Sonntag, 8. September 2013

Blätter, die die Welt nicht braucht


"Formen sind kein leerer Wahn." (Heinrich Mann, der Untertan)

Vor ein paar Jahren war ich zu einer Hochzeit eingeladen, bei der im Vorfeld um Abendgarderobe gebeten worden war. Dummerweise besitze ich so etwas nicht. Nur zwei, drei Jacketts, die ich mit irgendwas kombiniere, wenn es denn gar nicht anders geht sowie drei Krawatten. Ich hasse solchen Zinnober. Offizielle Kleidung ist etwas, das ich zu vermeiden suche, wo immer es geht. So hatte ich in meiner nur als grenzenlos zu bezeichnenden Naivität gedacht, ich sei auf der sicheren Seite, wenn ich mir einen einfarbigen, mittelgrauen Dreiteiler ausleihe, mein einziges weißes Hemd anziehe und mir eine meiner Krawatten dazu umbinde. Narr, der ich war! Während der Feierlichkeiten raunte mir jemand dezent zu, was ich da trüge, sei aber keine Abendgarderobe. Die bestünde entweder aus einem schwarzen, sehr dunkelgrauen oder allenfalls einem dunkelblauen Anzug. Paff, da hatte ich es!

Weil zum Glück niemand auf die Idee kam, den Sicherheitsdienst zu rufen, um mich wegen verschärften Underdressedseins hinauszubefördern und die Feier ansonsten wirklich nett war, vergaß ich diese kleine Episode bald wieder. Was für ein Elend, dachte ich jüngst, als ich gewahr wurde, dass der Wieland Verlag mich seinerzeit hätte retten können. Der gibt nämlich seit kurzem ein Magazin namens Tweed heraus. Das richtet sich, so die Eigenwerbung, an Leser, die gern Tweedsakko trügen und sogar ein englisches Auto führen. Erwachsene Männer, die erfolgreich im Leben stünden und ihren eigenen Stil gefunden hätten. Hm, interessant. Zwar habe ich kein englisches Auto, noch nicht einmal einen Mini und harre noch meines durchschlagenden beruflichen Erfolges, dafür aber stehe ich im Leben (weil das irgendwie jeder von sich sagen kann, der noch nicht tot ist). Auch habe ich eine Art Tweedsakko im Schrank (Erbstück) und bin ansonsten gern bereit, das, was ich so trage, als meinen eigenen Stil auszugeben, wenn das nötig sein sollte. Hey, ich bin Zielgruppe! Zumindest teilweise.

Weil Diskretion alles ist bei den oberen Zehntausend, ist auf der Internetseite der hochmögenden Publikation leider nichts vom Inhalt der gedruckten Ausgabe zu lesen. Dankenswerterweise hat Stephan Hilpold, Modekolumnist des Standard, unerschrocken recherchiert und bietet uns zumindest einen kleinen Einblick in diese fremde, faszinierende Welt. Ein Beitrag hat seine Aufmerksamkeit besonders erregt. Da ging es um die 33 wichtigsten Regeln für den echten Gentleman. Ein solcher hat unter anderem folgendes zu beherzigen:
  • Niemals braune Schuhe am Abend.
  • Zum Haifischkragen ist ausschließlich ein Windsorknoten zu tragen (hey, das reimt sich ja!).
  • Kartoffeln bei Tisch niemals mit dem Messer schneiden.
  • Maßschuhe und Tweedanzüge sind vom Butler einzutragen.
  • Der Herr geht niemals hinter einer Dame die Treppe hinauf.
Über die ersten beiden Regeln mag ich nicht diskutieren, weil ich davon keine Ahnung habe, allenfalls eine Meinung dazu. Die dritte stammt meines Wissens, ähnlich wie die Sitte, Spargel mit den Fingern zu essen, aus einer Zeit, in der man nur über Tischware verfügte, die mit einigen Speisen chemisch zu reagieren pflegte. In Zeiten rostfreien Edelstahls und anderer neutraler Werkstoffe sind solche Regeln sinnlos und ihre Anwendung Chichi-Gehabe. Die vierte ist besonders nett, denn sie setzt nicht nur voraus, dass man einen Butler unter Vertrag hat, sondern einen, der auch annähernd die gleiche Konfektionsgröße hat wie man selbst – und das, wo man doch eh schon kein gutes Personal mehr bekommt heutzutage. Was die Treppensteigerei angeht, so kann man natürlich streiten, wer vorausgeht. Sicher mag es unhöflich sein oder indezent, einer Dame aufs Hinterteil zu glotzen, aber ist es so viel höflicher, ihr den Anblick eines Männerarsches in Augenhöhe zuzumuten? Was, wenn der Gentleman gerade arge Blähungen hat? Ist es nicht so, dass Menschen, die sich über solche Regeln ernsthaft einen Kopf machen, in Behausungen leben und verkehren, die so geräumig sind, dass sie Treppen beherbergen, die es erlauben, sie auch nebeneinander zu erklimmen? Oder sollte der echte Gentleman nicht vorher fragen, ob die Dame es vielleicht sogar schätzt, wenn ihre wohlgeformte Rückseite von einem stinkreichen Macher und Leistungsträger wohlgefällig in Augenschein genommen wird?

Wenn Kunst sich dadurch auszeichnet, den Betrachter mit mehr Fragen als Antworten zurück zu lassen, dann ist Tweed große Kunst und bin ich ein Banause. Fragen habe ich nämlich eine Menge. Abgesehen davon, dass Menschen, die aus so was einen Lebensinhalt machen bzw. sich gar anmaßen, andere nach ihrer Kleidung zu beurteilen, zum Armseligsten gehören, das die Evolution bis dato hervorgebracht hat und dass hündisches Befolgen anachronistischer Dresscodes bzw. hirnrissiger Verhaltensregeln mit Stil und Geschmack so viel zu tun hat wie der Inhalt einer Jauchegrube mit Chanel No. 5: An wen bitte schön richtet sich so ein Schmonzes? An die wenigen im Lande, die sich einen Butler leisten können? Also bitte, für diese exklusive Klientel ist der Verkaufspreis der Postille in Höhe von 9,80 Euro doch viel zu niedrig. An die Erfolgreichen, die im Leben stehen und ihren eigenen Stil gefunden haben, wie man bei Tweed behauptet? Ja, schön, aber warum sollen Leute, die ihren eigenen Stil gefunden haben, solchen Kokolores nötig haben?

Es drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei so was um eine Art illustrierten Arztroman handelt für Männer, die von solch einem Lebensstil träumen. Eine Art Bravo für alle, die immer noch ernsthaft glauben, wir lebten in einer Leistungsgesellschaft. Vor zehn Jahren hat solches Gesocks bestimmt noch diese Wichtigtuer-Bücher gelesen mit den tausend Dingen, die man als Individualistendödel angeblich unbedingt erledigt haben muss, bevor man abkratzt, will man nicht überall unten durch sein (Nr. 15: Auf der Toilette des angesagtesten Clubs in London Sex mit Wildfremden haben - Nr. 344: Silvester auf dem Times Square - Nr. 449: Auf dem Eiffelturm eine Dosis Nasenata reinziehen - Nr. 941: Im Hafen von Hongkong Street Food vor dem Sonnenuntergang essen, zusammen mit Ihren gleichermaßen sagenhaft erfolgreichen und zu Tode gelangweilten Sackgesicht-Freunden, die auch alle nicht arbeiten müssen.).

Aber ich will nicht unfair sein. Bei neuerlichem Überlegen nämlich kam die Liste mir doch arg unvollständig vor. Spontan würde ich folgende, für den echten Gentleman überlebenswichtige Ergänzungen vorschlagen:
  • Kein Bier vor vier!
  • Trenne nie 'st', denn das tut ihm weh.
  • Vor dem Schlafen, nach dem Essen: Zähne putzen nicht vergessen.
  • Vor Anwendung der Prügelstrafe bei Domestiken ist die Haselnussgerte zu wässern.
  • Pilzgerichte und Edelnutten sind grundsätzlich im Voraus zu bezahlen.
  • Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht.
  • Draußen nur Kännchen.
  • Bier auf Wein, das lass' sein (mit bestem Dank an Thomas).
Zwei Fragen hätte ich auch noch. Erstens: Wieso zum Teufel werden für so was eigentlich Bäume gefällt? Und zweitens: Ist das Ganze am Ende gar Satire? Ein verkappter Aufruf zum Klassenkampf mit dem Mittel der Kontrafaktur? Na, dann will ich natürlich nichts gesagt haben.


Kommentare :

  1. "Bier auf Wein, das lass' sein" fehlt noch, aber dann ist der Weg zum perfekten Gentleman frei. Und man hat auch noch 9,80 gespart! Danke! :)

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    1. So ein Quatsch!
      Bier auf Wein, oh wie fein!

      Und wer heutzutage noch Kartoffeln mit dem Messer schneidet, dem ist eh nicht mehr zu helfen. Ich beispielsweise zerteile diese ausschließlich mit einem meiner Brillenbügel. Braune Business-Schuhe eignen sich, wie jeder weiß sowieso nur zum Torf-Stechen, aber das ist selbstverständlich nur akademischer Natur.

      Und, der Vollständigkeit halber:
      - Auf Matrosenhemden bitte nur Seemannsknoten tragen!
      - Für Tee und Schachgegner gilt: Erst mal ziehen lassen!
      - Der Gentleman bei Gewitter sucht Buchen und weicht Eichen. In der Konsequenz sind in den eigenen Ländereien Buchen zu pflanzen und Eichen zu fällen.
      - Der Mann tranchiert den Braten. Auch hier gilt: Teile und herrsche!

      Augenzwinkernde Grüße
      Dude

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    2. @Duderich: Bei Tee und Schachgegnern aber richtig herum sitzen - sonst drückt's!
      @Thomas: Nicht dafür!

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  2. Zu ein paar der ersteren "Regeln":

    Das Gebot, Kartoffeln nicht mit dem Messer zu schneiden, wurde schon zu Zeiten meines Tanzstundenkurses als nicht mehr zeitgemäß und überholt bewertet. Das ist immerhin auch schon um die 30 Jahre her.

    Der Herr geht HINTER der Dame die Treppe HINAUF! Warum? Ganz einfach. Falls sie stolpern und die Treppe hinabzustürzen droht, kann er sie so vor dem Sturz bewahren. Das kann er aber nicht, wenn er vor ihr geht. Demzufolge geht er RUNTERWÄRTS dann auch VOR ihr.

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  3. Eine Art Bravo für alle, die immer noch ernsthaft glauben, wir lebten in einer Leistungsgesellschaft.

    Sehr gut!

    Dieser vermeintliche "Reichen-Knigge" enttarnt die Herrschaften als totale Langweiler und Spießer. Möchte nicht wissen, wie viele Damen der oberen Zehntausend, sich insgeheim einen verbal-dreckigen, versauten Kerl, der nichts auf Anstand, Sitte und Etikette gibt, wünschen ;-)

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  4. "Ist das Ganze am Ende gar Satire?"

    Unfreiwillig schon...

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  5. Kollege Günther Paal, seines Zeichens »Experte für eigentlich eh alles«, empfiehlt dem echten Gentleman von Welt:

    »In Monaten, deren Namen in Heinzelmännchenschrift Buchstaben aufweisen, die eine geschlossene Schlinge bilden, sollte man bis spätestens zwei Stunden vor Sonnenuntergang nichts essen, was mit Schonbezug besser aussieht als ohne.«

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    1. @nömix: Sonst empfehle ich niemals die Lektüre einer Kommentarsektion, aber was das 'Standard'-Forum beim verlinkten Artikel rauslässt, ist äußerst lesenswert.
      @Art: Ja, das wird wohl so sein...
      @epikur: Oder es gilt die alte Weisheit, dass Frauen nicht seltener fremd gehen als Männer, jedoch deutlich besser lügen können. ^^
      @Lutz: Viel zu starre Regeln - es gibt Damen, für die ich gern den Airbag machen würde, andere hingegen, so rein vom Standpunkt der Physik, *umpf* ;-)

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  6. Ach, diese ganzen Regeln sind doch überflüssig. Es reicht eine: Gürtel und Schuhe haben immer die gleiche Farbe, braun oder schwarz, je nach Förmlichkeit des Anlasses. Damit kann man ganz unaufdringlich Kultiviertheit zeigen. Wer kultiviert ist, sieht es, die anderen nicht.

    Für die tweedtragenden Bravo-Leser hat man nur ein mitleidiges inneres Lächeln. Man ist natürlich höflich zu ihnen, meidet sie aber nach Möglichkeit. Die lesen sicher auch Men's Health.

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