Dienstag, 31. Mai 2016

Antirassismus im Sonderangebot


Es ist mittlerweile Routine, und sie geht ungefähr so: AfD-Grande lässt einen grenzwertigen Spruch fahren, worauf reflexhaft allgemeine Empörung von Medien und Netzöffentlichkeit einsetzt, plus der obligatorische Shitstorm. Es folgt das große dementier- und relativier-Limbo des übrigen Parteipersonals u.a. mithilfe z.T. hanebüchener bis peinlicher Erklärungen (Missverständnis! Unterstellung! Hatter nie gesagt! Mit der Maus ausgerutscht! Boateng ist voll super!). Das ist aber egal, weil es darum, und nur darum geht, Aufmerksamkeit oben zu halten und der mehr oder minder latent rassistischen Kernklientel zu signalisieren: Bei uns seid ihr richtig. Zwinker, zwinker, wir verstehen uns.

Jetzt hat Alexander Gauland also den Nationalspieler Jérôme Boateng rassistisch beleidigt. Heißt es. Und da hört sich natürlich alles auf. Und, was hat der Ungut so schlimmes gesagt? Im Wortlaut, gemäß SPIEGEL online, folgendes:

"Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben."

Möglicherweise sind viele noch hypersensibel wegen dieser unsäglichen Kinderschokolade-Geschichte (über die sich übrigens völlig zu recht lustig gemacht wurde). Vielleicht gehöre ich ja auch einer überaus begriffsstutzigen Minderheit an, aber eine Beleidigung, eine rassistische gar, vermag ich darin einfach nicht zu erkennen (wiewohl ich Gauland und seinem Verein diesbezüglich jederzeit so etliches zutraue). Pardon, aber dieser Satz ist weder "bösartig" (Sebastian Fischer) noch "perfide" (ebd.), und erst recht nicht "irre" (ebd.). Auch "niederträchtig" (Angela Merkel) wäre nicht mein Wort der Wahl. Nein, er ist etwas viel schlimmeres: Er ist, die Feder sträubt sich, der Kaffee von heute Morgen will zurück durch die Gurgel...

Er ist...
Hngngngnnnnn...
… ist...
Arrrghhh...

Er ist vermutlich nicht ganz falsch.

Puh, jetzt ist es raus. Und das von mir, der ich mir lieber ohne Betäubung die Zunge herausschneiden ließe, als auch nur ein Mitglied dieser "Schokoladenfontäne" (Kalkofe) von Partei unnötig in Schutz zu nehmen. Asche auf mein Haupt!

Bin ich der einzige, der findet, dass man diesen Satz durchaus so verstehen kann, dass es überhaupt nicht um Boateng geht, sondern eben um "die Leute"? Also die Durchschnittsbürger draußen im Lande? Das ist natürlich grob pauschalisierend, aber, hey, Sätze, in denen "die Leute tun x/sind y..." vorkommen, mögen ärgerlich sein, sind aber tägliches, millionenfach dahergeplappertes Allgemeingut. Zumal es sich bei dem Gespräch, in dem dieser Satz gefallen sein soll, um eines gehandelt haben soll, das seitens der beteiligten Journalisten ausdrücklich als reines Hintergrundgespräch deklariert wurde. Wer ohne Sünde ist... Ein kleines Gedankenexperiment: Wie wären die Reaktionen auf diesen Ausspruch ausgefallen, wenn er nicht von einem AfD-Funktionär gesagt worden wäre? Sondern, sagen wir, von Katja Kipping, Simone Peter, Sigmar Gabriel oder so? Jede Wette, niemand hätte ein Problem damit gehabt.

Wie aber komme ich auf die generalhohlraumversiegelte Idee, Gauland zumindest zum Teil Recht zu geben? Da wäre zum Beispiel diese Studie von 2010. Die hat u.a. ergeben, dass knapp 40 Prozent der befragten jungen Deutschen türkische Nachbarn als "unangenehm" bis "sehr unangenehm" empfinden und auch nicht neben welchen wohnen wollten. Aha. Dann sollte man noch bedenken, dass es neben denen, die wenigstens den Arsch in der Hose haben, so was ehrlich einzuräumen, ja auch noch andere gibt.

Etwa die, die ihren Rassismus hinter einer Grinsefassade vermeintlicher Menschenfreundlichkeit verstecken. Denen niemals ein rassistisches Wort über die Lippen käme, die aber gnadenlos so handeln, und sei es aus guten Absichten heraus. Die antirassistisch die Backen aufblasen, hochmoralische Vorträge halten, ihre eigenen Kinder aber lieber auf Privatschulen schicken, damit sie nicht mit zu vielen 'von denen' in einer Klasse sitzen. (Was natürlich niemals persönlich gemeint ist, aber zu viel Multikulti könnte ja am Ende Spracherwerb, Sozialverhalten und früher Karriereförderung der Thronfolger schaden.) Die Shitstorms lostreten, wann immer irgendein armer Teufel ihnen querkommt, aber eine Bürgerinitiative starten, wenn in ihrem durchgentrifizierten Bessermenschenviertel eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet werden soll. Denen es nicht um Rassismus geht oder dessen Opfer, sondern bloß darum, sich auf die eigene edle Gesinnung einen runterzuholen.

Wie sieht es aus beim Fußball, Jérôme Boatengs Metier, dem in puncto Integration und multikulturelles Miteinander wahre Zauberkräfte zugesprochen werden? Klar, bei den meisten sind sie ja inzwischen wohlgelitten, die Jérômes, die Mesuts, Samis, Emres und wie sie alle heißen. Zumindest, so lange sie brav siegen und ihre 'Leistung abrufen' für die nationale Mannschaft.

"Aber bei jedem Fehlpass kriechen sie aus ihren Löchern mit ihrem Bierstand-Rassismus, den wir noch viel zu häufig pikiert lächelnd hinnehmen.
Dann »konnte der Türke noch nie was.«
»Der Neger kann auch nix außer Grätschen«, »der Tunesier soll nicht nach Mekka gucken, sondern auf den Gegner« und »warum der Löw so auf den Polen steht, weiß man ja«."
(Micky Beisenherz)

Ist das wirklich nur ein Randphänomen? Oder doch eher mehr Alltag als uns lieb ist? Ich habe mir genügend Fußballspiele innerhalb größerer Menschenansammlungen angesehen, um sagen zu können, dass ich mir da nicht so sicher bin.

Es gibt gute Gründe, Alexander Gauland unsympathisch zu finden wie nur was. Der Mann hat genug Heikles bis Heilloses von sich gegeben, um da mehr als wachsam zu sein. Wenn aber Wachsamkeit darin ausartet, über ausnahmslos jedes hingehaltene Stöckchen zu hüpfen und Alarm zu machen, dann wird es verdächtig. Fast alle kennen die Geschichte von dem Schwimmer, der sich den Spaß macht, andauernd um Hilfe zu schreien, obwohl gar nichts ist, und der dann ertrinkt, als es wirklich ernst ist, weil niemand seine Hilferufe mehr ernst nimmt.

Was soll es bitteschön bringen, noch dem letzten Hinz und Kunz das Bekenntnis abzunötigen, sofort jederzeit und mit Handkuss neben Boateng einziehen zu wollen? (Wobei der Personenkreis, der dazu finanziell in der Lage wäre, durchaus überschaubar sein dürfte, das nur am Rande.) Wem genau nützt es, wenn die FAS eigens Reporter ins fürnehme München-Grünwald schickt, auf dass sie dort Testimonials von Boatengs Nachbarn einsammeln, in denen es ausnahmslos heißt, was für ein angenehmer Mensch er doch sei? Das mag ja sein und freut mich auch zu hören; was aber, wenn einer der Nachbarn es gewagt hätte zu sagen, es sei nicht immer einfach mit ihm, er höre manchmal nachts zu laut Musik und stelle die Mülltonnen nicht ordnungsgemäß an die Straße (was, nebenbei, nix mit Hautfarbe zu tun hat, sondern immerund überall passieren kann)?

Gauland & Co. sind nicht blöd. Kennen ihre Pappenheimer und ihre potenzielle Klientel genau. Gut möglich, dass man sich im Hause AfD seit Tagen wieder einmal einen Ast lacht darüber, wie man die Stimmung im Lande bereits angeheizt hat, die kopflose Empöreria konditioniert hat und wie man die öffentliche Meinung zu steuern in der Lage ist. Es reicht inzwischen ein einziger Satz, auf den es nur eine angemessene Reaktion gegeben hätte: Ihn zu ignorieren. Wäre er nämlich wirklich so ungeheuerlich wie er gemacht wird, dann müsste es ein Leichtes sein, in argumentativ zu zerlegen. Das aber passiert genau nicht, statt dessen wird bloß im hohen Tone moralischer Empörung und weitgehend frei von Argumenten herumramentert.

Beruhigend ist das keineswegs.



Kommentare :

  1. Danke, ich dachte schon, ich wäre der einzige gewesen, der trotz der hochschäumenden Empörung die Äußerung für sich allein genommen nicht als rassistisch ansehen konnte. Was Gauland damit bezwecken wollte, sei jetzt einmal dahingestellt. Ebenso, ob er das Handeln der von ihm genannten "Leute" positiv oder negativ werten wollte.

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  2. Ihr Schlusssatz und der letzte Absatz treffen es zu 100%.

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  3. Hallo Herr Rose, eigentlich tut es ein Wort: Danke!

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  4. Ja, nein…ja… so ganz bin ich da nicht konform.
    Sebastian Haffner hat einmal in Bezug auf Adolf Hitler geschrieben, es wäre fatal, würde man alles, was Hitler jemals gesagt hat, als falsch ansehen. 2 + 2 waren auch im dritten Reich 4. Den argumentativen Spitzentanz das zu bestreiten, hat die deutsche Linke in den letzten Jahrzehnten mustergültig durchexerziert. Die Wahl der Worte wurde wichtiger als die eigentlich Argumentation. Als schönes Beispiel dafür steht die kritische Haltung zur jüdischen Siedlungspolitik des verstorbenen Rupert Neudeck, die noch vor seiner Beisetzung von einigen Kandidaten als Antisemitismus übersetzt wird. Hitler und Neudeck in einem Atemzug? Ja, denn es sind ja die Zusammenhänge und Hintergründe, die für die Interpretation einer Aussage entscheidend sind. Und damit liegen die beiden Lichtjahre auseinander.
    »Wie wären die Reaktionen auf diesen Ausspruch ausgefallen, wenn er nicht von einem AfD-Funktionär gesagt worden wäre? Sondern, sagen wir, von Katja Kipping, Simone Peter, Sigmar Gabriel?« Ja, wie wäre das? Anders eben! Das war eben auch der intellektuelle Kurzschluß der Tortentäter Sahra Wagenknechts, sie in die selbe Reihe wie v. Storch zu stellen.

    Und so ist auch nicht der eigentliche Satz Gaulands entscheidend, sondern das Umfeld, in dem er seinen Nährboden findet. Und den gilt es zu kritisieren. Den einen Satz Gaulands nicht: Dazu ist er weder wichtig noch aussagekräftig genug, um ihn »argumentativ zu zerlegen«. Nun hat er aber nicht nur diesen einen Satz gesagt – und man kann ja für eine Diskussion diverse andere Aussagen seiner Mitstreiter dazunehmen. Dann ist man ganz schnell an einem Punkt, wo sich der ermüdende Gebrauch des Wortes »Empöria« von selbst erledigt.

    Wir sind bei dem Punkt, daß jedes Mal bei solchen Provokationen eine ziel- und sinnlose Welle hochschwappt, durchaus einer Meinung (wobei die Frage, ob es sich tatsächlich ausschließlich um Provokationen handelt, offen bleibt). Nur wäre es meiner Meinung nach an der Zeit für ein Résumé, ein Zusammenklauben all dessen, was an Aussagen dieser Leute auf dem Tisch liegt. Ob nun dementiert, hinter vorgehaltener Hand zugegeben oder was auch immer. Das vorliegende Ganze nehmen und die Bewegung beschreiben, das Flussbett, in dem die braune Brühe fließt. Vermutlich erledigt sich damit auch die ganz banale Aussage, daß Rassismus in diesem Land so stark verbreitet ist daß Gaulands Satz einen bestehenden Sachverhalt widerspiegelt. Das ist vermutlich so.

    Was man allerdings nicht machen sollte, ist ignorieren. Sammeln, zusammenfügen in einen nachvollziehbaren Kontext. Aber nicht ignorieren.

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    1. Dass der Spruch Gaulands zweifellos ein Geschmäckle hat, darüber brauchen wir sicher nicht zu diskturieren. Man kann streiten, ob man diesen Satz nun hätte ignorieren können oder nicht (eine Reaktion wie: "Der Satz enthält keine rassistische Beleidigung, wer aber mit Herrn Gaulands sonstigem Wirken vertraut ist, wird sich sicher seine Gedanken machen.", wäre so viel besser gewesen, dass ich nichts gesagt hätte), aber diese komplett überzogenen Reaktionen beunruhigen mich eher. Ich fürchte nämlich, da gehen gerade massiv Maßstäbe verloren. Wozu auch gehören würde, eine vergleichsweise harmlose Äußerung von einer wirklich bösartigen bzw. niederträchtigen zu unterscheiden. Insgesamt habe ich eh meine Zweifel, ob man dem mit hergebrachten Formen des Diskurses noch beikommt.
      Es gibt z.B. in Österreich, wo die FPÖ seit langem etabliert ist, seriös und professionell arbeitende Initiativen, die schon längst genau das tun, was du vorschlägst: Jede verbale Entgleisung eines FPÖ-Fuzzis sorgsam dokumentieren, einordnen, gewichten. Bei allem Respekt vor der Arbeit dieser Leute, fürchte ich, dass sie dem Erfolg der FPÖ bislang kaum einen Abbruch tun konnte.

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  5. Vielleicht ist dieses Interview in dem Zusammenhang ganz interessant:
    http://www.deutschlandfunk.de/philosoph-wolfram-eilenberger-die-integrative-kraft-des.694.de.html?dram:article_id=355509

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  6. Ach, ich hatte Deine Antwort noch gar nicht gesehen :-)

    Unbedingt richtig! Das Gehüpfe bei jeder neue Provokation oder Diarrhö dieser Figuren senkt natürlich den Bias der Wahrnehmung. Wie schrecklich war es dieses Mal, die letzte Bemerkung war ja eigentlich viel furchtbarer u.s.w. . Natürlich gehen da auch dem objektivsten Betrachter nach einiger Zeit die Maßstäbe flöten.
    In irgend einer Postille des Q-Journalismus (ich glaube, es war die FR) las ich genau diese Forderung, solche Aufreger einfach zu ignorieren; der journalistischen Hygiene zu Liebe und um die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Aber erstens wird das natürlich nicht passieren – man muß ja auch an die Verkaufszahlen denken! - und zum anderen ist auch die Aufmerksamkeitsschwelle unterschiedlich nivelliert. Daraus kann man niemandem einen Vorwurf machen.

    Was das unterm Strich bringen könnte, würde man sich auf eine umfassende Analyse und nicht auf die kleinen Blitzlichter der Totalaussetzer beschränken, weiß ich natürlich nicht. Vermutlich auch nicht so viel, wie Dein Beispiel mit Österreich und seiner FPÖ aufzeigt.
    Aber ich habe da immer das leuchtende Beispiel Ernst Fraenkels und seinem Werk »der Doppelstaat« vor Augen. Ich könnte jedes Mal auf die Knie fallen, wenn ich mir überlege, daß diese stimmige und vollständige Analyse des Nationalsozialismus 1940 erschienen ist.

    Mehr ist es wohl nicht, was uns bleibt. Eine Chronologie zu schreiben.

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  7. Zu kritisieren ist die Absicht, die eine Person wie Gauland mit derartigen Äußerungen verfolgt. Für sich genommen könnten z. B. auch die Bewohner der Hamburger Roten Flora, die "eingeborenen" Umgebungssiedler der Hafenstrasse und alte Berliner Kreuzbergritter diese Aussage unterschreiben, es sei denn, linke, alternative Urbanität bedeutet, neben einem Promi zu wohnen, der 6 Mio p. a. bekommt plus Werbeeinnahmen (Hautfarbe irrelevant).

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  8. Anonym: Der Phoenix-See ist ein künstlich angelegter See auf dem ehemaligen Stahlwerksareal Phoenix-Ost im Dortmunder Stadtteil Hörde. Mit Ausrichtung nach Süden entstanden in den letzten Jahren in Ufernähe luxuriöse Domizile und viele Naherholungseinrichtungen. Der Preis einer Penthousewohnung liegt so bei 450.000 Euro.

    In dieser Toplage wohnen die BVB-Spieler -Multimillionäre- Marco Reus, Mats Hummels,Shinji Kagawa und Roman Weidenfeller. Geldsäcke sind gern unter sich.

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