Samstag, 28. Juni 2014

Vorrundenbilanz und kleine Presseschau


So, die Gruppenphase, die mit bis zu vier Spielen pro Tag auch beim ärgsten Fußballfan gewisse Ermüdungserscheinungen hervorzurufen vermochte, wäre überstanden und die Achtelfinals stehen an. Jetzt geht’s also richtig los, ohne Punkterechnerei, hopp oder topp. Zeit also für eine erste Zwischenbilanz, zumal ich mich ja letztens ein wenig festgelegt habe.


Vorhersehbares

Ein gutes Gefühl, wenn zumindest einige Prognosen, die man so getätigt hat, auch eintreffen. Dass Spanien dieses Mal Probleme bekommen würde, war mir schon beim Anblick des Kaders klar, wenngleich ich nicht erwartet hätte, dass sie mit solcher Deutlichkeit eins auf die Nuss kriegen würden. Ebenso klar war, dass England mal wieder frühzeitig die Koffer würde packen müssen. Seit mindestens zwanzig Jahren gibt man sich ja auf der Insel der Illusion hin, bei internationalen Turnieren favorisiert zu sein, weil man daheim die Liga mit der dicksten Brieftasche hat und sich mit der spanischen Liga darum streitet, wer die teuersten Legionäre kicken lässt. Dumm gelaufen, mal wieder.



Spielerisch scheint es einen Trend zu geben weg vom Kollektiv und zurück zum überragenden Einzelspieler, der den Unterschied machen kann, wie man heute anstatt 'Leitwolf' oder 'Führungsspieler' sagt. Bei Frankreich hat sich Benzema in Abwesenheit Franck Riberys als Matchwinner entpuppt, bei den Deutschen Thomas Müller. Beide Mannschaften können übrigens weit kommen, weil sie in der Vorrunde gezeigt haben, dass sie nicht nur Galavorstellungen können, sondern auch drögen Pragmatismus. Dennoch sollte man die neu aufkommende Mode des Matchwinners nicht überbewerten, so was kommt und geht.

Denn wehe dem Team, das sich allein auf seinen Superspieler verlässt, ohne das Kollektiv richtet nämlich auch so einer nur wenig aus. Am deutlichsten zu spüren bekommen haben das die Portugiesen. Die haben offenbar wirklich geglaubt, der Ronaldo wird’s schon richten und dabei übersehen, dass er bei Real Madrid von einem Ausnahmeteam mit Pässen gefüttert wird und dass das nicht funktioniert, wenn der Rest der Mannschaft bloß guter Durchschnitt ist. Auch bei Brasilien und Argentinien kommt immer noch zunächst einmal Neymar bzw. Messi und dann klafft eine Lücke. Mein Tipp: Das allein wird nicht reichen und geht auf Dauer auch nicht gut. Argentinien kann schon am Dienstag gegen die überraschend starken Schweizer eine böse Überraschung erleben, wenn es denen gelingen sollte, Messi aus dem Spiel zu nehmen.

Auch Luis Suárez, immerhin Spieler des Jahres in der Premier League, ist so ein Beispiel. Nachdem er lernen musste, dass man Rot sieht und gesperrt wird, wenn man an Gegenspielern herumknabbert, darf man gespannt sein, was die mitfavorisierten Uruguayer ohne ihn auf die Kette bekommen. Im Zweifel haben sie mit Forlán noch einen Weltklassemann auf der Bank sitzen. Das Spiel gegen Kolumbien könnte ein sehr enges und - hihi - verbissenes werden, weil Suárez eben bis hierher den Unterschied gemacht hat.

(via Daily Mail)

Überraschendes

Nicht gerechnet habe ich mit einem derart starken Auftritt der Niederländer. Bemerkenswert, was Louis van Gaal in seiner kurzen Amtszeit als Trainer da zusammengebracht hat. Zudem hat er mit Robben und van Persie gleich zwei Spieler im Kader, die ein Spiel entscheiden können. Heißer Titel-, zumindest Endspielkandidat, obwohl eine K.O.-Runde ihre eigenen Gesetze hat und eine souveräne Vorrunde im Zweifel überhaupt nichts bedeuten muss. Auch mit dem Vorrundenaus Italiens hatte ich so nicht gerechnet, aber mein Mitgefühl mit den trickreichen Taktikmeistern habe ich sehr gut im Griff. War einfach mal Zeit, Europa hin oder her.

Die Überraschung des Turniers war sicherlich das starke Abschneiden der mittel- und südamerikanischen Teams. Im Gegensatz zu afrikanischen Mannschaften, denen im Vorfeld immer eine geheime Favoritenrolle zugesprochen wird, haben Chile, Honduras und vor allem Costa Rica ihre Vorschusslorbeeren diesmal wirklich einlösen können. Zwar gibt es Wunder immer wieder, aber für Mexiko dürfte gegen die Holländer und für Chile gegen Brasilien wohl ebenso Schluss sein mit Schönschreiben wie für Griechenland gegen Costa Rica.

Schließlich noch die schwer einzuschätzenden, vor allem Belgien und die USA. Belgien ist zum Teil seiner Geheimtipprolle gerecht geworden und steht völlig zu Recht im Achtelfinale. Dort dürften sie die USA nach Hause schicken. Die Klinsmann-Truppe hat zwar gezeigt, dass sie bereit ist, sich zu zerreißen und dass sie in der Lage ist, für Überraschungen zu sorgen, doch Kampfgeist allein reicht nicht. Dass es auch Klasse braucht, werden die Belgier ihnen höchstwahrscheinlich zeigen. Die Amis können eh von Glück sagen, dass das Spiel am Donnerstag eher eine Wasserschlacht war, bei der der Ball meist unkontrolliert herumflog und die Passgenauigkeit litt. Bei besseren Bedingungen hätten sie durchaus auch die Hütte voll bekommen können. Für Belgien kann es theoretisch bis ins Halbfinale gegen Oranje gehen.


Presseschau

Apropos USA. Ann Coulter, der schreibende Pitbull, das Millionen Bücher verkaufende blonde Republikanergroupie, die scharfrechte verbale Streubombe hat sich diesmal mit ihren, ahem, Ansichten über den zutiefst unamerikanischen Fußball selbst übertroffen. (Stimmt eigentlich auffallend, kommt ja aus England, das Gekicke! Wie konnte mir das die ganze Zeit nur entgehen?) So viel wirres Zeug und so viel verquaste Ahnungsfreiheit in so wenige Worte zu packen, ist sogar für ihre Verhältnisse eine äußerst stramme Leistung - Respekt!

Aber auch Old Europe hats noch drauf. Allerliebst kann es ja immer werden, wenn Kulturredakteure und andere Intellektülle Fußball irgendwie kulturell verbratwursten. Jan Feddersen von der taz zum Beispiel reflektiert über das Männerbild, das die momentane Fußballergeneration so abgibt. Wegen der allgegenwärtigen Tätowationen der Spieler und ihrer Wildheit demonstrierenden Frisuren sieht er die Wiederkehr des kriegerischen Machos heraufdämmern. Aber auch Nicht-Frisuren vermag er etwas abzugewinnen. Die Glatze sei, so Feddersen, "in diesem Sinne ein Herzeigen des Testosteronhaltigen - die erigierte Penisspitze." Boah, Janni, alter Blitzchecker! Da, wo ich weg bin, nennt man Herren mit haarlosen Häuptern, zumindest die Unsympathen unter ihnen, schon seit Generationen schlicht 'Pimmel'.

Und schließlich noch eine lobende Erwähnung der besten, coolsten, witzigsten und geistreichsten Live-Ticker überhaupt. Besser als die Leutchen von 11 Freunde kann man so was nicht machen, finde ich.




Kommentare :

  1. Tja, Suárez is a real pain in the neck. Ask Chiellini...

    Und Frau Coulter ist, ja, also, die kennt sich offensichtlich aus. Von der habe ich schon lange nichts mehr gehört. (Ist auch besser so.) Mir ist es ja egal, ob "soccer catches on" in den USA, wieviele Leute dort stattdessen lieber Football (und ich meine Football) oder Basketball kucken (den versucht man umgekehrt ja auch, uns schmackhaft zu machen, und das verfängt auch irgendwie nicht recht, Nowitzki hin oder her). Sie muss ja nicht.

    Was die Anschaulichkeit der dem metrischen System angeblich so überlegenen United States customary units angeht: Zeige mir fünf Männer und ich zeige Dir fünf verschiedene Maße für einen Yard, einen Fuß und ein Inch. Ein Meter ist immer ein Meter. Die Briten haben es ja auch gerafft.

    Ihre Abneigung gegen Fußball sei ihr von Herzen gegönnt, aber muss sie deshalb so brezeldämlichen Unsinn schreiben?

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    1. Ja, muss sie. Darauf beruht ihr Geschäftsmodell. Leider erfolgreich. Allerdings, so ist zu hören, mehren sich auch in Amiland die Stimmen, sie solle bitte die Finger von psychoaktiven Substanzen lassen.

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    2. Meine Frau meinte gestern, Ann Coulter betreibe nicht Politik, sondern political performance art. Es gehe ihr nicht so sehr darum, konkrete (faktische) Inhalte mitzuteilen, sondern darum, bestimmte Reaktionen hervorzurufen, zu polarisieren. Da ist sicher was dran.

      Interessant finde ich übrigens den Teil, wo sie bekrittelt, dass bei Fußball kaum je wer vom Platz getragen wird, anders als bei "richtigen" (also amerikanischen und angemessen "männlichen") Sportarten, wo die Verwundeten von Krankenwagen eingesammelt werden. Fußball ist eben so ein europäischer Weicheiersport, da dürfen, wie gestern ein amerikanischer Fan im ZDF gesagt hat, sogar kleine, dünne und sonstwie nicht dem amerikanischen Idealmannsbild (Coulter: "300-pound bruisers") entsprechende Menschen mitspielen und haben sogar eine Chance, Großes zu leisten. Das ist natürlich der reinste Kommunismus und daher abzulehnen.

      Dass sie Frauenfußball schlecht findet, ist nur natürlich. Wenn Frauen sich körperlich betätigen wollen, sollen sie (diese Meinung unterstelle ich Coulter jetzt einfach mal) Cheerleader werden, nach erfolgreicher Verehelichung mit einem geeigneten Jock kann sie dann im Ehebett Gymnastik machen. Oder so ähnlich.

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