Mittwoch, 20. April 2016

Rücksicht ja, Ehrfurcht je nach dem


Vor alten Menschen, heißt es, müsse man besonderen Respekt haben. Gut, ich finde es wichtig, unter anderem auf Menschen, denen das Alter bereits sichtlich zusetzt, besondere Rücksicht zu nehmen. Ihnen nach Möglichkeit einen Sitzplatz anbieten, sich im Supermarkt in der Schlange mit einer gewissen Langmut wappnen. Das hat etwas mit Zivilisiertheit zu tun und allgemein damit, dass durch solche kleinen Gesten das Leben einfach erträglicher wird. Außerdem weiß niemand, man selbst eingeschlossen, wann und wie es einen dereinst selbst erwischen wird und man selbst auf Freundlichkeit und Rücksicht der Mitmenschen angewiesen ist. Kann im Zweifel schneller gehen als man denkt. Vanitas. Memento mori and that jazz.

Tritt das Nachlassen der körperlichen Möglichkeiten früher oder später zwangsläufig bei jedem irgendwie ein, so ist das bei den geistigen Gaben durchaus verschieden. Es gibt welche, die, so Doktor Alzheimer nicht schnöde dazwischengrätscht, bis ins höchste Alter geistig hellwach sind, offen und neugierig auf Menschen und die Welt zugehen (wobei ich immer noch felsenfest glaube, zwischen diesen drei Attributen besteht ein direkter Zusammenhang). Und es gibt welche, die bleiben irgendwann stehen. Stellen spätestens nach absolvierter Berufsausbildung, akademisch oder nicht, das eigenständige Denken weitgehend ein und modern ihre Restlaufzeit über mental so vor sich hin. Anders gesagt, kann man mit 30 im Geiste bereits sehr alt sein und mit 80 noch sehr jung. Ich finde das ein wenig tröstlich.

Deswegen habe ich auch so ein Problem damit, wenn es heißt, man müsse das, was uns die Alten sagen, grundsätzlich hoch in Ehren halten. Weil sie doch schon so vieles erlebt haben, soviel Lebenserfahrung haben. Sie haben doch so viel zu erzählen. Wir können so viel lernen von ihnen. Blödsinn! Mir sind alte Säcke begegnet, die ihr gesamtes Erwachsenenenleben hindurch jeden Tag in derselben Firma denselben doofen Job gemacht haben, immer mit denselben Leuten in der Kneipe waren, die ihre Frau und Kinder im allgemeinen gehasst haben, keinerlei ernstzunehmende Interessen hatten und denen im Alter außer Fernsehen auch nix mehr einfiel. Ich will niemanden per se schlecht reden, aber als Quellen der Altersweisheit würde ich sie nicht bezeichnen.

Manchmal kann das übrigens richtig gefährlich werden. Inzwischen kommen Soziologen und Psychologen immer mehr zu der Auffassung, dass in den letzten Jahrzehnten der Einfluss von Großeltern, die ihre Vergangenheit verklärten, bei der Entstehung rechtsextremer Einstellungen bei Jugendlichen nicht selten eine entscheidende Rolle gespielt haben, sofern Eltern nicht dagegen hielten.

Oder was unsere Großmütter alles in der Küche draufhatten! Die alten Rezepte! Das Einmachen! All Ihre Tricks und Kniffe! Schnell, heißt es, löchern wir sie, bevor sie diesen Schatz mit ins kühle Grab nehmen. Das mag sein, ich kann das nicht recht nachvollziehen.

Meine selige Großmutter war wirklich eine ganz wunderbare Oma. Ihre Kochkünste aber sind hoffentlich mit ihrem Ableben auch von dieser Welt verschwunden. Bei ihr ging es nicht um Geschmack, Farben, Texturen, Frische oder Vitamine, sondern allein um Bauchvollmachen. Ihre diversen Eintöpfe hatten immer über Stunden auf dem Herd gestanden, ihre Erbsensuppe war eine Strafarbeit, die man aufgebrummt bekam. Wenn es mal was Leckeres gab, etwa Apfel- oder Blaubeerpfannkuchen, dann wurde einem hinterher schlecht davon, weil sie immer ein halbes Pfund Schmalz in die Pfanne gab. Später, als Opa es mit dem Herzen bekam, nahm sie die gleiche Menge Palmin. Wegen gesund. Rückblickend finde ich das verständlich, sie hatte die Nachkriegsjahre erlebt, überliefernswert finde ich das hingegen nicht.

Wo war ich? Ach ja, Ehrfurcht vor schlohweißen Haaren. Das lebende Formel-1-Fossil Bernie Ecclestone hat bekanntlich nicht nur so einige auf der Murmel, sondern auch etliche Jahre auf dem Buckel. Körperlich scheint er topfit zu sein. Wie es sich mit dem Rest verhält, ist dagegen fraglich. Kürzlich hat der Gollum des Rennzirkus die Welt mit diversen Altersweisheiten beglückt: Frauen können keine Rennwagen fahren. Die EU sollte abgeschafft werden, statt dessen sollte Wladimir Putin Europa regieren. Der sei nämlich, wie weiland Adolf Hitler, einer, der Dinge auch geregelt kriege. Ach, und Donald Trump wäre ein hervorragender Präsident.

Einen Jüngeren hätten sie dafür vermutlich unter Gelächter und allgemeinem Hallo vom Podium gejagt. Einer wie er kann nicht zuletzt auf den in so einem Fall falschen Respekt vor dem Alter setzen.


P.S.: Noch son Spruch...

Kürzlich habe ich hier meiner schweren Genervtheit darüber Ausdruck verliehen, inzwischen überall und auf alle erdenkliche Weise mit diesen witzigen, altklugen, gebildet klingenden, doch sprachlich und/oder logisch oft schiefen, kitschigen, krampfhaft motivierenden oder, horror of horrors, 'frechen' Sprüchen belästigt zu werden. Jetzt hat sich endlich einer dieses Übels angenommen. Lorenz Meyer hat sich daran gemacht, den allgegenwärtigen halbgaren Lebensweisheiten unter der Rubrik 'Spruchbildbeantworter' die passenden Antworten zu erteilen. Ein lobenswertes Projekt, das Unterstützung verdient.

Der Spruchbildbeantworter bei 'übermedien'


1 Kommentar :

  1. Mein Motto:
    Rücksicht, wenn sie angebracht ist. Respekt immer gegenüber Jedem.

    (Man kann auch den größten A..löchern mit Respekt aber konsequent begegnen. Das wikrt übrigens viel mehr als sich auf deren Niveau zu begeben)

    Ehrfurcht? Was für ein grauenhaftes Wort. Ich sehe da jemanden der gegenüber seinem Meister am Boden kniet mit dem Gesicht im Staub. Dann doch vielleicht eher "Achtung"?

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