Mittwoch, 12. August 2026

The Spectrum Years


Im Leben eines präpubertären westdeutschen Schülers in den frühen 1980ern gab es die eine oder andere Grundsatzfrage: Pelikan oder Geha? Adidas oder Puma? Oder man wurde geoutet als Spross von entweder ignoranten oder Habenichts-Eltern, die einen mit irgendwelchen Noname-Produkten in die Schule schickten. Und sich dann wunderten, wieso das Kind andauernd gehänselt wurde (so nannte man Mobbing damals). Dann kamen zu Beginn des Dezenniums die ersten so genannten Homecomputer auf den Markt. Und wieder stellte sich die Frage Whose side are you on? An unserer Schule gab es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Commodore oder Sinclair. Genauer gesagt: Commodore 64 oder Sinclair ZX Spectrum.

Das war so wie Schalke oder Dortmund. Eine Glaubensfrage geradezu. Die Commodore-Anhänger waren die, die das teure Produkt eines amerikanischen Entertainment-Konzerns nutzten. Wie die meisten anderen Computeraffinen in meiner Klasse, die sich für Individualisten hielten, hatte es mir die Arbeit des genialischen britischen Erfinder Sir Clive Sinclair (1940-2021) und seiner schrägen Firma Sinclair Research Ltd. angetan, die mit dem ZX Spectrum ein günstiges, aber technisch inferiores Gerät baute, mit dem man aber trotzdem eine Menge Spaß haben konnte.

Denn darum ging es bei Heimcomputern vor allem: Spaß. Zocken. Daddeln. Ja klar, es gab auch Anwendungsprogramme. Ein Physiklehrer an unserer Schule etwa, von dem noch die Rede sein wird, und der einen Spectrum hatte, benutzte für seine Arbeitsblätter ein frühes Textverarbeitungsprogramm namens 'Tasword Two'. Damit konnte er seine Blätter am Bildschirm so lange korrigieren, bis sie fehlerfrei waren, sie mit einem Nadeldrucker, der doppelt so teuer war wie der Computer, auf eine dieser blauen Matritzen ausdrucken, die immer so nach Brennspiritus rochen, und die Datei dann zur späteren Verwendung und eventuellen Veränderung speichern. Irre. Eine Revolution in Zeiten da man sich noch mit Tipp-Ex und Kohlepapier abmühte.

Auch waren bereits professionelle Personal Computer auf dem Markt, mit denen sich 'ernsthafte' Sachen machen ließen, wie den Apple IIe oder die ersten IBM-PCs, aber die lagen mit 2000 DM und mehr weit jenseits jeglichen Budgets. Der Spectrum, 1982 auf den Markt gekommen, verfügte im Gegensatz zu seinem monochromen uns stummen Vorgänger ZX81 über die Fähigkeit, acht Farben darstellen zu können, aus denen sich 256 mischen ließen, eine billige Gummitastatur (der Spectrum hieß deswegen auch 'teuerstes Radiergummi der Welt') statt einer noch billigeren Folientastatur und einen schlechten Soundchip, der immerhin irgendwelche Piep- und Tutgeräusche hinbekam statt gar nichts.

Natürlich waren die Eltern skeptisch. Sie waren noch mit Lochkarten und Schreibmaschinen groß geworden und verstanden beim besten Willen nicht, wozu der teure neumodische Kram nun wieder gut sein sollte. Wie viele andere Kids, die unbedingt einen Heimcomputer haben wollten, erzählte ich was von Zukunftstechnologie und dass man die Dinger für alle möglichen nützlichen Dinge gebrauchen könnte. Was ja rückblickend so falsch nicht war. 

Das Geld habe ich zusammengekratzt. Ich glaube, ich hatte was gespart, Opa hatte was dazugelegt und die Eltern den Rest im Rahmen eines Geburtstagsgeschenks übernommen. Das Problem war nur, an so ein Teil heranzukommen. Die Firma Sinclair war nämlich nicht nur eine schräge Erfinderbutze, sondern hatte auch ein sehr lückenhaftes Vertriebsnetz auf dem Kontinent. Irgendwann erfuhr ich, keine Ahnung wie, dass eine Firma namens Profisoft im nicht allzu fernen Witten wohl einen Posten der Geräte vorrätig habe, allerdings nur in der 16 K-Version für 250 D-Mark. Der Spectrum wurde angeboten mit 16 Kilobyte RAM und mit 48 KB (Mega- oder gar Gigabytes waren jenseits aller Vorstellung, mit Terabytes operierten damals vielleicht eine Handvoll mystischer Hightech-Institute auf der Welt). Aus Geldgründen musste für Freund H. und mich eh erst einmal die 16 KB-Version reichen. Auch damit konnte man schon einiges anstellen.

Das Objekt der Begierde (Tipp: Schauen Sie mal, wie die Tasten belegt waren, wir konnten das damals)...

(Bill Bertram auf Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic)

Nun hatten wir aber 1984 und wie sollte man da herausfinden, ob noch genügend Objekte der Begierde dort vorrätig waren? Man ging in die Hauptpost, wo es eine Reihe Telefonzellen gab und alle Telefonbücher Deutschlands einsehbar waren, suchte die Nummer aus dem Wittener Telefonbuch heraus und rief mal an. Nach einigem Hin und Her (das Gespräch war ein Ferngespräch und ich musste öfter 50 Pfennig-Münzen nachwerfen) stellte sich raus: Alles gut. Also fuhr eines Samstags Vatern mit uns nach Witten und Freund H. und ich kehrten glühend vor Vorfreude mit unseren neuen Zauberkästen heim. Benötigt wurde noch ein Fernseher, den ich zum Glück hatte, wenn auch nur schwarzweiß, und ein Kassettenrekorder. Den ich auch hatte. Der war von der Firma ITT und hatte einen fünfpoligen DIN-Stecker, aber zum Glück war ein Adapter auf 3,5 mm-Klinke im Haus.

Mitgeliefert wurden ein maschinengetipptes deutsches Handbuch mit einer Einführung in die sehr spezielle Programmiersprache 'Sinclair-BASIC' (unvergessen etwa die Fehlermeldung "Nonsense in BASIC") und als kleines Goodie noch eine Kassette mit dem Programm PSION Flight Simulator. Das war einer der ersten Flugsimulatoren. Als einzige Aufgabe galt es, ein Flugzeug zu landen. Der Himmel war hellblau, der tischebene Erdboden dunkelblau und als einziges gab es eine Landebahn, die aus einer Reihe weißer Pixel bestand. Nach mehreren ennervierenden Versuchen gab ich auf, denn es gab schließlich noch anderes.  

Spaß haben ging übrigens so, dass man eine Kassette in einen per Klinkenstecker mit dem Computer verbundenen Recorder einlegte, den Befehl LOAD "" eintippte, was bedeutete, den nächstbesten Inhalt zu laden, und auf PLAY zu drücken. Dann galt es, ein paar Minuten zu warten. Das sah dann so aus:


(Video im erweiterten Datenschutzmodus. Anklicken generiert keine Cookies.)


Erst kam ein Header, der die Datei identifizierte, dann wurde der Hauptteil geladen. Man kann sich vorstellen, dass abgenudelte Bänder oder gar Bandsalat zu den größten Katastrophen unseres noch jungen Lebens gehörten.

Das obige Programm ist übrigens 'Jetpac', eines der ersten Spiele, das ich hatte. Entwickelt worden war es von der kleinen britischen Firma Ultimate Play the Game, die exklusiv für den Spectrum produzierte, einige echte Klassiker herausbrachte und der Konkurrenz technisch meilenweit voraus war (allein der Lasersound bei Jetpac war angesichts der technischen Möglichkeiten der Plattform ein Meisterwerk). Auch sonst ging es very british zu. So gab es ein Spiel namens 'Harrier Attack', das kurz nach dem Falklandkrieg erschienen war und hoch kontrovers war, da man mit seinem Harrier-Senkrechtstarter im vorletzten Level eine Stadt bombardieren musste. Nein, musste man nicht, aber bei der Punktezählung wurde, wenn ich mich recht erinnere, kein Unterschied zwischen militärischen und zivilen Zielen gemacht.

(Bitte um Verständnis, wenn ich nicht über weitere zahllose, grandiose Spiele für den Spectrum referiere, das würde hier den Rahmen sprengen. Gern in den Kommentaren, wenn gewünscht.)

Um das Teil von 16 KB RAM auf 48 K zu upzugraden, sodass sich auch die großen, richtig coolen Games laden ließen, musste man irgendwo in England einen Satz Speicherchips bestellen, diese mit einer genau dosierten Mischung aus Vorsicht und Stärke in die Platine drücken und dann noch eine Brücke einlöten. Die Bestellung übernahm der schon erwähnte Physiklehrer, der uns interessierte Schüler überdies auch mit Software versorgte, vor allem mit Spielen. Zu äußerst günstigen Preisen. Er hatte da wohl seine Quellen. Wir fragten nicht weiter. Da H. und ich des Lötens nicht mächtig waren und unseren wertvollsten Besitz nicht dem Klassentüftler anvertrauen wollten, baten wir den Lehrer, ob er das nicht eben übernehmen konnte. Tat er dann in einer Freistunde. Und dann ging es richtig los. 

Natürlich dilettierten wir auch ein wenig im Programmieren in BASIC herum. Aber hauptsächlich war spielen angesagt. Das blieb auch meinen Eltern nicht verborgen, denen ich ja erzählt hatten, so ein Gerät diente zuvörderst der Bildung sowie der Ausformung zukunftsträchtiger Fertigkeiten und nicht bloß der Ablenkung und dem Entertainment. Meine Erzeuger bekamen aber irgendwann einen gegenteiligen Eindruck, hatten echte Sorge, dass aus mir bald schon ein rechteckäugiger Troglodyt werden würde und schlossen das Ding für drei Monate weg. Allerdings nicht bei uns zu Hause, sondern an einem unbekannten Ort. Viel später erfuhr ich, dass ein Verwandter der Kollaborateur war. Den Entzug überstand ich mit Besuchen bei H., dessen (verwitwete) Mutter da etwas toleranter war.

Wie es weiterging? Sinclair Research Ltd. existiert zwar heute noch, produziert aber längst keine Computer mehr. Ab Ende der Achtziger hatten die Geräte gegen die Konkurrenz von Atari (512) und Commodore (Amiga) keine Chance mehr. Was dem Laden letztlich zum Verhängnis wurde, war ironischerweise der Hang des nerdigen Chefs zu kreativen Lösungen. Der setzte konsequent auf Eigenentwicklungen, die anders waren als der Rest und ging keine Kooperationen ein, bis es irgendwann zu spät war.

So dauerte das Laden von Programmen von Kassetten sehr lange und anstatt auf die damals schon bewährte Floppy Disk-Technik zu setzen wie das Commodore tat, entwickelte man ein eigenes kompaktes System namens ZX Microdrive, das mit Kassetten arbeitete, in denen ein schmales Endlosband lief. Die Dinger waren zwar ziemlich schnell, aber auch fehleranfällig, teuer und insgesamt nicht ausgereift. Außerdem fehlte es dem Rechner an einem entsprechenden Anschluss, sodass man auch das 'Interface 1' kaufen musste, was zusätzliche Kosten verursachte. Oder der ZX Printer. Ein Minidrucker, der ausschließlich teures, mit Metall beschichtetes Thermopapier geräuschvoll bedruckte, das etwas breiter war als ein Kassenzettel. Das Gerät war zwar günstiger als die deutlich teureren Nadeldrucker, aber für nichts ansatzweise Professionelles zu gebrauchen.

Parallel zum Bedeutungsverlust von Sinclair erlahmte irgendwann auch mein Interesse, was wohl auch dem Heranwachsen geschuldet war. Der einst geliebte Spectrum verschwand bei mir und vielen anderen irgendwann auf dem Dachboden und ich verbrachte danach einige computerfreie Jahre. Erst 1993, als der erste 386er-PC in mein Leben trat, sollte sich das wieder ändern. 







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