Sonntag, 29. September 2013

Weh dem, der Steuern erhöht!


Sind wir nicht alle ein bisschen Mittelschicht?

Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten, so meinte einst Karl Kraus. Lang ist's her, da galten Journalisten als vierte Gewalt, als außerparlamentarisches Korrektiv, einigen gar als fünfte Kolonne Moskaus. Zahllose junge Menschen wollten einmal Journalisten werden, weil sie sich mit den herrschenden Zuständen nicht abfinden wollten. Sie waren entschlossen, die Ränke und Machenschaften der Herrschenden in Politik und Wirtschaft zu enttarnen und das Volk aufzuklären. Sicher gibt es hie und da noch Vertreter der Zunft, die das immer noch so halten, doch wird man das Gefühl nicht los, es werden stetig weniger. Wie sehr der gemeine Qualitätsjournalist mittlerweile zur bloßen Sockenpuppe der Mächtigen degeneriert ist, lässt sich an vielen Stellen beobachten. Am deutlichsten aber an der Schamlosigkeit, in der momentan gegen geplante Steuererhöhungen agitiert wird und mit welch düsteren Farben deren desaströse Folgen ausgemalt werden.

Freitag, 27. September 2013

Wundert sich noch wer?


Diverse Umfragen zeigen es jedes Mal aufs Neue: Zwischen 70 und 90 Prozent der Deutschen (und, man vernimmt es mit Erstaunen, sogar eine Mehrheit der Manager!) halten einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn für eine gute Sache. Nun dürfte kaum jemand so naiv sein, zu glauben, dass ein Mindestlohn alle Probleme lösen würde. Wenn mehr bezahlt werden muss, dann wird eben anders getrickst werden. Zum Beispiel würden unbezahlte Überstunden sich häufen. Wie das laufen könnte, war letztens in einer Dokumentation über die Gepflogenheiten in der Hotelbranche zu sehen. Zwar bekommen die Zimmermädchen vom Subunternehmer den für die Gebäudereinigungsbranche vorgeschriebenen Mindestlohn, allerdings sind die zu erfüllenden Vorgaben so utopisch, dass die meisten ein paar Stunden mehr am Tag arbeiten müssen, um sie zu schaffen, was dann wiederum den Lohn drückt. Die Möglichkeiten, irgendeine Sauerei anzustellen, bleiben zahlreich.

Mittwoch, 25. September 2013

Aus gegebenem Anlass


Viel Spott und Häme ergoss sich vielerorts über die aus dem Bundestag abgewickelte FDP. Aber ich finde, ein entsprechender Anlass erfordert auch ein paar warme Worte in Form eines würdigen Nachrufs. Das hat Max Uthoff freundlicherweise in angemessener Weise übernommen:

Montag, 23. September 2013

Gemischter Senf zum Sonntag


Natürlich kann man die CDU und ihre Anhänger verstehen, wenn sie gestern eine Riesenparty haben steigen lassen. Ein solches Wahlergebnis, knapp an der absoluten Mehrheit vorbei, trägt fast schon Adenauersche Züge. Oder Bayerische. Als kleinlicher Kritikaster kommt sich leicht vor, wer da in die Suppe spucken will. Dennoch: Wenn der champagnerinduzierte Kater auskuriert ist, dann müsste der Union klar werden, dass das Wahlvolk ihr da ein ziemlich vergiftetes Geschenk gemacht hat. Es spricht nämlich so einiges dafür, dass das Regieren für Angela Merkel trotz der satten Mehrheit längst nicht so einfach werden könnte, wie es auf den ersten Blick aussieht. Der Wahlkampf hat gezeigt, dass die gestrige Wahl beinahe eine reine Personenwahl war und die Union in erster Linie von den traumhaften Beliebtheitswerten der Kanzlerin profitiert hat. Sieht man sich an, was die Partei personell außer Merkel so zu bieten hat, dann müsste ihr bei allem Jubel eigentlich angst und bange werden, denn ohne ihre bleierne Kanzlerin mit der Teflonbeschichtung würde sie vermutlich irgendwo auf Augenhöhe mit der SPD landen.

Donnerstag, 19. September 2013

Der nicht langweilte


Marcel Reich-Ranicki (1920-2013)

Der Mann hatte komisches Talent. Und war, mit Verlaub, verdammt cool. Einmal wurde 'Das literarische Quartett' aus dem gläsernen Studio des ORF am Gaisberg oberhalb von Salzburg übertragen. Den ganzen Abend schon hatte sich über der Stadt ein heftiges Gewitter zusammengebraut. Als letztes Buch des Abends sollte das jüngste Werk des von Marcel Reich-Ranicki notorisch nicht gemochten Martin Walser besprochen werden. Und siehe, exakt in dem Moment, in dem Reich-Ranicki den Zeigefinger hob und tief einatmete, um zu einer vernichtenden Suada anzusetzen, passierte es: Rrrumms, Blitz und Donner. Er schaltete blitzschnell, hob Blick und Hände gen Himmel und ranzte: "Also bitte, man wird doch wohl noch was gegen Walser sagen dürfen!" Großes Kino. Alles live. Mit weit über siebzig. So was lässt sich nicht proben oder einstudieren.

Montag, 16. September 2013

Splitter und Balken


Alternativ: Ein Finger gegen drei

Es heißt, wer für alles offen sei, der sei meistens nicht ganz dicht. Es gibt keinen Zweifel, dass Teile der Grünen bis in die 1980er hinein aus einem falsch verstandenen Toleranzbegriff heraus organisierten Pädophilengruppen eine politische Heimat geboten haben. Ferner kann es keinen Zweifel geben, dass die Grünen sich längst davon distanziert haben und heute so ziemlich alle ihre Mitglieder diese peinliche Episode gern ungeschehen machen würden. Auf die Gefahr hin, Offensichtliches auszusprechen, sei es, um Missverständnissen vorzubeugen, dennoch gleich zu Beginn klar gestellt: Es ist nicht verhandelbar, dass gelebte Pädophilie, sprich Kindesmissbrauch, gleich von wem und an wem, eines der schlimmsten Verbrechen ist, das zu recht verfolgt und bestraft wird. Komme mir keiner mit den alten Griechen! Etwas anderes ist es aber, das Thema aus vordergründigen wahlkampftaktischen Motiven auszuschlachten.

Samstag, 14. September 2013

Hiiilfeee, ein Finger!


Irgendwie hegt man ja immer noch diesen seltsamen, irrationalen Optimismus in Bezug auf gesellschaftlichen Fortschritt. Man ist geneigt zu glauben, wenn die Alten langsam ausstürben und weniger würden, dann würde das Leben besser, freier und ein Stück weniger verkrampft. Dann käme ein wenig Schwung in die Bude, würde es nicht mehr so verknöchert zugehen, den verbiesterten Spießern endlich der Staub aus der Jacke geschüttelt. Irgendwann muss doch mal Schluss sein, denkt man, mit diesem oberflächlichen, gouvernantenhaften Gemaßregel a'la: Zieh die die gute Hose an, was sollen die Nachbarn denken? Gib dem Onkel das schöne Händchen. Geh mal zum Friseur, wie siehst du überhaupt aus? Ihh, so ein schlechtes Vorbild! Und wie der Vorgarten von denen wieder aussieht! Immer wieder glaubt man, nein hofft man, so was müsse doch irgendwann mal erledigt sein im 21. Jahrhundert. Und immer wieder freut man sich zu früh.

Mittwoch, 11. September 2013

Keine einfache Antwort, nirgends


Die Frage, ob man Krieg als Mittel der Politik prinzipiell ablehnt, sollte im 21. Jahrhundert nach den Erfahrungen des 20. eigentlich keine mehr sein. Sicher hatte Helmut Schmidt Recht, wenn er sagte, es sei in jedem Fall besser, hundert Stunden zu verhandeln, als eine Stunde zu schießen. Allein, es gibt nicht immer eine richtige Antwort, eine einfache schon gar nicht. Seit dem Westfälischen Frieden galt in Europa das Gebot der Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten, zu denen auch Bürgerkriege gehören. Wer diesen an sich ehrenwerten Grundsatz strikt befolgt, muss in Kauf nehmen, schlimmstenfalls tatenlos zuzusehen, wenn in einem Bürgerkrieg Abertausende Menschen abgeschlachtet werden. Andererseits sind Bürgerkriege immer auch Propagandakriege, in denen Gut und Böse meist nicht eindeutig zuzuordnen sind und im Zweifel schnell wechseln können.

Sonntag, 8. September 2013

Blätter, die die Welt nicht braucht


"Formen sind kein leerer Wahn." (Heinrich Mann, der Untertan)

Vor ein paar Jahren war ich zu einer Hochzeit eingeladen, bei der im Vorfeld um Abendgarderobe gebeten worden war. Dummerweise besitze ich so etwas nicht. Nur zwei, drei Jacketts, die ich mit irgendwas kombiniere, wenn es denn gar nicht anders geht sowie drei Krawatten. Ich hasse solchen Zinnober. Offizielle Kleidung ist etwas, das ich zu vermeiden suche, wo immer es geht. So hatte ich in meiner nur als grenzenlos zu bezeichnenden Naivität gedacht, ich sei auf der sicheren Seite, wenn ich mir einen einfarbigen, mittelgrauen Dreiteiler ausleihe, mein einziges weißes Hemd anziehe und mir eine meiner Krawatten dazu umbinde. Narr, der ich war! Während der Feierlichkeiten raunte mir jemand dezent zu, was ich da trüge, sei aber keine Abendgarderobe. Die bestünde entweder aus einem schwarzen, sehr dunkelgrauen oder allenfalls einem dunkelblauen Anzug. Paff, da hatte ich es!

Donnerstag, 5. September 2013

Zitat des Tages


" [...] Zufriedenheit in Deutschland bedeute, daß man jemanden habe, auf den man herabsehen könne, dem es schlechter gehe als einem selbst und daß man etwas zu meckern habe, und zwar in ausreichender Menge. Auch die Bedürfnisse nach Einordnen, Buckeln, Brown-Nosing und Kriechen müßten befriedigt werden können, sonst fühle sich der deutsche Vollindividualist nicht wohl in seiner Kollektivhaut.

Dienstag, 3. September 2013

Kuschelmutti und der Metzger


Ein paar lose Gedanken zum TV-Duell vom Sonntag

Also schön, gut, ja. Ich gebs zu. Meine Neugier hatte gesiegt. Ich habe mir am Sonntagabend die zweite Hälfte des TV-Duells angesehen. Oder besser angehört, denn es lief eher im Hintergrund. Viel Erhellendes darf man sich von diesem Format eh nicht erhoffen. Allzu klare Ansagen gibt das – übrigens immer noch verfassungswidrige – deutsche Wahlrecht eh nicht her. Anders als in den USA, wo die Präsidentenwahl eine Personenwahl ist, wird hierzulande der Bundestag gewählt, nicht der nächste Kanzler. Außerdem sind Koalitionsregierungen, die Kompromisse nötig machen, die Regel. Ein Kanzlerkandidat bzw. eine amtierende Kanzlerin wäre also schön blöd, sich in so einer Sendung allzusehr festzulegen. Dass es Steinbrück gelungen ist, Merkel ein klares Nein zu einer PKW-Maut abzunötigen, ist vor diesem Hintergrund keine Kleinigkeit und dürfte zwischen der CDU und ihrem bayerischen Ableger für Unstimmigkeiten sorgen.

Sonntag, 1. September 2013

Mittelschichtsnobismus a'la Oliver


Es ist wichtig zu bedenken, dass Jamie Oliver nicht in erster Linie Koch ist, sondern ein erfolgreicher Geschäftsmann und Selbstdarsteller, der auch passabel kochen kann. Sein Geschäftsmodell basiert schon längst nicht mehr auf dem Verkauf von Kochbüchern und dem Moderieren von Kochsendungen, sondern auf der öffentlich zelebrierten Bekehrung des angeblich minderwertig futternden Pöbels zu gesunder Ernährung. Denn er verkauft seinen Fans vor allem die Illusion, dass jemand, der besser isst, auch ein besserer Mensch ist. Das funktioniert hervorragend und hat ihn zu einem steinreichen Mann gemacht. Damit das ohnehin schon recht stattliche Vermögen der Firma Jamie Oliver sich aber auch weiterhin mehrt, ist es nötig, dass der Mann sich von Zeit zu Zeit ins Gerede bringt, um nicht in Vergessenheit zu geraten.