Dienstag, 25. Juli 2017

Mutterkreuzzug


Natürlich ist es nicht per se ein No-Go, mit Bildern von Kindern und Babys Wahlwerbung zu betreiben, wie zahlreiche Beispiele der so genannten 'etablierten Parteien'TM zeigen (CDU/CSU - SPD - Grüne - FDP). Es ist eben eine Sache, mithilfe von Bildern lachender Kinder nebst sie umgebender, aggressiv Fröhlichkeit versprühender junger Familienhackfressen gut Wetter bzw. in Optimismus machen zu wollen. (Was bleibt Wahlkampfstrategen auch anderes als auf Ooochhhwiesüß-Effekte zu setzen in Zeiten, in denen Parteiprogramme weitgehend austauschbar geworden sind, möchte man fragen). Auch gehört es seit langem zum Standardrepertoire von Politikern, den eigenen Nachwuchs in die Öffentlichkeit zu zerren, wenn es gilt, sich als treusorgender Vater/gute Mutter zu inszenieren. Es kommt halt, wie so oft, auf den Kontext an.

Einzige Ausnahme - Zufall?
Auch die kommen nicht ohne aus...
Es ist aber sehr wohl etwas anderes und hat sehr wohl ein Geschmäckle, mittels Mutter-Kind- Propaganda das Allerheiligste des Landes, Frauen und Kinder nämlich, als etwas Bedrohtes hinzustellen, für das man zu kämpfen habe und implizit zur großen Abwehrschlacht aufzustacheln. Weil spielen mit irrationalen Invasions- und Überfremdungsängsten einerseits und vermeintlich ritterliche Aufrufe zur Verteidigung der Ehre 'unserer' Frauen und Mütter andererseits zum Markenkern rechter Rattenfänger gehört.

"Frauen und Kinder zuerst!", hat von jeher bestens funktioniert in Zeiten, in denen entsprechend Interessierte in Kriegstreiberei machen. Hermann Löns‘ wohl nicht zufällig 1910 entstandene Selbst- und Lynchjustiz-Fibel 'Der Wehrwolf' (online), die man noch gegen Ende des zweiten Weltkriegs HJ- und Volkssturmeinheiten als Pflichtlektüre aufdrückte, wirkt inzwischen wieder erschreckend aktuell. Zusätzlich wird darin - die Domplatte lässt schön grüßen - mit der Angst um die von viehischen Welschen geschändeten Töchter operiert. Ebenso bekannt kommt einem übrigens die nachträgliche Rechtfertigung des Autors vor, der die ganze Aufregung nicht verstand. Sein Buch handele doch bloß von einem Mann namens Wolf, der sich wehre. Wo sollte da das Problem sein?

Klar kann man sich fragen, was außer einer ästhetischen und propagandistischen Grenzüberschreitung dabei herauskommen kann, wenn man einen Thor Kunkel als 'creative director' engagiert. Doch kann man, wenn man mag, das Plakat, auf dem Frau Kepetry ihren Jüngsten in die Kamera hält, durchaus für ein gutes Zeichen halten. Die AfD befindet sich offenbar derart im Sinkflug, dass man sich genötigt sieht, in jene unterste Schublade politischer Propaganda zu greifen, in der es archaisch wird und der Zivilisation Absagen erteilt werden: Die, in der die kuhäugigen Madonnen- und Pietà-Bilder liegen und an Urinstinkte appellieren. Rette uns, o deutscher Mann! oder willst du, dass wir zugrunde gehen? Parolen wie "Schützt unsere Frauen und Kinder vor den roten Bestien!"*, ließ Goebbels ab 1944 im Reiche an Wände schmieren und plakatieren. Man ersetze das Akkusativobjekt zum Beispiel durch "nafrikanischen Horden allein reisender junger Männer" und man weiß, wo der Frosch die Locken hat.

(Nein, das haben sie natürlich niiieee gesagt. Würden sie auch nie. Never. Aber ihre Anhänger und Sympathisanten werden schon wissen, was gemeint ist.)

Oder man interpretiert Petrys Muttergekreuze als schlechte Nachricht, und zwar nicht nur aus Geschmacksgründen. Dass man sich bei der AfD genötigt sieht, derart in die Mottenkiste zu greifen, könnte daran liegen, dass das politische Establishment ihr den Wird aus den Segeln genommen hat durch Anpassung. Nicht fremdländische Invasionen bedrohen mehr die AfD und deren Anhänger, sondern dass CDU/CSU, SPD und Grüne viele ihrer Forderungen inzwischen umgesetzt, wo nicht gar zu eigen gemacht haben.

Davon abgesehen, könnte der Schuss eh ziemlich nach hinten losgehen. Wieso, werden nicht wenige sich fragen, sollte ich kämpfen für eine Gewitterziege, die ihre Moral der Tageslage anpasst bzw. deren Nachwuchs? Denn wer im Jahr 2017 immer noch ernsthaft glaubt, die AfD verträte die Interessen der 'kleinen Leute', glaubt vermutlich auch noch, dass Donald Trump das täte.





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* Google hat es mir übrigens nicht gestattet, das verlinkte Bild aus den Beständen des Deutschen Historischen Museums Berlin hier einzustellen. Begründung: "Der Server hat dem Upload nicht zugestimmt." Just sayin'...


Kommentare :

  1. Ich werde als Frau ohne Kindwunsch(seit 3 Jahren sind meine Tuben gekappt) keinen dieser Papis wählen.Die Welt besteht zum Glück nicht nur aus Schwägerer/Schwangeren.Wir haben jetzt schon 8 Milliarden.Ein Wahnsinn.

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  2. Habe das Plakat mal beguckt. Also:

    Mitte Foto: Frauke mit Baby, links Text mit Name und Funktion, rechts Überzeugungsslogan: Zusammenhang Baby und Zukunft.

    Die Augenpartie von Frauke ist mit geschickter Schattierung aufgehübscht; das Baby ist in Tiefschlaf (versetzt? Tiefgefroren?) – ein unpassender Kontrast, der auch ohne intensive Bild-Interpretation Misstrauen induziert.

    Das Plakat ist eine Verzweiflungstat. Es wäre denkbar einzusetzen für bleierne Mehrheitsinhaber, etwa CSU in Baiern*. Es passt marketingtechnisch nicht zu einem relativen Newcomer wie AfD.

    Andererseits ist es aber auch kein Aufreger. Es hat den Charakter ungewollter Satire**. Es hätte gerne hier abgebildet sein dürfen.

    --

    * Die Baiern sind rechtschreibschwach, sie buchstabieren ihr eigenes Bundesland mit „y“. Peinlich.

    ** Das zweitwichtigste Satiremagazin (nach Titanic) ist Focus.

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