Dienstag, 30. April 2013

Herren im Hause


Karl Huber, seines Zeichens Präsident des Münchner Oberlandesgerichts, mochte es schier nicht fassen: Den medialen Druck anlässlich der peinlichen Platzvergabe nannte er allen Ernstes "in der deutschen Geschichte ohne Beispiel". Schließlich habe man sich juristisch völlig korrekt verhalten. Abgesehen davon, dass es vielleicht ein wenig hoch gegriffen ist, gleich die gesamte deutsche Geschichte zu bemühen, wird sehr schön deutlich, wie wenig man auf Seiten des OLG aus dem Gerangel der letzten Wochen gelernt hat und dass man nicht bereit ist, von der Mentalität, sich stur hinter Paragraphen zu verschanzen, auch nur einen Millimeter abzurücken. Wer im Loch sitzt, sollte aufhören zu graben, lautet eine alte PR-Weisheit.

Montag, 29. April 2013

Obersturmführer D.



Wenn es je eine televisionäre Verkörperung des korrekten deutschen Beamten gegeben hat, dann war es der von Horst Tappert gespielte Münchner Oberinspektor Stephan Derrick. Von 1974 bis 1997 taperte der glupschäugige Kriminaler mit dem schnarrig-markigen Nachnamen durch noble Villenvororte, klingelte an Türen („Robert, die Herren sind von der Polizei!“), spulte hölzerne Dialoge herunter („Frau von Markewitz, Ihr Mann ist tot.“ „Tot?“ „Er wurde ermordet.“ „Ermordet?“), spürte gefallenen Töchtern und untreuen Männern nach, stets in Begleitung seines treuen Adlatus Harry, der immer das neueste Produkt eines ortsansässigen Autoherstellers holen musste.

Samstag, 27. April 2013

Die Telekom und die Logik des Marktes


 Als man, neben einigem anderen, die Telekommunikation privatisierte, geschah das vor allem mit dem Argument, Markt sei grundsätzlich besser als Staat. Wie andere Staatsbetriebe auch, sei die Post ein aufgeblähter, träger Moloch geworden, dem sein Monopol alles andere als gut bekommen sei. Offen gestanden, ist das nicht ganz falsch. Wer möchte ernsthaft zurück in jene Steinzeit namens Achtziger, als alle einen klobigen Einheitsapparat hatten und nur die Wahl zwischen mausgrau, hornhautbeige, kackbraun und popelgrün? Als es der höchste Luxus war, auf Antrag ein paar Meter Schnur extra zu bekommen und es schon mal einige Monate dauern konnte, bis man endlich einen Anschluss bekam.

Dienstag, 23. April 2013

Die Einkaufsmeister


Wenn es in der Vergangenheit für den FC Bayern in der Liga mal eng wurde, konnte man sicher sein, dass sie bald mit dem großen Staubsauger ausrückten und für ordentlich Kohle die Schüsselspieler des unbotmäßigen Vereins verpflichteten. Da konnte es dann schon mal vorkommen, dass hervorragende Leute, um die andere Vereine sich geschlagen hätten, den Großteil des Jahres auf der Bank Platz nehmen mussten. Unter anderem Miroslav Klose und Lukas Podolski haben da ihre Erfahrungen. Was man den Bayern so übel nahm, war, dass es bei diesen Transfers meist nicht um sinnvolle Verstärkung ihres Kaders ging, sondern offensichtlich darum, sich per Brieftasche unliebsamer Konkurrenz zu entledigen. Anfechtungen, wie die, solches Geschäftsgebaren sei unsportlich und führe zu einer Monokultur in der Bundesliga, unter der letztlich alle litten, konnte man in München regelmäßig nicht verstehen. Wieso? Wir tun doch nichts Verbotenes. Alles legal. Wohl neidisch, wie? Wohl ein Problem mit Erfolgreichen, was?

Montag, 22. April 2013

Der Patriarch, ertappt


Am Ende der Saison 2011/12 muss der Frust groß gewesen sein beim FC Bayern München. Nicht nur hatte man in der Bundesliga zum zweiten Mal hintereinander gegen Borussia Dortmund den kürzeren gezogen, auch im Pokal wurde man von den schwarzgelben Ruhrpöttlern regelrecht vorgeführt. Als Krönung des Elends verlor man noch das Champions-League-Finale gegen Chelsea im heimischen Stadion. Umso bitterer, dass ein Heimfinale in der Champions League eine Chance ist, die man normalerweise nur einmal im Leben bekommt. Als Uli Hoeneß‘ Blutdruck nach dieser schwarzen Serie wieder im halbwegs normalen Bereich angekommen war, kündigte er eine Investitionsoffensive an.

Freitag, 19. April 2013

Vokabeln raten


Manchmal, da stolpert man über Wörter, deren exakte Bedeutung sich einem ums Verrecken nicht erschließen will. Jetzt ist mir zum Beispiel das Wort 'Konsumbereitschaft' begegnet. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) veröffentlicht regelmäßig Studien über das Konsumklima, in denen dieses Wort auftaucht. Welch Glück, im Zeitalter von Wikipedia zu leben! Denn da lassen sich solche Ungereimtheiten in der Regel stante pede auflösen. Ergebnis: Nichts. Nada. Niente. Also gilt es, den eigenen Verstand anzuwerfen.

Dienstag, 16. April 2013

Wiederkehr der Spargeltarzane


Man sagt, das Auto sei der Deutschen liebstes Kind. Das mag sein, stimmt aber, wenn überhaupt, nur zum Teil. Zumindest ein paar Monate im Jahr ist der Deutschen liebstes Kind ein saisonal angebautes Liliengewächs. Bis zum Johannistag ist das Land verrückt nach Spargel. Nur nach dem milden Weißen, versteht sich. Mit dem ungleich interessanter schmeckenden und vielseitigeren Grünen kann man hierzulande eher wenig anfangen. Und so pilgern jetzt wieder Freunde des müffelnden Urins und andere Spargeltarzane in Kohortenstärke auf Wochenmärkte und in Hofläden, wobei sie glasig umwölkten Auges ekstatisch stammeln: „Frischer Spargel! Endlich!“ Ich weiß, wovon ich rede, denn hier ganz in der Nähe ist ein Anbaugebiet. Apropos liebstes Kind: Existiert eigentlich irgendwo eine Statistik, die belegt, dass die Zahl der Autozulassungen während der Spargelsaison merklich zurückgeht? Wundern würde es mich nicht. Die Tatsache, dass die Anbaufläche sich binnen zehn Jahren fast verdoppelt hat, spricht jedenfalls dafür.

Samstag, 13. April 2013

Blockwartmentalität


"Reißt die Fenster auf –! Es mufft." (Kurt Tucholsky)

In meiner Heimatstadt trieb zu meinen jüngeren Jahren ein Polizist sein Wesen, den man wohl verdonnert hatte, lebenslänglich Streife in der Fußgängerzone zu gehen. Vielleicht ist er auch gar nicht dazu verdonnert worden, sondern hat diesen eher beschaulichen Dienst einfach gern getan, keine Ahnung. Ist eh egal jetzt, denn diese Zierde deutschen Berufsbeamtentums dürfte mittlerweile längst pensioniert sein. Besonders Fahrradfahrer hatte er auf dem Kieker. Er ließ keine Gelegenheit aus, unbotmäßige Radler zu jeder Tageszeit vom Drahtesel zu brüllen, ihnen eine Vorlesung über die StVO zu halten und das fällige Verwarnungsgeld "anzubieten", wie er es ausdrückte. Jeder jüngere Mensch, der damals gelegentlich per Rad unterwegs war, kannte ihn. Man munkelte, dass wenn hinter ihm eine Horde gesuchter Terroristen vorbeigelaufen, links neben ihm eine Schlägerei stattgefunden und vor ihm eine alte Dame mit vorgehaltener Waffe ausgeraubt worden wäre, er sich zuerst noch einen Radfahrer zur Brust genommen hätte.

Donnerstag, 11. April 2013

Coole Erzieher


Wie praktisch, dass Mobiltelefone inzwischen eingebaute Kameras haben. So kann man alles Interessante und Skurrile, das einem so begegnet, immer gleich im Bilde festhalten. Vorige Tage zum Beispiel, da stiefelte ich durch meine örtliche Stadtbibliothek, das kamerabewehrte, smarte Endgerät lautlos gestellt, versteht sich, und stolperte im Treppenhaus über folgendes Plakat:

Dienstag, 9. April 2013

Margaret Thatcher (1925-2013)


Wie gelinde gesagt es ist, Margaret Thatcher habe polarisiert, wird deutlich, wenn man sich einige Reaktionen auf ihren Tod in Großbritannien ansieht: Im Londoner Stadtteil Brixton stieg gestern eine spontane Straßenparty unter dem Motto 'Ding, dong, die Hex' ist tot!', ein ehemaliger Gewerkschaftsfunktionär aus dem Norden soll zur Feier des Tages angestoßen haben, der Sänger Morrissey attestierte ihr gar, niemals auch nur ein Atom an Menschlichkeit besessen zu haben. Man mag so was geschmacklos finden, pietätlos gar, doch zeigt es, wie umstritten die Verstorbene nach wie vor ist. Sicher ist, dass sie auch weiterhin als einer der einflussreichsten politischen Köpfe des 20. Jahrhunderts gelten wird. 1979 zur ersten weiblichen Premierministerin gewählt, baute sie Großbritannien grundlegender und nachhaltiger um als irgendjemand anders in der Nachkriegszeit. Nicht nur Großbritannien. Als sie ins Amt kam, dürfte sie mit ihrer Position, den europäischen Sozialstaat der Nachkriegszeit nicht für eine Errungenschaft, sondern für einen historischen Irrtum zu halten, ziemlich allein dagestanden haben. Am Ende waren ihre Positionen weitgehend salonfähig.

Samstag, 6. April 2013

Ode an den Unrentablen Regionalflughafen


Eine Antwort auf Georg Diez

Am Donnerstag wurde feierlich der 271 Millionen teure Flughafen Kassel-Calden in Betrieb genommen. Abgesehen davon, dass dieses Projekt ausnahmsweise pünktlich fertig gestellt wurde, gab es freilich auch Anlass zur Kritik. Der Airport wurde mit öffentlichen Mitteln in die Landschaft gepflastert und wird vor 2020 nicht kostendeckend arbeiten. In nächster Zeit werden wohl nur wenige Maschinen am Tag starten und landen. Unerhört! Verschwendung! Für so was zahlen wir Länderfinanzausgleich!, wird da geprötert. Solch spießiges Gemopper ist nicht nur kleinkariert, sondern auch im höchsten Maße unfair. Denn Flughäfen wie Kassel-Calden sind für den Flugreisenden ein Segen.

Mittwoch, 3. April 2013

Alles eine Frage des Willens



Konservative und neoliberale Kreise nehmen ja gern für sich in Anspruch, als einzige einen klaren, schonungslosen Blick auf die Wirklichkeit zu besitzen, wohingegen verblendete Linke als geborene Utopisten die Augen vor eben dieser Wirklichkeit verschlössen und sich die Welt so lange zurechtträumten, bis sie zu ihren spinnerten Vorstellungen passe. So ist aus diesen Kreisen ebenfalls recht häufig zu hören, wer nur wolle, der fände auch Arbeit. Denn Arbeit gäbe es sehr wohl für alle Willigen, das wahre Übel unserer Zeit sei jedoch, dass die faulen, überversorgten Arbeitslosen sich lieber vom aufgeblähten Sozialstaat alimentieren ließen, anstatt sich mal zu bewegen. Es ist immer wieder nett, wenn solches ideologisches Blabla mit der Wirklichkeit kollidiert.