Mittwoch, 10. August 2016

Besser als ihr Ruf


Ketzerisches zur Küche auf den Britischen Inseln

Es hilft nichts, wenn man über Großbritannien redet, kommt man früher oder später fast zwangsläufig auf das Thema Essen. Weil mir die breitärschige, von keinen Skrupeln getrübte Selbstgerechtigkeit, mit der hierzulande zuweilen über das dortige Essen hergezogen wird, von jeher gewaltig auf den Senkel geht (die einzigen, für die ich diesbezüglich noch ein gewisses Verständnis habe, sind ehemalige, durch Schulverpflegung nachhaltig traumatisierte Austauschschüler), sehe ich mich aus aktuellem Anlass herausgefordert, eine Lanze für selbiges zu brechen. Die britische Küche ist nämlich längst deutlich besser als ihr Ruf.

Natürlich sollte man das vor ein paar Jahren im Zuge des Booms von Starköchen wie Jamie Oliver, Heston Blumenthal und Gordon Ramsay veranstaltete Medienbohei darüber, dass es auf der Insel angeblich die besten Restaurants der Welt gibt, nicht sonderlich ernst nehmen. (Wolfram Siebeck selig meinte einst, wenn Blumenthals 'The Fat Duck' das beste Restaurant der Welt sei, dann wäre er eine Bratwurst.) Ja, Orangenmarmelade ist bitter, aber daran kann man sich gewöhnen, wie man sich auch an salt and vinegar zu Pommes gewöhnen kann, wenn man denn mag. Hand hoch, wer hat das erste Bier, den ersten trockenen Wein, den ersten Camembert seines Lebens auf Anhieb gemocht? Naaa? Zwar ist es richtig, dass traditionelle englische Küche in der Tat einen Hang zu Eintönigkeit und geschmacklicher Langeweile hat (und damit der als deftig gepriesenen deutschen Plumpsküche vielleicht näher ist, als viele wahrhaben wollen), aber die Zeiten sind weitgehend vorbei.


Inzwischen isst man im Königreich so gut oder so schlecht wie überall sonst. Niemand, der das nicht möchte, bekommt morgens ungefragt ein Full English Breakfast vorgesetzt und Backfisch mit Sättigungsbeilage in ausgelesenen Zeitungen zu servieren, ist längst verboten. Handwerklich hergestelltes Brot, richtige Bäckereien suchen Sie außerhalb Londons und anderer Großstädte meist vergeblich, das abgepackte, industrielle, badeschwammartige Kastenweißbrot ist vielerorts noch immer Standard. Obwohl sich auch das langsam aber sicher ändert. Und wenn schon: So ziemlich jedes Land der Welt hat halt seine kulinarischen Leichen im Keller. Wiewohl deutsches Brot ja jenseits von SB-Aufbackstationen wirklich hervorragend sein kann, muss ich gestehen, so ein billiges Soft white von Zeit zu Zeit ganz gern zu mögen. Ist fluffiger, delikater und weniger buttrig als hiesiges Toastbrot. Die darauf basierende, allgegenwärtige Sandwichkultur ist eh über jeden Zweifel erhaben.

Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass drüben das Sortiment und die Qualität der Lebensmittel in den Supermärkten durchweg besser ist als bei uns. Acht bis zehn verschiedene Kartoffelsorten etwa sind nichts besonderes. Hinzu kommt durch den höheren Multikulti-Anteil eine Riesenauswahl vor allem asiatischer, afrikanischer und karibischer Waren. Überhaupt werde ich den Verdacht nicht so recht los, dass die Platte mit der ekligen englischen Küche hierzulande besonders gern von Leuten aufgelegt wird, die Currywurst und Jägerschnitzel mit Fertigpommes und Majo für kulinarische Errungenschaften allerersten Ranges halten, auf die sie stolz wie Bolle sind, sich auch sonst gern auf Kosten anderer einen runterholen und es insgesamt in Bezug auf ihr Weltbild gern bequem und in Puncto Horizont eher übersichtlich mögen. Also, lassen Sie sich nichts einreden.





Kommentare :

  1. Kann sein, dass sich die britische Küche in den letzten Jahren verbessert hat ... meiner persönlichen Meinung nach war die (frühere) Küche eine der Ursachen für das gewaltige britische Empire: es schuf die nötige Aggressivität zur Expansion.

    Nebenbei war die Britische Küche NIE die schlechteste der Welt. Sondern das war, ist und bleibt die Niederländische.

    Nachtrag – es gibt immer Ausnahmen: als ich im Paläolithikum in GB zu Gast war, gab es ein schlicht traumhaftes Bauernfrühstück: Weißbrot (na ja) mit gesalzener Butter (Klasse) und gekrümeltem, weil nicht-streichfähigem Cheddar. Großartig.

    Und aus NL gibt es die Kriebelingen oder wie das heißt. Ebenfalls Klasse.

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  2. Wir waren 2011 im Südwesten Englands im Urlaub und haben dort ganz hervorragend gegessen. Überhaupt: Nette Menschen, guter Service, gutes Essen, schöne Städte und Landschaften und sogar gutes Wetter. Nächstes Jahr hoffentlich wieder.

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