Samstag, 31. Oktober 2015

Alibikirgisen


Der Geschichtslehrer, den man mir in der Oberstufe zugeteilt hatte, war schon älter und riss sich keine zwei Beine mehr aus für seinen Job. Das wurde ihm aber von den meisten nachgesehen, weil er ein prima Kerl war. Dem konservativen Bürgertum jedoch, aus dem die Mehrheit der Schülerschaft sich rekrutierte, war er ein Dorn im Auge. Er war Ende der Sechziger als Junglehrer einer der ersten gewesen, der es gewagt hatte, ohne Krawatte zum Dienst zu erscheinen und er war wohl einmal von einem Lokalreporter auf einer Veranstaltung der DKP, deren Mitglied er nie war, fotografiert worden. Daher hatte er seinen Ruf als eisenharter Kommunist weg, als fünfte Kolonne Moskaus, der unschuldige Kinderseelen mit seinen gottlosen Lehren zu indoktrinieren trachtete. Als der Mann auch noch Schulleiter wurde, sahen sie endgültig den Untergang des christlichen Abendlandes gekommen. Gab es also damals auch schon, so ein hysterisches Gehuste und es war damals schon Blödsinn.

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Nachtrag


Vorgestern erschien hier bekanntlich ein Beitrag über die unsägliche Panikmache um rotes und verarbeitetes Fleisch bzw. Wurst. Unter anderem ging es dabei auch um Korrelationen, Kausalität und Wahrscheinlichkeiten (sehr lesenswert und anschaulich übrigens die Analyse von Jens Berger gestern). Das ist auch in anderen Bereichen von Bedeutung. Wie wichtig es auch jenseits von Gesundheits- und/oder Ernährungsthemen ist, ein wenig darüber Bescheid zu wissen, zeigt etwa die Propaganda, die entsprechend interessierte Kreise seit einiger Zeit um die angebliche Kriminalität von Flüchtlingen bzw. die sprunghaft ansteigende Kriminalität um entsprechende Einrichtungen veranstalten.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Leben ist lebensgefährlich


... ob mit Wurst oder ohne

Schlechte Nachrichten für Atheisten. Dass Religiösität, Kirchen und traditionelle Frömmigkeit in unseren Breiten tendenziell an Bedeutung verlieren, heißt keineswegs, dass entsprechende Mechanismen und Denkweisen mit ausstürben. Wenn einem dort, wo das Christentum herrschte, früher etwas abgeklemmt werden sollte, das man gern tat oder mochte, dann hieß es, das sei Sünde und man käme in die Hölle, wenn man das nicht schleunigst bleiben ließe. Heute heißt es mit einiger Wahrscheinlichkeit, davon könne man Krebs kriegen.

Samstag, 24. Oktober 2015

Schade, dass er gegangen ist


Wolfgang Lieb, sicher den allermeisten der hier Lesenden und Kommentierenden als Mitherausgeber der NachDenkSeiten bekannt, verlässt diese mit sofortiger Wirkung, wie gestern bekannt gegeben wurde. Seine Erklärung dazu, die freundlicherweise noch veröffentlicht wurde, drückt sehr gut aus, wie auch meine Bauchschmerzen sich anfühlen, die mich angesichts der - freilich großen, diffusen, vielgestaltigen - linken Szene seit einiger Zeit immer öfter und immer stärker befallen. Ich wollte mich schon länger zu einigem äußern, was mir an Teilen des linken Spektrums zunehmend missfällt und auch beunruhigt. Da gärte was, allein, mir fehlte ein wenig der Anlass. Der ist jetzt da. Lieb meint unter anderem:

Dienstag, 20. Oktober 2015

Cocooning ist keine Lösung...


... und Ängste machen dumm. Einige ungeordnete Gedanken zum ersten Geburtstag von 'Pegida'

In den Achtzigern prägten Soziologen den Begriff des 'Cocooning'. Frei übersetzen könnte man das mit 'sich verpuppen/in einen Kokon zurückziehen'. Beschrieben werden soll damit das Phänomen, dass Menschen in unsicheren Zeiten dazu neigen, sich in aus Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit in eine private Komfortzone zurückzuziehen. Es mag ein wenig hinken, dem Terminus vielleicht nicht ganz gerecht werden, aber vieles um das Phänomen Pegida kommt vor wie Cocooning im großen Stil. Deutsche zuerst. Grenzen dicht. Alle ausweisen aus meinem Vorgarten. Die da oben sind böse und jeder, der was anderes behauptet, will mir was.

Sonntag, 18. Oktober 2015

Es gibt noch viel zu tun


"Paulus schrieb den Irokesen: / Euch schreib' ich nichts, lernt erstmal lesen." (Robert Gernhardt)
 
Kenneth Tynan meinte einmal, es gäbe nichts schöneres, als wenn Selbstgerechtigkeit eins aufs Dach bekäme. In diesem Jahr ist es diesbezüglich für den deutschen Michel besonders dicke gekommen. Bislang sind in diesem noch nicht beendeten Jahr folgende hiesige Lebenslügen derbe ins Rutschen geraten bzw. haben zumindest einen erheblichen Knacks bekommen:

Freitag, 16. Oktober 2015

Die Kulturpessimisten haben doch recht


Immer wachsam sein, liebe Besorgte Bürger, schön aufpassen! Nicht genug damit, dass Gevatter Migrant in Scharen hier angeschissen kommt, um uns zu überfremden und uns mit seinem Fremdsein in Angst und Schrecken zu versetzen, nein, jetzt nimmt er deutschen Hartzern auch noch jene Almosen weg, die die Tafeln so tapfer einsammeln. Und als sei das immer noch nicht genug, erkühnt er sich auch noch, frech zu werden. Und so pöbeln nunmehr angeblich Rassisten gegen ehrenamtliche Helfergutmenschen bei den Tafeln, wenn Sie’s wagen sollten, nicht exklusiv Deutsche zuerst zu bedienen. Und der verrohte Kommentarpöbel tutet artig zu zwei Dritteln ins gleiche Horn. Mission accomplished, so geht Machterhalt.

Montag, 12. Oktober 2015

Thüringer Knackwurst


Hach, die AfD gibbet ja auch noch! Und den jüngsten Umfragewerten sowie dem Gefühl ihrer Anhänger zufolge, ist sie der absoluten Mehrheit, wenn nicht der Machtübernahme der schweigenden, unterdrückten Mehrheit so nahe wie nie zuvor. Übrigens: Es geht mich vielleicht nichts an, aber hat die große Vorsitzende mit dem vorbildlichen christlichen Lebenswandel sich eigentlich schon ihren Anschiss von der obersten Hüterin des christlichen Ehe- und Familienmodells abgeholt? Egal. Jetzt will die thüringische AfD-Abgeordnete Corinna Herold per kleiner Anfrage von der dortigen Landesregierung wissen, wie viele Homo-, Bi- und Transsexuelle so leben im Lande Thüringen.

Samstag, 10. Oktober 2015

Keine Helden, nirgends


Wer Zuhälter für eine Profession hält, der trotz einiger unschöner Aspekte doch eine gewisse Romantik innewohnt, sollte sich Dominik Grafs Film 'Hotte im Paradies' mit dem grandiosen Mišel Matičević in der Hauptrolle ansehen. Ein Spielfilm, natürlich, also Fiktion, aber mit dem unbedingten Willen zur fiesen Wahrheit. Im Leben eines Zuhälters, das wird schon in der ersten Szene klargemacht, geht es um Geld und um nichts, absolut gar nichts anderes, alles weitere ist Augenwischerei. Dabei bleibt es bis zum Schluss. Als der tenzdenziell gewalttätige Hotte nämlich doch einmal auf seine Gefühle hört und sich von ihnen leiten lässt, ist er ein toter Mann. Das System, eines der Ausbeutung, ein auf seinen rohen Kern abgeschälter Kapitalismus, duldet solche Anwandlungen nicht.

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Das Reich und seine Bürger


Mein damaliger Prof für neuere Geschichte war ein distinguierter Herr mit besten Manieren. Doch auch dieser Gentleman geriet zuweilen an seine Grenzen. Es gab da einen weit im Rentenalter befindlichen Gasthörer, der im zweiten Weltkrieg Offizier gewesen war, wie er selten versäumte mitzuteilen. Der besuchte jedes Seminar zum Thema Weimarer Republik/NS-Zeit/WKII und nutzte diese Veranstaltungen als Bühne, den Anwesenden seine ganz persönliche Sicht auf die Ereignisse und deren wahre Ursachen ausgiebig zu schildern. Leider entging dem alten Herrn des öfteren, dass es in so einer Veranstaltung nicht darum geht, Opa vom Krieg erzählen zu lassen, sondern vor allem darum, Studierende, die ein Examen zu wuppen haben, mit dem aktuellen Stand der Forschung zum Thema vertraut zu machen.

Montag, 5. Oktober 2015

Glückwunsch nach München


Als fairer Sportsmann muss man dem FC Bayern München gratulieren. Nach gerade acht Spieltagen ist, wenn nicht noch völlig Unvorhergesehenes passiert, die Meisterschaft quasi entschieden, das Rennen um den Titel, so es eines war, vorbei. Den Tabellenzweiten mit einer Klatsche nach Hause geschickt und wenn überraschenderweise doch einmal ein Unentschieden droht, eilt der Schiri zu Hilfe - was soll da noch passieren? Für die Bayern dürfte es im folgenden nur noch um zwei Fragen gehen: a) Mit wie viel Punkten Vorsprung werden wir dieses Mal Meister? b) Holen wir einen, zwei oder drei Titel? Die siebzehn übrigen Vereine der Liga dürfen sich mit Fragen quälen wie: a) Wer wird Zweiter? b) Wer kommt in die europäischen Wettbewerbe? Willkommen in der spannendsten und attraktivsten Liga der Welt.

Samstag, 3. Oktober 2015

Ausgetrickst


Dieses Mal haben sie mich erwischt. Die von Springer. Haben es geschafft. Mich überlistet. Wieder einmal sollte allen Deutschen, auch jenen, die das überhaupt nicht wollten, zum Jubeltage der Annexion des Beitrittsgebietes umsonst eine Ausgabe der Vierbuchstabengazette in den Briefkasten genötigt werden. Die zugrundeliegende Botschaft: Deutschland gehört uns, B. ist Deutschland, Deutschland ist B., niemand entkommt uns, muhahaha! Bislang war es mir immer mittels selbstgebastelter, aus dem Internet heruntergeladener Aufkleber gelungen, eine Zustellung dieses ehrabschneidenden Blattes, in das sogar tote Fische sich schon geweigert haben sollen, eingewickelt zu werden, zu verhindern.