir, der Westen, mit unserem Verhalten erst herangezüchtet und so richtig erfolgreich gemacht, ist mir bewusst.

Das bedeutet aber nicht, dass ich mich deswegen genötigt sähe, auch nur einen Funken Verständnis aufzubringen für Menschen, die sich aus lauter Heiligkeit für berechtigt halten, anderen schöne Dinge wie Musik mittels blauer Bohnen und anderer Mordwerkzeuge abklemmen zu dürfen. Ein jeder mag meinethalben gläubisch sein nach seiner Facon, aber das ist so ein Punkt, an dem meine Bereitschaft zum Differenzieren definitiv erschöpft ist.

Samstag, 14. November 2015

Hauptsache, Herr M. hat Spaß


Vor der Verwendung von Grinse- oder Zwinkersmileys muss mittlerweile gewarnt werden, will man sich nicht mit gewissen Leuten gemein machen. Mögen Sprachfundamentalisten auch Krämpfe kriegen, habe ich diese Kommunikationsmittel immer ganz praktisch gefunden, zumindest für die private und formlose Korrespondenz. Weil es manchmal unmöglich ist, Ironie und Humor per Schriftsprache zu transportieren, waren die Emoticons ein gutes Mittel um auf Ironie hinzuweisen oder eindeutig zu signalisieren: Ist nur Spaß!

Donnerstag, 12. November 2015

Ronny des Monats - November 2015


Angesichts dessen, was in diesem Land inzwischen binnen weniger Tage so an Meldungen zusammenkommt, kam mir spontan die Idee, einen neuen Preis auszuloben: Den Ronny des Monats. Ich weiß noch nicht, ob diese nicht dotierte Auszeichnung zu einer regelmäßigen Einrichtung wird bzw. werden muss. Ich hoffe nicht, ich fürchte ja. Ob ich nicht der Meinung bin, damit alle anständigen Ronnys, die es zweifellos auch gibt, vor den Kopf zu stoßen und zu diffamieren? Nu ja, sagen wir so: Die BRAVO verleiht auch seit Ewigkeiten diesen 'Otto' und drängt Promis, die meist nicht recht wissen, wie ihnen geschieht, eine hässliche Nippesfigur auf. Und? Gehen die Ottos der Nation auf die Barrikaden deswegen? Also!

Dienstag, 10. November 2015

Offizier, Demokrat, Kultfigur


Man sagt, bei einer Gala in einem New Yorker Hotel habe sich während der Neunziger folgendes ereignet: Der unter den geladenen Gästen befindliche Helmut Schmidt saß am Tisch, rauchte eine und aschte in eine Untertasse. Auftritt Kellner: "Entschuldigung, Sir, aber Sie dürfen hier nicht rauchen." Schmidt: "Das ist ja interessant!"

Ich mag mich hier nicht groß mit Leben und Wirken Helmut Schmidts befassen. Das werden genügend andere, Kompetentere zu Hauf und in epischer Breite tun in den nächsten Tagen. Für mich ist die Rezeption Schmidts schon zu Lebzeiten eh interessanter. Denn es war nicht allein seine ostentative Unangepasstheit, für die er, je älter er wurde, von den Deutschen so geliebt wurde. Auch den Offizier hat er, obwohl zweifellos Demokrat durch und durch, nie wirklich ablegen können, seine Lust am Führen und Anordnen nie verloren. Das ist die andere, die unangenehmere Seite.

Samstag, 7. November 2015

Mütter, sperrt die Töchter ein!


"In der moralischen Entrüstung schwingt auch immer die Besorgnis mit, vielleicht etwas versäumt zu haben." (Jean Genet)

Es gibt Leute, die sind so freundlich, die Welt unaufgefordert wissen zu lassen, was sie im Innersten umtreibt. Jürgen Mannke, Vorsitzender des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt, hat in der aktuellen Ausgabe der Verbandszeitschrift ein von seiner Vize Iris Seltmann-Kuke mitunterzeichnetes Editorial verbraten, das sich mit den Gefahren befasst, die entstehen, wenn "viele junge, kräftige, meist muslimische Männer" hier einwandern und sich möglicherweise ganz bald schon an hiesigen Mädels vergreifen oder sie gar, "sicher oft attraktiv", wie sie nun mal sind, in "ein oberflächliches sexuelles Abenteuer" hineinzuquatschen trachten.

Freitag, 6. November 2015

Das China-Komplott


Im Nachhinein bin ich ja ganz froh, dass es zu meinen jüngeren Jahren noch keine All-you-can-eat-Chinabuffets gab. Wäre das nämlich so gewesen, dann wäre ich mindestens einmal pro Woche da gewesen und hätte mich auf eine Weise ins Koma gefressen, dass ein Anfänger wie Obelix bei dem Anblick heulend sein drittes Wildschwein in die Ecke gefeuert hätte und ein Möchtegern wie Gérard Depardieu aus Frust in einem Zen-Kloster verschwunden wäre, um den Rest seines verpfuschten Daseins bei trockenem Reis, Wasser und Meditation zu fristen.

Mittwoch, 4. November 2015

Jaja, die Unterschicht


Mehr Koinzidenz geht kaum: Erst Burkhard Schröders schönen Artikel, dann den nicht minder schönen, von ihm zitierten Artikel Britta Steinwachsens gelesen, nachmittags dann beim Friseur warten müssen und insgesamt eine knappe Stunde vom RTL-Nachmittagstrash vollgemüllt worden. 'Mitten im Leben'. 'Familien im Brennpunkt'. 'Betrugsfälle'. Mit Laiendarstellern besetzte, holprig inszenierte, ordinäre Brüll- und Anpöbelhöllen. Such dir nen Job, du faule Sau! Ey, isch hab nen neuen klargemacht. Na warte, du Schlampe! Darum bitten, dass das abgeschaltet oder wenigstens leiser gemacht wird? Keine Chance. Ich wette, das Gerät kann nur RTL und die Fernbedienung liegt in einem mit Zeitschloss gesicherten Tresor. Nach einigen Minuten ist es mir zum Glück gelungen, Smartphone und Ohrhörern sei Dank, das, was da den berühmten Tick zu laut aus dem Lautsprecher quoll, einigermaßen auszublenden.

Montag, 2. November 2015

Durchlauferhitzte Krähwinkelei


"History does not repeat itself but it rhymes." (Mark Twain)

Es gibt in Deutschland diese Tradition, Staatswesen, demokratisches gar, nicht als gemeinsame Aufgabe aller Bürger zu begreifen, sondern als Obrigkeit, an die man die Verantwortung für die Politik weitgehend abtritt, die man mal machen, von der man sich bereitwillig regieren lässt und sich ansonsten heraushält. Das ist natürlich höchst bequem, denn wenn's mal schief läuft, dann ist man's auch nicht gewesen als Bürger, sondern "die da oben", die "eh machen, was sie wollen". So bin ich mir alles andere als sicher, ob es sich nur um eine Einzelmeinung handelte, wenn etwa meine selige Großmutter zu sagen pflegte, am zweiten Weltkrieg sei ausschließlich und allein "die Politik" schuld gewesen. Es könnte sich als größte, nachhaltig schädliche Folge der Kanzlerschaft Merkels erweisen, dieser Art von Aversion gegen die Politik mit ihrer jegliche Kontroverse erstickenden Art Politik zu machen massig Futter gegeben zu haben.